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Charité Universitätsmedizin Berlin

Vorschau auf Charité Universitätsmedizin Berlin

Die Charité zählt zu den größten Universitätskliniken Europas. Hier forschen, heilen und lehren Ärzte und Wissenschaftler auf internationalem Spitzenniveau. Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie stammen aus der Charité.

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Kategorie : Linkbuch > Gesundheit und Medizin

Prof. Monika Ankele leitet das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité

- 01-03-2024

Prof. Monika Ankele hat zum 1. März die Professur für Medizingeschichte und Medizinische Museologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit verbunden ist die Leitung des Berliner Medizinhistorischen Museums (BMM) der Charité. Prof. Ankele kommt von der Medizinischen Universität Wien und folgt auf Prof. Thomas Schnalke, der die Professur seit 2000 innehatte und nun im Ruhestand ist. Prof. Ankele ist Historikerin und war zuletzt Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Organisationseinheit Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien (Josephinum). Die gebürtige Österreicherin freut sich auf den Wechsel an die Charité: „Die Leitung des modernisiert wiedereröffneten BMM zu übernehmen, erfüllt mich mit großer Freude. Mein Ziel ist es, das Museum als Schnittstelle zwischen Klinik und Öffentlichkeit zu stärken und zu einem Haus weiterzuentwickeln, das sich für kritische Reflexionen durch Forscher:innen, Mediziner:innen, Künstler:innen, Studierende und die Zivilgesellschaft öffnet.“ Sie ergänzt: „Zudem werde ich in den Ausstellungen und der Forschung einen Schwerpunkt auf die Verbindungen zwischen Kunst und Medizin legen. Dafür möchte ich auch auf die Kunstsammlung der Charité zurückgreifen. Die ersten Ausstellungen, die ich plane, werden einen Blick auf die Medizin aus der Perspektive der Patient:innen entfalten und dabei auch künstlerisch forschende Zugänge einbeziehen.“  Zu ihren Forschungsinteressen erklärt die 45-Jährige: „Im Fokus meiner Forschungen stehen Objekte und mit ihnen die materielle Kultur der Medizin: Wie rahmen Dinge medizinisches Handeln, auf welche Weise gestalten sie die Arzt-Patienten-Beziehungen, wie prägen sie Krankheitserfahrungen, und welche ethischen Dimensionen sind ihnen eingeschrieben? Der Zugang über Objekte ermöglicht eine Verbindung unterschiedlicher Perspektiven auf die Medizin und ihre Geschichte. Ein gutes Beispiel dafür sind meine Forschungen zum Krankenbett oder zu Selbstzeugnissen von Patientinnen aus psychiatrischen Anstalten.“ Darüber hinaus vertritt Prof. Ankele das medizinisch-museologische Fachgebiet mit Fokus auf das 18. bis 21. Jahrhundert auch in der Lehre: „Das Museum mit seinen medizinhistorischen Sammlungen und Ausstellungen bietet einen idealen Ausgangspunkt für eine Lehre, die von den Objekten ausgeht und die sich, in Anlehnung an den Pathologen und Museumsgründer Rudolf Virchow, an einer Schulung des Sehens orientiert. Ich möchte unter den Studierenden das Bewusstsein für die materielle Dimension der Medizin und die ihr eingeschriebenen kulturellen, sozialen und ethischen Aspekte schaffen. Zudem will ich das Museum und seine Bestände als Lernort für Studierende öffnen und ihren Zugängen und Überlegungen im Museum und in den Ausstellungen Raum geben.“

Newsweek-Ranking: Charité unter Top 10 der besten Kliniken weltweit

- 28-02-2024

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat im internationalen Newsweek-Ranking den sechsten Platz erreicht, sich damit um einen Rang verbessert und ist erneut unter den besten Zehn vertreten. Zugleich ist die Berliner Universitätsmedizin die beste europäische Klinik. Die US-amerikanische Wochenzeitung Newsweek und das Datenportal Statista haben weltweit die besten 2.400 Krankenhäuser verglichen. Die jährliche Rangliste zeigt das internationale Renommee einer Klinik sowie die Vernetzung ihrer Mediziner:innen. Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, erklärt dazu: „Seit dem Start des Newsweek-Rankings 2019 sind wir nun zum sechsten Mal in Folge unter den zehn besten Kliniken weltweit. Das ist eine tolle Auszeichnung für das, was wir erreicht haben und natürlich ein ebenso großer Ansporn, noch besser zu werden. Es ist beeindruckend, wie unser Charité-Team es trotz aller Herausforderungen schafft, am Gesundheits- und Wissenschaftsstandort Berlin zuverlässig Spitzenleistungen zu erbringen und international wettbewerbsfähig zu sein. Mein Dank gilt unseren konzernweit mehr als 22.000 engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die unsere Patientinnen und Patienten jeden Tag auf höchstem Niveau versorgen und sich wichtigen medizinischen Forschungsfragen sowie der Lehre widmen.“  Für das Ranking World’s Best Hospitals 2024 wurden insgesamt 2.400 Krankenhäuser aus 30 Ländern bewertet. Den weltweit ersten Platz belegt die US-amerikanische Mayo Clinic. Von den europäischen Häusern sind die Charité auf Platz 6, das Stockholmer Karolinska Universitetssjukhuset auf Platz 7, das Hôpital Universitaire Pitié Salpêtrière in Paris auf Platz 8 und das Universitätsspital Zürich auf Platz 10 unter den Top Ten vertreten.  Die Rangliste wird seit 2019 erstellt. Sie basiert auf ärztlichen Empfehlungen, Umfragen zur Patientenzufriedenheit und medizinischen Leistungskennzahlen zur Behandlungsqualität und zu Hygienemaßnahmen. Abstimmungen für das eigene Haus waren dabei nicht erlaubt. 

Wie Bremsen im Gehirn gelockert werden können

- 22-02-2024

Funktionieren bestimmte Verbindungen im Gehirn nicht richtig, können Erkrankungen wie Parkinson, Dystonie, Zwangsstörung oder Tourette die Folge sein. Eine gezielte Stimulation von Hirnarealen kann zu Linderung verhelfen. Um exakte therapeutische Zielregionen im Gehirn aufzuzeigen, setzte ein Team unter Federführung von Forschenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Bostoner Brigham and Women’s Hospital auf Daten von Patient:innen weltweit, denen feine Elektroden zur Hirnstimulation implantiert worden waren. Entstanden ist eine einzigartige Landkarte gestörter Netzwerke im Gehirn, jetzt veröffentlicht in Nature Neuroscience*. Neurologische und neuropsychiatrische Erkrankungen weisen ein breites Spektrum unterschiedlichster Symptome auf – von Störungen im Bereich der Stimmung oder der Informationsverarbeitung bis hin zu Beeinträchtigungen im Bewegungsablauf. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie auf fehlerhaft funktionierende Verbindungen von Gehirnregionen zurückzuführen sind. Vereinfacht gesagt: Hirnschaltkreise, die nicht richtig funktionieren, können sich wie Blockaden auf gesunde Gehirnfunktionen auswirken. Die tiefe Hirnstimulation spricht solche Fehlfunktionen an und kann maßgeblich Symptome in verschiedenen Bereichen lindern. Winzige Elektroden werden hierbei neurochirurgisch in präzise definierte Zielgebiete des Gehirns implantiert und geben fortwährend schwache elektrische Impulse an das umliegende Gewebe ab. Die Stimulationseffekte werden über Nervenbahnen an weiter entfernte Hirnareale weitergetragen und entfalten so ihre vollständige Wirkung. Doch nicht immer ist die Stimulation erfolgreich, schon kleinste Abweichungen bei der Platzierung der Elektroden können die gewünschten Effekte ausbleiben lassen. Welche Hirnverbindungen angeregt werden müssen, um die bestmöglichen Erfolge bei einer Behandlung unterschiedlicher Symptome zu erreichen, wollte ein internationales Team um Prof. Andreas Horn und Dr. Ningfei Li, Neurowissenschaftler an Charité und Brigham and Women’s Hospital, genauer bestimmen. „Unser Ziel war es noch besser zu verstehen, wo im Gehirn mögliche ‚Blockaden‘ durch eine Neuromodulation gelockert werden können, damit sich beispielsweise Symptome einer Parkinsonerkrankung wieder normalisieren“, so Ningfei Li. Auf der Spur eines vermeintlichen Paradoxons In ihrer Arbeit gingen die Forschenden einem vermeintlichen, der Hirnforschung schon länger bekannten Paradoxon nach: Eine Region im Zwischenhirn, der subthalamische Kern, gilt als ein effektives Zielgebiet der tiefen Hirnstimulation zur symptomatischen Behandlung des Parkinsonsyndroms und der Dystonie. Beide Erkrankungen zählen zum Spektrum der Bewegungsstörungen. Dieselbe Hirnregion hat sich jüngst auch als erfolgreiches Zielgebiet zur Behandlung neuropsychiatrischer Störungsbilder herauskristallisiert, beispielsweise von Zwangserkrankungen oder Tic-Störungen. Es stellte sich also die Frage, wie ein so kleiner Kern von ungefähr einem Zentimeter Länge effektiv in der Behandlung von Symptomen derart unterschiedlicher Hirnfunktionsstörungen sein kann. Um dem Paradoxon auf die Spur zu kommen, analysierte das Team die Daten von 534 implantierten Elektroden zur tiefen Hirnstimulation bei 261 Patient:innen aus der ganzen Welt. 70 von ihnen litten unter Dystonie, 127 unter der Parkinson-Krankheit, 50 hatten eine Zwangsstörung und 14 das Tourette-Syndrom. Mithilfe einer eigens entwickelten Software erfassten die Forschenden die genaue Lage der jeweiligen Elektroden. Computersimulationen halfen, um daraufhin Nervenbahnen aufzuzeigen, die bei Patient:innen mit optimalen oder auch weniger optimalen Behandlungsergebnissen aktiviert wurden. Für jede der vier Störungen stellten sich spezifische Schaltkreise heraus, die fehlerhaft funktionierten. Sie waren mit den entsprechenden Regionen im Vorderhirn verbunden, die eine wichtige Rolle für Bewegungsabläufe, Verhaltenssteuerung oder Informationsverarbeitung spielen. „Die von uns identifizierten Schaltkreise überschneiden sich teilweise, daher nehmen wir an, dass die Fehlfunktionen in den untersuchten Symptombildern nicht vollständig unabhängig voneinander sind“, sagt Barbara Hollunder, Stipendiatin des Einstein Center for Neurosciences an der Charité und Erstautorin der Studie. In einem ersten Schritt ist es somit gelungen, die Netzwerke in Vorder- und Mittelhirn exakt zu lokalisieren, die für eine Behandlung der Parkinsonerkrankung, der Dystonie, von Zwangsstörungen und des Tourette-Syndroms entscheidend sind. Wird der Ansatz über Störungsbilder mit unterschiedlichster Symptomatik hinweg angewendet, entsteht nach und nach eine Art Landkarte der Symptom-Netzwerk-Verschaltungen des Gehirns. „In Anlehnung an die Begriffe des Konnektoms als Beschreibung der Gesamtheit aller Nervenverbindungen im Gehirn, oder des Genoms als Sammelbezeichnung für die gesamte Erbinformation, haben wir hierfür den Begriff des menschlichen ‚Dysfunktoms‘ geprägt. Eines Tages soll dieses die Gesamtheit aller gestörten Hirnschaltkreise beschreiben, die als Folge von Netzwerkerkrankungen auftreten können“, wie Barbara Hollunder erklärt. Erste Behandlungserfolge im Zuge der Studie Die Erkenntnisse sind bereits ersten Patient:innen zugutegekommen. Durch Feinabstimmung und eine präzise Platzierung der Elektroden ließen sich unter anderem die Symptome schwerer, behandlungsresistenter Zwangsstörungen lindern. „Wir planen, die Technik weiterzuentwickeln und fehlerhafte Hirnschaltkreise noch hochauflösender für spezifische Symptome abzugrenzen. So könnten wir beispielsweise für Zwangsstörungen die Schaltkreise für zwanghafte Gedanken und Handlungen, oder auf häufig begleitend auftretende Symptome wie Depression oder Angststörungen isolieren, um die Behandlung bestmöglich individuell abzustimmen“, blickt Ningfei Li in die Zukunft. Darüber hinaus gehen die Forschenden davon aus, dass im Gehirn nicht nur eine einzige Region ausschlaggebend für die Verbesserung eines bestimmten Symptoms ist. Vermutet wird, dass Nervennetzwerke selbst die therapeutischen Effekte tragen und von verschiedenen Punkten im Gehirn aus moduliert werden können. Damit gibt die Studie nicht nur wertvolle Hinweise für die zielgerichtete neurochirurgische Therapie, sondern sie liefert auch neue Denkansätze für nicht-invasive Methoden wie die transkranielle magnetische Hirnstimulation, bei der magnetische Impulse von außerhalb des Schädels Hirnregionen anregen und keine Operation notwendig ist.

Charité-Projekt wird mit Gesundheitspreis Ideas for Impact ausgezeichnet

- 22-02-2024

Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen: Immer mehr ältere Menschen müssen von immer weniger Fachkräften medizinisch versorgt werden. Hier setzt das Projekt Stay@Home – Treat@Home unter der Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin an. Das Projekt zielt darauf ab, durch ein eng aufeinander abgestimmtes, rund um die Uhr verfügbares Netzwerk aus dem ambulanten und stationären Bereich die Versorgung älterer Menschen zu verbessern. Dafür erhält das Projektteam den mit 100.000 Euro dotierten Gesundheitspreis Ideas for Impact. Die Auszeichnung wird vom Bosch Health Campus im Namen der Robert Bosch Stiftung heute Abend in Berlin verliehen. Bei dem vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderten Projekt arbeiten verschiedene Kooperationspartner zusammen, um die Gesundheitsversorgung Pflegebedürftiger noch sicherer und effizienter zu gestalten. Durch eine kontinuierliche Überwachung und Betreuung mit modernsten Technologien und Telemedizin ermöglicht das Projekt eine frühzeitige Intervention bei gesundheitlichen Problemen, bevor sie zu schwerwiegenden Komplikationen führen. Krankenhausaufenthalte lassen sich so reduzieren. Heute die Weichen für die Zukunft stellen „Das Preisträgerprojekt ist wegweisend und zukunftsfähig. Das Konzept entlastet nicht nur unser medizinisches Versorgungssystem, sondern erhöht auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten“, sagt Prof. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus. „Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung! Sie ist eine Bestätigung für unsere Arbeit und ein zusätzlicher Ansporn, die Bemühungen um eine verbesserte Gesundheitsversorgung weiter voranzutreiben. Die alternde Gesellschaft ist eine Herausforderung für die Medizin. Die Menschen werden älter und müssen medizinisch versorgt werden. Auf der anderen Seite haben wir zur Bewältigung der Arbeit immer weniger Fachkräfte zur Verfügung. Wir müssen heute die Weichen dafür stellen,“ erklären die beiden Projektleiter Prof. Rajan Somasundaram, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Campus Benjamin Franklin, und Prof. Nils Lahmann von der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité. Digitales Gesundheitstagebuch als Basis für alle Netzwerkpartner Zentraler Bestandteil des Projekts ist ein digitales interaktives Gesundheitstagebuch, auf das Betreuungspersonen oder Angehörige von Personen, die zu Hause gepflegt werden, Zugriff erhalten. Dieses ermöglicht eine datenschutzkonforme Dokumentation von Gesundheitsdaten im häuslichen Umfeld. Es enthält unter anderem Medikationspläne, Allergien, aktuelle Diagnosen, aber auch Notfallkontaktdaten oder Patientenverfügungen. Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch die Betreuungspersonen haben Zugriff auf das Gesundheitstagebuch. Ändert sich der Gesundheitszustand, kann der oder die Verantwortliche aktiv werden und die Hausarztpraxis darüber informieren. Für den Akutfall außerhalb der hausärztlichen Sprechzeiten gibt es Unterstützungsmöglichkeiten durch weitere Netzwerkpartner und eine telemedizinische Anbindung an die Notaufnahme der Charité. Wichtige medizinische Informationen stehen dann allen an der medizinischen Versorgung Beteiligten sofort digital zur Verfügung. Ganzheitlicher, patientenzentrierter Ansatz Die sechsköpfige Expertenjury, die das Projekt ausgewählt hat, lobte besonders die ganzheitliche Herangehensweise, die medizinische Expertise mit modernster Technologie und einem patientenzentrierten Ansatz kombiniert. Stay@Home – Treat@Home geht damit einen bedeutenden Schritt in der Entwicklung der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Um das Projekt in die Breite zu tragen und Nachahmerinnen und Nachahmer zu finden, stellt der Bosch Health Campus für Transferleistungen weitere 80.000 Euro nach der Preisverleihung bereit. Neben der Charité, vertreten durch die Zentrale Notaufnahme am Campus Benjamin Franklin und der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin, sind als Konsortialpartner beteiligt: die Kassenärztliche Vereinigung Berlin, Johanniter-Unfall-Hilfe e. V, Malteser Hilfsdienst gGmbH, Dr. Irmgard Landgraf (projektbetreuende Hausärztin), bildau GmbH, HCMB – Institute for Health Care Systems Management Berlin eG., das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, GWQ Service Plus AG (Betriebs- und Innungskrankenkassen) sowie in Kürze auch die Techniker Krankenkasse. Das Projekt soll bis September 2026 laufen, die Interventionsphase startete im Oktober 2023.

Wie sich COVID-19 auf das Gehirn auswirkt

- 16-02-2024

Noch immer ist nicht abschließend geklärt, wie neurologische Symptome bei COVID-19 zustande kommen. Liegt es daran, dass SARS-CoV-2 das Gehirn infiziert? Oder sind die Beschwerden eine Folge der Entzündung im Rest des Körpers? Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin liefert jetzt Belege für letztere Theorie. Sie ist heute im Fachmagazin Nature Neuroscience* erschienen. Kopfschmerzen, Gedächtnisprobleme oder Fatigue, also eine krankhafte Erschöpfung, sind nur einige der neurologischen Beeinträchtigungen, die während einer Corona-Infektion auftreten und auch darüber hinaus andauern können. Forschende vermuteten schon früh in der Pandemie, dass eine direkte Infektion des Gehirns die Ursache dafür sein könnte. „Auch wir sind von dieser These zunächst ausgegangen. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass das Coronavirus im Gehirn überdauern oder sich gar vermehren kann, gibt es allerdings bislang nicht“, erklärt Dr. Helena Radbruch, Leiterin der Arbeitsgruppe Chronische Neuroinflammation am Institut für Neuropathologie der Charité. „Dazu wäre zum Beispiel ein Nachweis intakter Viruspartikel im Gehirn nötig. Die Hinweise, dass das Coronavirus das Gehirn befallen könnte, stammen stattdessen aus indirekten Testverfahren und sind deshalb nicht ganz stichhaltig.“ Einer zweiten These zufolge wären die neurologischen Symptome stattdessen eine Art Nebenwirkung der starken Immunreaktion, mit der der Körper sich gegen das Virus wehrt. Vergangene Studien hatten auch hierfür Anhaltspunkte geliefert. Die aktuelle Charité-Arbeit untermauert nun diese Theorie, mit umfassenden molekularbiologischen und anatomischen Ergebnissen aus Autopsie-Untersuchungen. Keine Anzeichen einer direkten Infektion des Gehirns Für die Studie analysierte das Forschungsteam verschiedene Bereiche des Gehirns von 21 Menschen, die aufgrund einer schweren Corona-Infektion im Krankenhaus, zumeist auf der Intensivstation, verstorben waren. Zum Vergleich zog es 9 Patient:innen heran, die nach intensivmedizinischer Behandlung anderen Erkrankungen erlegen waren. Die Forschenden prüften zunächst, ob das Gewebe sichtbare Veränderungen aufwies, und fahndeten nach Hinweisen auf das Coronavirus. Dann ermittelten sie durch die detaillierte Analyse von Genen und Proteinen, welche Vorgänge in einzelnen Zellen vonstattengingen. Wie andere Forschungsteams auch konnten die Charité-Wissenschaftler:innen in einigen Fällen das Erbgut des Coronavirus im Gehirn nachweisen. „SARS-CoV-2-infizierte Nervenzellen haben wir jedoch nicht gefunden“, betont Helena Radbruch. „Wir gehen davon aus, dass Immunzellen das Virus im Körper aufgenommen haben und dann ins Gehirn gewandert sind. Sie tragen noch immer Virus in sich, es infiziert aber keine Gehirnzellen. Das Coronavirus hat also andere Zellen des Körpers, nicht aber das Gehirn befallen.“ Gehirn reagiert auf Entzündung im Körper Dennoch beobachteten die Forschenden, dass bei den COVID-19-Betroffenen die molekularen Vorgänge in manchen Zellen des Gehirns auffällig verändert waren: Die Zellen fuhren beispielsweise den sogenannten Interferon-Signalweg hoch, der typischerweise im Zuge einer viralen Infektion aktiviert wird. „Einige Nervenzellen reagieren offenbar auf die Entzündung im Rest des Körpers“, sagt Prof. Christian Conrad, Leiter der Arbeitsgruppe Intelligent Imaging am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). Zusammen mit Helena Radbruch hat er die Studie geleitet. „Diese molekulare Reaktion könnte die neurologischen Beschwerden von COVID-19-Betroffenen gut erklären. Zum Beispiel können Botenstoffe, die diese Zellen im Hirnstamm ausschütten, Fatigue verursachen. Denn im Hirnstamm liegen Zellgruppen, die Antrieb, Motivation und Stimmungslage steuern.“ Die reaktiven Nervenzellen fanden sich hauptsächlich in den sogenannten Kernen des Vagusnervs, also Nervenzellen, die im Hirnstamm sitzen und deren Fortsätze bis in Organe wie Lunge, Darm und Herz reichen. „Vereinfacht interpretieren wir unsere Daten so, dass der Vagusnerv die Entzündungsreaktion in unterschiedlichen Organen des Körpers ‚spürt‘ und darauf im Hirnstamm reagiert – ganz ohne eine echte Infektion von Hirngewebe“, resümiert Helena Radbruch. „Auf diese Weise überträgt sich die Entzündung gewissermaßen aus dem Körper ins Gehirn, was dessen Funktion stören kann.“ Zeitlich begrenzte Reaktion Die Nervenzellen reagieren dabei nur vorübergehend auf die Entzündung, wie ein Vergleich von Menschen zeigte, die entweder während der akuten Corona-Infektion oder erst mindestens zwei Wochen danach verstorben waren. Am stärksten ausgeprägt während der akuten Erkrankung, normalisierten sich die molekularen Veränderungen anschließend wieder – jedenfalls in den allermeisten Fällen. „Wir halten es für möglich, dass eine Chronifizierung der Entzündung bei manchen Menschen für die oft beobachteten neurologischen Symptome bei Long COVID verantwortlich sein könnte“, sagt Christian Conrad. Um dieser Vermutung weiter nachzugehen, plant das Forschungsteam nun, die molekularen Signaturen im Hirnwasser von Long-COVID-Patient:innen genauer zu untersuchen.

Meilenstein im Opferschutz

- 15-02-2024

Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt finden in Berlin seit zehn Jahren in der Gewaltschutzambulanz der Charité aktive und zielgerichtete Hilfe. Die Ambulanz ermöglicht eine kostenlose rechtsmedizinische Untersuchung und eine gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen. Damit leistet die von der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz mit rund 1,3 Millionen Euro jährlich finanzierte Einrichtung einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung von Gewaltbetroffenen in der Hauptstadt. Die Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz, Dr. Felor Badenberg, kommentiert: „Bei einem Besuch in der Gewaltschutzambulanz konnte ich mich bereits von der wertvollen Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überzeugen. Die Gewaltschutzambulanz ist eine große Unterstützung für Menschen in einer schwierigen Notsituation und ein wesentlicher Bestandteil der Berliner Opferhilfe.“ Sicherer Ort und geschütztes Umfeld für Betroffene „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gewaltschutzambulanz zu einer etablierten Institution entwickelt, die für mehr als nur eine rechtsmedizinische Dokumentationsstelle steht“, betont Dr. Lars Oesterhelweg, Leiter der Gewaltschutzambulanz und kommissarischer Leiter des Instituts für Rechtsmedizin. „Wir wollen Betroffenen einen sicheren Ort und ein geschütztes Umfeld bieten, wo sie ohne Angst vor Stigmatisierung oder Repressalien Hilfe suchen können und sie bestmöglich unterstützt werden.“ „Opfer von Gewalt brauchen möglichst niederschwellige Angebote, um sich in einem geschützten Raum untersuchen lassen zu können“, sagt Prof. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité. „Wir sind stolz, dass die Charité mit der Expertise ihrer Rechtsmedizin in enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Gynäkologie die Gewaltschutzambulanz auf- und ausgebaut hat und damit den Opferschutz stärkt. Wir danken der Senatsverwaltung für Justiz für die fortwährende Unterstützung, ohne die diese Arbeit nicht möglich wäre.“ Gegründet wurde die Gewaltschutzambulanz (GSA) am 17. Februar 2014 auf Initiative der damals Verantwortlichen im Institut für Rechtsmedizin, Dr. Saskia Etzold und Prof. Michael Tsokos. Rund 13.000 gewaltbetroffene Personen haben seit dem Start vor zehn Jahren Kontakt mit der Gewaltschutzambulanz der Charité aufgenommen. Die Mitarbeitenden der Charité übernehmen die Untersuchung von Menschen, die Gewalt erlebt haben, und dokumentieren ihre Verletzungen. Dazu zählt sexualisierte und häusliche Gewalt, Gewalt in der Öffentlichkeit oder im Dienst. Wenn sich Betroffene entscheiden, gegen die Täter vorzugehen, haben sie durch die Dokumentation ein gerichtsfestes Beweismittel in der Hand. Auch die Untersuchung von Kindern gehört zum Aufgabengebiet der Gewaltschutzambulanz. Das ist meist dann der Fall, wenn Jugendämter oder Kinderschutzambulanzen Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung vermuten. Kontinuierlicher Ausbau des Angebots Die Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz ist alleinige Zuwendungsgeberin der Gewaltschutzambulanz. Um den steigenden Fallzahlen gerecht zu werden, hat die Gewaltschutzambulanz ihr Angebot kontinuierlich erweitert: 2016 wurde ein mobiler Dienst zur rechtsmedizinischen Dokumentation bei stationär behandelten Patientinnen und Patienten in den Krankenhäusern eingeführt. Außerdem vermitteln Care-Managerinnen der Gewaltschutzambulanz bei Bedarf telefonische Hilfsangebote. Dabei gibt es eine enge Kooperation mit anderen Berliner Einrichtungen. Das ermöglicht unter anderem eine psychosoziale Beratung durch Netzwerkpartner in den Räumlichkeiten der Gewaltschutzambulanz. Zudem schult die Gewaltschutzambulanz Fachpersonal – beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Strafermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden – um Zeichen körperlicher Gewalteinwirkungen bei Erwachsenen und Kindern besser zu erkennen. Dadurch soll das Bewusstsein für Gewaltsituationen geschärft werden.

Kinderchirurgie von Charité und Vivantes unter gemeinsamer Leitung

- 15-02-2024

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Vivantes Prof. Steven Warmann hat zum 1. Januar die Professur für Kinderchirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit verbunden ist die Direktion der gleichnamigen Klinik am Campus Virchow-Klinikum. Zudem leitet Prof. Warmann ab heute die Klinik für Kinderchirurgie, Neugeborenenchirurgie und Kinderurologie der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. Diese gemeinsame Klinikleitung ist die erste ihrer Art zwischen den beiden landeseigenen Krankenhausunternehmen. Sie vertieft die bewährte Kooperation und stellt eine umfassende kinderchirurgische Versorgung in den beiden Einrichtungen sicher.  Prof. Warmann war zuletzt Oberarzt der Abteilung für Kinderchirurgie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Tübingen. Er folgt auf Prof. Karin Rothe, die an der Charité die Professur für Kinderchirurgie sowie die Klinikdirektion seit 2009 innehatte und in den Ruhestand gegangen ist. Bei Vivantes folgt Prof. Warmann auf Prof. Bernd Tillig, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen ist. Der Facharzt für Kinderchirurgie sagt über seinen Wechsel nach Berlin: „Ich freue mich sehr auf die Arbeit an der Charité und die Zusammenarbeit mit Vivantes. Die gemeinsame Klinikleitung ist eine große Chance, die kinderchirurgische Versorgung zu stärken.“ Der gebürtige Saarländer ergänzt: „Meine klinischen Schwerpunkte sind neben den verschiedenen Aspekten der allgemeinen Kinderchirurgie vor allem die chirurgische Behandlung von soliden Tumoren sowie des Kurzdarmsyndroms und des chronischen Darmversagens. Darüber hinaus gehört auch die Shunt-Chirurgie bei portaler Hypertension, der speziellen Form einer Bluthochdruckerkrankung des Bauchraumes, dazu.“ In der onkologischen Chirurgie fungiert Prof. Warmann als Referenzchirurg für kindliche Nierentumoren und Neuroblastome innerhalb der jeweiligen Studienleitungen der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH). Seine Forschungsschwerpunkte zu kindlichen Tumoren sind beispielsweise die Rolle der minimal-invasiven Chirurgie, die Mechanismen der Chemoresistenz sowie die sogenannte Liquid Biopsy. Darüber hinaus sind dem 54-Jährigen die Lehre und die Förderung junger Mediziner:innen ein besonderes Anliegen.

Neu an der Charité: Internationaler Masterstudiengang Weltraummedizin

- 01-02-2024

Kälte, Isolation, Schwerelosigkeit: An Orten wie der Antarktis oder dem All ist der Mensch extremen Bedingungen ausgesetzt. Wie er sich daran anpasst und wie sich negative Auswirkungen abmindern lassen, untersucht die Raumfahrtmedizin. Ab dem Wintersemester 2024 lässt sich dieses Fach studieren: Die Charité – Universitätsmedizin Berlin richtet gemeinsam mit Universitäten in Frankreich und Slowenien den Masterstudiengang für Weltraummedizin und Physiologie in extremen Umwelten ein. Interessierte können sich bis zum 1. März bewerben. Muskelschwund, Knochenabbau und Veränderungen im Gehirn: Das sind nur einige der Folgen, mit denen Raumfahrende nach Aufenthalten in der Schwerelosigkeit zu kämpfen haben. Dazu kommt die psychologische Belastung durch die räumliche Enge und Isolation auf einer Raumstation. Nicht nur weil die Weltraumorganisationen längere bemannte Flüge ins All planen, sondern auch weil der Weltraumtourismus an Fahrt aufnimmt, kommt der Erforschung dieser Phänomene eine wachsende Bedeutung zu.  Dabei ist der Weltraum nur die extremste Umwelt, in die sich der Mensch begeben kann. Auch auf der Erde gibt es Bedingungen, die den Körper außergewöhnlich stark belasten – zum Beispiel durch sehr hohe oder niedrige Temperaturen, Über- und Unterdruck oder Reizarmut. Die Erforschung dieser Umgebungen und ihres Einflusses auf den Menschen hilft nicht nur, Expeditionen ins Hochgebirge oder die Arbeit der Feuerwehr sicherer zu gestalten, sondern liefert auch wichtige Erkenntnisse zum Umgang mit Hitzewellen, Bewegungsarmut oder Einsamkeit. Selbst viele Erkenntnisse zum Aufenthalt im Weltraum kommen den Menschen auf der Erde zugute: Ähnlich wie im All verlieren Personen, die lange liegen müssen, viel Muskulatur, ihr Osteoporose-Risiko steigt. Und wie im All kann Krafttraining dieses Risiko senken. Um die anatomischen, physiologischen und psychologischen Anpassungen des Menschen an den Weltraum zu untersuchen, müssen Forschende aber nicht zwangsläufig Experimente im All durchführen. Durch Simulationsszenarien wie Parabelflüge, Isolationsstudien in der Antarktis oder Bettruhestudien lassen sich wichtige Erkenntnisse auch auf der Erde sammeln. Studium an drei Universitäten in Europa Um den wissenschaftlichen Nachwuchs für dieses Fachgebiet spezifisch auszubilden, haben die Charité, die Université de Caen Normandie (Frankreich) und die Jožef Stefan International Postgraduate School (Slowenien) ihre Expertise in der Weltraummedizin vereint und einen Gemeinsamen Erasmus-Mundus-Masterstudiengang konzipiert. Er soll Studierende dazu befähigen, die Fachgebiete der Weltraummedizin und Physiologie in extremen Umwelten aufseiten der Forschung voranzubringen, Raumfahrende medizinisch zu betreuen oder Lebenserhaltungssysteme für die Raumfahrt zu entwickeln.  „An der Charité haben wir mit dem Forschungsschwerpunkt Weltraummedizin am Institut für Physiologie eine lange Tradition der Untersuchung des Menschen im Weltraum und in extremen Umwelten“, sagt PD Dr. Alexander Stahn vom Institut für Physiologie der Charité, der den Studiengang an der Charité koordinieren wird. „Wir beforschen Fragestellungen vom Bewegungsapparat bis zum zentralen Nervensystem, unsere Erkenntnisse haben internationale Strahlkraft. Ich freue mich sehr, dass wir diese ausgewiesene Kompetenz zusammen mit unseren Partnern nun in einem einzigartigen Studiengang strukturiert und interdisziplinär an die nächste Generation weitergeben können.“ Für Absolvent:innen aus Medizin, Natur- und Ingenieurswissenschaften Das zweijährige Ausbildungsprogramm richtet sich an Interessierte mit einem Hochschulabschluss in Medizin, einem Masterabschluss in Ingenieurswissenschaften oder einem Bachelorabschluss in Natur- oder Bewegungswissenschaften. Die Studierenden verbringen je ein Semester an jeder der drei Universitäten und fertigen anschließend ihre Masterarbeit an einer von 28 internationalen Partnerorganisationen an. Sie haben die Möglichkeit, an Forschungsprojekten mitzuarbeiten, die von Raumfahrtagenturen wie der NASA und ESA oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gefördert werden. Anschließend erhalten sie einen gemeinsam von den drei Universitäten ausgestellten Erasmus-Mundus-Masterabschluss. Interessierte können sich bis zum 1. März über die Université de Caen Normandie für die Teilnahme an dem Studiengang bewerben. Das Programm bietet im ersten Jahrgang 13 Studienplätze, für die Stipendien zur Verfügung stehen. Unterrichtssprache ist Englisch. Die Einrichtung des Gemeinsamen Erasmus-Mundus-Masterstudiengangs wird von der EU mit rund 4,7 Millionen Euro gefördert.

Für einen schnelleren Zugang zu Gen- und Zelltherapien in Europa

- 25-01-2024

Sie sind Hoffnung für Menschen, bei denen herkömmliche Therapien versagen oder für die es bislang keine wirksame Behandlung gibt: sogenannte ATMPs, Advanced Therapy Medicinal Products. Vor gerade einmal fünf Jahren sind erste dieser neuartigen Medikamente, entwickelt mit Gen- und Zelltechnologien, offiziell zugelassen worden. Einige von ihnen schreiben Erfolgsgeschichte. Andere haben den Markt schnell wieder verlassen. Unter Koordination der Charité – Universitätsmedizin Berlin, unterstützt durch das Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), startet jetzt das europaweite Projekt JOIN4ATMP. Es will aufzeigen, an welchen Hürden die neuen Therapien scheitern und was notwendig ist, damit Menschen in Europa schnell, sicher und gleichberechtigt an ihnen teilhaben können. Gen- und Zelltherapien zählen zu den wichtigsten Innovationen im Gesundheitsbereich. Und sie sind Spiegel des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts. Sie haben das Potenzial, die Behandlung von Krebs, Autoimmunerkrankungen, neurodegenerativen Erkrankungen und vielen seltenen genetischen Krankheiten ganz neu aufzustellen. Doch der Weg bis zu einer Zulassung und klinischen Anwendung dieser Produkte ist lang und nicht selten mit Schwierigkeiten verbunden. Aus diesem Grund hat die Allianz führender Europäischer Universitätskliniken EUHA vor vier Jahren EUCCAT, das Europäische Zentrum für Gen- und Zelltherapien, gegründet. Es soll die klinische Anwendung von an Hochschulen entwickelten ATMPs erleichtern und die in Europa durchgeführte Grundlagenforschung noch stärker zusammenführen. Aus dem virtuellen Institut hervorgegangen ist das jetzt gestartete Projekt JOIN4ATMP. Alle Mitglieder der EUHA, zusammen mit den bereits bestehenden EU-geförderten Netzwerken RESTORE und T2EVOLVE, Biotech-Unternehmen und die Patient:innenvertretung EURORDIS werden dazu beitragen, die Hürden aufzuzeigen und praxisnahe Lösungen vorzuschlagen – damit die neuartigen Therapien erschwinglich und für alle Patient:innen verfügbar werden. „Lebende“ Arzneimittel ATMPs sind Arzneimittel, die auf Genen, Geweben oder Zellen basieren und daher oft lebende Bestandteile enthalten. So ist es beispielsweise möglich, Patient:innen mit Leukämie weiße Blutkörperchen zu entnehmen und diese im Labor gentechnisch so zu verändern, dass sie – zurück im Körper – die Krebszellen erkennen und zerstören. ATMPs können besser als klassische Medikamente individuell auf Patient:innen ausgerichtet werden und eignen sich besonders für die Behandlung von seltenen Erkrankungen und Krebserkrankungen, die bisher nicht oder nur unzureichend behandelt werden konnten. Trotz einer hohen Zahl von ATMPs, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, sind bisher nur wenige Produkte für den europäischen Markt zugelassen. Das Problem: Die regulatorischen Auflagen für die Zulassung von herkömmlichen Medikamenten, für die beispielsweise klinische Studien mit großen Patientenzahlen nötig sind, lassen sich nicht auf diese komplexen Gen- und Zelltherapien übertragen. Neue Rahmenbedingungen schaffen Hier setzt JOIN4ATMP an, das von der Europäischen Kommission für drei Jahre mit rund drei Millionen Euro gefördert wird. „Wir wollen konkrete Empfehlungen erarbeiten, wie Patientinnen und Patienten in Europa schneller Zugang zu neuartigen Gen- und Zelltherapien erhalten können“, sagt Prof. Annette Künkele-Langer von der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité, die das Konsortium leitet. „Dazu bringen wir europaweit Wissen und Erfahrungen in der präklinischen Entwicklung, Herstellung, klinischen Prüfung, Marktzulassung und Vergütung von ATMPs zusammen und analysieren auf medizinischer, regulatorischer und ökonomischer Ebene die Hindernisse und wie diese überwunden werden können.“ In Form von Leitlinien, Empfehlungen und Whitepapers werden die Expert:innen ihre Rückschlüsse präsentieren und damit die europäische Strategie für neuartige Therapien voranbringen. Sie werden für auf ATMPs zugeschnittene, neue Zulassungsverfahren Basis sein und sie schaffen Rahmenbedingungen für eine standardisierte, dezentrale Herstellung von Gen- und Zelltherapeutika bei gleichzeitiger Ausweitung strenger guter Herstellungspraktiken (GMP) auf europäischer Ebene.

Adaptive Strahlentherapie: Präzise Bestrahlung für noch effektivere Tumorbehandlungen

- 24-01-2024

Die Strahlentherapie ist eine der zentralen Säulen der Krebstherapie: Etwa die Hälfte aller Krebspatient:innen erhält diese Therapie im Laufe ihrer Erkrankung. Um die Bestrahlung künftig noch präziser und schonender zu gestalten, bietet die Charité – Universitätsmedizin Berlin mit einem neuen Hightech-Gerät die berlinweit einzigartige Möglichkeit der adaptiven Strahlentherapie. Der Linearbeschleuniger wurde heute von der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, Dr. Ina Czyborra, dem Vorstandsvorsitzenden der Charité, Prof. Heyo K. Kroemer und Prof. Daniel Zips, Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie, offiziell eingeweiht. Bei einer Strahlentherapie wird der Tumor ionisierender Strahlung ausgesetzt. Diese hochintensive Strahlung kann Moleküle im Körper verändern und wird üblicherweise mithilfe von Linearbeschleunigern erzeugt. Die Strahlung soll die Zellen im Tumorgewebe schädigen, insbesondere den Zellkern mit der Erbinformation. Ziel ist es, den Krebs durch die Bestrahlung zu zerstören oder zumindest zu verkleinern, während sich gesundes Gewebe schnell regeneriert.  Es ist jedoch bei einer herkömmlichen Strahlentherapie nicht auszuschließen, dass umliegendes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird - vor allem, wenn der Tumor schnell wächst oder schrumpft - oder wenn Organe ihre Lage verändern, zum Beispiel durch Darm- oder Magenbewegungen. Denn dann sind die Aufnahmen, die in den Tagen zuvor gemacht wurden, unter Umständen nicht mehr ganz genau. Adaptive Strahlentherapie soll Nebenwirkungen minimieren Anders hingegen beim neuen Bestrahlungsgerät „Ethos“, wie Prof. Daniel Zips, Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie, erläutert: „Die Bestrahlung kann an aktuelle Veränderungen der Lage und Größe von Organen und Tumoren angepasst werden. Innerhalb weniger Minuten ermittelt das Gerät durch seine integrierte Bildgebung mittels Computertomographie die genauen geometrischen Verhältnisse von Tumor und umliegenden Organen.“ Anschließend wird die optimale Verteilung der Strahlendosis bestimmt. So ist eine präzisere und schonendere Bestrahlung möglich.  „Die adaptive Therapie verbindet höchste Wirksamkeit mit geringen Nebenwirkungen“, erklärt Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Ich freue mich sehr, dass wir unseren Patientinnen und Patienten dieses zukunftsweisende Bestrahlungsverfahren anbieten können. Es markiert einen entscheidenden Schritt hin zur personalisierten Präzisionsbestrahlung an der Charité.“ „Von der Einführung der adaptiven Strahlentherapie an der Charité werden Forschung und Patientenversorgung gleichermaßen profitieren“, sagt Dr. Ina Cyzborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. „Damit stellen wir einmal mehr die Innovationskraft des Gesundheits- und Wissenschaftsstandortes Berlin unter Beweis.“ Künstliche Intelligenz (KI) sorgt für höchste Genauigkeit Ein zentraler Bestandteil des neuen Bestrahlungsverfahrens ist die Integration Künstlicher Intelligenz (KI). Diese erstellt ein Modell und generiert einen hochpräzisen, tagesaktuellen Bestrahlungsplan. Während der Behandlung ermöglicht die KI-Technologie eine kontinuierliche Anpassung an Veränderungen, was zu einer noch genaueren Bestrahlung führt.  Davon können insbesondere Patient:innen mit gynäkologischen Tumoren, Prostata- oder Harnblasenkrebs profitieren - Organe, bei denen Blasen- und Darmfüllungen die Lage beeinflussen. „An der Charité werden wir die adaptive Strahlentherapie zunächst bei Patienten mit Prostatakrebs einsetzen“, sagt Prof. Zips. Später soll sie auch auf andere Tumorarten ausgeweitet werden. Kombination von Hightech, KI und menschlicher Expertise „Trotz modernster Technik ist auch bei diesem Verfahren menschliche Expertise unverzichtbar“, betont Prof. Zips. Expertinnen und Experten prüfen den vorgeschlagenen Bestrahlungsplan sorgfältig und entscheiden über die Freigabe. Die genaue Anpassung der Bestrahlung an die aktuellen Gegebenheiten und die kontinuierliche Überwachung durch Spezialisten garantieren eine optimale Behandlung.  Im Rahmen der Forschungskooperation zwischen dem Gerätehersteller Varian Medical Systems und der Charité werden die Patientinnen und Patienten von einem professionellen Team begleitet und können durch ihr Feedback aktiv zur Anpassung der Therapie beitragen. Darüber hinaus soll in Studien unter anderem evaluiert werden, welche Prostatakrebspatienten besonders von der adaptiven Therapie profitieren.

Damit Kinder nicht zur Zigarette greifen

- 17-01-2024

Die Zahlen sind alarmierend: Seit 2021 hat sich der Anteil der rauchenden 14- bis 17-Jährigen fast verdoppelt, und rund jedes vierte Schulkind hat schon einmal Erfahrungen mit E-Zigaretten gemacht. An manchen Schulen ist dies bereits in der fünften Klasse weit verbreitet, beobachteten Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Genau hier – bei den Zehn- und Elfjährigen – setzt deshalb ihr neues Präventionsprogramm „nachvorn“ an: Mit Workshops an Schulen helfen sie den Kindern, langfristig rauchfrei zu bleiben. Was das neue Charité-Programm auszeichnet, erläuterte das interdisziplinäre Projektteam heute bei der Vorstellung von „nachvorn“ in der Charité. Rund 16 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jugendlichen rauchen laut den Ergebnissen der DEBRA-Studie von 2022. Im Jahr davor waren es noch 8,7 Prozent. Noch stärker angestiegen ist der Konsum von E-Zigaretten beziehungsweise Vapes und anderen alternativen Rauchprodukten, wie der DAK-Präventionsradar zeigt: Im Jahr 2023 griffen demzufolge erstmals mehr Schülerinnen und Schüler regelmäßig zur E-Zigarette als zu herkömmlichen Zigaretten.  „Anders als Tabakzigaretten sind Vapes bunt, riechen angenehm und schmecken süß“, erklärt die Leiterin des Rauchpräventionsteams Marina Hinßen die Attraktivität von E-Zigaretten für Kinder. „Bei unseren ersten Gesprächen mit Schüler:innen wurde deutlich, dass es bereits unter Jüngeren einen richtigen Hype um diese Produkte gibt.“ Besonders groß ist den Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge der Anteil der rauchenden Jugendlichen aus Elternhäusern mit niedrigerem sozioökonomischen Status.   Dabei sind die gesundheitlichen Folgen des Rauchens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenschäden bis zu Krebs hinreichend bekannt. „Rauchen ist immer noch der größte Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, betont Prof. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) und Schirmherr des Projekts. „Auch E-Zigaretten und andere alternative Rauchprodukte bergen Gesundheitsrisiken, da beim Verdampfen gesundheitsschädliche, teils krebserzeugende Stoffe in den Körper gelangen.“ Außerdem gelten E-Zigaretten für viele Experten als erster Schritt auf dem Weg zum regelmäßigen Konsum von Tabakzigaretten.  Vorteile eines rauchfreien Lebens erfahrbar machen  „Die neuen Zahlen zum Rauchen und die prognostizierten Gesundheitsfolgen sind ein klares Signal, wie notwendig unser Präventionsprojekt ist“, betont Prof. Gertraud Stadler, die das Projekt und den Arbeitsbereich Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité leitet. „Denn je früher Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen beginnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie abhängig werden und noch als Erwachsene regelmäßig rauchen werden.“ Um das zu verhindern, hat ihr interdisziplinäres Team ein neues Präventionsprogramm für die fünften Klassen entwickelt. In drei Workshops wird sowohl über die Gesundheitsrisiken des Rauchens aufgeklärt als auch das Selbstvertrauen der Kinder und ihre Problemlösungskompetenz gestärkt. „Anders als im Biologieunterricht geht es nicht nur um die Vorgänge im Körper. Die Kinder entdecken selbst in Experimenten, Gruppendiskussionen und Rollenspielen, was sie gewinnen, wenn sie rauchfrei bleiben“, sagt Marina Hinßen.   Identifikationsfiguren unterstützen mit Tipps und kreativen Ideen Hier kommen dann bekannte Persönlichkeiten aus den Bereichen Sport, Film und Social Media ins Spiel: Mit ihren eigens für das Projekt erstellten Videos geben sie den Schüler:innen Tipps und eine besondere Kreativ-Challenge mit auf den Weg. Mit dabei sind unter anderem Ludwig Brix, Schauspieler am GRIPS Theater in Berlin und bekannt aus der ARD-Serie „All You Need“, die Olympia-Seglerin Anna Marktfort, die Kajak-Sportlerinnen Lena Röhlings und Pauline Jagsch sowie die YouTuberin Alicia Joe. Ihre Videobotschaften sind auch Bestandteil der beiden weiteren Workshops, bei denen es vor allem darum geht, die Schüler:innen bei der Umsetzung ihrer Vorhaben mental zu unterstützen. „Gruppendruck ist ein wichtiges Thema“, erläutert Marina Hinßen. „Wir vermitteln, wie es gelingt, das zu tun, was sich richtig anfühlt – und nicht das, was andere wollen oder die Werbung als vermeintlich cool darstellt.“ Außerdem bekommen die Teilnehmenden Strategien vermittelt, wie sie Probleme besser lösen können und wie sie mit Stress umgehen können – ohne zur Zigarette zu greifen. Mädchen und Jungen rauchen aus unterschiedlichen Gründen Dabei berücksichtigt das Team auch, dass es bei Jungen und Mädchen unterschiedliche Gründe gibt, zu rauchen: „Wir haben in einer ersten Forschungsarbeit in Vorbereitung des Projekts untersucht, warum Kinder und Jugendliche überhaupt rauchen. Dabei hat sich gezeigt, dass es bei Jungs oft um Coolness, Status und Dazugehören geht, während bei Mädchen eher Stress- oder Problembewältigung als Grund genannt werden“, erklärt Marina Hinßen. Diese geschlechterspezifischen Faktoren werden während des Projekts aufgegriffen, indem beide Gruppen im Umgang mit Stress und den Erwartungen anderer angesprochen und geschult werden.  In der begleitenden Studie zum Projekt wollen die Forschenden herausfinden, ob es bei den präventiven Effekten geschlechterspezifische Unterschiede gibt, erläutert Marina Hinßen: „Haben wir Mädchen oder Jungen besser erreicht? Wie hat es bei beiden geklappt und woran könnte das liegen? Hat es wirklich mit den angenommenen Risikofaktoren zu tun? All das sollen die Ergebnisse der Studie zeigen.“ Das Projekt „nachvorn“ wird von der Deutschen Herzstiftung mit rund 350.000 Euro gefördert. Die Stiftung, die sich für die Tabak- und Suchtprävention einsetzt, möchte damit das Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen dafür schärfen, dass sie mit dem Verzicht auf das Rauchen ihr Herz und ihre Gefäße schützen.

Mit Telemedizin die Palliativversorgung auf Intensivstationen verbessern

- 16-01-2024

Die palliative Versorgung von Patient:innen ist auf Intensivstationen übliche Praxis. Doch verfügt nicht jede Klinik über spezialisierte palliativmedizinische Expertise. Können telemedizinische Beratungen die Palliativversorgung auf Intensivstationen weiter verbessern? Dieser Frage geht ein internationales Forschungskonsortium unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin nach. Das jetzt gestartete Projekt „Enhancing palliative care in ICU“ (EPIC) wird von der EU-Kommission für fünf Jahre mit rund 6,3 Millionen Euro gefördert. Den Leidensdruck wie Schmerzen und andere Beschwerden schwerkranker Patient:innen gezielt lindern, um ihre Lebenszeit und Lebensqualität bestmöglich zu erhalten und zu fördern – das ist das Ziel der sogenannten Palliativmedizin. Sie ist ein wichtiger und etablierter Teil der intensivmedizinischen Versorgung. Sind Krankheitsbild und Symptome jedoch sehr komplex, kann es für das intensivmedizinische Personal hilfreich sein, sich von spezialisierten Palliativmediziner:innen zum konkreten Fall beraten zu lassen. „Es haben allerdings nicht alle Kliniken eine palliativmedizinische Expertise im Haus“, sagt Prof. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Charité. „Ein systematischer Einsatz von Telemedizin, mit der Expert:innen virtuell und somit schnell und ortsunabhängig hinzugezogen werden können, könnte die Palliativversorgung auf Intensivstationen noch deutlich verbessern.“ Dreiklang des Praxismodells: Weiterbildung, Checklisten, Telemedizin Wie groß ist der Nutzen von telemedizinischen Beratungen durch palliativmedizinische Expert:innen im Vergleich zur gängigen palliativen Versorgung auf Intensivstationen? Das untersucht das Forschungsteam im Rahmen des EPIC-Projekts. „Bevor die telemedizinische Beratungsphase startet, wird das Klinikpersonal der Intensivstationen zunächst palliativmedizinisch geschult“, erklärt Claudia Spies, die das Forschungsvorhaben leitet. „Weiterhin erarbeiten wir Checklisten, die die Teams dabei unterstützen sollen, möglichst frühzeitig solche Patient:innen zu erkennen, die von einer spezialisierten Palliativversorgung profitieren.“ An dem Forschungsprojekt nehmen rund 2.000 Patient:innen und ihre Familienmitglieder teil. Es wird in sieben klinischen Zentren mit Palliativmedizin sowie 23 multidisziplinären Intensivstationen in fünf europäischen Ländern durchgeführt. „Mit EPIC bringen wir Kliniker:innen und Forschende aus den Bereichen Palliativ- und Intensivversorgung, Sozialwissenschaften, Pflegewissenschaften, Ethik und Gesundheitsökonomie zusammen und wollen ein harmonisiertes Praxismodell für die Palliativversorgung auf Intensivstationen umsetzen – und zwar europaweit“, sagt Claudia Spies. „Wir hoffen, dass aus unserem Projekt Handlungsempfehlungen hervorgehen werden, die wir Fachgesellschaften zur Verfügung stellen können, und die in die Aus-, Fort- und Weiterbildung des multiprofessionellen intensivmedizinischen Nachwuchses einfließen können.“ Verkürzte Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation Studien zeigen, dass eine möglichst frühe palliativmedizinische Mitbehandlung die Zeit verkürzt, die Kranke auf der Intensivstation verbringen, die Sterblichkeit dabei aber unbeeinflusst bleibt. Mit EPIC verfolgen die Forschenden daher auch das Ziel, die Liegedauer auf Intensivstationen zu verkürzen – was gesundheitsökonomische Vorteile hat, insbesondere aber für die Betroffenen von unschätzbarem Wert ist. „Palliativmedizinisch optimal versorgte Patient:innen mit schweren, nicht heilbaren Erkrankungen verbringen ihre letzten Tage dann hoffentlich nicht – außer es gibt einen schwerwiegenden Grund – auf der Intensivstation. Das kann für sie und ihre Familien in dieser äußerst kritischen und hochvulnerablen Phase am Ende des Lebens ein Segen sein“, sagt Claudia Spies. „Doch auch schwer oder chronisch kranke Menschen, die nicht am Lebensende stehen, werden palliativ versorgt. Palliativmedizin ist keine Sterbebegleitung, das ist ein häufiges Missverständnis. Etwa die Hälfte der Patient:innen kann nach Hause in eine spezialisierte palliativmedizinische Behandlung entlassen werden. Eine flächendeckende verbesserte palliative Versorgung käme daher allen Patient:innen auf Intensivstationen zugute.“ Mit EPIC wollen die Forschenden außerdem untersuchen, wie gut die palliativmedizinische Versorgung mit telemedizinischer Unterstützung von Patient:innen und Angehörigen wahrgenommen und angenommen wird. Weiterhin soll eine Patienten- und Angehörigengruppe etabliert werden, in der Betroffene Informationen austauschen und sich gegenseitig unterstützen können.

Krebs: Neue Therapieansätze durch genetische Passagiere

- 11-01-2024

Häufig entsteht ein Tumor dadurch, dass sich Krebsgene vervielfältigen. Dabei werden en passant oft zusätzliche Gene mitvermehrt. Anders als bisher gedacht sind diese nicht nur stille Passagiere. Wie eine Studie von Charité – Universitätsmedizin Berlin und Max Delbrück Center jetzt belegt, können Passagier-Gene im Tumor bisher unbekannte Schwachstellen erzeugen – was völlig neue Therapieansätze ermöglicht. Veröffentlicht sind die Ergebnisse im Fachmagazin Cancer Discovery*. Vor allem Veränderungen im Erbgut gelten als Ursache für eine Krebserkrankung. Häufig handelt es sich dabei um sogenannte Amplifikationen: Vervielfältigungen von Genen, die die Entstehung von Krebs begünstigen. Die Gene werden dabei übermäßig häufig kopiert und liegen anschließend entweder im Erbgut oder als separate DNA-Ringe in großer Zahl in der Zelle vor.  „Genau genommen vervielfältigt die Zelle allerdings nicht nur die Krebsgene, sondern kopiert auch die davor- und dahinterliegenden Abschnitte der DNA mit“, erklärt Prof. Anton Henssen, Kinderonkologe an der Charité und Wissenschaftler am Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Center. Zusammen mit Dr. Jan Rafael Dörr, ebenfalls Charité-Kinderonkologe und Forscher am ECRC, hat er die Studie geleitet. Gar nicht so stille Passagiere „In diesen mitkopierten Abschnitten liegen oft weitere Gene, die bisher als unbedeutend für die Krebsentstehung galten und deshalb schlicht ‚Passagier-Gene‘ genannt wurden“, erklärt Anton Henssen. „Unsere Arbeit zeigt nun, dass diese genetischen Trittbrettfahrer mehr als nur stille Passagiere sind: Sie bringen grundlegende Vorgänge in der Zelle durcheinander. Weil die Tumorzelle diese Störung wieder ausgleichen muss, wird sie von Prozessen abhängig, die eigentlich mit dem Tumorwachstum gar nichts zu tun haben. Damit entsteht eine Achilles-Ferse an einer völlig unerwarteten Stelle, von der wir bisher nichts wussten. Wir können den Krebs also von einer neuen Flanke angreifen, wenn wir bei der Behandlung auf die Passagier-Gene abzielen.“ Am Beispiel des Neuroblastoms zeigten die Wissenschafter:innen, wie sich diese bisher unbekannten Abhängigkeiten potenziell therapeutisch nutzen lassen. Das Neuroblastom ist eine Krebserkrankung, die vor allem sehr junge Kinder betrifft und als besonders bösartig gilt. Im Tiermodell zeigte sich, dass Neuroblastome viel anfälliger für das Krebsmedikament Rapamycin sind, wenn sie nicht nur das Krebsgen MYCN, sondern auch das Passagier-Gen DDX1 in hoher Zahl aufweisen. „Das liegt daran, dass das Passagier-Gen den Stoffwechsel der Tumorzelle stört“, erklärt Jan Dörr. „Die Zelle muss die Störung kompensieren und Rapamycin hindert sie daran. Das führt schließlich zum Tod der Tumorzelle.“  Das Neuroblastom zusätzlich zu weiteren Wirkstoffen auch mit Rapamycin anzugreifen, könnte also die Behandlung insbesondere von jenen Patient:innen verbessern, deren Tumor sowohl das Krebs- als auch das Passagier-Gen vervielfältigt hat. Ob das tatsächlich der Fall ist, wollen die Forschenden nun in klinischen Studien prüfen.  Effekt zeigt sich in verschiedenen Tumorarten Passagier-Gene in den Fokus zu nehmen, kann aber vermutlich nicht nur beim Neuroblastom helfen. Darauf deuten Millionen von Daten zur wechselseitigen Abhängigkeit von Genen in 26 verschiedenen Tumorarten hin, die öffentlich zugänglich sind und die das Team im Rahmen seiner Studie neu durchforstete. In zehn Fällen konnten die Forschenden nachweisen, dass durch Passagier-Gene in den Tumoren neue Abhängigkeiten entstanden sind.  „Wir gehen davon aus, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und wir bei besserer Datenlage noch mehr dieser Fälle entdecken würden“, sagt Anton Henssen. „Dass Passagier-Gene in Tumoren eine Schwachstelle erzeugen, ist offenbar ein recht weit verbreitetes Phänomen. Wir halten den Ansatz, Tumoren auch an ihren Passagier-Genen zu attackieren, deshalb auch bei anderen Krebserkrankungen für vielversprechend.“

Wie stark begünstigt ein Verlust der Artenvielfalt neue Infektionskrankheiten?

- 03-01-2024

Forschende gehen davon aus, dass ein Verlust der Biodiversität – zum Beispiel durch menschliche Eingriffe in Ökosysteme – die Übertragung von Krankheitserregern zwischen Tier und Mensch, sogenannte Zoonosen, begünstigt. Doch wie groß ist dieser Effekt? Ihn genauer zu beziffern, ist das Ziel eines internationalen Forschungsteams unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Zoonosen frühzeitig erkennen zu können. Das jetzt gestartete Projekt „Zoonosis Emergence across Degraded and Restored Forest Ecosystems” (ZOE) wird von der EU-Kommission für vier Jahre mit rund vier Millionen Euro gefördert. Zoonotische Infektionskrankheiten entstehen dort, wo Mensch und Tier zusammentreffen – beispielsweise in der Massentierhaltung oder beim Handel und Verzehr von Wildtieren. Aber auch in Gebieten, in denen der Mensch in natürliche Lebensräume eingreift. Einerseits, weil er dadurch mit Wildtieren in Kontakt kommt. Und andererseits, weil er das empfindliche Gleichgewicht des Ökosystems stört. „Wenn wir in Naturräume eingreifen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Tiere, die mit den neuen Umweltbedingungen besser zurechtkommen, sich stärker vermehren“, erklärt Prof. Jan Felix Drexler, Virologe an der Charité und Leiter des neuen Forschungsvorhabens. „Es gibt Hinweise, dass sich mit ihnen auch ihre Krankheitserreger vermehren, die potenziell für den Menschen gefährlich werden können“. Der Verlust der Artenvielfalt beeinflusst also die Wahrscheinlichkeit von Zoonosen. Und zwar insbesondere dort, wo der Mensch Landschaften erstmals oder anders als bisher nutzt: Wo er zum Beispiel Wälder abholzt, um Weideland für Nutztiere oder Plantagen zu schaffen, oder wo Städte sich in das Umland ausbreiten. Interdisziplinäres Team kartiert Makro- und Mikro-Biodiversität Die genauen Zusammenhänge zwischen Landnutzungsänderungen, dem Verlust der Biodiversität und dem Zoonose-Risiko sind noch immer unklar. Um sie besser zu verstehen, hat Jan Felix Drexler gemeinsam mit Prof. Nadja Kabisch, Landschaftsökologin an der Leibniz Universität Hannover und Ko-Koordinatorin des Projekts, ein interdisziplinäres Konsortium mit ausgewiesener Expertise in den Bereichen Geografie, Geobotanik, Ökologie, Virologie, Immunologie, Epidemiologie, Soziologie, Psychologie, Anthropologie und Wissensverbreitung versammelt. Die Forschenden aus sieben europäischen und vier amerikanischen Ländern planen eine detaillierte Kartierung der Biodiversität in Waldgebieten, in die der Mensch unterschiedlich stark eingegriffen hat. Das Team wird dazu in Guatemala, Costa Rica, Slowenien und der Slowakei ursprüngliche Wälder sowie entwaldete und renaturierte Flächen untersuchen. Um die jeweils vorherrschende Landnutzung und die Artenvielfalt zu ermitteln, sollen die Beschaffenheit der Landschaft sowie die Tier- und Pflanzenarten mithilfe von Satellitenaufnahmen und auch direkt vor Ort erfasst werden. Zusätzlich wollen die Wissenschaftler:innen bestimmen, wie viele potenziell gefährliche Mikroorganismen in dem Ökosystem zirkulieren, indem sie Nagetiere, Zecken und Mücken – als häufige Träger zoonotischer Erreger – mittels moderner Sequenziertechniken auf das Vorhandensein verschiedenster Bakterien und Viren testen. Blutproben von in der Nähe lebenden Menschen werden Aufschluss darüber geben, wie viele dieser Erreger bereits übertragen worden sind. Ergänzend zu den biomedizinischen Untersuchungen will das Forschungsteam auch systematische Befragungen durchführen: Wie erleben die Menschen in den Studiengebieten die Umweltveränderungen? Wie häufig treten Krankheiten auf, wie gehen sie mit dem Infektionsrisiko um? Vorhersagemodelle zur frühen Erkennung des Zoonose-Risikos  „Aus diesen sehr unterschiedlichen Daten werden wir statistische Modelle entwickeln“, sagt Jan Felix Drexler. „Sie sollen Aussagen darüber treffen, wie stark das Risiko zoonotischer Erkrankungen abhängig vom Grad der Landnutzungsänderungen und dem Verlust der Biodiversität steigt. Wir erhoffen uns außerdem Erkenntnisse zur Wirkung von Renaturierungsmaßnahmen. Besonders wichtig ist uns, dieses Wissen den Menschen lokal vor Ort, aber auch der breiten Öffentlichkeit – einschließlich Umweltschutzorganisationen – zugänglich zu machen und gemeinsam Empfehlungen zu entwickeln. So wollen wir dazu beitragen, dass das Risiko von neuen Zoonosen direkt vor Ort erkannt und begrenzt werden kann – als ein Baustein zur Vermeidung künftiger Epidemien.“

EUCARE: Intensivpflege über Landesgrenzen hinweg

- 27-12-2023

Eindrucksvoll hat die COVID-19-Pandemie die Relevanz von ausreichendem und gut ausgebildetem Pflegepersonal bei der Bewältigung von Krisen unterstrichen. Doch sind die Akteure im Gesundheitswesen weiterhin mit einem Mangel an Fachkräften in der Pflege konfrontiert. Das an der Charité – Universitätsmedizin Berlin koordinierte Projekt EUCARE begegnet dieser Schwachstelle in den europäischen Gesundheitssystemen. In den kommenden drei Jahren wird es ein internationales Weiterbildungsprogramm entwickeln und Intensivpflegende auf grenzüberschreitendes Arbeiten in Krisenfällen vorbereiten. Initiiert wurde das Projekt vom an der Charité ins Leben gerufenen Pflegenetzwerk der European University Hospital Alliance (EUHA). Unterstützt wird es durch das Bildungsprogramm ERASMUS+. Es ist ein Lernen aus der Krise: Ende Januar 2020 erreichte COVID-19 den europäischen Kontinent. In Wellen breitete sich die Pandemie aus. Krankenhäuser und Intensivstationen kamen wiederholt an die Grenzen des Machbaren, spezialisiertes Personal wurde knapp. Doch die einzelnen Wellen mit einer Vielzahl an Schwersterkrankten erreichten nicht jedes europäische Land zur selben Zeit. Wie wäre es also, wenn in Krisenfällen dieser Art dringend benötigtes Pflegepersonal europaweit einsetzbar wäre? Wenn die vorhandenen Kräfte mal in dem einen, mal in dem anderen Land tätig werden könnten? Bereits während der Pandemie tauschten die Mitglieder der EUHA, des Zusammenschlusses führender europäischer Universitätskliniken, Wissen und Best Practice untereinander aus. In Reaktion auf die zahlreichen aktuellen Krisen und die knappe Ressource Fachpersonal bringt das Nursing Network der Klinikallianz jetzt ein gemeinsames Weiterbildungsprogramm für den intensivmedizinischen Bereich auf den Weg. Ziel ist ein Netzwerk spezialisierter, interkulturell geschulter Intensivpfleger:innen, die bereit sind, im Krisenfall auch in anderen europäischen Ländern zu arbeiten. Sicherheit und Qualität in der Intensivversorgung sollen auf diese Weise europaweit ermöglicht werden. Das dreijährige Vorhaben EUCARE wird den Austausch und die Weitergabe von klinischem Wissen zwischen Pflegeexpert:innen der EUHA-Partnerkrankenhäuser erleichtern, erklärt der Koordinator des Projektes an der Charité, Alexander Lang: „Die Teilnehmer:innen absolvieren praktische Ausbildungsmodule, nehmen an Workshops und an Vorlesungen teil. Am Ende verfügen die EUHA-Intensivpflegenden über solide, speziell auf einen Einsatz in Krisenzeiten ausgerichtete Fähigkeiten. Auch sind sie in interdisziplinärer, interprofessioneller und kulturübergreifender Zusammenarbeit geübt.“ Der Lehrplan wird auf den Erwerb dieser speziellen Fähigkeiten abgestimmt. Darüber hinaus wird es ein Netzwerk für alle an dem Programm teilnehmenden Pflegenden geben, um den fachlichen Austausch fortzusetzen und auf Einsätze vorbereitet zu sein. Im Fall einer Pandemie, einer Katastrophe oder in anderen Krisenfällen kann das Netzwerk so schnell aktiviert werden. Und auf lange Sicht kann es eine wertvolle Ressource für spezialisierte Fachkräfte mit interkulturellen Kenntnissen sein. Das Programm ist eines der ersten dieser Art im Bereich der Pflege. Es wird durch die Europäische Union im Programm ERASMUS+ mit rund 400.000 Euro unterstützt. Die Mittel fließen zunächst in die Entwicklung, Erprobung und Verbreitung des Weiterbildungsprogramms. Langfristig soll es auf europäischer Ebene verankert sein. „Wir bieten länderübergreifende Ausbildungsmöglichkeiten in der Intensivversorgung und entwickeln gemeinsam evidenzbasierte Standards für die Pflege in Krisensituationen, die über das Programm hinaus Bestand haben sollen. Wir freuen uns sehr, dass dieses Projekt mit der Initiative von Bundesgesundheitsminister Lauterbach zusammenfällt, Pflegefachkompetenzen auch in Deutschland gesetzlich und international anschlussfähig zu regeln“, sagt Carla Eysel, Vorstand für Personal und Pflege der Charité. Alle zehn Mitglieder der EUHA unterstützen das Projekt EUCARE, wobei sechs Mitglieder aktiv an der Ausgestaltung beteiligt sind. Die Praxiseinheiten finden in den jeweiligen Häusern statt und ergänzen die theoretischen Lerneinheiten. Alle Lerninhalte werden abschließend online und kostenlos auf einer europäischen Plattform zur Verfügung gestellt.

Aufsichtsrat bestätigt Astrid Lurati als Vorstand Finanzen und Infrastruktur

- 15-12-2023

Der Aufsichtsrat der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat heute in seiner Sitzung die Wiederbestellung von Astrid Lurati zum Vorstandsmitglied für Finanzen und Infrastruktur vorfristig für weitere fünf Jahre beschlossen. Die Diplom-Kauffrau ist seit Mai 2016 im Vorstand der Charité – zunächst als Direktorin des Klinikums, seit Ende 2019 als Vorstand Finanzen und Infrastruktur.  Astrid Lurati verantwortet in ihrer Position die Gesamtwirtschaftsführung der Charité. Dazu gehören die Investitionsplanung und die Konsolidierung der Jahresabschlüsse ebenso wie die Belange der Geräte-, Bau- und Liegenschaftsangelegenheiten sowie der Nachhaltigkeitsbereich.  Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege und Vorsitzende des Aufsichtsrats, erklärt zur Wiederbestellung: „In den vergangenen Jahren hat Frau Lurati als Vorstand für Finanzen und Infrastruktur hohe Kompetenz bei der Führung der wirtschaftlichen Geschäfte der Charité  in einem schwierigen und krisengeprägten Umfeld bewiesen. Die Wiederbestellung für weitere fünf Jahre bedeutet für die Charité die notwendige Kontinuität in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Frau Lurati eine Führungspersönlichkeit gewonnen und für weitere fünf Jahre an uns gebunden haben, die verantwortungsvolles Wirtschaften mit den Bedürfnissen einer international renommierten Wissenschaftseinrichtung verbindet. Ich freue mich sehr auf die weitere Zusammenarbeit.“   Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, fügt hinzu: „Astrid Lurati ist eine bedeutende Konstante in unserem Vorstandsteam und wird auch weiterhin die finanziellen Belange der Charité in diesen herausfordernden Zeiten zukunftsweisend leiten und ausgestalten. Astrid Lurati überzeugt ebenso mit ihren ausgewiesenen fachlichen Qualifikationen wie mit ihren persönlichen und sozialen Kompetenzen. Die Erhaltung und Entwicklung der universitätsmedizinischen Infrastruktur hat sie fest im Blick und während der kommenden Amtszeit wird der Neubau des Deutschen Herzzentrums der Charité am Campus Virchow-Klinikum für Astrid Lurati sicher ein Höhepunkt sein.“ Astrid Lurati betont: „Mein Dank gilt dem Aufsichtsrat, der Senatorin und natürlich Prof. Kroemer für das bestätigte Vertrauen. Dieses ist umso wichtiger, als dass die wirtschaftliche Lage schwierig ist und die vor uns liegenden Jahre uns vor nie da gewesene Herausforderungen stellen und uns manches abverlangen werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir mit der gebündelten Kompetenz und dem herausragenden Engagement aller Charitéler sowie mit der Unterstützung unseres Trägers, dem Land Berlin, aus dieser Lage heraus eine sichere und positive Zukunft für die Charité gestalten können.“ Astrid Lurati als Vorstand Finanzen und Infrastruktur Astrid Lurati kommt im Frühjahr 2016 vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo sie mehr als zehn Jahre tätig war, nach Berlin. In ihrer ersten Amtszeit als Vorstandsmitglied erreicht die Charité wiederholt solide positive Jahresergebnisse und kann in der Krankenversorgung die ambulanten und stationären Fallzahlen steigern. Darüber hinaus können zusätzliche Stellen für Pflegekräfte geschaffen und der Tarifvertrag Gesundheitsschutz und Demografie wird abgeschlossen. Nahezu von Anfang an trägt Astrid Lurati maßgeblich zur Verständigung mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) bei mit dem Ziel der Bildung eines gemeinsamen universitären Herzzentrums. Zugleich verantwortet sie die Vorbereitungen für die Errichtung eines Neubaus für dieses Herzzentrum auf dem Campus Virchow-Klinikum als digitale Modellklinik in nachhaltiger Bauweise, die seit mehr als zwanzig Jahren der erste klinische Neubau der Charité sein wird. Im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur der Wachsenden Stadt setzt die Charité unter ihrer Leitung elementare Infrastruktur- und Sanierungsmaßnahmen an allen drei bettenführenden Campi um.  Zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit hat der Vorstand die Strategie 2030 entwickelt, nach der die Charité inhaltlich und baulich ihren Zukunftsauftrag definiert. Hierfür sind für alle Campi städtebauliche Entwicklungspläne konzipiert, die sukzessive das neue Gesicht der Charité zeichnen werden.  Parallel ist die zweite Amtszeit auch von der Corona-Pandemie geprägt. Angesichts der Krisensituation stellt der Charité-Vorstand schon frühzeitig das Erreichen der wirtschaftlichen Ziele hinten an und bündelt alle Kräfte für die Versorgung der Patient:innen und die Bewältigung der Pandemiesituation. Die Einschränkung des klinischen Normalbetriebes und die Bereitstellung zusätzlicher Intensivkapazitäten führt zu einer wirtschaftlichen Belastung, die mit Unterstützung des Landes in 2020, 2021 und 2022 dennoch ein nahezu ausgeglichenes Jahresergebnis ermöglicht. In dieser Zeit hat Astrid Lurati in ihrem Verantwortungsbereich wesentliche strukturelle Änderungen vorgenommen, um auf die geänderten Rahmenbedingungen eine bestmögliche Steuerung und Erlössicherung zu gewährleisten. Wesentliche organisatorische Änderungen waren die Etablierung des Geschäftsbereichs Erlösmanagement sowie des Geschäftsbereichs Infrastruktur und Nachhaltigkeit und die Neuaufstellung des Baubereichs. Als besonderer Meilenstein ist der Zusammenschluss der herzmedizinischen Einrichtungen des DHZB und der Charité zum Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) zum 1. Januar 2023 gelungen. In der kommenden Amtszeit stehen zunächst die wirtschaftliche Konsolidierung sowie die Fortsetzung der baulichen und energetischen Erneuerung der Charité an.

Infektion mit Magenkeim könnte Alzheimer-Risiko erhöhen

- 13-12-2023

Eine Infektion mit dem Magenkeim Helicobacter pylori könnte das Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, erhöhen: Bei Menschen über 50 Jahren kann das Risiko nach einer Infektion mit Symptomen um durchschnittlich 11 Prozent erhöht sein, rund zehn Jahre nach der Infektion sogar um 24 Prozent. Das legen die Ergebnisse einer Studie von Charité – Universitätsmedizin Berlin und McGill University (Kanada) nahe, die nun im Fachmagazin Alzheimer's & Dementia* publiziert wurden. Die Forschenden haben Patientendaten aus drei Jahrzehnten analysiert. Demenzerkrankungen werden in einer alternden Bevölkerung weiter zunehmen: In den nächsten 40 Jahren wird sich die Häufigkeit von Demenz voraussichtlich verdreifachen. Da bisher keine Heilung in Sicht ist, versucht man, die Risikofaktoren für Demenz aufzuspüren – in der Hoffnung, diese dann ausschalten zu können. Helicobacter pylori gelangt ins zentrale Nervensystem Als einen möglichen Risikofaktor hat die Forschung schon länger den Magenkeim Helicobacter pylori (Hp) im Blick. Mit diesem Bakterium ist knapp ein Drittel aller Menschen in Deutschland infiziert. Eine Infektion kann symptomlos verlaufen, aber auch Magenschleimhautentzündungen und sogar Magenkarzinome verursachen. Auch ein Zusammenhang zwischen einer Hp-Infektion und dem zentralen Nervensystem ließ sich in zahlreichen Laborstudien finden. „Wir wissen, dass das Bakterium über verschiedene Wege das Gehirn erreichen kann und dort unter Umständen zu Entzündungen, Schädigungen und dem Verfall von Nervenzellen führt“, erklärt Prof. Antonios Douros, Pharmakoepidemiologe an der Charité und Erstautor der Studie. Außerdem kann ein durch den Keim geschädigter Magen Vitamin B12 und Eisen nicht mehr gut aufnehmen, was ebenfalls das Demenz-Risiko erhöht. Viele der bisherigen Studien zum Zusammenhang zwischen einer Helicobacter-pylori-Infektion und Alzheimer hatten jedoch methodische Schwächen – zum Beispiel, weil die Anzahl der Menschen, die in der Studie berücksichtigt wurden, zu klein war. Das führte auch dazu, dass man bisher nicht genau sagen konnte, wie stark der Zusammenhang zwischen einer Infektion mit Hp und Alzheimer-Demenz ist. Bevölkerungsrepräsentative Studie mit über vier Millionen Menschen Diese Schwächen auszubügeln ist Antonios Douros zusammen mit Prof. Paul Brassard von der McGill University in Montreal (Kanada) und ihren Kolleg:innen nun gelungen. Sie berücksichtigten in ihrer Studie mit über vier Millionen Menschen nicht nur sehr viele Personen, sondern auch den zeitlichen Abstand zwischen einer Hp-Infektion und einer möglichen Erhöhung des Alzheimer-Risikos. Anhand der Daten aus elektronischen Patientenakten aus Großbritannien konnten sie den Zusammenhang zwischen dem Magenkeim Helicobacter pylori und Alzheimer-Demenz im Verlauf eines Lebens quantifizieren. „Unsere Studie zeigt, dass symptomatische Infektionen mit Helicobacter pylori nach dem 50. Lebensjahr mit einem um elf Prozent erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz einhergehen können. Die Risikoerhöhung erreicht ihren Maximalwert von 24 Prozent etwa ein Jahrzehnt nach der Hp-Infektion“, fasst Antonios Douros die Ergebnisse zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch nach einer symptomatischen Hp-Infektion zwangsläufig an Alzheimer erkranken wird. Bei den Berechnungen handelt es sich um eine Erhöhung des relativen Risikos im Vergleich zu Personen, die keine symptomatische Hp-Infektion nach dem 50. Lebensjahr hatten. Sind Hp-Infektionen ein beeinflussbarer Risikofaktor?  „Für uns bekräftigt dieses Ergebnis die Annahme, dass eine Helicobacter-pylori-Infektion ein beeinflussbarer Risikofaktor für Alzheimer-Demenz sein könnte“, schlussfolgert der Pharmakoepidemiologe. Ob und in welchem Maß die konsequente, flächendeckende Bekämpfung dieses Magenkeims durch sogenannte Eradikationsprogramme die Entwicklung von Alzheimer tatsächlich beeinflusst, muss allerdings erst in groß angelegten randomisierten Studien getestet werden.

Meilenstein für hochmoderne, umfassende Versorgung von Krebspatient:innen

- 24-11-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, BIH und Max Delbrück Center Neuartige Behandlungen und eine enge Verbindung von klinischer und translationaler Krebsforschung – dafür steht das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Berlin als eine wesentliche Erweiterung des Charité Comprehensive Cancer Center. Getragen durch die Kooperation dreier herausragender Institutionen: Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und Max Delbrück Center zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum ist das NCT Berlin einer von bundesweit sechs Standorten des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen. An dem neuen Standort werden die Berliner Forschungsaktivitäten zur Einzelzellanalyse, zu Immuntherapien, Datenwissenschaft und Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) noch weiter vertieft und frühe klinische Studien zum Nutzen von Patient:innen auf den Weg gebracht. Es sind Therapien der Zukunft, die in Berlin erdacht, hergestellt und angewendet werden. Teilweise sind sie bereits im Einsatz: Immuntherapien oder auch hochkomplexe Gen- und Zelltherapien, die in die molekularen Prozesse an Krebs erkrankter Zellen eingreifen, sie gezielt verändern und damit im Idealfall Patient:innen nachhaltig heilen. Technologien und Therapien, die noch am Anfang stehen – doch schon jetzt sind sie mit großen Hoffnungen versehen. So können beispielsweise Forscher:innen Tumorgewebe oder Blut von Patient:innen mittels Einzelzell-Technologien in hoher Auflösung untersuchen. Sie sehen unter anderem, welche Gene die einzelnen Zellen zu einem bestimmten Zeitpunkt der Erkrankung ablesen und können geeignete therapeutische Angriffspunkte identifizieren. Die erkrankten Zellen dienen als Stellvertreter, als Avatar der Erkrankung der Patientin oder des Patienten – eine potenzielle Wirkung von Medikamenten lässt sich ohne unnötige Nebenwirkungen testen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz werten die Forscher:innen riesige entstandene Datenmengen aus. Ihr Ziel: vorhersagen, wie die Krankheit verlaufen und ob ein Tumor auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird. Das Ergebnis ist eine auf die zellulären Eigenschaften der individuellen Krankheit zugeschnittene Behandlung. Man spricht auch von Präzisionsonkologie. Drei bewährte Partner am NCT-Standort Berlin Dieses Konzept einer zellbasierten Medizin benötigt enge Interaktionen zwischen klinischer Medizin, Grundlagenwissenschaft – Molekularbiologie, Zellbiologie, Biochemie und Biophysik – und den Möglichkeiten der Mathematik, Bioinformatik, künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens. Eine weitere Voraussetzung sind kliniknahe, innovative Herstellungsverfahren für den Einsatz zellulärer Therapien. Genau daran arbeiten Einzelzell-Forschende, Tumorimmunolog:innen, Bioinformatiker:innen und Mediziner:innen bereits in Berlin. Im neuen NCT-Standort finden diese Schwerpunkte nun ihre Fortsetzung – beim Übertragen neuartiger Zelltherapien für Krebserkrankungen in die klinische Praxis. Das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörende Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin treibt die eng mit der Klinik verzahnte Technologieentwicklung voran. Am BIH werden die Schwerpunkte Einzelzell-Technologien sowie Gen- und Zelltherapien ausgebaut. Und die Charité, Europas größtes Universitätsklinikum, trägt mit ihrem Comprehensive Cancer Center zu einer umfassenden, interdisziplinären Versorgung von Krebspatient:innen auf der Basis ihrer klinisch-wissenschaftlichen Expertise in innovativer, personalisierter Krebsdiagnostik und -therapie bei. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit im NCT Berlin ermöglicht es, hochinnovative Technologien bis zur medizinischen Anwendung weiterzuentwickeln. Erkenntnisse aus der klinischen Forschung fließen wiederum in die Verbesserung von Behandlungskonzepten ein. So entstehen faszinierende Perspektiven für die Krebsmedizin, insbesondere, wenn es um die Fragen geht: Sprechen Tumorzellen auf eine Behandlung an? oder Wie lassen sich Resistenzmechanismen überwinden? Für eine hochmoderne, individuelle Krebsversorgung in der Region Jährlich werden in Deutschland rund 510.000 Krebserkrankungen neu diagnostiziert. Der Einzugsbereich des NCT Berlin umfasst etwa ein Zehntel der Bevölkerung mit 8,6 Millionen Menschen in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die heute in Heidelberg unterzeichnete Bund-Länder-Vereinbarung zum erweiterten NCT ist nicht nur für den Berliner Standort ein Meilenstein in der Entwicklung einer hochinnovativen Krebsversorgung. Ab 2024 beginnt eine institutionelle Förderung, nach der Aufbauphase soll jeder neue NCT-Standort mit bis zu 14,5 Millionen Euro jährlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem jeweiligen Bundesland im Verhältnis 90 zu 10 finanziert werden. Entscheidend für den Berliner Standort ist die Unterstützung des Senats bei der Finanzierung eines neuen NCT-Gebäudes am Charité Campus Virchow-Klinikum, in dem modernste Labore, eine Ambulanz für personalisierte Krebsmedizin und ein Informationszentrum für Krebspatient:innen entstehen werden. Um junge Talente in der Krebsforschung für Berlin zu gewinnen, stehen etablierte Weiterbildungsmöglichkeiten wie das BIH Charité Clinician Scientist Programm, das einen Einstieg in die klinisch-wissenschaftliche Karriere ermöglicht, bereit. Dr. Ina Czyborra, Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité über die Bedeutung des NCT-Standortes für die Gesundheitsstadt: „Mit dem Aufbau des Berliner NCT-Standortes wird ein wichtiges Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag zur Weiterentwicklung der Wissenschaft und Forschung im Land Berlin umgesetzt und der Forschungs- und Gesundheitsstandort Berlin ein weiteres Stück vorangebracht.“ Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, zur einmaligen Chance des NCT Berlin für alle Beteiligten: „Krebsforschung und Krebsbehandlung unter einem Dach zu vereinen, ist das übergeordnete Ziel aller Fachbereiche einer Universitätsmedizin. Hiervon profitieren Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber vor allem die Patientinnen und Patienten in Berlin und der näheren Umgebung.“ Prof. Ulrich Keilholz, Leiter des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) und gemeinsam mit Charité-Prof. Angelika Eggert Co-Sprecher des NCT Berlin: „Das neue Zentrum wird zu einem wichtigen Akteur im Kampf gegen Krebs in der Region Berlin, Brandenburg und weit darüber hinaus. Jede Patientin und jeder Patient erhält im CCCC einen individuellen Behandlungsplan, der in einem interdisziplinären Team entwickelt wird. Darüber hinaus ermöglichen wir im NCT innovative Diagnostik und die Teilnahme an klinischen Studien. Wir sind stolz darauf, im NCT Berlin dieser Entwicklung deutlich mehr Schwung zu geben und bedanken uns für die Unterstützung auf diesem Weg.“ Prof. Nikolaus Rajewsky, Wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Centrums für Molekulare Medizin (MDC-BIMSB): „Je genauer man die Zellen eines Tumors versteht, desto gezielter kann man ihn bekämpfen. Wir wollen deshalb wegweisende Technologien wie die räumliche Einzelzellbiologie in den klinischen Alltag bringen. Den Grundstein haben die Berliner Partner bereits 2020 mit vier gemeinsam rekrutierten Nachwuchsgruppen gelegt. Im NCT Berlin vertiefen wir diese Zusammenarbeit – zum Nutzen der Krebspatient:innen.“ Prof. Christof von Kalle, BIH-Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften und Direktor des Klinischen Studienzentrums: „Nach dem großen Erfolg der Startphase ist die NCT-Erweiterung auf jetzt sechs Standorte im Rahmen der Nationale Dekade gegen Krebs nicht nur eine großartige Chance für Berlin und die beteiligten Institutionen Charité, Max Delbrück Center und BIH sondern ebenso für die Entwicklung von patientenrelevanter Krebsforschung und -therapie national und international ein sehr wichtiger nächster Schritt.“

KI in der personalisierten Krebstherapie: Menschen treffen die besseren Entscheidungen

- 20-11-2023

Die Behandlung von Krebs wird zunehmend komplexer, bietet aber auch immer mehr Möglichkeiten. Denn je besser man die Biologie eines Tumors versteht, desto mehr Ansätze für die Behandlung gibt es. Um Patient:innen eine auf ihre Erkrankung zugeschnittene, personalisierte Therapie anbieten zu können, ist eine aufwändige Analyse und Interpretation verschiedener Daten nötig. Forschende an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin haben nun untersucht, ob generative Künstliche Intelligenz (KI) wie ChatGPT dabei unterstützen kann. Es ist eines von vielen Projekten an der Charité, in denen die Chancen von KI für die Patientenversorgung analysiert werden. Können bestimmte Gen-Mutationen nicht mehr vom Körper selbst repariert werden, kann es zu einem unkontrollierten Wachstum von Zellen kommen – ein Tumor entsteht. Entscheidend dafür ist ein Ungleichgewicht von wachstumsfördernden und wachstumshemmenden Faktoren, zum Beispiel durch Veränderungen in Onkogenen. Dieses Wissen macht sich die Präzisionsonkologie zunutze, ein Spezialgebiet der personalisierten Medizin: Überaktive Onkogene werden mithilfe bestimmter Arzneimittel wie niedermolekularen Inhibitoren oder Antikörpern gezielt abgeschaltet. Damit man weiß, bei welchen Gen-Mutationen die Behandlung ansetzen kann, wird dafür zunächst das Tumorgewebe genetisch analysiert. Die molekularen Varianten der Tumor-DNA, die für eine genaue Diagnose und Therapie notwendig sind, werden ermittelt. Anschließend leiten die Ärztinnen und Ärzte aus diesen Informationen individuelle Therapieempfehlungen ab. In besonders komplexen Fällen ist hierfür Wissen aus verschiedenen medizinischen Bereichen notwendig. An der Charité kommt dann das sogenannte molekulare Tumorboard (MTB) zusammen: Expert:innen der Pathologie, Molekularpathologie, Onkologie, Humangenetik und Bioinformatik analysieren gemeinsam anhand der aktuellen Studienlage, welche Therapien den größten Erfolg versprechen. Ein sehr aufwändiges Verfahren, an dessen Ende eine personalisierte Therapieempfehlung steht. Können Künstliche Intelligenzen bei der Therapieentscheidung unterstützen? Kann Künstliche Intelligenz an dieser Stelle unterstützen, fragten sich Dr. Damian Rieke, Arzt an der Charité, Prof. Dr. Ulf Leser und Xing David Wang von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Dr. Manuela Benary, Bioinformatikerin an der Charité. In einer jetzt im Fachmagazin JAMA Network Open* veröffentlichten Studie untersuchten sie zusammen mit weiteren Forschenden die Chancen und Grenzen von Large Language Models wie ChatGPT bei der automatisierten Sichtung der wissenschaftlichen Literatur für die Auswahl einer personalisierten Therapie. „Wir haben diese Modelle vor die Aufgabe gestellt, personalisierte Therapieoptionen für fiktive Krebspatient:innen aufzuzeigen und dies mit den Empfehlungen von Expert:innen verglichen“, erläutert Damian Rieke. Sein Fazit: „Künstliche Intelligenzen waren prinzipiell in der Lage personalisierte Therapieoptionen zu identifizieren – kamen aber an die Fähigkeit menschlicher Expertinnen und Experten nicht heran.“ Für das Experiment hat das Team zehn molekulare Tumorprofile fiktiver Patient:innen erstellt. Dann wurden ein spezialisierter Arzt und vier Large Language Models damit beauftragt, eine personalisierte Therapiemöglichkeit zu ermitteln. Diese Ergebnisse wurden den Mitgliedern des molekularen Tumorboards zur Bewertung präsentiert – ohne dass diese wussten, woher eine Empfehlung stammt. Verbesserte KI-Modelle machen Hoffnung auf künftige Einsatzmöglichkeiten „Vereinzelt gab es überraschend gute Therapieoptionen, die durch die künstliche Intelligenz identifiziert wurden“, berichtet Manuela Benary. „Die Performance von Large Language Models ist allerdings deutlich schlechter als die menschlicher Expertinnen und Experten.“ Außerdem würden Datenschutz und Reproduzierbarkeit besondere Herausforderungen bei der Anwendung künstlicher Intelligenz bei realen Patienten und Patientinnen darstellen, so Benary. Dennoch sieht Damian Rieke die Einsatzmöglichkeiten von KI in der Medizin grundsätzlich optimistisch: „Wir konnten in der Studie auch zeigen, dass sich die Leistung der KI-Modelle mit neueren Modellen weiter verbessert. Das könnte bedeuten, dass KI künftig auch bei komplexen Diagnose- und Therapieprozessen stärker unterstützen kann – so lange Menschen die Ergebnisse der KI kontrollieren und letztlich über Therapien entscheiden.“ KI-Projekte an der Charité zielen auf bessere Patientenversorgung Auch Prof. Dr. Dr. Felix Balzer, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, ist sich sicher, dass die Medizin von KI profitiert. Als Chief Medical Information Officer (CMIO) am Geschäftsbereich IT der Charité arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Medizin und Informationstechnologie. „Ein besonderer Fokus liegt im Hinblick auf eine effizientere Patientenversorgung auf der Digitalisierung und somit auch auf dem Einsatz von Automation und Künstlicher Intelligenz“, sagt Balzer. An seinem Institut wird beispielsweise an KI-Modellen zur Sturzprophylaxe im Pflegebereich gearbeitet. Aber auch andere Bereiche der Charité beschäftigen sich intensiv mit der Erforschung Künstlicher Intelligenz: Das Charité Lab für Artificial Intelligence in Medicine befasst sich mit der Entwicklung von Tools zur KI-basierten Prognose nach Schlaganfällen, und das Projekt TEF-Health verfolgt unter der Leitung von Prof. Petra Ritter vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) das Ziel, die Validierung und Zertifizierung von KI und Robotik in medizinischen Geräten zu erleichtern.

Charité bringt Wohl von Patient:innen in Europa voran

- 10-11-2023

Aufzeigen, wie Menschen schneller Zugang zu neuartigen Therapien erhalten oder wie im Krisenfall ein europaweiter Austausch von Intensivpflegenden möglich werden kann – nur zwei Initiativen, die die Charité – Universitätsmedizin Berlin während ihrer Präsidentschaft der European University Hospital Alliance (EUHA) vorangebracht hat. Die Aktivitäten der Allianz tragen dazu bei, die Gesundheitsversorgung in den europäischen Ländern zukunftssicherer und im Interesse der Patient:innen zu gestalten. Heute hat die Charité in Berlin den Vorsitz der EUHA nach sechs Monaten an der Spitze an das schwedische Karolinska University Hospital weitergegeben. Die Herausforderungen unserer Zeit liegen in technologischen Fortschritten, völlig neuen medizinischen Möglichkeiten, ihren Kosten und gleichzeitig den alternden Gesellschaften in vielen Ländern Europas. Hinzu kommt die verstärkte Notwendigkeit, auf Auswirkungen von Krisen, Pandemien oder Naturkatastrophen reagieren zu können. Die EUHA vereint exzellente universitäre Partner in Forschung und Krankenversorgung. Sie engagieren sich in strategischen Netzwerken und Arbeitsgruppen für Lösungen zu drängenden Fragen. In den zurückliegenden Monaten konnte die Charité neue Vorhaben initiieren und andere auf den Weg bringen. Unter ihnen EUCARE, ein Aus- und Weiterbildungsprojekt, das im Krisenfall einen europaweiten Austausch von Intensivpflegenden ermöglichen soll und dabei hilft, diesen zu koordinieren. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird das Projekt starten. Es handelt sich um eine der ersten Initiativen dieser Art im Bereich der Pflege. Für einen breiten Zugang zu neuen Zell- und Gentherapien JOIN4ATMP, ein Projekt, das in diesen Tagen die Förderzusage der Europäischen Kommission erhalten hat, soll dabei helfen, in Europa die Entwicklung, und damit die breite Verfügbarkeit, neuartiger Therapien – sogenannte Advanced Therapy Medicinal Products (ATMPs) – zu beschleunigen. ATMPs sind Arzneimittel, die auf Genen, Geweben oder Zellen basieren und daher oft lebende Bestandteile enthalten. So ist es beispielsweise möglich, einem Menschen mit Leukämie weiße Blutkörperchen zu entnehmen und diese im Labor gentechnisch so zu verändern, dass sie – zurück im Körper – die Krebszellen erkennen und zerstören. Trotz einer hohen Zahl von ATMPs, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, sind nur wenige Produkte für den europäischen Markt zugelassen. Das Problem: Herkömmliche regulatorische Auflagen für die Zulassung von Medikamenten lassen sich nicht direkt auf komplexe Gen- und Zelltherapien übertragen. Hier setzt das an der Charité koordinierte Konsortium an und erarbeitet konkrete Empfehlungen. Die Expertise aus Universitätsmedizin und Biotech-Unternehmen zur präklinischen Entwicklung, Herstellung, klinischen Prüfung, Marktzulassung und Vergütung von ATMPs kommt dabei europaweit zusammen. Entstehen konnte das Vorhaben vor dem Hintergrund eines von der EUHA gegründeten virtuellen länderübergreifenden Instituts, dem European Center for Gene and Cellular Cancer Therapies (EUCCAT), dessen Ziel es ist, neue Therapien erschwinglich und für alle Patient:innen verfügbar zu machen. Karolinska University Hospital löst Präsidentschaft der Charité ab Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité und scheidender EUHA- Präsident, betont anlässlich der halbjährlichen Mitgliederversammlung der EUHA in Berlin: „Nicht nur in Krisenzeiten wie der Pandemie waren der Zusammenschluss in der EUHA, der schnelle Austausch und die Unterstützung untereinander wertvoll. Auch jetzt, wenn es darum geht, die Gesundheitssysteme neu aufzustellen, können wir voneinander lernen und gemeinsam vieles erreichen. In den vergangenen Monaten haben wir innovative Forschungsprojekte und Projekte mit neuen Weiterbildungsansätzen eingeworben, die dazu beitragen werden, Patientinnen und Patienten in Europa auch zukünftig auf hohem Niveau zu versorgen. Das konnte nur im Schulterschluss mit den ausgezeichneten Partnern der EUHA gelingen.“ Die Charité hat zudem während ihres Vorsitzes den Austausch mit europäischen Akteuren intensiviert. In Gesprächen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Stella Kyriakides, EU-Kommissarin für Gesundheit, adressierte Prof. Kroemer Kernfragen zur Reform der Gesundheitssysteme und präsentierte auch Lösungsansätze. Um der demografischen Situation in Europa und den einzelnen Ländern gerecht zu werden, sei es notwendig, rechtzeitig Fachkräfte zu gewinnen, doch ebenso müssten auch digitale Anwendungen verstärkt übernehmen, was nicht zwingend von Menschen getan werden muss. Für neue Digitalisierungsansätze, die beispielsweise mehr Prävention und Gesundheitsfürsorge im häuslichen Umfeld ermöglichen, wie auch für Innovationen im biomedizinischen Bereich sind einheitliche Grundlagen und eine Koordination der Strukturen und Systeme auf europäischer Ebene von großer Bedeutung. Heute hat die Charité den Vorsitz der EUHA an das Karolinska University Hospital übergeben. Um den Aufgaben der Zeit gerecht zu werden und begonnene Prozesse fortzuführen, werden beide Häuser in der nun folgenden Präsidentschaft zusammenarbeiten. Bereits im Oktober hatten die Charité und das führende schwedische Universitätsklinikum in einem Memorandum of Understanding eine engere Kooperation vereinbart.

Christine Geffers leitet das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité

- 09-11-2023

Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat eine neue Direktorin: Prof. Dr. Christine Geffers hat zum 1. November die Institutsleitung übernommen und zugleich einen Ruf auf Lebenszeit als Professorin für Hygiene und Umweltmedizin erhalten. Prof. Geffers war bisher stellvertretende Institutsdirektorin und hat die Hygiene-Surveillance und Infektionsprävention an der Charité maßgeblich geprägt. Prof. Geffers widmet sich bereits seit Beginn ihrer Forschungskarriere der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen. Diese sogenannten nosokomialen Infektionen werden oft durch Erreger verursacht, die Patient:innen selbst mit ins Krankenhaus bringen – zum Beispiel auf der Haut oder den Schleimhäuten. Gesunden Menschen können die Organismen normalerweise nichts anhaben. Doch wenn sie bei einer medizinischen Behandlung in Organe wie die Harnblase, die Lunge oder in den Blutkreislauf eindringen, können sie schwere Infektionen verursachen. Surveillance als Warnsystem für Infektionen Genau diese Krankenhausinfektionen will Prof. Geffers bekämpfen – unter anderem mit einem Surveillance-System. Unter Surveillance versteht man in diesem Fall die fortlaufende, systematische Erfassung, Analyse und Interpretation der Infektionsraten. Die Infektionshäufigkeit bei den eigenen Patient:innen wird dabei mit Durchschnittsdaten verglichen. Wenn es Auffälligkeiten gibt, sucht man nach den Gründen dafür – und ergreift Maßnahmen dagegen. Zusammen mit ihrer Vorgängerin, Prof. Dr. Petra Gastmeier, und ihrem Team hat Prof. Geffers das an der Charité entwickelte Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System KISS weiter ausgebaut. Das System wurde ursprünglich von Prof. Gastmeier etabliert, die für ihr Engagement in diesem Bereich vielfach ausgezeichnet wurde. Aktuell beteiligen sich deutschlandweit mehr als 1000 Krankenhäuser an dem Surveillance-System – mit Erfolg: „Wir konnten zeigen, dass während einer Surveillance das Risiko für nosokomiale Infektionen in den beteiligten medizinischen Einrichtungen sinkt“, berichtet Prof. Geffers. Wirksame Maßnahmen gegen Infektionen finden Außerdem untersucht Christine Geffers, welches die größten Risikofaktoren für eine Krankenhausinfektion sind und mit welchen Maßnahmen sie sich am wirksamsten verhindern lassen. So konnte sie zeigen, dass Katheter – zum Beispiel in der Vene – ein entscheidender Risikofaktor für Infektionen sind. An diesen Risikofaktoren kann dann die Prävention ansetzen. Doch welche Maßnahmen zur Prävention sind wirklich effektiv? Auch hier liefern die Studien von Prof. Geffers und dem Team des Hygiene-Instituts Antworten: Sie konnten beispielsweise nachweisen, dass verschiedene Reinigungs- und Desinfektionsmethoden oder die Verwendung von täglichen antiseptischen Körperwaschungen bei Intensivpatienten Infektionen verhindern können. „Die Erkenntnisse aus diesen Studien werden bereits erfolgreich in der Charité umgesetzt“, betont Prof. Geffers. Neue Instrumente, um Ausbrüche zu erkennen und zu verhindern Kommt es doch einmal zu einem Ausbruch von Erregern, muss umgehend gehandelt werden. Ein weiterer Schwerpunkt von Prof. Geffers Forschung liegt deshalb auf der Entwicklung von Instrumenten, mit denen sich Ausbrüche frühzeitig feststellen lassen. „Wir haben ein digitales Instrument hierfür entwickelt, das inzwischen erfolgreich an mehreren Kliniken in Deutschland eingesetzt wird“, erklärt Prof. Geffers. Neben ihrer Forschungstätigkeit berät Christine Geffers mit ihrem Team Kliniken zu Fragen der Infektionsprävention und zum Umgang mit multiresistenten Erregern. Der Hygieneleitfaden des Instituts stellt die Grundlage der Infektionsprävention an der Charité dar. Zur Infektionsprävention gehören auch praktische Trainings, wie sie Prof. Geffers künftig noch stärker etablieren möchte: Alltägliche Situationen auf einer Station werden mithilfe von Simulatoren nachgestellt und die Abläufe anschließend im Team ausgewertet. Digitalisierung kann Klinik und Lehre unterstützen In den nächsten Jahren will Prof. Geffers noch stärker auf Digitalisierung setzen. Sie entwickelt derzeit einen infektiologischen Qualitätsindikator, der mittels eines Algorithmus Infektionen in einem automatisierten Verfahren identifizieren kann. In einem weiteren Forschungsprojekt plant sie, bakterielle Erreger anhand der Bausteine im genetischen Code auf ihre Verwandtschaft zu untersuchen. Damit lassen sich Erkenntnisse über die Ausbreitung von Erregern gewinnen. Auch bei der Lehre liegt ihr die Digitalisierung am Herzen: „Die digitalen Lehr-Formate während der Pandemie haben gezeigt, dass einige der neu entwickelten eLearning-Angebote sehr gut von den Studierenden und den Dozierenden angenommen wurden. Diese Erfahrungen sind eine Chance, die wir unbedingt zur Integration innovativer Formate für die Lehre aufgreifen sollten“, sagt Prof. Geffers.

Digitale Charité: Erfolgreiche Nutzung der elektronischen Patientenakte

- 09-11-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat als eine der ersten Unikliniken mit der standardisierten Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) begonnen. Mit dieser digitalen Anwendung der Telematikinfrastruktur (TI) erhalten Patient:innen zunächst insbesondere Arzt- und Entlassungsbriefe für die Weiterbehandlung in ihre ePA. Verwaltet und zur Einsicht freigegeben wird die digitale Akte ausschließlich von den Patient:innen selbst. So sind medizinische Informationen schneller und einfacher verfügbar. Ziel der Vernetzung ist es, die Qualität und die Sicherheit der Behandlungen für alle Patient:innen zu erhöhen. In der ePA der TI sind alle relevanten Gesundheitsdaten wie Untersuchungsbefunde und weitere Dokumente an einer Stelle digital zusammengefasst und jederzeit verfügbar. Behandelnde Ärzt:innen können daraus einen schnellen Überblick über die Krankengeschichte ihrer Patient:innen erhalten. Da die ePA eine patientengeführte Akte ist, entscheiden die Nutzer:innen selbst, welche und wie lange Kliniken und Praxen Zugriff auf ihre freigegebenen ePA-Daten haben und welche Einrichtungen Daten übertragen dürfen. Zudem sind die persönlichen Gesundheitsdaten sicher auf Servern in Deutschland geschützt und unterliegen europäischen Datenschutzbestimmungen. „Wir haben die ePA inzwischen bis auf wenige Ausnahmen in allen Bereichen der Charité ausgerollt. Mit der Einführung soll zusätzlich zur engeren Vernetzung sowie der Optimierung der Gesundheitsversorgung und einer Verbesserung der Behandlungsqualität auch der häufig zeitintensive Beschaffungsaufwand von relevanten Befunden reduziert werden“, erklärt Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung. Er fügt hinzu: „Mit der TI-ePA werden erstmals auch Patient:innen direkt in die Nutzung klinischer Dokumente und Daten einbezogen. Dies ist schon länger ein erklärtes Ziel der Charité.“  In der Charité wurden bereits erste Daten erfolgreich in elektronische Patientenakten übertragen: „Unsere ersten Erfahrungen zeigen jedoch, dass viele Patient:innen der Nutzung ihrer ePA durch die Charité zustimmen, tatsächlich aber gar keine ePA besitzen oder die Zugriffsberechtigung für die Charité noch nicht erteilt haben. Dies zeigt, dass die Aufklärungsarbeit von allen Seiten intensiviert werden muss. Wir beteiligen uns daran und erfragen beispielsweise proaktiv die ePA-Nutzung und geben Informationsmaterialien aus. Für die Verbesserung unserer Nutzungsprozesse brauchen wir Feedback aus der Praxis– von ‚echten‘ Patient:innen und klinischen Anwender:innen“, führt Prof. Kreis weiter aus.  Derzeit könnten 74 Millionen gesetzlich Versicherte diese Technik schon nutzen, doch weniger als ein Prozent tun dies bereits. In anderen europäischen Ländern ist das System in die medizinische Versorgung integriert und die App wird seit einigen Jahren flächendeckend eingesetzt. Spitzenreiter sind dabei Dänemark, Finnland und Schweden. Prof. Kreis fasst zusammen: „Die Zurückhaltung in Deutschland könnte unter anderem an der aufwendigen Anlage der ePA sowie der technischen Komplexität der TI liegen. Um die Patient:innen umfänglich über die Vorteile der ePA aufzuklären, wäre es hilfreich, wenn auch Krankenkassen, Politik und Leistungserbringer noch intensiver und zielorientierter dazu informieren würden.“ 

Sonntagsvorlesung „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“

- 07-11-2023

Wir alle wünschen uns ein gutes Gedächtnis und maximale Konzentrationsfähigkeit bis ins hohe Alter. Doch warum nimmt die Vergesslichkeit im Laufe des Lebens zu? Was kann ich selbst tun, um mein Gedächtnis länger fit zu halten? Und was ist der Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer? In der Sonntagsvorlesung am 12. November geht es um altersbedingte Veränderungen der Gedächtnisleistung und verschiedene Formen von Demenzerkrankungen. Prof. Dr. Oliver Peters und Privatdozent Dr. Julian Hellmann-Regen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin informieren über diagnostische Methoden und die spezialisierte Gedächtnissprechstunde. Zudem sprechen sie über moderne Therapiemöglichkeiten und wie eine frühzeitige Behandlung die Lebensqualität der Betroffenen und ihres Umfelds verbessern kann. Darüber hinaus geben die Experten Tipps zur Prävention, erklären neueste Erkenntnisse aus der Forschung und berichten über aktuelle Studien. Die Sonntagsvorlesung „Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund?“ findet statt am 12. November um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Ankündigungsvideo Mehr zu den Inhalten erzählt Prof. Peters im Kurzvideo. Sonntagsvorlesung nachgehört Die Vorlesung kann im Nachhinein als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. Neu bei „Sonntagsvorlesung nachgehört“ sind die Vorlesungen „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ und „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“. Zur Sonntagsvorlesung Mit der Neuauflage der Sonntagsvorlesungen wurde 2008 eine mehr als 30-jährige Tradition der Charité neu belebt, die am 13. März 1977 erstmals ins Leben gerufen worden war. Ziel der Vorlesungen ist es, der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig neueste Informationen zu verschiedensten medizinischen Themen zu präsentieren. Dabei sprechen Expert:innen der Charité über Diagnostik, Therapie und Prävention sowie Forschungsprojekte und aktuelle Erkenntnisse. 

Prof. Dr. Kroemer bleibt Vorstandsvorsitzender der Charité

- 01-11-2023

Die Aufsichtsratsvorsitzende der Charité, Wissenschaftssenatorin Dr. Ina Czyborra, und Prof. Dr. Heyo K. Kroemer haben heute den Vertrag für die zweite Amtszeit von Prof. Kroemer als Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin abgeschlossen. Der Pharmakologe verantwortet seit vier Jahren die Geschicke von Deutschlands größter Universitätsmedizin. Der Aufsichtsrat der Charité hatte Ende September beschlossen, ihn vorfristig für eine zweite Amtszeit zu bestellen. Als Vorstandsvorsitzender vertritt Prof. Kroemer die Charité in allen Angelegenheiten. Er verantwortet die Unternehmensentwicklung und achtet auf die Integration der unterschiedlichen Unternehmensziele sowie den Interessenausgleich zwischen klinischen und wissenschaftlichen Erfordernissen. In die erste Amtszeit von Prof. Kroemer fiel die strategische Neuausrichtung der Charité mit der im Herbst 2020 vorgelegten Unternehmensstrategie „Wir denken Gesundheit neu. Charité 2030“. Hintergrund der Strategie sind die großen Herausforderungen und der weiter zunehmende Veränderungsdruck, vor dem das Gesundheitssystem in Deutschland in den kommenden Jahren steht. Das Umfeld der Charité wird sich massiv wandeln und damit die künftige strategische Positionierung der Charité stark beeinflussen. Hierfür bildet das Konzept die zukunftsorientierte Basis für anstehende Entscheidungen des Vorstandes. Wichtige weitere Themen der ersten Amtszeit waren insbesondere die Integration des Berlin Institute of Heath (BIH) 2021 und des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) 2023 in die Berliner Universitätsmedizin. Besonders geprägt waren die vier Jahre der ersten Amtszeit durch die COVID-19-Pandemie und die Auswirkungen auf Krankenversorgung sowie Forschung und Lehre. Die Charité war als sogenanntes Level-I-Krankenhaus für Berlin und Brandenburg intensiv in die Versorgung besonders schwer an Corona erkrankter Patient:innen eingebunden. Prof. Kroemer engagierte sich zudem als Vorsitzender des Corona-ExpertInnenrats der Bundesregierung. In insgesamt zwölf veröffentlichten Stellungnahmen hatte das Gremium Empfehlungen gegeben, die in die politischen Entscheidungen eingeflossen sind. Er ist außerdem Mitglied der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Im Juni hat Prof. Kroemer turnusgemäß in London die Präsidentschaft der European University Hospital Alliance (EUHA) übernommen. Dr. Ina Czyborra, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Charité und Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin, erklärt: „Ich freue mich sehr, dass Prof. Dr. Heyo K. Kroemer dem Vorstand der Charité auch nach dem Jahr 2024 für weitere fünf Jahre zukunftsorientiert vorsitzen wird. Im Senat von Berlin sind wir uns einig, dass er für diesen wichtigen Posten der Richtige ist. Herr Prof. Kroemer hat bereits in den vergangenen Jahren als Vorstandvorsitzender der Charité bewiesen, dass er mehr als in der Lage ist, unsere international renommierte Universitätsmedizin mit ihren vier Standorten zu leiten. Das ist keine leichte Aufgabe. In den nächsten Jahren stehen wir vor der Herausforderung, die Universitätsmedizin auf den Gebieten der Patientenversorgung, der Forschung und auch der Lehre in Zeiten von Personalknappheit in die Zukunft zu führen. Dabei spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Auf diesem Weg und auch bei der Umsetzung der Krankenhausreform wird Herr Prof. Kroemer für uns ein wichtiger Partner sein.“ Stefan Evers, Bürgermeister und Senator für Finanzen des Landes Berlin, teilt mit: „Es ist eine gute Nachricht für Berlin, dass Prof. Dr. Heyo K. Kroemer Vorstandsvorsitzender der Charité bleibt. Mit seiner bisherigen, oft visionären Arbeit hat er sich um unsere Stadt und um die Charité in vielfacher Weise verdient gemacht. Ich bin mir sicher, er wird die Charité in den bevorstehenden, herausfordernden Zeiten zukunftsweisend leiten, mit Fachkompetenz, Weitsicht und der ihm eigenen Innovationskraft.“ Prof. Dr. Heyo K. Kroemer erklärt: „Ich danke dem Aufsichtsrat und dem Senat Berlin für das ausgesprochene Vertrauen. Ich freue mich sehr, in den nächsten Jahren gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden und den Mitgliedern des Vorstands die Zukunft der Charité gestalten zu dürfen. Vor uns liegen große Herausforderungen. Dazu zählen die wirtschaftliche Lage der universitären Medizin und die Finanzierung der Krankenversorgung, aber auch die älter werdende Gesellschaft, die neben der Versorgung einer größer werdenden Zahl älterer Menschen auch mit einem zunehmenden Fachkräftemangel im Gesundheitssektor einhergeht. Zugleich bestehen durch das Vorantreiben der Digitalisierung, die Integration von BIH und DHZC in die Charité sowie die Umsetzung der Strategie Charité 2030 große Chancen. Dafür benötigen wir das Engagement und die Kenntnis aller Mitarbeitenden. Wir können bei allen Schwierigkeiten optimistisch nach vorne schauen, zusammen können wir die Zukunftsaufgaben meistern.“

Kindesmissbrauch durch Prävention auf Täterseite zuvorkommen

- 24-10-2023

Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch konzentriert sich oft auf Kinder, Familien, Fachkräfte oder andere Menschen, die helfen können. Der Fokus liegt dabei auf den potenziellen Opfern. Prävention kann aber auch bei Personen ansetzen, die ein erhöhtes Risiko haben, sexuell übergriffig zu werden. Genau das will ein an der Charité – Universitätsmedizin Berlin geleitetes Projekt: STOP-CSAM – Scalable Technology for Online Prevention of CSA and CSAM. Es handelt sich dabei um ein Online-Präventionsprogramm, das sich an Personen richtet, die sexuelles Interesse an Kindern haben und damit verantwortungsvoll umgehen möchten. Unterstützt wird das Vorhaben von der Europäische Kommission für zwei Jahre mit rund 1,3 Millionen Euro. Die Verbreitung von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs, auch als CSAM – Child Sexual Abuse Material – oder Kinderpornografie bezeichnet, ist in den vergangenen Jahren vor allem im Internet enorm angestiegen. Allein für das vergangene Jahr verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) in Deutschland einen Anstieg um sieben Prozent auf 42.075 registrierte Fälle von Missbrauchsdarstellungen von Kindern im Netz. Die zuständigen Behörden verfügen nur über begrenzte Möglichkeiten, Verdächtige aufzuspüren, ausreichende Beweise für kriminelle Aktivitäten zu sammeln und Verfahren einzuleiten. Viele dieser Straftaten bleiben unentdeckt. „Es ist dringend notwendig, die verursacherbezogene Prävention zu verbessern und auszuweiten, um eine Verbreitung und Nutzung von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs zu verringern“, erklärt Prof. Dr. Dr. Klaus Beier, der das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité wie auch das neue Projekt STOP-CSAM leitet. Für vorangegangene Initiativen zur Missbrauchsprävention, insbesondere die Initiative „Kein Täter werden“, erhielt er 2017 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Anonymer, kostenfreier Therapeuten-Chat Wer sich sexuell von Kindern angezogen fühlt, hat ein höheres Risiko, Übergriffe zu begehen. Eine Möglichkeit, Kindesmissbrauch vorzubeugen besteht darin, Menschen mit dieser Neigung gezielte Hilfe anzubieten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, sexuelle Impulse verantwortungsvoll zu kontrollieren und davon abgehalten werden, Missbrauchsabbildungen anzusehen. Das Projekt, an dem neben der Charité spezialisierte Einrichtungen in Tschechien, Spanien, Portugal und Deutschland beteiligt sind, trägt mit seinem individualisierten Angebot europaweit zu einer Prävention bei, in deren Zentrum nicht die Opfer, sondern potenzielle Täter stehen. „Neu an unserem Vorgehen ist, dass die Wirksamkeit des therapeutischen Chats mit den Teilnehmenden über ein randomisiert-kontrolliertes Studiendesign erforscht und darüber hinaus die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz zur Unterstützung der Therapeutinnen und Therapeuten untersucht werden“, sagt Prof. Beier. Raum für die Entwicklung anderer Verhaltensweisen Menschen mit einem erhöhten Risiko können vorbeugend einen terminbasierten interaktiven Therapeuten-Chat-Service in Anspruch nehmen. Dieses anonyme, kostenfreie und vertrauliche Angebot wird von qualifizierten Therapeut:innen betreut und wird in den Sprachen Englisch, Deutsch, Tschechisch, Portugiesisch und Spanisch verfügbar sein.

Sonntagsvorlesung „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“

- 18-10-2023

Müdigkeit, Herzstolpern, Luftnot und Brustschmerzen können Anzeichen für eine Herzmuskelentzündung sein. Doch wie entsteht eine Myokarditis und wie kann sie zuverlässig diagnostiziert und behandelt werden? In der Sonntagsvorlesung am 22. Oktober geht es um Kardiologie und die Entzündung des Herzmuskels. Privatdozentin Dr. Bettina Heidecker und Dr. Phillip Suwalski von der Klinik für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin, Deutsches Herzzentrum der Charité (DHZC), sprechen über die umfassende Diagnostik und Therapie der Myokarditis. Sie erläutern, was wir präventiv tun können und welche potenziellen Risikofaktoren wir besser vermeiden sollten. Zudem erklären sie verschiedene Mythen und zeigen auf, was Virusinfekte oder zu viel Sport mit einer Herzmuskelentzündung zu tun haben können. Darüber hinaus thematisieren Dr. Heidecker und Dr. Suwalski weitere Erkrankungen, die die Herzfunktion beeinträchtigen, und stellen aktuelle Studien sowie neueste Forschungsergebnisse vor. Mehr zu ihrer Sonntagsvorlesung erzählen Dr. Heidecker und Dr. Suwalski im Kurzvideo. Die Sonntagsvorlesung „Wenn das Herz brennt: Entzündung des Herzmuskels“ findet statt am 22. Oktober um 14:00 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Die Vorlesung kann im Nachgang als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden. 

Charité arbeitet enger mit Karolinska Institutet und Karolinska University Hospital zusammen

- 17-10-2023

Um ihre Zusammenarbeit weiter zu vertiefen, hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin mit dem Karolinska Institutet sowie dem Karolinska University Hospital in Stockholm, Schweden, ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Die Einrichtungen wollen künftig in vielen Bereichen noch stärker kooperieren. Dazu gehören unter anderem der Austausch von Wissen, Studierenden und Mitarbeitenden sowie die Zusammenarbeit bei der globalen Gesundheitsforschung, der Präzisionsmedizin, der Telemedizin und klinischen Studien. Profitieren sollen Patientinnen und Patienten, Mitarbeitende und Forschende gleichermaßen. Digitalisierung, Fachkräftemangel und der rasante wissenschaftliche Fortschritt – die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung und -forschung sind in Schweden und Deutschland ähnlich. Hier setzen die drei Häuser mit ihrer verstärkten Kooperation an. Neue Strategien für die Gesundheitsversorgung der Zukunft  Zu den Prioritäten der Kooperation der Charité mit dem Karolinska University Hospital werden neue Strategien für die Gesundheitsversorgung der Zukunft zählen. „Um künftig Personal zu gewinnen, auszubilden und zu halten, sind innovative Lösungen gefragt. Auch bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung können wir von einem Austausch und gemeinsamen Projekten profitieren“, sagt Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Die Unterzeichnung des Memorandum of Understanding mit dem Karolinska University Hospital ist daher ein wichtiger Schritt, um den Weg für Kooperationsprogramme oder die Entwicklung telemedizinischer Betreuungsprogramme zu ebnen.“ Außerdem sollen gemeinsame klinische Studien aufgesetzt werden, insbesondere zu Zell- und Gentherapien.  Die Kooperationserklärungen wurden am heutigen Dienstag, den 17. Oktober, im Rahmen des World Health Summit unterzeichnet. Der World Health Summit ist die weltweit führende internationale Konferenz zu globaler Gesundheit. Globale Gesundheitsprobleme zusammen angehen „Ich freue mich sehr, dass wir durch das Memorandum of Understanding die Beziehungen zum Karolinska Institutet weiter vertiefen können“, sagt Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité, der als Fakultätsleiter das Memorandum unterzeichnete. „Durch den Austausch von Studierenden, Mitarbeitenden und Wissen wollen wir in unterschiedlichen Bereichen voneinander lernen – dazu gehört auch der Best-Practice-Austausch zu Forschung und Hochschulmanagement“, so Spranger.  Weitere Schwerpunkte der Kooperationserklärung sind die globale Gesundheitsforschung, die Krebsforschung, Präzisionsmedizin und Künstliche Intelligenz. Bei gemeinsamen Forschungsprojekten wollen die Fakultäten Ressourcen, Fachwissen und Technologien gemeinsam nutzen.  Wissensaustausch in Lehre, Forschung und Patientenversorgung Das Karolinska Institutet ist eine der weltweit führenden medizinischen Universitäten und leistet den größten Einzelbeitrag zur akademischen medizinischen Forschung in Schweden. Es bietet das landesweit breiteste Ausbildungsspektrum in Medizin und Gesundheitswissenschaften. Das Karolinska University Hospital hingegen konzentriert sich auf die Betreuung von Patient:innen, die Ausbildung von Gesundheitspersonal und die Durchführung von Studien. Beide Einrichtungen arbeiten auf vielen Ebenen eng zusammen. Wie Forschung, Lehre und Patientenversorgung in beiden Ländern noch stärker verzahnt werden können, soll ebenfalls Gegenstand des Wissensaustauschs sein. Schon heute kooperieren die Einrichtungen in Berlin und Stockholm in vielen Bereichen: So arbeiten beispielsweise Prof. Dr. Stefan Swartling Peterson vom Karolinska Institutet und Prof. Dr. Beate Kampmann, Wissenschaftliche Leiterin des Charité Center for Global Health, gemeinsam daran, die akademischen Einrichtungen in Subsahara-Afrika besser miteinander zu vernetzen, insbesondere im Bereich der Impfstoff-Entwicklung. Ziel des globalen Gesundheitsprojekts ist es, aus den Erfahrungen der COVID-19-Pandemie zu lernen und die von Afrika ausgehenden Initiativen zur lokalen Produktion von Impfstoffen und Medikamenten in dieser Region zu unterstützen. Auch beim EU-Projekt TEF-Health (Testing and Experimentation Facility for Health AI and Robotics) arbeiten Charité und Karolinska Institutet eng zusammen. Das in Berlin koordinierte Projekt will innovative Ansätze aus der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Robotik im Gesundheitswesen prüfen und schneller zur Marktreife bringen.  Das Karolinska University Hospital und die Charité betreiben ebenfalls mehrere gemeinsame Projekte, insbesondere im Bereich des Krankenhausmanagements. Diese widmen sich beispielsweise den Folgen der COVID-19-Pandemie, Konzepten für Industriepartnerschaften sowie der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Beide Einrichtungen sind Gründungsmitglieder der European University Hospital Alliance, wo sie in zahlreichen Arbeitsgruppen zusammenarbeiten, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern und die europäischen Gesundheitssysteme nachhaltiger zu gestalten.

Wie die Zukunft der Pflegeberufe in Deutschland aussehen muss

- 13-10-2023

Der Mangel an Fachkräften in den Gesundheitsberufen und der demographische Wandel stellen die Gesundheitssysteme weltweit vor große Herausforderungen. Für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung sind daher grundlegende Veränderungen notwendig. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin will diese Herausforderungen strukturell angehen. Dafür hat sie mit weiteren deutschen Kliniken ein Positionspapier zur Professionalisierung der Pflege mit zeitgemäßen Berufs- und Kompetenzmodellen formuliert. Das Thema wird zudem erstmals auf dem World Health Summit (WHS) aufgegriffen. Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité, tauscht sich in einer Podiumsdiskussion mit internationalen Expert:innen zum Umdenken in den Pflegeberufen aus. Die Charité möchte aktiv neue Wege gehen, um dem Mangel an Pflegefachkräften zu begegnen und die Qualität der Pflege weiterzuentwickeln. Aktuell geplante gesetzliche Reformen bieten eine Chance, die strukturell erforderlichen Veränderungen gesetzlich zu verankern und den Einstieg in die internationale Anschlussfähigkeit der Pflegeberufe in Deutschland zu sichern. Die Berliner Universitätsmedizin engagiert sich seit vielen Jahren, die Qualität der Gesundheitsversorgung durch gute Bedingungen in der Pflege zu unterstützen. Dazu gehören beispielsweise die bessere Versorgung der Patient:innen durch ein tariflich geregeltes, angemessenes Verhältnis von Pflegefachpersonen zu Patient:innen (Nurse-to-Patient Ratio), die Schaffung von Rollen für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, wie zum Beispiel die „Endometriose Nurse“, und den erfolgreichen Aufbau des Studiengangs Bachelor Pflege. Vorstandsmitglied Carla Eysel sieht die Erfolge als wichtigen Schritte an und weiß, dass es über strukturelle Veränderungen gelingen muss, weitaus mehr Fachkräfte für eine zukunftsfähige Krankenversorgung zu begeistern und zu gewinnen: „Um international anschlussfähig zu sein, die Berufsflucht zu reduzieren, den Beruf attraktiv zu gestalten und so auch die vielen internationalen Pflegekräfte gut zu integrieren, die wir benötigen, um die Lücke von rund 35.000 Pflegefachpersonen im deutschen System zu schließen, braucht es einen eigenen Handlungsrahmen für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, der über die heutigen Regelungen im Pflegeberufegesetz hinausgeht. Wir möchten gemeinsam mit anderen Kliniken konkrete und umsetzbare Vorschläge unterbreiten und sehen im Krankenhaustransparenzgesetz und im Klinikreformgesetz eine geeignete Möglichkeit.“  Patient:innen erhalten über das neue Transparenzregister die Möglichkeit, sich über die Qualität der Versorgung der einzelnen Kliniken zu informieren und gute Pflege ist ein wichtiger Qualitätsindikator. Mit der Aufnahme von Qualitätsindikatoren wie dem Ausbildungsstand sowie der Pflegepersonalausstattung in das Register lässt sich ein Anreiz schaffen, die Quoten akademisch qualifizierter Pflegfachpersonen zu steigern. Eine angemessene Ausstattung des stationären Bereichs mit Pflegefachpersonen ist für Patient:innen gut nachzuvollziehen und hat in Ländern, in denen sie als Nurse-to-Patient Ratio eingeführt wurde, bereits nachweislich zur Qualität der Krankenversorgung beigetragen. „Nur durch die Festlegung international anschlussfähiger Standards, die den regionalen Bedürfnissen und Bedingungen Rechnung tragen, können wir die Exzellenz der Pflege, und auch die Attraktivität des Berufs sichern, die notwendig ist, um den aktuellen Standard an medizinischer Versorgung für die Zukunft zu sichern“, ergänzt Carla Eysel.  Rollenbilder und Kompetenzen der Pflege Die Charité hat im Frühjahr einen Austausch mit Kolleg:innen und Expert:innen aus dem In- und Ausland zur Rolle der Pflege und ihrer Professionalisierung gestartet. Dabei wird deutlich, dass andere Länder schon jetzt Modelle der Einbindung der Pflegeprofession im Gesundheitssystem erfolgreich vorleben. Der Pflegeberuf wird dadurch wesentlich attraktiver und bietet größere Chancen für die berufliche Weiterentwicklung. Carla Eysel betont: „Die Berufsausbildung in Deutschland ist eine gute Grundlage für ein durchlässiges System. Es fehlt in Deutschland aber am international üblichen autonomen Handlungsrahmen für akademisch über Bachelor- und Masterabschlüsse qualifizierte Pflegefachpersonen. Die heutigen Regelungen des Pflegeberufegesetzes spiegeln im zulässigen Umfang in der Praxis ihre Kompetenzen nicht wider. Unseren Pflegekräften fehlt es an Autonomie, da sie beispielsweise nicht befugt sind, eigenständig zu impfen, Medikamente zu verschreiben und ab Master-Level Diagnosen zu stellen.“ Mögliche Lösungsstrategien sieht die von der Charité initiierte Gruppe daher in der Stärkung der Kompetenz und Autonomie von Pflegefachpersonen durch eine Ergänzung des Pflegeberufegesetzes. Der Grad der Autonomie richtet sich dabei nach dem erreichten Ausbildungsniveau. Ein angemessener Qualifikations- und Besoldungsmix entspricht den jeweiligen Anforderungen der einzelnen Stationen und Kliniken. So werden klinische Karrieremöglichkeiten für Pflegefachpersonen geschaffen, der Beruf wird attraktiv und internationale Fachkräfte können gut integriert werden.  Im Rahmen des WHS wird das von der Gruppe um Carla Eysel erarbeitete Positionspapier zum Neudenken von Pflege in Kliniken an Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach überreicht. Die Podiumsdiskussion “Rethinking Nursing. New Roles and Competency Models Leading the Way Towards a Global Nursing Standard” findet statt am Sonntag, den 15. Oktober von 14:00 bis 15:30 Uhr.  Die digitale Teilnahme per Livestream ist ohne vorherige Registrierung oder Anmeldung über den YouTube-Kanal des WHS möglich.

Doku-Serie zur Organspende: „Charité intensiv: Gegen die Zeit“

- 12-10-2023

Mit einem Spenderorgan gelingt es, schwer kranken Menschen zu helfen und ihre Lebensqualität deutlich zu verbessern. Doch es gibt zu wenige Organspender:innen und bundesweit warten jährlich mehr als 10.000 Patient:innen auf eine Transplantation. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin gehört zu den Entnahmekliniken und hat den Filmschaffenden Carl Gierstorfer und Mareike Müller erneut die Türen der Intensivmedizin geöffnet: Die zweite Staffel „Charité intensiv: Gegen die Zeit“ zeigt in vier Folgen Betroffene und die behandelnden medizinischen Teams im Wettlauf gegen die Zeit. Die Doku-Serie ist ab heute, den 12. Oktober in der ARD-Mediathek zu sehen. Nach der ersten Staffel „Charité intensiv: Station 43“ während der Corona-Pandemie blickt die Serie erneut in den hochtechnisierten Bereich der Intensivmedizin. Die Doku thematisiert eine der drängendsten gesundheitspolitischen Fragen unserer Zeit anhand individueller Patientenschicksale an der Grenze von Leben und Tod. Begleitet wird dabei auch das medizinische Personal der Charité sowie des Paulinenkrankenhauses, in dem Patient:innen des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) vor und nach einer Herzoperation spezialisiert versorgt werden. Die komplexe Thematik wird aus verschiedenen Perspektiven der Patient:innen, ihrer Angehörigen und der interdisziplinären medizinischen Teams gezeigt. Die Serie gibt Einblicke in die Zeit des Wartens auf ein Spenderorgan und bleibt dabei dokumentierend nüchtern – die Zuschauer:innen können sich ihr eigenes Bild machen. Die Organspende ist in Deutschland durch das Transplantationsgesetz geregelt, das die Bereiche Organspende, Organvermittlung und Organübertragung streng voneinander trennt, um Interessenskonflikte auszuschließen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert und unterstützt die Prozesse der Feststellung des Hirntods der Spender:innen und der Organentnahme. Transplantationszentren, wie beispielsweise die Charité, führen die Organverpflanzung durch. Seit vielen Jahren zählt Deutschland bei der Spendenbereitschaft zu den Schlusslichtern in Europa, die Wartezeit für ein Spenderorgan kann daher deutlich variieren und bis zu mehreren Jahren dauern. Im Verbund Eurotransplant, der in acht europäischen Ländern die Spenderorgane an Wartende vermittelt, profitiert Deutschland von der Spendenbereitschaft seiner Nachbarn. Dennoch sterben jeden Tag zwei bis drei Menschen in Deutschland, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhalten.  Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Das heißt, Organe und Gewebe dürfen nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, sollen die Angehörigen entscheiden. Privatdozent Dr. Joachim Seybold, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Charité, erklärt dazu: „Viele Angehörige sind unsicher und tun sich schwer damit, in solchen Ausnahmesituationen diese Entscheidung zu treffen. Es würde vielen wartenden Patient:innen helfen, wenn sich alle zu Lebzeiten ausdrücklich für oder gegen die Organspende entscheiden oder zumindest dokumentieren, dass sie sich nicht entscheiden wollen und dies den Angehörigen überlassen.“ Er ergänzt: „Um auch langfristig möglichst vielen Menschen auf der Warteliste durch eine Transplantation helfen zu können, müssen wir weiter Aufmerksamkeit schaffen und das Vertrauen in das System der Organspende und Transplantation stärken. Die Doku-Serie ist ein guter Anlass, sich umfasssend mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Die vierteilige Doku-Serie ist ab Donnerstag, den 12. Oktober in der ARD-Mediathek abrufbar. Am Mittwoch, den 25. Oktober sendet der rbb die Folgen 1 und 2 sowie am Mittwoch, den 1. November die Folgen 3 und 4, jeweils ab 21:00 Uhr im Abendprogramm. Darüber hinaus sendet die ARD am Montag, den 16. Oktober im Rahmen ihrer Reihe „die story“ um 21:45 Uhr den Film „Gegen die Zeit – Organmangel in Deutschland“, der auf der Doku-Serie basiert. „Charité intensiv: Gegen die Zeit“ ist eine Produktion von Docdays Productions im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Corona-Impfung: Körper baut Immungedächtnis in Organen auf

- 11-10-2023

Eine Impfung in den Oberarm – und der ganze Körper ist geschützt. Wie geht das? Zum einen produziert das Immunsystem Antikörper und Zellen, die im Blut durch den ganzen Organismus patrouillieren. Zum anderen, so zeigt es eine aktuelle Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin am Beispiel der Corona-mRNA-Impfstoffe, baut der Körper ein lokales Immungedächtnis in verschiedenen Organen auf. Der im Journal of Clinical Investigation* veröffentlichten Arbeit zufolge sind die Immungedächtniszellen in den Organen zahlreicher als im Blut und verfügen über verstärkte antivirale Abwehrfunktionen. Die Forschenden hatten es vermutet: Erkenntnisse aus dem Tiermodell deuten seit einiger Zeit darauf hin, dass die meisten Zellen des Immungedächtnisses nach einer Infektion nicht im Blut zirkulieren, sondern in den Organen ansässig werden und diese vor Ort schützen. Angenommen wird, dass das auch nach einer Impfung geschieht. Dies beim Menschen zu belegen, ist jedoch nicht trivial. „Dafür benötigt man Gewebe von vielen Personen mit bekannter und vergleichbarer Impfhistorie, die von dem Erreger möglichst noch nie infiziert wurden“, erklärt Prof. Dr. Katja Kotsch, Leiterin der Studie von der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie der Charité. Die Corona-Pandemie mit vielen durchgeführten Impfungen ermöglichte es nun, die nötigen Proben gewinnen zu können. Gedächtniszellen in Leber, Niere und Lunge Für die Studie untersuchten die Forschenden Gewebe aus unterschiedlichen Organen, das bei medizinisch notwendigen Operationen, beispielsweise zur Entfernung eines Tumors, anfiel. Die Proben stammten von 61 Menschen, die sich unabhängig von der OP einige Monate vor dem Eingriff zwei- bis dreimal mit einem mRNA-Vakzin gegen das Coronavirus hatten impfen lassen, die Infektion aber in der Mehrheit noch nicht durchgemacht hatten. Durch eine spezifische Stimulation und Anfärbung von Immunzellen gelang dem Forschungsteam in mehreren Geweben der Nachweis von sogenannten CD4-positiven T-Helferzellen, die gegen SARS-CoV-2 gerichtet waren. Diese Zellen des Immungedächtnisses sorgen dafür, dass andere Immunzellen passende Antikörper gegen den Erreger produzieren, sobald er im Körper entdeckt wird. Außerdem tragen sie vermutlich auch zur direkten Bekämpfung des Virus bei. Die Wissenschaftler:innen fanden die Immungedächtniszellen nicht nur in der Milz und dem Knochenmark, also Geweben, in denen Immunzellen standardmäßig reifen oder produziert werden, sondern auch in der Leber, Niere und Lunge. „Diese Daten bestätigen unsere Vermutung, dass der Körper nach einer Impfung ein über Monate stabiles Immungedächtnis auch in Geweben anlegt, die weit von der Injektionsstelle entfernt liegen“, sagt Dr. Arne Sattler, Immunologe im Team von Prof. Kotsch. Zusammen mit ihr hat er die korrespondierende Autorenschaft der Studie inne. „Gezeigt haben wir dies jetzt für die mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus, wir nehmen aber an, dass ähnliche Prozesse auch nach anderen Impfungen stattfinden. Der Beleg dafür steht jedoch noch aus, hierzu sind weitere Studien nötig.“ Organ-Immungedächtnis wird weitgehend unabhängig vom Alter angelegt Ein Vergleich mit Blutproben der Patient:innen ergab: In Niere, Leber und Lunge siedelten sich deutlich mehr Immungedächtniszellen an, als durch das Blut patrouillierten. Die Botenstoffe, die die organständigen Zellen ausschütteten, ließen außerdem auf besonders ausgeprägte antivirale Eigenschaften schließen. Dr. Sattler resümiert: „Unsere Daten zeigen, dass das Immungedächtnis in den Organen dem im Blut funktionell überlegen ist. Was das exakt für den Immunschutz der Organe bedeutet, ist nicht einfach abzuleiten, weil sich die genaue Schutzwirkung einzelner Immunzellen beim Menschen nicht gut bestimmen lässt. Beobachtungen im Tiermodell deuten aber darauf hin, dass solche lokal verankerten, potenten T-Zellen Erreger besser abwehren können.“ Und noch ein Unterschied zeigte sich zwischen dem Immungedächtnis in den Organen und dem Blut: Die Anzahl der schützenden Immunzellen, die sich in den Organen niederließen, war unabhängig vom Alter der geimpften Person ähnlich hoch. Im Gegensatz dazu zirkulierten bei Älteren im Blut weniger Immungedächtniszellen als bei jüngeren Patient:innen. „Bei alten Menschen legt der Körper also nach der Corona-Impfung ein zahlenmäßig ähnlich aufgestelltes Immungedächtnis in den Organen an wie bei jungen Menschen“, sagt Prof. Kotsch. „Nach unseren Daten überdauern die organständigen Gedächtniszellen mindestens einige Monate. Ob das Immungedächtnis sogar über Jahre im Gewebe stabil bleibt, ist Gegenstand weiterführender Untersuchungen.“

World Health Summit: Klimawandel und Pandemieprävention im Fokus

- 09-10-2023

Wie lassen sich Pandemien künftig verhindern? Wie können wir mit den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels umgehen? Beim World Health Summit vom 15. bis 17. Oktober geht es um die großen Fragen der globalen Gesundheit. Führende Expert:innen aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kommen in Berlin und online zusammen, um Antworten zu diskutieren. Im Programm vertreten sind auch Wissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, wird bei einem Workshop über neue digitale Möglichkeiten im Bereich der Diagnostik, der Behandlung und des Managements von nichtübertragbaren Krankheiten (NCDs) sprechen. Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité, wird sich in ihrem Beitrag bei der Podiumsdiskussion „Rethinking Nursing“ dem Thema Pflegestandards widmen. Um die Lehren aus der COVID-19-Pandemie geht es in einer Keynote-Session, zu der Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, als Redner eingeladen ist.  Darüber hinaus sind weitere Vertreter:innen der Charité als Vorsitzende verschiedener Sessions dabei: So übernimmt Prof. Dr. Beate Kampmann, Direktorin des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité und Wissenschaftliche Leiterin des CharitéCenter for Global Health, den Vorsitz sowohl bei einem Workshop zur Impfstoffherstellung in Afrika als auch bei einer Veranstaltung zu internationalen Forschungskooperationen. Prof. Dr. Petra Ritter, Direktorin der Sektion Gehirnsimulation am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité, ist Vorsitzende einer Podiumsdiskussion zum Thema Künstliche Intelligenz und Robotik in der globalen Gesundheit. Um den Zugang zu innovativen Krebsmedikamenten geht es in einem Workshop, bei dem Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie, zusammen mit Dr. Andreas Ullrich, Gastwissenschaftler an der Charité, den Vorsitz innehat. Das gesamte Programm mit mehr als 60 Sessions kann auch im Internet digital verfolgt werden. Internationaler Austausch und hochkarätige Redner:innen Der Kongress steht unter dem Motto “A Defining Year for Global Health Action“. Zu dem weltweit führenden Treffen für globale Gesundheit werden mehr als 300 Redner:innen in Berlin und online erwartet – unter anderem •    Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité  •    Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité •    Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité und Wissenschaftlicher Leiter des CharitéCenter for Global Health  •    Prof. Dr. Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit •    Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung •    Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz •    Dr. Tedros A. Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Teilnahme vor Ort und digital Der World Health Summit findet vom 15. bis 17. Oktober statt. Weitere Informationen zur Teilnahme vor Ort und zur Registrierung gibt es auf der Konferenz-Website. Alle Sessions werden auch online übertragen. Der Stream ist kostenfrei und ohne vorherige Registrierung abrufbar. Die Links zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie im Online-Programm. Dort sind auch die Details zu den einzelnen Sessions, Themen und Redner:innen angegeben. 

Prof. Dr. Kathrin Becker leitet Kieferorthopädie und Orthodontie

- 04-10-2023

Prof. Dr. Kathrin Becker hat zum 1. Oktober die W3-Professur für Kieferorthopädie angetreten. Damit ist zugleich die Leitung der Abteilung Kieferorthopädie und Orthodontie im CharitéCentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Campus Benjamin Franklin verbunden. Prof. Becker wechselt aus Düsseldorf an die Spree und folgt auf Prof. Dr. Paul-Georg Jost-Brinkmann, der die Professur seit 2004 innehatte und seit 2009 Leiter der Abteilung für Kieferorthopädie, Orthodontie und Kinderzahnmedizin war. Prof. Becker ist Fachzahnärztin für Kieferorthopädie sowie Informatikerin. Zuletzt war sie Oberärztin der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Düsseldorf. Die 37-Jährige freut sich auf den Wechsel an die Charité: „Die Universitätsmedizin der Charité zählt weltweit zu den herausragenden Kliniken und hat eine bedeutende Forschungslandschaft. Zudem bin ich selbst gebürtige Berlinerin und freue mich aus dem Grunde doppelt auf den Wechsel zurück in meine Heimatstadt.“ Sie ergänzt: „Ein wichtiges Ziel bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten – und auch in der Forschung – ist mir der Einsatz individualisierter Therapiekonzepte und Apparaturen. Mein Ziel ist es, nicht nur die bestmögliche Therapie anzubieten, sondern bestehende Konzepte stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern. Hier bietet die Charité vielfältige Kooperationsmöglichkeiten.“ Zu den Forschungsschwerpunkten der Zahnmedizinerin und Informatikerin gehören unter anderem die skelettale Verankerung als ein modernes Therapiekonzept der Kieferorthopädie, die gesamte Bandbreite der digitalen Zahnmedizin, die Aligner-Therapie zur weitgehend unsichtbaren Behandlung von leichteren bis schweren Zahnfehlstellungen sowie im Bereich der Grundlagenforschung Analysen der Wechselwirkung von Oberflächen kieferorthopädischer Implantate, angelegten Kräften und dynamischen Änderungen der Knochenmikrostruktur.  Ein besonderes Anliegen ist Prof. Becker zudem die Lehre und Förderung junger Zahnmediziner:innen: „Lehre soll Spaß machen, Neugierde wecken und effektiv sein. Hands-on Elemente und digitale Lernmodule zeigen sich als besonders effektiv bei der Ergänzung konventioneller Lehrveranstaltungen. Daran wollen wir anknüpfen und entsprechende Konzepte, Lernmodule und Workshops weiterentwickeln.“

Prof. Romagnani leitet das Institut für Medizinische Immunologie der Charité

- 04-10-2023

Prof. Dr. Chiara Romagnanis Forschungen zum angeborenen Immunsystem gelten als wegweisend. Zum 1. Oktober hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin die renommierte Wissenschaftlerin auf die Professur für Medizinische Immunologie berufen. Mit der Professur ist die Leitung des Instituts für Medizinische Immunologie verbunden, das eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung schafft. Bisher war Prof. Romagnani als Professorin für Immunologie mit Schwerpunkt Entzündung (Immunology of Inflammation) an der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité in Kooperation mit dem Leibniz-Institut Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ) tätig. In dieser Funktion hat sie die Forschungsgruppe Angeborene Immunität und den Leibniz WissenschaftsCampus Chronische Entzündung geleitet.  Prof. Romagnani tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Hans-Dieter Volk an, der das Institut für Medizinische Immunologie bis 2021 geleitet hat. Parallel dazu erhält Prof. Romagnani eine BUA Joint Professorship in Kooperation mit der Freien Universität Berlin. „Ich freue mich, im Rahmen meiner Professur die Forschung zum angeborenen Immunsystem weiter zum Nutzen der Patient:innen vorantreiben zu können“, sagt Prof. Romagnani. „Mit meiner Arbeit möchte ich eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Forschung schlagen und dafür sorgen, dass die Erkenntnisse schnell bei den Patientinnen und Patienten ankommen.“ Forschungsschwerpunkt angeborene Lymphozyten und natürliche Killerzellen Prof. Romagnani beschäftigt sich seit Beginn ihrer Forschungslaufbahn mit dem angeborenen Immunsystem, speziell mit den sogenannten Innate Lymphoid Cells (ILCs). Diese Zellen fördern die Wundheilung und Regeneration von Gewebe, spielen aber auch bei der Entstehung chronisch-entzündlicher Krankheiten eine zentrale Rolle. Ihrer Arbeitsgruppe ist es kürzlich gelungen, Signale zu identifizieren, die entweder entzündungsfördernde oder aber entzündungshemmende Programme in ILCs steuern. Nun möchte die Immunologin mit ihrem Team erproben, ob sich durch gezielte Beeinflussung der identifizierten Rezeptoren chronische Entzündungen lindern oder gar heilen lassen. Ein weiterer Schwerpunkt von Prof. Romagnanis Arbeit liegt auf der Erforschung natürlicher Killerzellen (NK-Zellen). Prof. Romagnani konnte zeigen, dass NK-Zellen die Fähigkeit haben, sich als Reaktion auf Virusinfektionen zu klonen und jahrelang im Menschen zu überleben. Bis dahin wurde angenommen, dass diese Eigenschaften nur für klassische Gedächtniszellen, die B- und T-Lymphozyten, gelten.  In ihrem aktuellen Projekt, das durch einen Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) gefördert wird, untersucht Prof. Romagnani die molekularen Mechanismen, die die epigenetische Umstrukturierung, die klonale Selektion und die Aufrechterhaltung von NK-Gedächtniszellen steuern. Basierend auf diesem Wissen soll es möglich werden, Zellen gezielt zur Bekämpfung von Viren oder Tumorzellen einzusetzen.  

Prof. Treskatsch übernimmt Professur für Anästhesiologie und Intensivmedizin

- 02-10-2023

Prof. Dr. Sascha Treskatsch hat zum 1. Oktober die W3-Professur für Anästhesiologie und Intensivmedizin angetreten. Damit ist zugleich die Leitung der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin (CBF) verbunden. Bisher hatte Prof. Treskatsch die W2-Professur für Anästhesiologie sowie die interimistische Leitung der Klinik inne. Er folgt nun auf Prof. Dr. Christoph Stein, der die Leitung seinerseits 1997 übernommen hatte. Prof. Treskatsch ist seit 2005 in der Charité und hatte 2018 die interimistische Leitung der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin am CBF übernommen. Zu seinen klinischen Schwerpunkten erklärt der gebürtige Nordrhein-Westfale: „Ich freue mich sehr auf das Team und die neuen Herausforderungen am CBF. Ich möchte hierbei für eine an Qualitätsindikatoren orientierte sowie patientenzentrierte Anästhesiologie und Intensivmedizin stehen. Mir ist es dabei wichtig, das Fachgebiet in seiner gesamten Komplexität inklusive der Aspekte Notfall-, Schmerz- und Palliativmedizin abzubilden.“ Dies konkretisiert der Facharzt für Anästhesiologie auch in seinen Forschungsinteressen: „Der demographische Wandel bringt insbesondere im perioperativen Bereich viele Herausforderungen mit sich. So wird es eine steigende Anzahl von Patient:innen mit vor allem kardiovaskulären Begleiterkrankungen geben, die sich einer Operation unterziehen müssen und möchten. Hierbei erforsche ich mit meinem Team Überlegungen zur perioperativen Risikoreduktion in einem translationalen Ansatz mit Fokus auf die Hämodynamik, Echokardiographie, neue Kommunikationssysteme und das kardiale Opioidsystem.“ Auch in der Lehre orientiert sich der 45-Jährige an qualitativ hochwertiger und patientenzentrierter Anästhesiologie und Intensivmedizin: „Im Kontext der universitären Lehre an der Charité mit einer Vielzahl an innovativen Studiengängen haben wir die einmalige Möglichkeit, die Medizin der Zukunft in Aus- und Weiterbildung zu gestalten. Der persönliche Austausch sowie die Verwendung moderner Technik, wie beispielsweise Videobrillen, machen Lehre ‘erlebbar' und damit nachhaltig.“ 

Leberfibrose: Riesenzellen springen ein, wenn die Immunfunktion ausfällt

- 28-09-2023

Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und der Cumming School of Medicine der Universität Calgary Es ist ein Kompensationsmechanismus der kranken Leber und er war bislang unbekannt: Verlieren Immunzellen in der Leber, die Kupffer-Zellen, durch eine Vernarbung des Gewebes ihre Funktion, strömen Immunzellen aus dem Knochenmark in das Organ und bilden größere Zellcluster, um ihre Aufgaben zu übernehmen. Wissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Medizinischen Fakultät der Universität Calgary konnten erstmals beobachten, wie die geschädigte Leber ihre bakterielle Filterfunktion aufrechterhält. Ihre grundlegenden Erkenntnisse sind im Fachmagazin Science* erschienen und können perspektivisch dazu beitragen, neue Therapien bei Leberschädigungen zu entwickeln. Die Leber ist ein erstaunliches Organ. Sie ist das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers und sowohl für die Aufnahme von Nährstoffen als auch für den Abbau von Giften verantwortlich. Sie reguliert den Fett- und den Zuckerstoffwechsel, den Mineral-, Vitamin- und Hormonhaushalt. Sie ist in der Lage, sich selbst zu regenerieren. Und: Weniger bekannt, aber überlebenswichtig ist ihre Rolle als zentrales immunologisches Organ. Die Leber hat wesentlichen Anteil daran, unseren Blutstrom frei von Krankheitserregern, von Bakterien, Viren oder Pilzen, zu halten. Kommt es zu einer Sepsis, landläufig auch Blutvergiftung genannt, werden über 90 Prozent der Eindringlinge von der Leber herausgefiltert. Diese essenzielle Leistung des Organs wird durch eine spezialisierte Abwehrzelle erbracht – eine Fresszelle mit dem Namen Kupffer-Zelle, benannt nach dem deutsch-baltischen Anatomen Karl Wilhelm von Kupffer. Um ihre Filterfunktion zu erfüllen, sitzen Kupffer-Zellen in den kleinen Blutgefäßen der Leber, den Sinusoiden, und erhalten konstant Signale von Leberzellen und Zellen, die die Blutgefäße der Leber auskleiden. Bei schwerwiegenden Erkrankungen, allen voran chronischen Lebererkrankungen, führen Schädigungen der Leber zu einer Ansammlung von Narbengewebe, einer Fibrose, die die Funktionen des Organs einschränkt. Im fortgeschrittenen Stadium dieses Gewebeumbaus erfährt auch das Umfeld der Kupffer-Zellen fatale Veränderungen – die Folgen waren bislang ungeklärt. Diesem Phänomen ist ein Forschungsteam um den Immunologen Prof. Dr. Paul Kubes an der Cumming School of Medicine der Universität Calgary zusammen mit Kolleg:innen an der Charité auf den Grund gegangen, nicht zuletzt, um Patient:innen mit einer fibrotischen Leber künftig besser behandeln zu können. Chronische Lebererkrankungen nehmen weltweit stark zu. In Deutschland führen vor allem starker Alkoholkonsum und die Fettlebererkrankung zu Leberfibrose und ihrem Endstadium, der Leberzirrhose. Die Fettleber betrifft Schätzungen zufolge schon jetzt jeden vierten Menschen und hat ihre Ursache in Lebensgewohnheiten wie Überernährung und Bewegungsmangel sowie Erkrankungen wie Diabetes und Fettstoffwechselstörungen. Auch Infektionen oder genetische Ursachen können zu Leberfibrose führen. Obwohl es bereits gute Modelle für Lebererkrankungen gibt, konnte bisher noch niemand das Voranschreiten der Leberfibrose und die zentrale Filterfunktion währenddessen darstellen. Rolle des Immunsystems bei Leberfibrose in neuem Licht Genau das ist dem internationalen Team jetzt gelungen. Unter Einsatz einer neuartigen Mikroskopie-Technik, die es erlaubt, im lebenden Organismus zelluläre Funktionen im Detail zu beobachten, sowie weiteren Mikroskopie-Techniken haben die Forschenden die Funktion von Kupffer-Zellen im Tiermodell und in Gewebeproben von Patient:innen mit Leberzirrhose eingehend untersucht. Dabei konnten sie einen neuen Zelltyp ausmachen, den sie als Kupffer-Zell-ähnliche Synzytien bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Riesenzellen – größere, mehrkernige Zellverbände, hervorgegangen aus herbeigeeilten Immunzellen des Knochenmarks. Dr. Moritz Peiseler, Wissenschaftler und Arzt an der Klinik für Hepatologie und Gastroenterologie der Charité sowie Erstautor der Studie, beschreibt, was im Zuge des narbigen Umbaus in der Leber geschieht: „Mehr und mehr Leberzellen sterben ab. Im gesamten Organ und um die kleinen Blutgefäße bildet sich Bindegewebe. Das Blut wird auf neue, erweiterte Gefäße innerhalb und außerhalb der Leber umgeleitet. Dadurch verlieren die Kupffer-Zellen den Kontakt mit ihrer Umgebung und verhalten sich schließlich nicht mehr so, als befänden sie sich in der Leber. Sie verlieren ihre Funktion, fangen keine Bakterien mehr aus dem Blut auf und Infektionen des Blutkreislaufs nehmen zu. Doch recht schnell infiltrieren spezialisierte Monozyten, Immunzellen aus dem Knochenmark, die Leber. Sie folgen den Umgehungsgefäßen und bilden Cluster, die groß genug sind, um Bakterien in den etwas größeren Gefäßen abzufangen.“ Eine lebensrettende Kompensation, ausgelöst durch das Mikrobiom, vermutlich das Mikrobiom des Darms. Die Kupffer-Zell-ähnlichen Gebilde übernehmen fortan die Filterfunktion der eigentlichen Kupffer-Zellen. Da sie in veränderten Blutgefäßen existieren müssen, passen sich die eingewanderten Immunzellen an. Sie bilden netzartige Strukturen und werden so zu einem effektiven mikrobiellen Filter. Welche molekularen Mechanismen an diesen Vorgängen beteiligt sind, konnten die Forschenden in ihrer Arbeit beschreiben. „Diese Erkenntnisse verändern die Art und Weise, wie wir über die Rolle des Immunsystems bei einer Leberfibrose denken“, befindet Studienleiter Prof. Kubes. „So war man bisher mitunter der Auffassung, dass Immunzellen aus dem Knochenmark daran gehindert werden sollten, in die Leber einzudringen. Wie unsere Untersuchung zeigt, könnte aber genau das schädlich sein. Statt die Immunfunktion bei einer fortgeschrittenen Erkrankung zu unterdrücken, könnte es sogar eine gute Idee sein, sie zu fördern.“ Grundlage für neuartige Therapien und Behandlung der Leberfibrose Die Studie wurde an drei großen Lebertransplantationszentren, unter ihnen die Charité, durchgeführt und hat gezeigt, dass die Vorgänge bei einer Leberfibrose beim Menschen ähnlich verlaufen, wie im Tiermodell beobachtet. Daher werfen die Entdeckungen grundsätzliche Fragen für die Behandlung von Patient:innen mit fibrotischer Leber auf. Einer der Hauptgründe, weshalb Patient:innen mit Leberzirrhose versterben, ist eine Infektion. Gleichzeitig leiden viele Erkrankte an teils fortgeschrittener Lebervernarbung, ohne dabei ein erhöhtes Infektionsrisiko zu haben. „Wir vermuten, dass die Leber bis zu einem gewissen Schädigungsgrad durch die Rekrutierung der Kupffer-Zell-ähnlichen Synzytien ihre Funktion aufrechterhält. Letztlich ist ja auch die Lebervernarbung ein evolutionär vorteilhafter Mechanismus, mit dem ein geschädigtes Organ das Überleben sichert. Daher macht es durchaus Sinn, dass sich auch das Immunsystem anpasst“, erklärt Dr. Peiseler, der unter anderem durch das Clinician Scientist Programm der Charité und des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) unterstützt wird. Die aktuelle Untersuchung trägt zu einem besseren Verständnis bei, wie der wichtigste mikrobielle Filter des Körpers beim Entstehen von Lebererkrankungen funktioniert – eine Grundlage, um neuartige Therapien zu entwickeln. Die ursprünglichen Kupffer-Zellen verhalten sich durch den fehlenden Kontakt mit der Umgebung nicht mehr wie Immunzellen der Leber. Es wäre also denkbar, ihren Identitäts- und damit Funktionsverlust zu verhindern. Auch ist jetzt bekannt, auf welche Weise die Leber auf krankhafte Veränderungen reagiert. Diesen Prozess zu fördern, könnte Patient:innen schützen. Denn eine verbesserte mikrobielle Filterfunktion senkt das Risiko, an einer Leberzirrhose zu versterben und kann den Zeitpunkt einer Lebertransplantation – die derzeit einzige Behandlungsmöglichkeit – hinauszögern.

Abnahme der Artenvielfalt kann Verbreitung von Viren begünstigen

- 26-09-2023

Wie hängen Umweltveränderungen, Artensterben und die Ausbreitung von Krankheitserregern zusammen? Die Antwort darauf gleicht einem Puzzle. Ein Puzzlestück haben Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin nun im Fachmagazin eLife* beschrieben: Sie zeigen, dass die Zerstörung tropischer Regenwälder die Vielfalt an Stechmückenarten vermindert. Gleichzeitig werden widerstandsfähige Stechmückenarten häufiger – und damit auch deren Viren. Gibt es von einer Art viele Exemplare, können sich deren Viren schnell verbreiten. In ihrer Studie haben die Wissenschaftler:innen der Charité in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht, wie sich die Abholzung von Regenwald und die Umwandlung dieser Flächen in Kaffee- und Kakaoplantagen oder Dörfer auf das Vorkommen und die Artenvielfalt von Stechmücken und deren Viren auswirken. Die Studie, die damit die Fachgebiete der Virologie und Biodiversitätsforschung vereint, entstand unter Federführung von Prof. Dr. Sandra Junglen, Leiterin der Arbeitsgruppe „Ökologie und Evolution von Arboviren“ am Institut für Virologie der Charité. Für die Forschungsarbeit haben die Wissenschaftler:innen zunächst Stechmücken in der Gegend des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste gefangen. Hier gibt es eine große Bandbreite an Landnutzungsarten – von ungestörtem Regenwald über Sekundärwald, Kakao- und Kaffeeplantagen bis hin zu Dörfern. „Die gefangenen Stechmückenarten haben wir identifiziert und auf Virusinfektionen getestet“, erklärt Prof. Junglen. „Dann haben wir geschaut, wie sich in den unterschiedlichen Landnutzungstypen die Zusammensetzung an Stechmückenarten unterscheidet, wo bestimmte Viren vorkommen und wie häufig diese sind.“** Widerstandsfähige Stechmückenarten können sich durchsetzen In einem gesunden Ökosystem wie einem intakten Regenwald gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Viren. Das liegt vor allem daran, dass es hier eine große Vielfalt an Tieren gibt, die als Träger der Viren – sogenannte Wirte – infrage kommen. Denn Viren sind immer an ihre Wirte gebunden.  Wird das Ökosystem verändert, betrifft das auch die Viren, erklärt Prof. Junglen: „Wir entdeckten 49 Virenarten. Die größte Vielfalt an Wirten und Viren haben wir in unberührten und nur leicht gestörten Lebensräumen beobachtet.“ Die meisten der 49 Virenarten kamen in den untersuchten Gebieten relativ selten vor. Neun Virusarten wurden jedoch häufig in mehreren Lebensräumen gefunden, wobei das Vorkommen von fünf Virenarten in gestörten Lebensräumen zunahm und in Dörfern am höchsten war. „Das bedeutet, dass die Abholzung des tropischen Regenwaldes zu einer Abnahme der Vielfalt an Stechmückenarten führt und sich somit die Zusammensetzung an Wirtsarten verändert. Einige widerstandsfähige Stechmückenarten haben sich auf den gerodeten Flächen stark vermehrt und mit ihnen ihre Viren“, erklärt Prof. Junglen. Wie sich eine Artengemeinschaft zusammensetzt, hat also direkte Auswirkungen auf das Vorkommen von Viren: „Wenn eine Wirtsart sehr häufig ist, dann erleichtert das die Ausbreitung von Viren“, sagt die Virologin. Alle Viren, die häufiger vorkamen, wurden in einer bestimmten Stechmückenart nachgewiesen. Die Viren gehören zu unterschiedlichen Familien und haben verschiedene Eigenschaften. „Damit konnten wir zum ersten Mal nachweisen, dass die Verbreitung der Viren nicht auf eine enge genetische Verwandtschaft zurückzuführen ist, sondern auf die Eigenschaften ihrer Wirte –  also insbesondere auf jene Stechmückenarten, die gut mit veränderten Umweltbedingungen in gestörten Lebensräumen zurechtkommen.“  Neue Einblicke in die Dynamik von Infektionskrankheiten Zwar infizieren die gefundenen Viren nur Stechmücken und können – nach jetzigem Stand – nicht auf Menschen übertragen werden. Sie sind aber dennoch als Modell hilfreich, um zu verstehen, wie sich die Veränderung der Vielfalt einer Artengemeinschaft auf das Vorkommen und die Häufigkeit von Viren auswirkt. „Unsere Studie macht deutlich, wie wichtig Artenvielfalt ist und dass die Abnahme der Artenvielfalt das Vorkommen bestimmter Viren begünstigt, weil es die Verbreitung ihrer Wirte fördert“, betont Prof. Junglen. „Bisher wurden solche Prozesse fast ausschließlich an einzelnen Erregern und einzelnen Wirten untersucht. Nun ergibt sich ein vollständigeres Bild, an dem weiter geforscht werden kann“, führt Prof. Junglen aus. Im nächsten Schritt plant das Forschungsteam, weitere Lebensräume in anderen Ländern zu untersuchen – auch um herauszufinden, welche Faktoren es genau sind, die bei einer Änderung der Landnutzung die Vielfalt der Stechmückenarten beeinflussen und welche Eigenschaften die Viren mitbringen müssen, um sich mit ihren Wirten ausbreiten zu können.

Wohnen für Beschäftigte: Internationale Pflegekräfte beziehen Apartmenthaus

- 20-09-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat heute als Generalmieter offiziell den Schlüssel für ein Apartmenthaus mit 76 Wohneinheiten erhalten. Die Apartments im Bezirk Pankow sind vollständig ausgestattet und als Wohnmöglichkeit, insbesondere für internationale Pflegefachkräfte, gedacht. Ziel ist es, neue Mitarbeiter:innen mit adäquatem Wohnraum zu versorgen und damit zugleich zur Gewinnung und Sicherung von Fachkräften beizutragen. Das achtgeschossige Gebäude wurde von Berlinovo übergeben und entspricht mit seiner hohen Qualität und den energetischen Maßstäben den Nachhaltigkeitsansprüchen der Charité.  Astrid Lurati, Vorstand für Finanzen und Infrastruktur, erklärt dazu: „Die Charité engagiert sich sehr, weitere Pflegekräfte zur Aufrechterhaltung der hohen Qualität in der Krankenversorgung anzuwerben. Als ein kritischer Faktor hat sich dabei die schwierige Wohnraumsituation in Berlin erwiesen. Inzwischen hat sich dies in Ballungsräumen als Wettbewerbsfaktor in der Rekrutierung von Fachpersonal, insbesondere von Pflegekräften aus dem Ausland, entwickelt. Wir sind daher dankbar über die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Kooperationspartnern, mit denen wir die Wohnraumbedarfe unserer Beschäftigten und Studierenden zu bezahlbaren Konditionen in größerem Umfang langfristig bedienen können. Hervorheben möchte ich heute unsere Kooperation mit Berlinovo, durch die wir ein beachtliches Apartment-Kontingent bereitstellen können. Zugleich freuen wir uns, dass die zukunftsorientierte energetische bauliche Gestaltung des Apartmenthauses in das Nachhaltigkeitskonzept der Charité passt.“ Die Charité intensiviert ihre Bemühungen bei der Anwerbung von internationalen Pflegekräften und hat dafür Anfang des Jahres eine eigene Stabsstelle etabliert. Ziel ist die Gewinnung und Integration internationaler Gesundheitsfachpersonen, insbesondere aus Albanien, Mexiko, Philippinen, Tunesien, Brasilien, Kolumbien und der Türkei. Prämisse dabei ist, keine Pflegekräfte aus Ländern anzuwerben, die selbst Arbeitskräfte benötigen. Aktuell sind in der Charité rund 700 Personen aus sogenannten Drittländern beschäftigt. Carla Eysel, Vorstand für Personal und Pflege, betont: „Die Charité ist ein attraktiver Arbeitgeber und hat mit mehr als 21.550 Beschäftigten und 121 Nationalitäten eine sehr internationale Belegschaft. Die Charité engagiert sich seit einigen Jahren intensiv für die Anwerbung von ausländischem Pflegepersonal. Dabei kümmern wir uns beispielsweise um Sprachkurse sowie die fachliche Anerkennung und inzwischen auch vermehrt um geeignete Wohnmöglichkeiten.“ Sie ergänzt: „Ein gutes Wohnangebot ist ein zusätzlicher Anreiz für potenzielle Fachkräfte und so erhöhen wir mit diesem Apartmenthaus zugleich die Attraktivität des Pflegeberufes. Denn, wer sich für einen medizinischen Beruf in der Charité interessiert, darf in der Gesundheitsstadt Berlin überaus gute Bedingungen erwarten und dazu gehört inzwischen auch kostengünstiges Wohnen. Mein Dank gilt allen, die dieses Projekt unterstützt haben und ich wünsche allen Bewohnerinnen und Bewohnern eine gute Zukunft im neuen Zuhause.“

Ausgezeichnet: Charité stellt Befinden der Patient:innen stärker in den Fokus

- 20-09-2023

Wenn Kliniken die Ergebnisse von Behandlungen erheben, geht es oft um Zahlen und Fakten: Wie oft wird eine Operation durchgeführt? Wie häufig gab es Komplikationen? Im Rahmen ihrer Strategie „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“ will die Berliner Universitätsmedizin das subjektiv empfundene Wohl der Patient:innen bei der Messung des Behandlungserfolgs noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Dazu werden Betroffene bereits an mehreren Kliniken der Charité routinemäßig befragt, wie sie ihren Gesundheitszustand während und nach einer Behandlung selbst einschätzen. „Patient Reported Outcome Measures“ (PROMs) nennt man solche Fragebögen. Für die Einführung der PROMs wurde die Charité nun ausgezeichnet. Die Medizin der Zukunft: Wie sieht sie aus? Für die Berliner Universitätsmedizin gehört dazu, die Perspektive der Erkrankten noch mehr zu berücksichtigen. Eine verstärkte Orientierung am Nutzen für Patient:innen ist deshalb Teil des Strategiekonzepts „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“, das der Vorstand der Charité Ende 2020 vorgestellt hat.  „Wie geht es Ihnen?“ standardisiert erfassen Das Projekt „Charité PROM Rollout“ strebt die flächendeckende Erfassung der selbstberichteten Gesundheit bei allen Patient:innen der Charité in der Routineversorgung an. Mit der Verleihung des Lohfert-Preises 2023 hat die Christoph Lohfert Stiftung das Engagement der Berliner Universitätsmedizin in diesem Bereich nun gewürdigt. Laut der Jury zeigt das Projekt eindrücklich, wie die Charité als großes Unternehmen Patient:innen und deren Einschätzung zu ihrer Erkrankung wertschätzt, systematisch erfasst und auswertet. Die Preisverleihung fand gestern im Rahmen des Hamburger Gesundheitswirtschaftskongresses statt. Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité, unterstützt und fördert das Projekt. Er sagt: „Wir arbeiten darauf hin, dass an der Charité das subjektive Empfinden der Patientin oder des Patienten im Fokus einer jeden Behandlung steht. So möchten wir sowohl die Qualität der Behandlung als auch die Lebensqualität der Betroffenen weiter verbessern. Die systematische Auswertung der Sicht der Erkrankten in einer so großen Einrichtung ist jedoch alles andere als trivial. Umso mehr freue ich mich, dass die Anstrengungen aller am Projekt beteiligten Mitarbeitenden zur Implementierung der PROMs an der Charité nun gewürdigt werden.“  Koordiniert wird das nun ausgezeichnete Projekt von einem interdisziplinären Team des Charité Center for Patient-Centered Outcomes Research (CPCOR). Dessen Leiter, PD Dr. Felix Fischer, erläutert: „Unsere Aufgabe ist es, die Frage ‚Wie geht es Ihnen?‘ so zu erfassen, dass die Antwort in ihren vielen Dimensionen mess- und vergleichbar wird. Diese Standardisierung macht es einerseits dem ärztlichen Personal einfacher, mit den Patientinnen und Patienten über die individuellen Einschränkungen ihrer Lebensqualität zu sprechen und, falls nötig, therapeutisch darauf einzugehen. Durch den anonymisierten Vergleich vieler Krankheitsverläufe können wir andererseits Auswirkungen verschiedener Therapien auf den subjektiv empfundenen Gesundheitszustand erfassen. Diese Informationen sind eine wichtige Basis für die Therapiewahl, die dann verstärkt zusammen mit den Betroffenen getroffen werden kann.“ PROMs künftig in allen Charité-Kliniken PROMs geben Auskunft über die individuell wahrgenommene Gesundheit und Lebensqualität. Sie ergänzen die vorhandenen Messinstrumente, die sich auf quantitative Parameter wie Blutwerte, Tumorwachstum, Blutdruck oder Gewicht stützen. An der Charité sind krankheitsübergreifende PROM-Fragebögen im Einsatz, die digital acht Kerndomänen der Gesundheit erfassen: körperliche Funktionsfähigkeit, Schmerzen, Schlaf, Erschöpfung, Angst, Depressivität, kognitive Funktionsfähigkeit und soziale Teilhabe. Um die Lebensqualität im Verlauf der Behandlung messen zu können, werden die Patient:innen vor, während und im Anschluss an eine Therapie nach ihrem Befinden befragt – mithilfe eines Tablets in der Charité und per E-Mail nach ihrer Entlassung. PROMs werden an der Charité bereits routinemäßig im Brustzentrum der Klinik für Gynäkologie, den Einrichtungen des Wirbelsäulenzentrums, im Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie, in der Klinik für Urologie, der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik erhoben. Die Fragebögen werden derzeit in weiteren Einrichtungen der Charité eingeführt. Ziel ist die flächendeckende Erhebung von PROMs an allen bettenführenden Kliniken und Ambulanzen der Charité, also die systematische Befragung von mehr als 120.000 voll- und teilstationär sowie mehr als 730.000 ambulant behandelten Patient:innen.

Newsweek 2024: Charité zählt zu den besten Fachkrankenhäusern der Welt

- 14-09-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat im Newsweek-Ranking der spezialisierten Kliniken in sechs Bereichen besonders gute Plätze erreicht. Dabei schneidet die Berliner Universitätsmedizin herausragend in den Bereichen Neurochirurgie, Neurologie, Orthopädie, Herzchirurgie, Kardiologie sowie Onkologie ab. In vier Fachgebieten hat die Charité sogar einen Platz unter den weltweiten TOP 10 erzielt. Zudem konnten zum Teil noch bessere Platzierungen erreicht werden als im Vorjahr. Die US-amerikanische Zeitschrift und das Datenportal Statista haben für die Rangliste weltweit die besten Einrichtungen in zwölf Fachgebieten untersucht. Für das Ranking wurden u.a. die 300 besten Krankenhäuser für Kardiologie und Onkologie sowie die 125 besten für Neurologie, Neurochirurgie, Orthopädie, Pulmologie sowie Urologie betrachtet. Die Ranglisten basieren auf einer weltweiten Umfrage, an der sich zahlreiche medizinische Fachkräfte beteiligt haben. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, erklärt: „Die herausragende Kompetenz der Charité wurde erneut bestätigt. Wir sind in allen Fachgebieten unter den TOP 100 der World's Best Specialized Hospitals 2024 und belegen dabei fast ausschließlich Plätze unter den besten 30 Fachkrankenhäusern. Mein Dank gilt insbesondere unseren engagierten Mitarbeitenden.“ 

Patientenveranstaltung: Charité informiert zu Diabetes

- 13-09-2023

Welche Auswirkungen haben Ernährung und verschiedene Diäten auf Diabetes? Welche technischen Entwicklungen gibt es bei Glukose-Messsystem? Und welche Medikamente behandeln nicht nur Diabetes, sondern schützen auch die inneren Organe? Diese und weitere Fragen beantwortet die Charité – Universitätsmedizin Berlin am Mittwoch, den 20. September auf ihrer Informationsveranstaltung „Diabetes mellitus betrifft alle Organe“. Allein in Deutschland leben rund 8,5 Millionen Menschen mit Diabetes mellitus. Zudem erkranken jährlich mehr als eine halbe Million Erwachsene neu daran. Als Diabetes mellitus wird eine Gruppe von Erkrankungen des Zuckerstoffwechsels bezeichnet, die auf einem relativen oder absoluten Mangel an Insulin beruht. Unbehandelt führt die Erkrankung neben einem erhöhten Blutzucker zu einer Schädigung von Gefäßen und Organen. So besitzen Menschen, die an einem Diabetes mellitus erkranken, ein sehr hohes Risiko, einen Herzinfarkt oder ein chronisches Nierenversagen zu erleiden. Die Expert:innen der Charité informieren in kurzen Vorträgen über die Auswirkungen der Erkrankung auf die Organe Leber, Nieren und das Herz und welche Diabetes-Medikamente diese Organe schützen können. Zudem thematisieren sie die Vorteile einer angepassten Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Darüber hinaus erfahren Interessierte auch Neues zu Insulinpumpen und deren Kopplung an kontinuierliche Glukose-Messsysteme. Die Veranstaltung findet statt am Mittwoch, den 20. September von 16:00 bis 19:00 Uhr im Lehrgebäude am Charité Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1 in 13353 Berlin (Geländeadresse: Forum 3). Eine Anmeldung für die Präsenzveranstaltung ist nicht notwendig. Fragen aus dem Publikum sind willkommen.  Für Interessierte, die nicht vor Ort teilnehmen können, wird alternativ ein Livestream angeboten, für Fragen des Publikums an die Vortragenden ist ein Chat geschaltet. Zur Registrierung für die digitale Veranstaltung nutzen Sie folgenden Link https://diabetestag.charite.de/registrierung/.

Sonntagsvorlesung „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“

- 12-09-2023

Rudolf Virchow schafft mit seiner Zellularpathologie eine naturwissenschaftliche Grundlage für die Medizin: Jede Zelle entsteht aus einer Zelle – und auch Krankheiten entstehen auf zellulärer Ebene. Virchows Theorie bildet zugleich die Basis für moderne Methoden der Krebsbehandlung. In der kommenden Sonntagsvorlesung am 17. September geht es um das große Thema Krebs, Virchows Zellenlehre und die therapeutischen Ansätze aus seiner Theorie.  Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, spricht über Rudolf Virchow, seine Ausbildung in Berlin und seine Karriere als Star der Pathologie. Zudem erklärt er, wie Virchow seine Zellenlehre konzipierte und wie diese Theorie den Rahmen bietet, Krebs besser verstehen und behandeln zu können. Prof. Dr. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie, informiert über die zellbasierte Krebsmedizin, die an Virchows Entdeckung der kleinsten Einheit anknüpft und mithilfe modernster Technologien neue Behandlungskonzepte ermöglicht. Sie erklärt, wie die personalisierte, zellbasierte Krebstherapie heute gedacht wird und welches Potenzial sie hat, Krankheiten zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken, lange bevor Symptome sichtbar werden. Zudem spricht sie über aktuelle Studien und neueste Forschungsergebnisse.  Nach den Vorträgen kann die Ausstellung „DA IST ETWAS. Krebs und Emotionen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum mit einer Einführung von Prof. Eggert und Prof. Schnalke besucht werden. Die Sonntagsvorlesung „Von Virchows Zellenlehre zur personalisierten Krebstherapie“ findet am 17. September um 14 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin statt. Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9. Der Eintritt ist frei. Die Vorlesung kann im Nachgang als Audiomitschnitt „Sonntagsvorlesung nachgehört“ auf der Charité-Website und dem Charité-YouTube-Kanal abgerufen werden.  Mehr zur Sonntagsvorlesung erzählt Prof. Schnalke im Kurzvideo.

Antidepressiva bei körperlichen Erkrankungen und gleichzeitiger Depression

- 07-09-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Universität Aarhus Menschen mit Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes, nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall leiden nicht selten zusätzlich an einer Depression. Wie gut wirken bei ihnen Antidepressiva? Sind sie ebenso sicher wie bei Menschen ohne körperliche Erkrankung? Diesen Fragen sind Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Universität Aarhus in Dänemark, jetzt nachgegangen. In einer systematischen Übersichtsarbeit haben sie den weltweiten Forschungstand zusammengetragen und ausgewertet. Die klinisch hoch relevanten Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry* veröffentlicht. „Etwa 20 Prozent der Menschen mit körperlichen Erkrankungen leiden gleichzeitig an einer Depression – beides sollte behandelt werden“, sagt Prof. Dr. Christian Otte, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Charité Campus Benjamin Franklin. „Bei der Auswahl des passenden Antidepressivums spielen Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen einzunehmenden Medikamenten eine wichtige Rolle. Doch zum Glück gibt es heute eine Vielzahl an Antidepressiva mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, sodass praktisch bei jeder körperlichen Erkrankung mindestens ein passendes Präparat zur Behandlung einer Depression infrage kommt.“ Dennoch ist für Betroffene und behandelnde Ärzt:innen weiterhin offen: Sind Antidepressiva im jeweiligen Fall tatsächlich wirksam und auch sicher? „Bisher gab es auf diese Frage keine gesicherte Antwort“, so Prof. Otte. „Denn Zulassungsstudien von Antidepressiva werden fast ausschließlich mit körperlich gesunden Studienteilnehmenden durchgeführt.“ Eingehende Prüfung der Studienlage Um den weltweit aktuellen Stand der Forschung zusammenzuführen, hat das Studienteam medizinische Datenbanken nach sogenannten Meta-Analysen durchsucht, die bereits vorhandene Studien zusammenfassen. Dabei hat das Team strenge Auswahlkriterien angelegt: „In unsere Arbeit haben nur solche Analysen Eingang gefunden, die Daten randomisierter kontrollierter Studien zusammengefasst haben, da sie am besten geeignet sind, Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten zu untersuchen“, sagt Dr. Ole Köhler-Forsberg, Depressionsforscher an der Universität Aarhus. „Wir haben insgesamt 52 hochwertige Meta-Analysen ausfindig gemacht und für 27 unterschiedliche körperliche Erkrankungen ausgewertet. Darunter waren vor allem Krebs-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen sowie rheumatologische und neurologische Krankheiten.“ Prof. Otte resümiert: „Wir konnten zeigen, dass Antidepressiva bei depressiven Patientinnen und Patienten mit körperlicher Erkrankung tatsächlich ähnlich wirksam und sicher sind wie bei Betroffenen ohne eine solche Erkrankung.“ Zwar verursachten die Antidepressiva etwas häufiger Nebenwirkungen als ein Scheinmedikament, auch Placebo genannt, doch sehen die Forschenden keine generellen Sicherheitsbedenken für einen Einsatz bei körperlich Erkrankten. Klinisch hochrelevante Ergebnisse „Diese Ergebnisse sind eine gute Nachricht für Betroffene mit Depressionen und körperlichen Erkrankungen – und sie sind klinisch hochrelevant“, erklärt Prof. Otte. „Denn oftmals ist die Lebensqualität insbesondere durch die Depression stark beeinträchtigt. Auch weiß man, dass sich der Verlauf der körperlichen Erkrankung bei gleichzeitigem Auftreten einer Depression verschlechtert. Ergänzend zu anderen Therapiemaßnahmen kann eine Gabe von Antidepressiva den Betroffenen also sehr helfen.“ Die Forschenden gehen davon aus, dass die Studienergebnisse in die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Depression eingehen werden. Die NVL ist eine gemeinsame Initiative von Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zur Qualitätsförderung in der Medizin. „Uns hat überrascht, wie wenige große Studien es überhaupt zu dieser Thematik gibt, insbesondere auch bei häufigen Konstellationen wie etwa einer Krebserkrankung und gleichzeitiger Depression. Hier besteht aus unserer Sicht weiterhin großer Forschungsbedarf“, sagt Prof. Otte. In zukünftigen Projekten möchte er gemeinsam mit seinem Team herausfinden, ob Antidepressiva womöglich auch über die Bekämpfung einer Depression hinausgehende Wirkungen haben und ob sie beispielsweise einzelne Symptome einer gleichzeitig vorhandenen körperlichen Erkrankung lindern können.

ERC Starting Grants für zwei Forschende der Charité

- 05-09-2023

Zwei Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) haben den Europäischen Forschungsrat mit ihren Ideen überzeugt. Prof. Dr. Birgit Nemec ist Professorin für Geschichte der Medizin. Sie wird sich dem Engagement von Patient:innen mit arzneimittelbedingten Behinderungen sowie dem Wandel im Umgang mit Risiken seit der Contergan-Katastrophe widmen. Der Biomathematiker Dr. Maik Pietzner ergründet mögliche neue Ziele für Therapien bei häufigen, aber oft vernachlässigten Erkrankungen. Die Nachwuchswissenschaftler:innen erhalten für die Umsetzung ihrer innovativen Projekte und den Aufbau einer Arbeitsgruppe in den kommenden fünf Jahren jeweils rund 1,5 Millionen Euro. ERC Starting Grants gehören zu den höchsten europäischen Auszeichnungen. Sie ermöglichen Spitzenforschung in einem breiten Spektrum von Disziplinen. Forschende, die am Anfang ihrer Karriere stehen, können so eigene Projekte starten, Teams bilden und Ideen verfolgen. Der Europäische Forschungsrat hat heute die Vergabe von 400 Starting Grants an junge Wissenschaftler:innen in ganz Europa bekanntgegeben. Unter ihnen erneut zwei Forschende der Charité und des BIH. Arzneimittelbedingte Behinderungen: Von Patient:innen lernen Sie hatten Namen wie Primodos, Duogynon, Depakine oder Contergan. Es handelte sich um Präparate zum Ausschluss oder zur Bestätigung einer Schwangerschaft, um Antiepileptika oder um Medikamente, die Schlaflosigkeit und Beschwerden in der Schwangerschaft lindern sollten. Allen gemeinsam: Kinder, deren Mütter Arzneimittel dieser Art während der Schwangerschaft eingenommen hatten, kamen mit mitunter schwerwiegenden Behinderungen zur Welt. Einige der Wirkstoffe werden noch heute eingesetzt, allerdings in genau definierten Anwendungsgebieten. Lange kämpften – und kämpfen zum Teil noch immer – Betroffene und Angehörige um Anerkennung ihrer Behinderung als Folge einer Medikation und um Entschädigung. Eine der größten medizinischen Katastrophen in diesem Zusammenhang war die Verwendung von Thalidomid, eines Wirkstoffes, der 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel unter dem Namen Contergan auf den Markt kam. Der Nachweis eines direkten Zusammenhangs von vorgeburtlicher Medikamenteneinnahme und Fehlbildungen oder anderen Schädigungen ist oft schwer zu erbringen. In der ganzen Welt haben sich daher insbesondere in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Patient:innengruppen gegründet und miteinander vernetzt. Im Schulterschluss oder als einzelne Gruppierungen rangen und ringen sie um Aufklärung, Ursachenforschung und Anerkennung ihrer Behinderungen. Beyond Thalidomide – Thalidomide und darüber hinaus: Patient:innen als wirkmächtige Akteure für Wandel und Innovation – ist der Titel des neuen Vorhabens von Prof. Nemec. Die Medizinhistorikerin wird den internationalen Anstieg des Engagements von Patient:innen mit arzneimittelbedingten Behinderungen nachzeichnen. „Wir wollen verstehen, wie diese neuen Akteure in der Zivilgesellschaft und in der Wissenschaft die Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit verändert haben“, erklärt Prof. Nemec. „Sie haben eine Dringlichkeit geschaffen, mit der wir bis heute konfrontiert sind. Es ist erstaunlich, dass es bis heute keine geschichtliche Aufarbeitung darüber gibt, wie sich Betroffene verhalten.“ Wie also handeln und organisieren sich die Patient:innen? Wie aktivieren und eignen sie sich Ressourcen an? Wie tragen sie zu Wandel und Umdenken bei? Umfangreiche historische Recherchen, Bibliotheks- und Archivarbeit in Verbindung mit Zeitzeugeninterviews in vielen Ländern der Erde, von Lateinamerika über Afrika bis nach Südostasien, sollen zum ersten Mal eine Geschichte arzneimittelbedingter Behinderungen im Kontext reproduktiver Gesundheit aus der Perspektive von Patient:innen nachzeichnen. Diese wird die bisherige expertenzentrierte Darstellung ergänzen und ein umfassendes Rahmenwerk über die Art und Weise wie sich Patient:innen engagieren schaffen. Prof. Nemec beschäftigt sich schon lange Zeit intensiv mit der Rolle von Patient:innen und Aktivist:innen in der Aushandlung von Wissen und Praktiken in der neueren Geschichte von Schwangerschaft und Fortpflanzung. Eines ihrer derzeitigen Forschungsprojekte am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité arbeitet die länderübergreifende Geschichte hormoneller Schwangerschaftstests gemeinsam mit Betroffenengruppen auf. Ein anderes Projekt studiert den Wandel von Risiko- und Präventionskonzepten im Zuge von Schwangerschaft und Reproduktion in Deutschland. Zusätzlicher Fokus ihrer Forschung: die materiellen und visuellen Kulturen der Wissenschaften, der Geschichte urbaner Räume und Gedächtnispolitik. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie der Wissenschaften. Gene als Schlüssel zu neuen Therapien Die meisten Erkrankungen haben einen polygenen Hintergrund: Viele verschiedene Gene sind involviert und spielen – in bislang kaum verstandener Weise – zusammen. Schon kleinste Veränderungen in den relevanten Genen können das Krankheitsrisiko erhöhen. Genau hier will Dr. Maik Pietzner, Gruppenleiter in der AG Computational Medicine des BIH mit seinem neuen Vorhaben GenDrug ansetzen. Für eine Vielzahl häufiger, aber dennoch vernachlässigter Krankheiten fehlt es an wirksamen und sicheren Medikamenten. Einen Schlüssel zu neuen Therapien sieht er in den Genen, da die meisten Krankheiten auch einen genetischen Hintergrund haben. Mit einer ausgeklügelten Strategie, die künstliche Intelligenz (KI) zur Aufarbeitung riesiger Datenmengen nutzt, wollen der Biomathematiker und sein Team in großem Stil krankheitsrelevante Gene aufspüren und damit Ansatzpunkte für die Behandlung häufiger, aber wenig betrachteter Krankheiten liefern. „Unser Ziel ist, krankheitsspezifische kleine Veränderungen in den Genen und damit Zielstrukturen für innovative Medikamente zu finden. Dabei werden wir neue Wege beschreiten: Wir werden Erkenntnisse der Genomsequenzierung mit elektronischen Gesundheitsdaten verknüpfen und unter Verwendung künstlicher Intelligenz nach bislang unbekannten Zusammenhängen zwischen Genetik und Krankheitsmanifestation suchen – Zusammenhängen, die richtungsweisend bei der Entwicklung neuer Medikamente sein könnten“, wie Dr. Pietzner erklärt. Die Verfügbarkeit elektronischer Gesundheitsdaten eröffnet erstmals die Möglichkeit, anhand anonymisierter Daten von Millionen von Menschen Erkrankungen systematisch und ökonomisch zu erforschen. „Wir gehen davon aus, dass sich bei Sichtung der riesigen Datenpools genetische Signaturen herauskristallisieren, die für bestimmte Krankheiten typisch sind“, so der Wissenschaftler. „Unsere Computerprogramme sind in der Lage, in einer für uns ohne KI-Support nicht zu bewältigenden Datenfülle Muster zu erkennen und sichtbar zu machen. Methodisch ist das ein Quantensprung.“ In den Genen sind Informationen für die Herstellung von Eiweißstoffen, den Proteinen, hinterlegt. Genau an diesen Genprodukten sind Dr. Pietzner und sein Team interessiert. Denn Proteine, die man bei bestimmten Erkrankungen gehäuft oder in ihrem Bauplan verändert findet, könnten Ansatzpunkte für eine innovative Therapie sein. Oder aber die neu gewonnenen Erkenntnisse über Risikogene und ihre Genprodukte untermauern bereits vorhandene Therapieansätze und bieten die Chance, diese weiterzuentwickeln – auch das wäre ein Zugewinn.

Wie sich schweres Long COVID langfristig entwickelt

- 22-08-2023

Menschen mit Post-COVID-Syndrom, die ein halbes Jahr nach ihrer Corona-Infektion an einer krankhaften Erschöpfung – der Fatigue – leiden, sind oft nach bis zu 20 Monaten noch stark beeinträchtigt. Das zeigt eine aktuelle Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Centers. Betroffene, die das Chronische Fatigue-Syndrom ME/CFS entwickeln, sind in den allermeisten Fällen unverändert schwer krank. Patient:innen mit ähnlichen Symptomen, die die Diagnosekriterien für ME/CFS nicht erfüllen, erleben dagegen eine langsame Verbesserung ihrer Beschwerden. Veröffentlicht ist die Arbeit im Fachmagazin eClinicalMedicine*. Wenn drei Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion noch immer gesundheitliche Beschwerden bestehen, die über mindestens zwei Monate anhalten und nicht anderweitig zu erklären sind, spricht man vom Post-COVID-Syndrom (PCS). Die Symptome sind insgesamt heterogen, viele Betroffene haben Atembeschwerden, können sich schlecht konzentrieren und sind kaum belastbar. Besonders oft berichten PCS-Erkrankte von einer bleiernen Erschöpfung, die sich durch normale Erholung kaum beheben lässt: die sogenannte Fatigue. Häufig können diese Menschen den Alltag kaum noch bewältigen und leichte Anstrengung verschlechtert den Zustand, man spricht von Belastungsintoleranz. Frauen trifft es deutlich häufiger als Männer. Nicht nur Betroffene fragen sich, wie lange sie mit ihren Symptomen zu kämpfen haben werden. Für die ersten Monate nach der Infektion gibt es dazu mittlerweile Erkenntnisse aus einer Reihe von Studien. Danach dauert die Erholung im Schnitt desto länger, je schwerer die Infektion verlaufen ist. Bei vielen gehen die Beschwerden innerhalb eines Jahres zurück – das gilt jedoch leider nicht für alle Erkrankten. Unklar ist bisher, wie sich die Krankheit bei ihnen langfristig entwickelt. Wie lang sind die Schatten von COVID-19? In der nun veröffentlichten Studie fokussierten die Forschenden auf Menschen, die ein halbes Jahr nach ihrer SARS-CoV-2-Infektion noch immer an einer ausgeprägten Fatigue und stark reduzierter Belastbarkeit litten. Im Gegensatz zu Studien, die sich allein auf die Beschreibung der Symptome durch die Betroffenen stützen, wurden die 106 Teilnehmenden – zum Großteil Frauen – zu drei Zeitpunkten im Abstand von mehreren Monaten umfassend medizinisch untersucht. „Leider zeigen unsere Daten, dass Post-COVID-Betroffene mit schwerer Fatigue auch mehr als eineinhalb Jahre nach ihrer Infektion noch immer krank sind“, sagt Dr. Judith Bellmann-Strobl, Letztautorin der Studie und Oberärztin der Hochschulambulanz für Neuroimmunologie des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Centers. „Nur bei der Hälfte von ihnen – die nicht das Vollbild von ME/CFS zeigen – zeichnet sich eine langsame Besserung zumindest einiger Symptome ab.“ Zwei Gruppen von PCS-Erkrankten mit ausgeprägter Fatigue und Belastungsintoleranz Bereits letztes Jahr hatten die Forschenden beobachtet, dass sich unter den Post-COVID-Betroffenen mit stark reduzierter Belastbarkeit zwei Gruppen unterscheiden lassen. Ein Teil der Patient:innen erfüllt das Vollbild eines ME/CFS – eine komplexe neuroimmunologische Erkrankung, die mit schwerer Fatigue und Belastungsintoleranz einhergeht und zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führen kann. Patient:innen in der zweiten Gruppe haben zwar ähnliche Symptome, ihre Beschwerden nach körperlicher Anstrengung sind jedoch meist nicht so stark ausgeprägt und halten weniger lang an. Bei der letzteren Gruppe gehen der aktuellen Studie zufolge die Fatigue, aber auch das allgemeine Krankheitsgefühl, Schmerzen und Konzentrationsstörungen über die Zeit etwas zurück. Ihre Belastbarkeit steigt ein wenig, einige Betroffenen konnten wieder einer Arbeit nachgehen. Bei den Post-COVID-Patient:innen mit ME/CFS veränderten sich die Beschwerden dagegen kaum, obwohl auch sie eine symptomatische Therapie erhielten. Mit sehr wenigen Ausnahmen: „Sieben der 55 ME/CFS-Erkrankten erlebten eine Verbesserung ihrer Beeinträchtigungen“, erklärt Dr. Bellmann-Strobl. „Wir haben allerdings zurzeit noch keine Erklärung dafür und konnten keine medizinischen Gemeinsamkeiten feststellen.“ Handkraft zur Abschätzung der Prognose? Eine weitere in der Studie gemachte Beobachtung lässt sich künftig möglicherweise für die Abschätzung des Krankheitsverlaufs bei Post-COVID-Erkrankten mit ME/CFS nutzen: Je mehr Kraft die Patient:innen zu Beginn der Erkrankung in der Hand hatten, desto geringer ausgeprägt waren ihre Symptome bis zu 20 Monate später. „Die Handkraft war nicht nur ein Parameter für die Schwere der Erkrankung zu Beginn, sondern konnte auch vorhersagen, wie sich die ME/CFS-Erkrankung weiter entwickeln wird“, erklärt Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, kommissarische Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie der Charité und Leiterin des Charité Fatigue Centrums. Zusammen mit Dr. Bellmann-Strobl hat sie die Studie geleitet. Sie betont: „Bevor wir die Handkraft allerdings prognostisch nutzen können, müssen wir ihre Aussagekraft mit weiteren Studien bestätigen.“ „In Europa leben nach aktuellen Aussagen der WHO etwa 36 Millionen Menschen mit Long COVID, von denen die meisten in ihrem Alltag eingeschränkt sind und von denen viele kein normales Leben mehr führen können“, betont Prof. Scheibenbogen. „Bereits vor der Pandemie waren in Europa geschätzt drei Millionen Menschen an ME/CFS erkrankt und vorliegenden Daten lassen vermuten, dass sich deren Zahl infolge der Pandemie verdoppelt hat. Unsere Studie zeigt, dass die meisten ME/CFS-Erkrankten anhaltend schwer krank sind. Neben der intensiven Suche nach wirksamen Therapien brauchen wir deshalb auch rasch Versorgungseinrichtungen, in denen die Betroffenen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und klinischer Erfahrung multidisziplinär betreut werden.“ In Ermangelung von Therapien, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Ursache des Post-COVID-Syndroms und ME/CFS beheben, empfiehlt Dr. Bellmann-Strobl den Patient:innen vor allem, ihre Energiereserven durch das sogenannte Pacing gut einzuteilen und eine Überlastung zu vermeiden. Hilfsmittel können beispielsweise Schrittzähler, Herzfrequenzmesser, ein Aktivitätstagebuch und Entspannungsübungen sein. „Durch das Pacing lässt sich die Postexertionelle Malaise, eine Verschlechterung des Zustands, verhindern. Je besser Betroffene das Pacing beherrschen, desto weniger Beschwerden haben sie durch ihre Erkrankung. Dabei sollte man sich sehr vorsichtig an die Belastungsgrenzen herantasten; eine professionelle Anleitung kann dabei helfen, eine Überanstrengung zu vermeiden.“

Weniger Nebenwirkungen als befürchtet: Kortison in niedrigen Dosen

- 15-08-2023

Bei rheumatoider Arthritis – oft ungenau als Rheuma bezeichnet – ist Kortison sehr wirksam, medizinische Leitlinien raten aber von einer längerfristigen Einnahme ab. Grund sind eine Reihe von Nebenwirkungen – die allerdings vor allem bei den früher üblichen hohen Dosierungen beobachtet wurden. Zur Verabreichung von kleinen Mengen Kortison über einen längeren Zeitraum gibt es dagegen wenig aussagekräftige Daten. Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Annals of Internal Medicine* zeigt jetzt: Zumindest der Blutdruck steigt nach zweijähriger Therapie mit niedrig dosiertem Kortison nicht an. Und die oft befürchtete Gewichtszunahme fällt mit rund einem Kilogramm moderat aus. Als Kortison wird umgangssprachlich die Gruppe der Glukokortikoide bezeichnet. Das sind körpereigene und auch synthetische Wirkstoffe, die unter anderem das Immunsystem hemmen. Kortison-Präparate werden deshalb schon seit Langem gegen eine ganze Reihe von entzündlichen Erkrankungen eingesetzt, darunter Autoimmunkrankheiten wie die rheumatoide Arthritis. Und sie wirken: Kortison-Präparate helfen gegen die Entzündung in den Gelenken, mindern Schmerzen und lindern die krankheitsbedingte körperliche Behinderung. Außerdem werden die Gelenke deutlich weniger geschädigt. Kortison wird entgegen Leitlinien verwendet „Weil Kortison-Präparate so gut gegen die rheumatoide Arthritis helfen, nehmen 30 bis 50 Prozent der Betroffenen sie auch zwei Jahre nach der Diagnose noch – und zwar entgegen den aktuellen medizinischen Leitlinien und Empfehlungen“, erklärt Dr. Andriko Palmowski, Erstautor der Studie von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. „Die Leitlinien und Empfehlungen raten eigentlich, Kortison – wenn überhaupt – nur vorübergehend zu verabreichen, weil sonst relevante Nebenwirkungen zu befürchten sind.“ Allerdings: Viele dieser Nebenwirkungen sind für die früher viel häufiger verabreichten hohen Kortison-Dosierungen gut belegt, für die heute bevorzugten geringeren Mengen ist die Datenlage weniger eindeutig. Dr. Palmowski: „So genau wissen wir also gar nicht, wie stark die Nebenwirkungen bei niedrig dosierten Kortison-Präparaten sind.“ In der Vergangenheit hatten einige Beobachtungsstudien beispielsweise darauf hingedeutet, dass eine langfristige Einnahme von geringen Mengen Kortison bei rheumatoider Arthritis den Blutdruck ansteigen lässt und zu einer Gewichtszunahme führt. „Allerdings haben Beobachtungsstudien aufgrund verschiedener verzerrender Effekte nur eine begrenzte Aussagekraft“, betont Prof. Dr. Frank Buttgereit, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité und Leiter der Studie. „Für eine stärkere Beweiskraft benötigt man ein höherwertiges Untersuchungsdesign, die sogenannten randomisierten kontrollierten Studien.“ Von dieser Art der Studien, bei der der Zufall entscheidet, ob die Teilnehmenden das Medikament oder ein Scheinpräparat erhalten, gab es sogar schon eine Handvoll. Für eine statistisch verlässliche Analyse der beiden Nebenwirkungen hatte jede für sich genommen jedoch zu wenige Patient:innen eingeschlossen. Charité-Studie analysiert Daten von über 1.100 Personen Das Charité-Forschungsteam holte deshalb von fünf der bereits abgeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien die Messwerte zu Blutdruck und Körpergewicht ein und analysierte diese gemeinsam. So kamen Daten von insgesamt mehr als 1.100 Menschen mit rheumatoider Arthritis aus zwölf europäischen Ländern zusammen, die über zwei Jahre hinweg niedrig dosierte Kortison-Präparate oder ein Scheinpräparat beziehungsweise Kontrollmedikamente erhalten hatten. Alle Patient:innen hatten zudem, wie üblich, eine dauerhafte Begleitmedikation zur besseren Eindämmung der Erkrankung bekommen. Das Ergebnis: Unter der Kortison-Therapie veränderte der Blutdruck sich nicht signifikant, und die Betroffenen nahmen im Schnitt nur 1,1 Kilogramm mehr zu als die Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. Ähnliches galt auch für Risikopatient:innen, die zu Studienbeginn bereits übergewichtig waren oder einen hohen Blutdruck hatten. „Die Ergebnisse unserer Studie machen die Leitlinien nicht obsolet, denn Glukokortikoide können auch andere schwerwiegende Nebenwirkungen wie Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Neigung zu Infektionen mit sich bringen“, resümiert Prof. Buttgereit. „Aber für viele Rheuma-Betroffene und auch ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte ist die Sorge vor einem Blutdruckanstieg und einer Gewichtszunahme ein wichtiges Entscheidungskriterium für oder gegen eine Kortison-Therapie. Das sollte sie jedoch nicht sein, weil beide Effekte – wie unsere Ergebnisse zeigen – keine große Relevanz haben. Stattdessen sollte die Entscheidungsfindung eher die anderen Nebenwirkungen in den Blick nehmen.“ Um das Für und Wider einer Therapie mit niedrig dosiertem Kortison künftig noch besser abwägen zu können, plant das Charité-Forschungsteam nun, zu weiteren Nebenwirkungen hochqualitative Daten zu sammeln. Als nächstes im Fokus: die Osteoporose.

Prof. Christian Otte ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

- 01-08-2023

Prof. Dr. Christian Otte hat zum 1. August die Leitung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin (CBF) der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Er ist seit 2016 W3-Professor für Klinische Psychiatrie der Charité und war bisher stellvertretender Direktor der Klinik. Prof. Otte folgt auf Prof. Dr. Isabella Heuser-Collier, die die Klinikleitung seit 2001 innehatte und nun in den Ruhestand geht. Prof. Otte ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und seit 2011 an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am CBF. Der 54-Jährige betont zu seinen klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten: „Eines meiner Fokusthemen ist das gleichzeitige Vorliegen von Depressionen und körperlichen Erkrankungen. Dabei beschäftigt uns die Frage, wie sich diese Erkrankungen wechselseitig beeinflussen und welche Behandlungsansätze für die Patient:innen wirksam sein können.“  Der gebürtige Hamburger konkretisiert seine Forschungsinteressen: „Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören zudem die Durchführung und methodische Weiterentwicklung klinischer Studien. Dabei interessieren wir uns besonders für große konfirmatorische und leitlinienverändernde Studien. Also Studien, die wesentlich länger als bisher laufen und zeigen können, was die Patient:innen nachhaltig unterstützt. Dafür arbeiten wir auch an Studien mit neuen Designs, sogenannten Platform Trials. Klinische Interventionsstudien bieten darüber hinaus auch hervorragende Möglichkeiten, Grundlagenforschung zu biologischen und psychologischen Krankheitsmechanismen mit der Versorgung zu integrieren und damit die Behandlungsmöglichkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln. Dieses Ziel haben wir uns als Klinik und auch im neu gegründeten Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit besonders auf die Fahnen geschrieben“. Ein besonderes Anliegen ist Prof. Otte zudem die Lehre und Förderung junger Mediziner:innen: „Ich möchte die Medizinstudierenden für unser Fach begeistern und schon frühzeitig im Studium auf das Thema psychische Gesundheit aufmerksam machen. Darüber hinaus gilt es, forschungsaktive Nachwuchstalente zu fördern und ihnen die Verknüpfung von klinischen Fragestellungen und medizinischer Forschung zu ermöglichen.“

Umfassende Krebsmedizin: Charité kooperiert mit Onkologiezentrum in Seoul

- 27-07-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Samsung Comprehensive Cancer Center in Seoul haben ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Ziel der Kooperation sind die Förderung und Weiterentwicklung der Krebsmedizin durch intensive Zusammenarbeit und den Austausch zu Versorgung und onkologischer Forschung. Dafür arbeiten das Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) und das Samsung Comprehensive Cancer Center (SCCC) intensiv zusammen und tauschen sich zu Krebstherapien und onkologischer Forschung aus. Die Kooperation umfasst zudem gemeinsame Forschungstätigkeiten und den gegenseitigen Austausch von medizinischem Personal zur Aus- und Weiterbildung. Darüber hinaus arbeiten beide Partner aktiv an der digitalen Transformation in den Bereichen der computergestützten Supportsysteme sowie der medizintechnischen Entwicklung zusammen und verständigen sich zu Aufgaben des Managements. Anlässlich der Unterzeichnung erklärte Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité: „Die Gesundheitsversorgung ist ein globales Thema und wir haben die Chance, mit einem anderen weltweit führenden Zentrum in der Krebsbehandlung intensiv zu kooperieren. Das SCCC steht für eine fortschrittliche interdisziplinäre Behandlung und eine hochmoderne medizinische Ausstattung. Ebenso wichtig sind den koreanischen Kolleg:innen Prävention und Rehabilitation sowie der Fokus auf Ausbildung und Forschung. Mit der Kooperation können wir die personalisierte Krebsmedizin in beiden Institutionen zum Wohle der Patient:innen verbessern.“ Prof. Dr. Ulrich Keilholz, Direktor des CCCC, ergänzte: „Das Charité Comprehensive Cancer Center ist das integrative Tumorzentrum der Charité. Die Kooperation mit dem ähnlich organisierten SCCC wird beiden Institutionen neue Impulse liefern und den Expert:innen helfen, Krebsforschung und Versorgungsstrukturen zu verbessern. Die gemeinsamen Interessen reichen von der komplementären Forschung an präklinischen Tumormodellen bis hin zu digitalisierten ‚Patient-Reported Outcome Measurements' (PROMs). Interessant ist für uns auch das in Seoul integrierte Cancer Education Center, das Patient:innen, Angehörige und Besucher:innen über die verschiedenen Aspekte von Krebs und die möglichen Behandlungsmethoden aufklärt.“

Pionierforschung: Nichtinvasive Hirnstimulation mit höchster Präzision

- 24-07-2023

Ausgefeilte Technologien zur Hirnstimulation und Gehirn-Computer-Schnittstellen sind das Feld von Prof. Dr. Surjo Soekadar, Einstein-Professor für Klinische Neurotechnologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Mit seinem Team entwickelt und erprobt er Systeme, die eine Kommunikation zwischen dem Gehirn und externen Geräten ermöglichen. Auf diese Weise können unter anderem Schwerstgelähmte kraft ihrer Gedanken Exoskelette steuern. Doch die Systeme stoßen an Grenzen. Und tiefer im Schädelinneren gelegene Hirnareale sind nur schwer zu erreichen. Eine neue Generation dieser Schnittstellen, ausgestattet mit hochauflösenden Sensoren und einem besonders effektiven Stimulationsverfahren, soll das ändern – unterstützt vom Europäischen Forschungsrat (ERC) in den kommenden fünf Jahren mit rund zwei Millionen Euro. Gehirn-Computer-Schnittstellen, im Englischen Brain-Computer Interfaces (BCIs) genannt, nutzen die Tatsache, dass das Gehirn elektrische Felder erzeugt. Diese Felder lassen sich auf der Kopfhaut messen. Anschließend übersetzen BCIs die Hirnaktivität in Steuersignale externer Geräte wie Prothesen, Roboter oder Exoskelette. Menschen mit schweren Lähmungen kann dies Bewegungen oder Kommunikation ermöglichen. Sogenannte bidirektionale BCIs erlauben es darüber hinaus, Hirnaktivität gezielt elektrisch anzuregen, beispielsweise um ein Tastempfinden beim Steuern einer Prothese zu simulieren. Von medizinischem Nutzen sind BCI-Systeme unter anderem im Bereich der neurologischen Rehabilitation, beispielsweise wenn es darum geht, die Kommunikations- oder die Bewegungsfähigkeit schwerstgelähmter Menschen wiederherzustellen. Therapeutisches Spektrum von BCIs erweitern Menschen mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen zu neuer Lebensqualität zu verhelfen, ist Prof. Soekadar ein Anliegen. Seit fünf Jahren leitet er den Forschungsbereich Translation und Neurotechnologie sowie die Arbeitsgruppe Klinische Neurotechnologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte. Die therapeutischen Potenziale von BCI-Systemen hat er bereits frühzeitig erkannt. Jenseits des Wiederherstellens sensomotorischer Funktionen sollen sie nun auch in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen zum Einsatz kommen. Mit der aktuellen Förderung durch den Europäischen Forschungsrat will der Berliner Neurowissenschaftler nun entscheidende Hürden auf dem Weg zu einer sicheren und effektiven bidirektionalen Gehirn-Computer-Schnittstelle nehmen. Die wohl größte unter ihnen ist der menschliche Schädel selbst. Wird die Hirnaktivität von außerhalb der Knochendecke gemessen, beispielsweise mittels Elektroenzephalographie (EEG), ist die Genauigkeit der BCI bislang begrenzt. Die Implantation von Elektroden oder Sensoren in den Schädel dagegen ist aufwendig und birgt zahlreiche Risiken. Das Team um Prof. Soekadar ist auf der Suche nach Alternativen und erprobt derzeit den Einsatz von ultragenauen Sensoren, sogenannten Quantensensoren, die Hirnaktivität mit einer wesentlich höheren Genauigkeit an der Kopfoberfläche messen können als EEG oder andere nichtinvasive Methoden. Mit Unterstützung der Einstein Stiftung Berlin und in Zusammenarbeit mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) sowie der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) ist bereits ein Prototyp eines solchen Quanten-BCIs entstanden. Grundlage der Hightech-Sensoren sind gasförmige Atome, die als Magnetfeldsonden fungieren und die auf die elektrischen Hirnsignale reagieren. Man nennt sie optisch gepumpte Magnetometer (OPM). Weltweit erste nichtinvasive bidirektionale Gehirn-Computer-Schnittstelle Trotz rasanter Fortschritte im Bereich der Neurotechnologie existiert aktuell noch kein bidirektionales BCI auf der Basis nichtinvasiver, also nicht operativ eingreifender, Methoden. Grund dafür ist einerseits die notwendige Empfindlichkeit der Sensoren und andererseits die Stärke der Stimulation, die erforderlich ist, um das Gehirn durch den Schädelknochen hindurch anzuregen. Dabei auftretende Störsignale lassen eine zuverlässige Messung und Interpretation von Hirnsignalen noch nicht zu. „Genau dieses Problem wollen wir lösen“, erklärt Prof. Soekadar. „Wir haben vor, an der Charité die weltweit erste bidirektionale Gehirn-Computer-Schnittstelle auf der Basis von Quantensensoren und Temporaler Interferenz-Magnetstimulation, kurz TIMS, einer besonders effektiven Form der Neurostimulation, zu entwickeln. Unser Ziel ist dabei, das System insbesondere auch für die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen, beispielsweise Depressionen, zugänglich zu machen.“ Das neue Hirnstimulationsverfahren TIMS soll hierbei eine Schlüsselrolle spielen. Es basiert auf sich überlagernden, gegenseitig verstärkenden oder abschwächenden Magnetfeldern. Dieses Prinzip haben die Forschenden um Prof. Soekadar im Rahmen eines vorangegangenen ERC Starting Grants etabliert und einen solchen Prototyp mithilfe des SPARK-BIH Innovationsprogramms gebaut. Im nun bevorstehenden ERC-Consolidator-Projekt BNCI2 soll dieser Prototyp erweitert und schließlich mit dem Quanten-BCI kombiniert werden. „Die Möglichkeiten, die sich durch diese Kombination für Wissenschaft und Klinik ergeben, sind sehr weitreichend“, davon ist Prof. Soekadar überzeugt. So soll es möglich werden, in Abhängigkeit bestimmter Hirnzustände die Aktivität auch tiefer Areale des Gehirns gezielt anzuregen. Der Einsatz von hochauflösenden Quantensensoren soll dabei eine Messgenauigkeit erreichen, die bisher nur invasiven Verfahren vorbehalten war. „Wir hoffen mit dem System Aktivitätsmuster im Gehirn zu erkennen, die für das Auftreten bestimmter klinischer Symptome verantwortlich sind. In einem zweiten Schritt soll das Auftreten dieser Symptome über einen geschlossenen Neuromodulationskreislauf gezielt beeinflusst werden“, so der Wissenschaftler. Die Tatsache, dass es sich um ein nichtinvasives System handelt, ist eine wichtige Voraussetzung für einen breiten klinischen Einsatz, der das Leben vieler Patient:innen nachhaltig verbessern kann. Gleichzeitig gilt es bei diesem Vorstoß in noch unbekannte Dimensionen der therapeutischen Neuromodulation, ethische Herausforderungen und Aspekte der Cybersicherheit in den Blick zu nehmen.

Nicht nur Lebensstil und Gene: Weiterer Einflussfaktor für Übergewicht entdeckt

- 20-07-2023

Was bestimmt, ob wir fettleibig werden? Neben dem Lebensstil wirkt sich auch die Veranlagung aus, die Gene aber können den ererbten Hang zum Übergewicht nicht vollständig erklären. Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Science Translational Medicine* zeigt jetzt, dass auch eine Art Formatierung des DNA-Codes eines Sättigungsgens mit einem leicht erhöhten Risiko für Fettleibigkeit einhergeht – zumindest bei Frauen. Diese sogenannte epigenetische Markierung wird bereits in der frühen Embryonalphase etabliert. Übergewicht, insbesondere starkes, steigert das Risiko für eine Reihe von schwerwiegenden Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Das Gesundheitsproblem wächst: Weltweit nimmt die Zahl übergewichtiger Menschen zu, in Deutschland geht man davon aus, dass zwei von drei Männern (60 Prozent) und knapp die Hälfte der Frauen (45 Prozent) zu viele Kilos auf die Waage bringen. Was aber bestimmt, ob Menschen übergewichtig werden? Klar ist: Neben dem Lebensstil spielt Veranlagung eine große Rolle. Bei eineiigen Zwillingen ähnelt sich der Body-Mass-Index (BMI) zu 40 bis 70 Prozent. Auch wenn sie nicht in der gleichen Familie aufwachsen, bleibt diese große Ähnlichkeit bestehen. Mittlerweile sind mehrere Genvarianten bekannt, die das Gewicht beeinflussen – und damit das Risiko, Fettleibigkeit (Adipositas) zu entwickeln. Zusammengenommen können sie jedoch die beobachtete Erblichkeit nicht erklären. Forschende vermuteten deshalb, dass es zusätzliche, nichtgenetische Faktoren geben muss, die sich auf den Hang zum Übergewicht auswirken. Sättigungsgen wird nicht abgeändert, sondern formatiert Einen solchen haben Forschende um Prof. Dr. Peter Kühnen, Direktor der Klinik für pädiatrische Endokrinologie der Charité, in ihrer aktuellen Studie nun identifiziert. Demnach steigt das Risiko für Fettleibigkeit bei Frauen um etwa 44 Prozent, wenn an dem für das Sättigungsgefühl verantwortlichen Gen POMC (Proopiomelanocortin) besonders viele Methylgruppen haften. Methylgruppen sind kleine chemische Einheiten, mit denen der Körper die Buchstaben des DNA-Codes markiert, um Gene an- oder auszuschalten, ohne die DNA-Buchstabenfolge zu ändern. Ein Vergleich: Die Wirkung ähnelt der Hervorhebung eines Abschnitts in einem Text, ohne dass der Text umgeschrieben wird. Bezeichnet wird diese Art der „DNA-Formatierung“ als epigenetische Markierung. Für die Studie hatte das Forschungsteam die „Formatierung“ des POMC-Gens bei mehr als 1.100 Menschen analysiert. Bei adipösen Frauen mit einem BMI über 35 fanden sich mehr Methylgruppen an dem Sättigungsgen als bei normalgewichtigen Frauen. „Eine Erhöhung des Adipositas-Risikos um 44 Prozent entspricht etwa dem Effekt, den man auch bei einzelnen Genvarianten beobachtet hat“, sagt Studienleiter Prof. Kühnen. „Im Vergleich wirken sich sozioökonomische Faktoren allerdings deutlich stärker aus, sie können das Risiko um das Zwei- bis Dreifache erhöhen. Warum der Effekt der Methylierung nur bei Frauen zum Tragen kommt, wissen wir noch nicht.“ Das POMC-Gen wird bereits sehr früh in der embryonalen Entwicklung „formatiert“, wie die Forschenden durch einen Vergleich von Methylierungsmustern bei jeweils mehr als 30 eineiigen und zweieiigen Zwillingen nachwiesen. Während die „Formatierung“ des Sättigungsgens bei eineiigen Zwillingen in den meisten Fällen übereinstimmte, korrelierte sie bei zweieiigen Zwillingen kaum. „Das deutet darauf hin, dass die epigenetische Markierung des POMC-Gens schon kurz nach dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle etabliert wird, noch bevor sich die befruchtete Eizelle in zwei Zwillingsembryonen aufteilt“, erklärt Lara Lechner, Erstautorin der Studie von der Klinik für pädiatrische Endokrinologie. Die ganz frühe Phase einer Schwangerschaft ist also bereits entscheidend. Was beeinflusst die Formatierung? Doch was beeinflusst, wie stark das Sättigungsgen methyliert wird – und damit das Risiko für Übergewicht? Vergangene Studien hatten darauf hingedeutet, dass sich die An- oder Abwesenheit bestimmter Nährstoffe, die als Lieferanten für Methylgruppen dienen, möglicherweise auf epigenetische Prozesse auswirken könnten. Zu diesen Nährstoffen zählen beispielsweise Betain, Methionin oder Folsäure, die für gewöhnlich über die Nahrung aufgenommen werden. Eine neu entwickelte Methode erlaubte es den Charité-Wissenschaftler:innen nun erstmals, im Labor mithilfe von einzelnen menschlichen Stammzellen nachzuahmen, wie das Methylierungsmuster in der Embryonalentwicklung festgelegt wird und welchen Einfluss Nährstoffe darauf haben. „Unsere und auch andere Studien zeigen einerseits, dass Folsäure, Betain und andere Nährstoffe sich in begrenztem Maße auf den Umfang der Methylierung auswirken“, sagt Prof. Kühnen. „Wir haben dabei beobachtet, dass das ‚DNA-Formatierungssystem‘ insgesamt recht stabil ist und kleinere Schwankungen im Nährstoffangebot von den Zellen kompensiert werden. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise, dass sich die Variabilität dieser ‚Formatierung‘ zufällig entwickelt. Das bedeutet, dass man zumindest aktuell noch nicht von außen beeinflussen kann, ob eine Person mehr oder weniger Methylierung in der POMC-Region aufweist.“ Medikamentöse Hilfe potenziell möglich Zumindest theoretisch könnte man Frauen, die aufgrund einer Methylierung des POMC-Gens ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Fettleibigkeit haben, medikamentös beim Abnehmen unterstützen. Darauf deuten erste Ergebnisse an vier hochadipösen Frauen und einem Mann mit eben dieser „Formatierung“ des Sättigungsgens hin. Sie erhielten einen spezifischen Wirkstoff, der in die Entstehung des Hungergefühls eingreift und für die Adipositas-Behandlung von Menschen mit einem mutierten, also fehlerhaften POMC-Gen zugelassen ist. Innerhalb von drei Monaten nach Start der Behandlung empfanden die fünf Patient:innen weniger Hunger und verloren im Schnitt sieben Kilogramm, also rund fünf Prozent ihres Körpergewichts. Einige von ihnen setzten die Behandlung länger fort und nahmen weiter ab. „Diese Ergebnisse zeigen zunächst einmal, dass sich ein epigenetisch verändertes POMC-Gen überhaupt potenziell medikamentös adressieren lässt“, sagt Prof. Kühnen. „Weitere große kontrollierte Studien müssen zeigen, ob und wie wirksam und sicher die Behandlung mit dem Wirkstoff auch über einen längeren Zeitraum wäre. Insgesamt könnte ein solches Medikament jedoch nur Teil einer umfassenden Behandlungsstrategie sein.“

Versorgung von Long-COVID-Betroffenen und psychiatrisch behandelten Menschen verbessern

- 17-07-2023

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat deutschlandweit insgesamt 35 neue Vorhaben zur Versorgungsforschung für eine Förderung ausgewählt. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin leiten zwei dieser Projekte, an zwei weiteren Vorhaben ist die Charité beteiligt. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung weiterzuentwickeln und kontinuierlich zu verbessern. Ein aktueller Schwerpunkt: Übergänge und Schnittstellen im Gesundheitswesen. Der Innovationsfonds unterstützt Projekte mit Modellcharakter, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen. Dabei stellen die gewonnenen Erkenntnisse Weichen, denn sie sind Grundlage gesetzlicher Entscheidungen. Prof. Dr. Liane Schenk, derzeit Sprecherin der Plattform – Charité Versorgungsforschung: „Die Projekte, die wir nun umsetzen können, nehmen verstärkt Versorgungsverläufe in den Fokus, um Abläufe der Gesundheitsfürsorge insbesondere an den Sektorengrenzen – beispielsweise zwischen Klinik und ambulanter Versorgung – besser zu verstehen und zu optimieren. Damit das gelingen kann, werden verschiedenste Datenquellen und methodische Ansätze kombiniert. Einbezogen werden die Sichtweisen aller Beteiligten im Versorgungsprozess, wobei die Perspektive der Patientinnen und Patienten zentral ist.“ Die neuen Versorgungsforschungsprojekte an der Charité: Best-Practice für die Entlassung psychiatrisch behandelter Menschen Der Übergang von der stationären oder teilstationären Versorgung in die ambulante Weiterversorgung ist für Patient:innen mit psychischen Erkrankungen ein besonders wichtiger und kritischer Schritt im Behandlungsverlauf. Er ist gesetzlich geregelt, jedoch wurde das psychiatrische Entlassmanagement bislang noch nicht tiefergehend betrachtet. Wissenschaftler:innen des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft sowie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie evaluieren nun gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse das Entlassmanagement im Bereich Psychiatrie. Die Forschenden wollen unter anderem Versorgungsverläufe an dieser sensiblen Schnittstelle analysieren und dabei regionale wie auch zeitliche Trends berücksichtigen. Erfahrungen der Patient:innen und der Leistungserbringenden werden gleichermaßen einbezogen, um mögliche Hürden zu identifizieren. Das Ziel ist ein Leitfaden mit Best-Practice-Modellen für die Entlassung psychiatrisch behandelter Menschen in die ambulante Versorgung. Projekt: E2-PSY – Evaluation des Entlassmanagements gemäß §39 Absatz 1a SGB V von (teil-)stationär-psychiatrisch behandelten Menschen Leitung: Dr. Julie O’Sullivan, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft, und Dr. Stefanie Schreiter, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Charité Mitte Bessere Versorgung für Long-COVID-Betroffene Eine Infektion mit COVID-19 kann zu gesundheitlichen Langzeitfolgen führen, die längst noch nicht aufgeklärt sind und deren Versorgung Patient:innen wie auch Behandelnde vor Herausforderungen stellt. In diesem Projekt wollen Forschende die Symptomatik und die aktuelle gesundheitliche Versorgung eingehend analysieren, sodass Betroffene mit dem Krankheitsbild Long-COVID oder Post-COVID zukünftig besser versorgt werden können. Über zwei Jahre hinweg werden sie zusammen mit dem BKK Dachverband e.V. deutschlandweit Krankenkassen-Routinedaten erheben und auswerten. Eine Gruppe von Patient:innen soll zusätzlich näher untersucht und standardisiert befragt werden. Ein Expertenpanel aus Betroffenen, ambulanten Versorgern und weiteren beteiligten Institutionen begutachtet anschließend die Ergebnisse, um Empfehlungen für eine verbesserte Versorgung abzuleiten. Ziel sind Leitfäden für Post-COVID-Erkrankte und ihre primären Versorger, häufig sind dies Hausärztinnen und Hausärzte. Projekt: LCovB – Die Versorgungssituation von Long-COVID-Betroffenen verbessern Leitung: Dr. Johanna Schuster, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft, und Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Kommissarische Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie Beteiligt ist die Charité darüber hinaus als Konsortialpartnerin an folgenden Projekten: Dissolve-E: Digitalisierung eines übergeordneten Leitlinienregisters für ein offenes, leitlinienbasiertes, vertrauenswürdiges Behandlungsumfeld. Die Konsortialführung hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V., Projektleiterin an der Charité ist Prof. Dr. Sylvia Thun, Core Unit Digitale Medizin und Interoperabilität, Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). NUTSEN: Neue Therapien bei Seltenen Erkrankungen am Beispiel der sogenannten Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD). Die Konsortialführung hat das Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Projektleiter an der Charité ist Prof. Dr. Friedemann Paul, Experimental and Clinical Research Center (ECRC).

Ausstellungseröffnung „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“ im Medizinhistorischen Museum

- 11-07-2023

Welche Emotionen löst die Diagnose Krebs bei Betroffenen aus? Überwiegt die Angst oder spielen auch andere Gefühle, wie Wut, Scham und Einsamkeit oder Hoffnung, Mut und Zuversicht eine Rolle? Diese Fragen thematisiert die Ausstellung „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“ des Berliner Medizinhistorischen Museums (BMM) der Charité. Dabei werden Emotionen sowohl als subjektive und persönliche Empfindungen dargestellt als auch im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Die Ausstellung wird von der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsstiftung gefördert und ist vom 12. Juli 2023 bis 28. Januar 2024 zu sehen. Anhand von kulturhistorischen Exponaten, wissenschaftlichen Objekten und interaktiven Medienstationen sowie Filminterviews wird sichtbar gemacht, wie stark Gefühle durch gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen geprägt sind. Der Rundgang veranschaulicht diesen Wandel und lädt ein, auch über eigene Gefühle und deren kulturelle Prägung nachzudenken.  Sechs Ausstellungsmodule betrachten verschiedene Einzelfragen. So wird beispielsweise gefragt, warum den Patient:innen (BRD und DDR) noch in den 1970er Jahren die Krebsdiagnosen gar nicht mitgeteilt wurden. Ebenso wird thematisiert, in welcher Weise die immer erfolgreicheren Krebstherapien die Gefühle gegenüber Krebs verändert haben. Anschließend mündet die Ausstellung in drei Stationen mit verschiedenen Interviews. Dabei kommen Patient:innen, Angehörige und Pflegekräfte ebenso zu Wort wie Onkolog:innen, Psychoonkolog:innen und Mitarbeitende aus der Krebsberatung. Sie sprechen über das „Geheiltwerden von Krebs“, über das „Leben mit Krebs“ und über das „Sterben an Krebs“. Die Interviews vermitteln zeitgenössische Sichtweisen zu Krebs und Emotionen und eröffnen darüber hinaus Perspektiven in die Zukunft. Online-Version der Ausstellung Für alle Interessierten, die nicht ins BMM kommen können, gibt es ab 12 Juli die digitale Version der Ausstellung unter https://krebs-und-emotionen.de.  STATEMENTS ZUR AUSSTELLUNG  Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité: „Mit ‚Krebs‘ fährt ein Schreck in die Knochen. Für die Betroffenen ist die Diagnose oft ein Urteil. Für die Medizin ist das Krankheitsbild eine Zumutung. Die Ausstellung interveniert in den Präparatesaal Rudolf Virchows und ergänzt die Betrachtung der Organe um das Entscheidende: die Erschütterung, das Erleben und das Leben mit der Krankheit.“ Gerd Nettekoven, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Deutsche Krebshilfe: „Die Gründung der Deutschen Krebshilfe – im Jahr 1974 – fiel in eine Zeit, in der mit Krebs weitestgehend tabuisierend umgegangen wurde. Eines der wichtigsten Anliegen unserer Organisation war es daher auch, zur Entstigmatisierung von Krebs in der Gesellschaft beizutragen. Ich bin überzeugt, dass die Ausstellung – deren Zustandekommen wir als Deutsche Krebshilfe finanziell gerne unterstützt und gefördert haben – das Bewusstsein für einen offenen Umgang mit der Erkrankung Krebs weiter schärfen wird.“ Dr. Johannes Bruns, Mitglied des Stiftungsvorstands der Deutschen Krebsstiftung: „Gerade bei Krebs hat die Art und Weise, wie sich Behandler:innen gegenüber ihren Patient:innen verhalten und mit ihren Emotionen umgehen, entscheidenden Einfluss auf das Selbstwertgefühl der Betroffenen und damit auch auf den Behandlungserfolg. Diese Ausstellung schärft den Blick für die Gefühle im Umgang mit der Erkrankung Krebs im Wandel der Zeiten. Wer in der Onkologie tätig ist, sollte sie auf keinen Fall verpassen.“ Prof. Dr. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onklologie und Hämatologie: „Eine gute und umfassende Krebsbehandlung besteht heute nicht nur aus Hightech-Präzisionsmedizin, sondern muss vor allem auch die vielfältigen Emotionen und Belastungen berücksichtigen, die eine Krebsdiagnose bei allen Beteiligten auslöst: Bei den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen, bei ihrem gesamten Lebensumfeld, aber auch beim Behandlungsteam.” Privatdozentin Dr. Bettina Hitzer, Medizinhistorikerin, Initiatorin und wissenschaftliche Beraterin der Ausstellung: „Gefühle galten lange als ahistorisch. Heute hat man erkannt, wie stark Gefühle kulturell geprägt und damit historisch wandelbar sind. Diese Erkenntnis wirft ein völlig neues Licht auf die Geschichte von Krankheiten wie Krebs. Gefühle spielten hier eine wichtige, bislang aber viel zu wenig beachtete Rolle. Der Blick zurück in diese komplexe Vergangenheit eröffnet zugleich Perspektiven für den gegenwärtigen Umgang mit Krebs.” Dr. Anne Schmidt, Historikerin und Kuratorin der Ausstellung: „Beim Rundgang durch die Ausstellung begegnen die Besucher:innen der Krankheit Krebs wie viele Patient:innen: zunächst im Rahmen von Aufklärungskampagnen, später im Gespräch mit Ärzt:innen, dann während der Therapien. Der Rundgang informiert über verschiedene und sich wandelnde Sichtweisen auf den Zusammenhang von Krebs und Emotionen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Menschen, die an Krebs erkrankten und die ihrer Angehörigen.” Katalog Der Katalog zur Ausstellung ist für eine Schutzgebühr von 6 Euro über bmm(at)charite.de erhältlich. Ringvorlesung  Die erste von vier Vorlesungen in der Hörsaalruine des BMM findet am Donnerstag, den 7. September, 18 Uhr s. t. zum Thema Krebsforschung – neue Ansätze statt. Das Podiumsgespräch mit Prof. Angelika Eggert, Prof. Ulrich Keilholz und Prof. Susanne Michl wird von Prof. Thomas Schnalke moderiert. Weitere Termine der Ringvorlesung unter https://bmm-charite.de/ausstellungen#veranstaltungen. Der Eintritt ist frei.

Neurologische Autoimmunerkrankungen im Zentrum

- 11-07-2023

Wie entstehen neurologische Erkrankungen, die durch Antikörper ausgelöst oder beeinflusst werden? Wie lassen sie sich besser diagnostizieren und vor allem behandeln? Das untersucht die neue Klinische Forschungsgruppe „BecauseY“ unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Von einem innovativen Behandlungsangebot werden insbesondere Patient:innen profitieren, bei denen eine Antikörper-vermittelte neurologische Erkrankung auf den ersten Blick gar nicht vermutet wurde. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den Verbund mit 6,2 Millionen Euro für zunächst vier Jahre. Entzündliche neurologische Erkrankungen können durch Infektionserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze verursacht werden oder durch Autoimmunprozesse, die körpereigenes Hirn- oder Nervengewebe schädigen. Hierbei können bei einer Reihe von Patient:innen sogenannte neuronale Autoantikörper die Kommunikation zwischen den Nervenzellen beeinträchtigen und so Autoimmunerkrankungen des Nervensystems auslösen. Dass Antikörper Krankheiten wie Demenz, Epilepsie, Psychosen oder schwere Hirnentzündungen (Autoimmun-Enzephalitis) hervorrufen können, ist eine relativ neue Erkenntnis, die die Neurologie und Psychiatrie grundlegend verändert hat. „Die derzeitige Forschung legt nahe, dass noch viele weitere neurologische und psychiatrische Symptome mit fehlgeleiteten Immunprozessen, also Autoimmunität, zusammenhängen. Zudem könnten Autoantikörper bei einer Vielzahl von Erkrankungen zusätzliche krankheitsverändernde Auswirkungen haben“, erklärt Prof. Dr. Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité und Sprecher der Klinischen Forschungsgruppe. „Hier besteht ein riesiger Forschungsbedarf. Deshalb möchten wir mit unserem neuen Verbund das Entstehen und die Krankheitsmechanismen von Antikörper-vermittelten neurologischen Erkrankungen noch genauer untersuchen und so besser verstehen lernen.“ Zentrum zur Erforschung und Behandlung Antikörper-vermittelter neurologischer Erkrankungen Die Klinische Forschungsgruppe wird entsprechend die Häufigkeit, die Angriffspunkte und die Funktionen von Autoantikörpern bei neurologischen Erkrankungen bestimmen, neue diagnostische Tests und bildgebende Verfahren für das Gehirn sowie innovative Therapien entwickeln. Struktureller Kern ist ein Zentrum, in dem grundlagenwissenschaftlich und klinisch tätige Forscherinnen und Forscher eng zusammenarbeiten: einerseits vor Ort in der Klinik für Neurologie, andererseits auch in verschiedenen Laboren der Projektpartner. Proben der Patient:innen wie zum Beispiel Blut oder Gehirnwasser werden unmittelbar in der Forschung verwendet und im Umkehrschluss werden Erkenntnisse aus dem Labor in Therapiestudien angewendet. „Ein solches Zentrum mit explizitem Fokus auf Antikörper-vermittelten Erkrankungen ist bislang nicht etabliert“, sagt Prof. Dr. Harald Prüß, ebenfalls von der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie und Koordinator der Klinischen Forschungsgruppe und ergänzt: „Hier setzen wir mit BecauseY an. Wir werden Patient:innen nicht nur ganzheitlich unter einem personalisierten Ansatz durch den gesamten Krankheitsverlauf begleiten, sondern gleichzeitig die zugrundeliegenden Autoantikörper nachbauen, deren Funktionsweise verstehen und neue Therapien anwenden. Durch diese Schnittstelle zwischen experimenteller und klinischer Forschung werden unsere Ergebnisse Betroffenen unmittelbar zugutekommen.“ Die Wissenschaftler:innen gehen aktuell außerdem davon aus, dass bestimmte Autoantikörper auch eine Rolle bei Erkrankungen spielen, die bis dato noch nicht im Zusammenhang mit Autoimmunität gesehen wurden, beispielsweise dem Schlaganfall, neurodegenerativen Demenzen oder Entwicklungsstörungen. Daraus ergeben sich wiederum gänzlich neue therapeutische Ansätze.

Dreifachtherapie führt zu langanhaltender Verbesserung bei Mukoviszidose

- 07-07-2023

Der Schleim in den Atemwegen ist weniger zäh, die Entzündung in der Lunge geht deutlich zurück: Diese positiven und langanhaltenden Effekte kann eine Dreifachtherapie bei Patient:innen mit Mukoviszidose erzielen. Das belegen Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Center jetzt in der Fachzeitschrift European Respiratory Journal*. Die Medikation lindert demnach die Lungenerkrankung bei vielen Betroffenen. Bereits vor zwei Jahren zeigte eine Forschungsgruppe unter Leitung der Charité, dass die Kombinationstherapie mit den drei Wirkstoffen Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor für einen großen Teil der Patient:innen mit der Erbkrankheit Mukoviszidose wirksam ist, also die Lungenfunktion und Lebensqualität spürbar verbessert. Jetzt hat das Team um Prof. Dr. Marcus Mall, damaliger und aktueller Studienleiter, erstmals untersucht, inwiefern diese Therapie auch langfristig, das heißt über mindestens zwölf Monate hinweg, hilft. Dafür haben die Forschenden das Sputum, das Atemwegssekret, genauer betrachtet. „Bei Patient:innen mit Mukoviszidose ist der Schleim in den Atemwegen sehr zäh, weil er zu wenig Wasser enthält und die schleimbildenden Moleküle, die sogenannten Muzine, zu stark chemisch miteinander verklebt sind. Der daraus resultierende zähe Schleim verstopft die Atemwege, erschwert damit die Atmung und führt bei den Betroffenen zu einer chronischen bakteriellen Infektion und Entzündung der Lunge“, erklärt Prof. Mall, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin und des Christiane Herzog Mukoviszidose-Zentrums der Charité. Die Wissenschaftler:innen zeigen in der aktuellen Studie, dass die Dreifachtherapie mit Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor bei Patient:innen mit Mukoviszidose, auch Cystische Fibrose genannt, dafür sorgt, dass das Atemwegssekret weniger zäh ist und die Entzündung und die bakterielle Infektion in der Lunge abnehmen. „Und das über die gesamte Dauer der Studie von einem Jahr. Das ist deshalb so bedeutsam, weil frühere Medikationen wieder zu einem Anstieg der Bakterienlast in den Atemwegen geführt hatten“, erläutert Dr. Simon Gräber, ebenfalls von der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin der Charité und Co-Leiter der Studie. An dieser nahmen 79 Jugendliche und Erwachsene mit Mukoviszidose und einer chronischen Lungenerkrankung teil. Erfolg für die Behandlung von Mukoviszidose, weitere Forschung wichtig „Das ist ein toller Erfolg für die Behandlung der Cystischen Fibrose“, sagt Prof. Mall. „Gleichwohl können wir noch nicht von einer Normalisierung oder gar Heilung der Patient:innen sprechen. Chronische, über viele Jahre der Erkrankung entstandene Lungenveränderungen lassen sich leider nicht rückgängig machen.“ Für Betroffene mit einer fortgeschrittenen Lungenerkrankung bleiben deshalb etablierte Behandlungsansätze mit Inhalationen von schleimlösenden Medikamenten und Antibiotika sowie Physiotherapie wichtig. „Wir werden weiterhin intensiv daran forschen, wie Therapien, die Mukoviszidose über die krankheitsverursachenden molekularen Defekte angreifen – wie die jetzt untersuchte Dreifachmedikation – noch effektiver werden können. Hierzu gehört insbesondere ein früher Therapiebeginn im Kleinkindalter mit dem Ziel, chronische Lungenveränderungen möglichst zu verhindern“, berichtet Prof. Mall. „Außerdem steht diese Therapie für rund zehn Prozent unserer Patient:innen aufgrund ihrer genetischen Voraussetzungen aktuell nicht zur Verfügung“, ergänzt Dr. Gräber. „Daher forschen wir auch mit Hochdruck an neuen molekularen Therapieansätzen, um alle Menschen mit Mukoviszidose effektiv behandeln zu können.“ Zudem arbeiten die Wissenschaftler:innen daran, die Fehlfunktion des Schleims bei Mukoviszidose besser zu verstehen und neue schleimlösende Wirkstoffe zu entwickeln. Davon könnten dann ebenfalls Patient:innen mit häufigen chronisch-entzündlichen Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD profitieren.

10 Millionen Euro für die bessere Behandlung der Multiplen Sklerose

- 06-07-2023

Weil sie so unterschiedlich verläuft, gilt die Multiple Sklerose (MS) als die „Krankheit mit tausend Gesichtern“. Die Komplexität der Erkrankung macht auch ihre Behandlung schwierig. Ein internationales Konsortium unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin möchte das ändern: Es will eine KI-gestützte Online-Plattform entwickeln, die den Verlauf der MS individuell vorhersagen kann. Das soll es leichter machen, die jeweils beste Therapie festzulegen. Das Projekt „Clinical impact through AI-assisted MS care" (CLAIMS) wird jetzt im Rahmen der Innovative Health Initiative der EU für vier Jahre mit knapp 10 Millionen Euro gefördert. Bei der Multiplen Sklerose greift das Immunsystem das zentrale Nervensystem an. Je nachdem, welche Nervenfasern geschädigt werden, kann das zu Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsproblemen, motorischen und weiteren neurologischen Einschränkungen führen. Weltweit sind über 2,8 Millionen Menschen von der schwerwiegenden Autoimmunkrankheit betroffen, in Deutschland sind es rund 250.000. 70 bis 80 Prozent der Erkrankten sind Frauen. Heilbar ist MS nicht, ihr Verlauf lässt sich jedoch mithilfe von Medikamenten und weiteren Maßnahmen günstig beeinflussen. Dafür ist es elementar, dass die Behandlung möglichst individuell zugeschnitten ist. „Mit dem Projekt CLAIMS wollen wir die Behandlung von Menschen mit MS noch stärker personalisieren“, erklärt Prof. Dr. Friedemann Paul, Koordinator der Initiative und Direktor des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung von Charité und Max Delbrück Center. „Dazu werden wir Vorhersagemodelle entwickeln, die den Krankheitsverlauf für jede Patientin und jeden Patienten auf Basis der individuellen Daten prognostizieren und die Wirkung verschiedener Medikamente simulieren können. Wichtiger Bestandteil ist dabei die Einbeziehung der Betroffenen.“ 15 Partner aus 9 Ländern erforschen Multiple Sklerose Für die Entwicklung der Plattform vereint das Konsortium die klinische, wissenschaftliche, technische und kommunikative Expertise von 15 öffentlichen und privaten Partnern aus neun verschiedenen Ländern – von Klinika über Universitäten zu kleinen und großen Unternehmen sowie einer Stiftung. In die Algorithmen einfließen sollen klinische Daten wie MRT-Bilder und Ergebnisse aus Blut- und Augenuntersuchungen, und zwar über den Verlauf der Krankheit hinweg. Zusätzlich sollen Patient:innen über eine App selbst Angaben zu ihren Symptomen, ihrem Befinden und auch finanziellen Belastungen beitragen können. Die Informationen werden pseudonymisiert und datenschutzkonform übermittelt, analysiert werden sie mit neuesten Deep-Learning-basierten KI-Modellen. Die Plattform soll dabei auch zusätzlich bestehende Krankheiten berücksichtigen können. Ziel ist ein möglichst umfassendes Bild der individuellen MS-Erkrankung. Gleichzeitig verspricht sich das Forschungsteam, noch mehr über die Multiple Sklerose zu erfahren – beispielsweise wie sie sich mit oder ohne Krankheitsschübe entwickelt. „Wir hoffen, dass der ganzheitliche Blick künftig ermöglicht, dass jeder und jede MS-Betroffene zum richtigen Zeitpunkt das richtige Medikament erhält“, erklärt Prof. Paul. „Ich bin überzeugt, dass wir so die Lebensqualität und Prognose der Menschen mit MS deutlich verbessern können.“  

Immunschwäche nach schwerer Verletzung des Rückenmarks

- 28-06-2023

Nach einem Unfall oder einer schweren Verletzung können Nervenbahnen im Rückenmark geschädigt oder durchtrennt sein. Man spricht von einer Querschnittlähmung. Je nach Lage der Verletzung sind unterschiedliche Teile des Körpers von Ausfällen und Lähmung betroffen. Forschende unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben jetzt untersucht, inwiefern Rückenmarksverletzungen auch zu einer eingeschränkten Immunfunktion beitragen. Im Fachmagazin Brain* beschreiben sie unter anderem, wie komplette Querschnittlähmungen zu Immunschwäche und einem erhöhten Infektionsrisiko führen. Diese können die neurologische Erholung behindern oder gar lebensbedrohlich sein. Vorbeugung hingegen kann die Risiken mindern. Akut querschnittgelähmte Patient:innen sind besonders anfällig für Infektionen, etwa für Atem- oder Harnwegsinfekte. Die genaue Ursache dafür war lange Zeit unklar. Komplikationen dieser Art sind im schlimmsten Fall tödlich oder aber sie beeinträchtigen die Regeneration. Ob das Immunsystem direkt betroffen ist und bei einer Verletzung des Rückenmarks Schaden nimmt, dieser Frage ist ein internationales Forschungsteam nun systematisch nachgegangen. „Wir wollten wissen, ob die Immunschwäche nach einer Rückenmarkverletzung von der Schwere und Höhe der Schädigung abhängt, ähnlich wie es bei einer Lähmung der Muskulatur der Fall ist“, sagt Dr. Marcel Kopp, Wissenschaftler im Bereich Experimentelle Neurologie der Charité. Verursacht wird die Querschnittlähmung durch eine teilweise oder komplette Durchtrennung des Rückenmarks. Unterhalb der Verletzung können die Gliedmaßen gelähmt sein und werden nicht gefühlt. Auch Organe oder Organsysteme können betroffen sein, denn wichtige Nervenverbindungen im Rückenmark sind unterbrochen. Das größte Risiko für Menschen, die eine akute Querschnittlähmung erlitten haben, sind in den ersten Wochen erworbene Infektionen mit nachfolgender Sepsis, einer Blutvergiftung. Sie zu verhindern, ist ein wesentliches Ziel. Denn Infektionen stellen nicht nur ein Risiko für das Überleben der Patient:innen dar, sie behindern auch eine bestmögliche Erholung neurologischer und motorischer Funktionen. Lokal ansetzende Therapien oder neue präventive und immunwirksame Behandlungen könnten die Ergebnisse einer Rehabilitation verbessern. Biomarker verweisen auf Infektionsrisiko Die Forschenden gehen davon aus, dass es infolge der schweren Verletzung zu einer gestörten Kommunikation zwischen dem Gehirn und Teilen des autonomen Nervensystems im Rückenmark kommt. Die ausbleibende Koordination von Nerven- und Immunsystem mündet schließlich in einer systemischen Immunschwäche. Marker im Blut, die mit einem solchen Defizit einhergehen, sollen dabei helfen, die Infektionsanfälligkeit von Patient:innen frühzeitig individuell abzuschätzen und zu behandeln. Welche Blutveränderungen sind also spezifisch für eine akute Rückenmarkverletzung? Und sind diese Veränderungen abhängig von der Lage und Schwere der Verletzung? „Um dies festzustellen, haben wir im Blut von akut querschnittgelähmten Patient:innen die Menge eines spezifischen Zelloberflächenmoleküls auf bestimmten Immunzellen, den Monozyten, untersucht. Das Molekül trägt den Namen mHLA-DR und ist ein bewährter Biomarker zum Abschätzen der Immunkompetenz bei intensivmedizinischen Patient:innen“, erklärt Dr. Kopp. Die Ergebnisse aus Gruppen von Betroffenen mit jeweils unterschiedlichen Verletzungen des Rückenmarks wurden anschließend mit Ergebnissen von Patient:innen verglichen, bei denen lediglich eine Verletzung der Wirbelkörper vorlag, bei noch intaktem Rückenmark. „Für schwerwiegende Rückenmarkverletzungen konnten wir nachweisen, dass eine reduzierte Anzahl von HLA-DR-Molekülen pro Monozyt zu einer Deaktivierung dieser Immunzellen führt. Da die Vorläufer der Fresszellen eine wichtige Komponente der Immunabwehr sind, lässt sich anhand dieses Markers die Anfälligkeit für schwere Infektionen und Sepsis bei kritisch kranken Menschen vorhersagen“, so der Wissenschaftler. Je höher und schwerer die Verletzung, umso ausgeprägter die Immunschwäche Eine Immunschwäche nach Rückenmarkverletzung wird auch Spinal Cord Injury-induced Immune Deficiency Syndrome (SCI-IDS) genannt. Wie die aktuelle Studie zeigt, ist sie bei Patient:innen mit schweren, neurologisch vollständigen Rückenmarkverletzungen oberhalb der Brustwirbelsäule am stärksten ausgeprägt. Das zeigt sich besonders deutlich im Vergleich mit Patient:innen, die nur eine leichtere Verletzung im Bereich der unteren Brust- oder Lendenwirbelsäule erlitten hatten. Insgesamt sind Rückmarkverletzte deutlich stärker betroffen als Patienten:innen mit einer reinen Wirbelsäulenverletzung ohne Beteiligung des Rückenmarks. „Die Rückenmarkverletzung an sich, die Verletzungshöhe und die Schwere der Läsion sind entscheidende Faktoren beim Entstehen der sogenannten neurogen-vermittelten Immunschwäche“, schließt Prof. Jan Schwab, Leiter der multizentrischen Studie mit insgesamt etwas mehr als einhundert akut Verletzten. Besonders hoch ist das Risiko für beispielsweise eine lebensbedrohliche Lungenentzündung bei Patient:innen mit stark ausgeprägter Immunschwäche. Auch kann neben der zellulären Immunabwehr das Immungedächtnis mitbetroffen sein. Beobachtet wurde dies vor allem bei Rückenmarkverletzten mit schweren und hoch liegenden Schäden. Prof. Schwab kommt zu dem Schluss: „Erworbene Infektionen sind bei Querschnittlähmung eine schwerwiegende Komplikation. Ein möglichst frühes Erkennen besonders gefährdeter Patient:innen ist daher wesentlich, um das Überleben und die Selbstständigkeit im späteren Alltag dieser Menschen zu verbessern.“ Die nun folgenden Untersuchungen müssen zeigen, ob eine Behandlung der Immunschwäche tatsächlich zu besseren Ergebnissen bei dieser vulnerablen Patientengruppe führt.

Perspektiven für die Gesundheitsversorgung in Europa schaffen

- 16-06-2023

Wie kann eine Gesundheitsversorgung in 10, 20 oder 30 Jahren, kurzum in der Zukunft aussehen? Werden Mediziner:innen mit künstlicher Intelligenz Diagnosen stellen? Nutzen Ärzt:innen Big-Data-Analysen, um Krankheitsverläufe im Voraus zu bestimmen? Bleiben wir dank modernster Vorsorge länger gesund? Heute hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin in London die Präsidentschaft der European University Hospital Alliance (EUHA) für die kommenden Monate übernommen. Ganz oben auf der gesundheitspolitischen Agenda: die nachhaltige Gestaltung der Gesundheitssysteme in Europa, damit sie dem demografischen Wandel, einer voranschreitenden Digitalisierung und dem erheblichen Mangel an Fachpersonal gerecht werden können. In London sind Führungskräfte und Expert:innen der EUHA zur halbjährlichen Mitgliederversammlung und einem Symposium mit dem Titel „Rethinking European Health Systems: Creating the Sustainable Health Workforce of the Future“ zusammengekommen. Was sie bewegt, ist die Dringlichkeit einer Reform der europäischen Gesundheitssysteme. Fast alle Länder Europas stehen vor der Herausforderung, eine alternde Bevölkerung zu versorgen. In fast allen Ländern fehlt Personal, mangelt es an Ressourcen, kommt es zu Engpässen. Unterdessen entstehen beinahe täglich, insbesondere im Umfeld der Universitätsmedizin, neuartige Konzepte zur Versorgung von Patient:innen oder tragen Erkenntnisse der biomedizinischen Forschung zu innovativen Therapieansätzen bei. Wie also lassen sich die europäischen Gesundheitssysteme unter diesen Voraussetzungen zukunftssicher aufstellen? Wie können Arbeitskräfte gewonnen und bestmöglich ausgebildet werden? Kann ein langes Erhalten von Gesundheit durch neuartige Präventionskonzepte der Schlüssel zu einer bestmöglichen Versorgung aller sein? „Diese drängenden Fragen gilt es anzugehen“, sagt Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Die COVID-19-Pandemie hat einmal mehr den Handlungsbedarf aufgezeigt: Wir müssen europaweit gemeinsame Standards in der Gesundheitsversorgung erarbeiten, Kooperationen in der biomedizinischen Forschung stärken und gemeinsam ein Konzept für die Ausbildung der Mediziner:innen und Gesundheitsfachkräfte von morgen entwickeln. Dabei ist eine Bündelung von Ressourcen wichtig, denn nur so können wir den Herausforderungen mit innovativen Ansätzen begegnen.“ Charité löst King’s Health Partners ab Mit ihrer Verantwortung für die Versorgung von Patient:innen, für Forschung und Ausbildung kommt Universitätskliniken eine besondere Rolle in dem notwendigen Transformationsprozess zu. Mit dem heutigen Tag übernimmt die Charité den Vorsitz der EUHA und damit die Federführung für diesen Prozess in den kommenden Monaten. Sie löst das Londoner Universitätsklinikum King’s Health Partners ab und wird die aktuellen Themen gemeinsam mit dem schwedischen Karolinska University Hospital angehen, da sie von besonderer Tragweite sind. Das Karolinska University Hospital wird im November die darauffolgende Präsidentschaft antreten. „Das Ziel unserer Präsidentschaft ist es, die Plattform der EUHA zu nutzen und zu erweitern, damit wir in Europa einerseits besser auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet sind, beispielsweise auf neue Infektionskrankheiten oder Krisenfälle, und andererseits voneinander lernen, um unsere Gesundheitssysteme zukunftssicher aufzustellen“, sagt Prof. Kroemer. Das betrifft in besonderem Maße den Bereich Digital Health und den Aufbau eines gemeinsamen European Health Data Space, damit Gesundheitsdaten länderübergreifend für Versorgung und Forschung nutzbar werden. Es gehe darum, die Systeme und Strukturen europaweit auszubauen und intelligente Tools zu entwickeln: „Im digitalen Zeitalter muss das Gesundheitswesen zugunsten medizintechnischer Neuerungen und einer patientenzentrierten Medizin befähigt werden, große Mengen an klinischen Daten konsequent verarbeiten und damit auch nutzen zu können“, so der Vorstandsvorsitzende der Charité. Wie dies umgesetzt werden kann, damit beschäftigt sich das Digital Health and Data Network der EUHA, eine Arbeitsgruppe unter Charité-Leitung, die vor vier Jahren gegründet wurde. Neue Ansätze aus EUHA-Gruppen und -Netzwerken Den aktuellen Herausforderungen des Fachkräftemangels stellt sich unter anderem das 2021 ins Leben gerufene und an der Charité koordinierte Nursing Network der EUHA. Neben einer Vertretung der Interessen der Pflegenden auf europäischer Ebene stehen die Entwicklung gemeinsamer Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme und ein Austauschprogramm für Mitarbeitende im Vordergrund. Zu den innovationstreibenden Kräften der EUHA gehört neben vielen weiteren Aktivitäten auch das European Center for Gene & Cellular Cancer Therapies (EUCCAT), an dem die Charité und das Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) maßgeblich beteiligt sind. Das virtuelle Institut strebt es an, neuartige Krebstherapien erschwinglich und zugänglich zu machen. Dazu führt es Grundlagenforschung, Einrichtungen zur Herstellung von Arzneimitteln, Kapazitäten für klinische Studien und Umsetzungswissen zusammen. Perspektivisch soll damit Europas Wettbewerbsfähigkeit auf dem Gebiet von Forschung und Entwicklung sowie klinischer Anwendung von Zell- und Gentherapien gestärkt werden. „Die Entwicklung innovativer Therapien, sogenannte Advanced Therapy Medicinal Products (ATMPs), eine stärkere Berücksichtigung der Interessen von Patientinnen und Patienten durch das Erheben von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs) und neue Ansätze, die dazu beitragen, exzellentes Personal zu gewinnen und binden, das sind neben der Digitalisierung Kernthemen, die die Zukunft der europäischen Universitätskliniken bestimmen werden“, befindet Prof. Kroemer. „Für den Austausch von Informationen und Best Practice ist die EUHA eine exzellente Plattform. Den Aktivitäten zum Erfolg zu verhelfen, dafür wird sich die Charité im Zuge ihrer Präsidentschaft einsetzen und Kontakte zu den Institutionen der Europäischen Union sowie anderen internationalen Organisationen weiter ausbauen.“

Wieder geöffnet: Berliner Medizinhistorisches Museum

- 15-06-2023

Das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité ist heute mit zahlreichen Gästen aus Wissenschaft, Kultur und Politik wiedereröffnet worden. Nach der dreijährigen substanziellen Modernisierung zeigt sich das Gebäude mit großzügigen Vitrinenfenstern und neu konzipiertem Eingangsbereich. Darüber hinaus wurde ein neuer Vorplatz gestaltet sowie das Innere des Gebäudes mit zeitgemäßer Museumstechnik ausgestattet. Anlässlich der Eröffnung startet zudem die Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“. Das Museum war ursprünglich im Juni 1899 auf Initiative Rudolf Virchows als Pathologisches Museum mit einer Schausammlung von über 20.000 Präparaten eröffnet worden. Nachdem Gebäude und Sammlung im Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren, konnte das Museum erst 1998 als Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité eröffnet werden. Nach mehr als 120 Jahren wurde das Museum nun zwischen 2020 und 2023 erstmals grundlegend modernisiert und ausgebaut. Dr. Severin Fischer, Staatssekretär für Wirtschaft, Energie und Betriebe, sagte dazu: „Mit dem neu gestalteten Museum steht unserer Stadt ein weiteres Highlight zur Verfügung, welches sicherlich nicht nur für die Berlinerinnen und Berliner neue Entdeckungen bereit hält, sondern auch viele Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland anziehen wird. Ich freue mich, dass wir in der Berliner Wirtschaftsverwaltung die Modernisierung mit insgesamt 12,45 Millionen Euro im Rahmen der GRW-Förderung unterstützen konnten und das Museum nun zukunftsfest und zeitgemäß aufgestellt ist!“ Das BMM ist zudem als Ort für Studium, Lehre und Forschung eine Einrichtung der Fakultät und so erklärte Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité, dazu: „Das BMM ist ein Ort der Begegnung: Interessierte erfahren besondere Dinge über die mehr als 300-jährige Medizingeschichte der Charité. Es ist auch für uns als Charité wichtig zu wissen, woher wir kommen und unsere Geschichte im Guten wie im Schlechten zu kennen. Das BMM ist in diesem Sinne für uns auch ein Ort der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Besonders begeistert mich die aktuelle Ausstellung mit einer Kombination aus Kunst und aktuellen wissenschaftlichen Präsentationen.“ Zusätzlich zu den Fenstervitrinen sowie dem veränderten Vorplatz sind ein Multifunktionsraum für Museumspädagogik, ein Schaulabor und Räumlichkeiten für die Aufnahme und Ausleihe neuer Sammlungsobjekte sowie die Vorbereitung von Sonderausstellungen entstanden.  Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur der Charité, betonte: „Im Namen der Charité danke ich für die Finanzierung der Modernisierungsmaßnahme in Höhe von 12,45 Millionen Euro. Diese wurde zu 90 Prozent als Gemeinschaftsaufgabe ,Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur' (GRW) und zu zehn Prozent aus Landesmitteln gefördert.“ Sie ergänzte: „Für den neuen Look haben wir die sieben Fenster im Erdgeschoss und ersten Stock herausgebrochen und die Fensterlaibungen wurden über beide Geschosse hinweg zu hochgeschossenen Vitrinenkörpern mit relativ geringer Tiefe ausgebaut.“  Jochen Brinkmann, Leiter des Geschäftsbereichs Bau der Charité, hob hervor: „Die Fenstervitrinen als neues architektonisches Element verstehen sich als Einladung, offen und ohne Berührungsängste in das Museum einzutreten, um sich mit Geschichte, Bedingungen und Zielen der Medizin an der Charité vertraut zu machen. Die Modernisierung des Hauses beinhaltete ebenso die Erneuerung der touristischen Infrastruktur sowie die vollständige Erneuerung der Haustechnik auf allen sieben Etagen.“  Ergänzend zur Modernisierungsmaßnahme wurde als Projekt "Kunst am Bau" ein Bronzemodell des historischen Campusgeländes mit seinen markanten Gebäuden gestalten. Dieses ist für alle Besuchenden gut sichtbar, wenn sie zum Museum gehen. Darüber hinaus bietet das topografische Bronzemodell eine gute Orientierung auf dem geschichtsträchtigen Campus. Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, skizzierte, was das BMM ausmacht: „Mit der architektonischen Neugestaltung, den zusätzlichen Räumen und einer modernen museumstechnischen Infrastruktur bildet das Museum eine einzigartige Schnittstelle zwischen Medizin und Öffentlichkeit. Worum es auch in unserem neuen Medizinhistorischen Museum bis heute geht, ist ein Dreiklang: Das Zusammenspiel von Objektgehalt, Immersion und Transparenz.“ Er ergänzte: „Wir sind glücklich, dass die Modernisierung erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Und auch wenn das Museum mehr als 120 Jahre alt ist, ist es absolut fit für die Gegenwart und die Zukunft. Wir freuen uns auf viele weitere kreative und wissenserweiternde Ausstellungen in unserem neuen alten Museum.“ Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ Mit der Sonderausstellung wird das BMM wiedereröffnet und widmet sich einem außerordentlich dynamischen medizinischen Feld. Die Neurowissenschaften beschäftigen sich mit dem zentralen Körperorgan. Wissenschaftlich gilt das Gehirn in seinen Strukturen und Funktionen noch in vielerlei Hinsicht als unverstanden und die Neurowissenschaft unternimmt die größten Forschungsanstrengungen, um dies zu ändern. Die Ausstellung bietet allen Interessierten einen Blick hinter die Kulissen. Sie zeigt, wie detailliert sich die Landkarte des Gehirns inzwischen zeichnen lässt, wo Wahrnehmung, Empfinden, Erinnern und Denken sitzen. Und wie sich die einzelnen Hirnregionen zu höheren Funktionseinheiten vernetzen und welche medizinischen Möglichkeiten inzwischen zielgenau genutzt werden können, wenn die Hirnleistung eingeschränkt ist. Darüber hinaus weitet die Ausstellung den Blick und zeigt in etlichen Werken überragende künstlerische Positionen, die das Gehirn als Projektionsfläche für das Menschsein in all seinen Dimensionen ausdeuten. Die Ausstellung war zunächst 2022 für die Bundeskunsthalle in Bonn unter maßgeblicher Mitarbeit von Neurowissenschaftler:innen der Charité konzipiert und realisiert worden. Für die Präsentation im BMM erfolgte eine thematische Anpassung und als besonderer Schwerpunkt eine ergänzende Präsentation aktueller Forschungs-, Diagnose- und Behandlungsansätze der Charité. In einzelnen Ausstellungsstationen geben Neurowissenschaftler:innen Einblicke in rund 20 Themenfelder und den Neuro-Kosmos der Charité. Es geht unter anderem um moderne Bildgebung, Gedankenlesen, Hirnsimulation und Hirnstimulation, Gehirn-PC-Schnittstellen, Bewegungsstörungen, Sucht und Schlaganfall und als besondere Herausforderung um Autoimmunität, Alzheimer und Demenz sowie um neurochirurgische Eingriffe am wachen Patienten. Die Ausstellung ist vom 16. Juni 2023 bis 28. Januar 2024 zu sehen. Erweiterte Dauerausstellung In der Dauerausstellung des BMM gehen die Besucher:innen auf eine Zeitreise und folgen der Herausbildung und Ausgestaltung der naturwissenschaftlich begründeten Medizin westlicher Prägung. Sie treten dabei durch verschiedene Aktionsräume: Anatomisches Theater, Anatomisches Museum, Krankensaal, Labor, Seziersaal, Studien- und Lehrsammlung. Die Besucher:innen erfahren vieles aus der Geschichte der Charité, aber auch zu den Gefährdungen und Abgründen, denen die Medizin, etwa zu Zeiten des Nationalsozialismus, erliegen kann, wenn sie das ethische Ziel ihres Denkens, Forschens, Lehrens und Handelns zum Wohl des Einzelnen aus den Augen verliert. Neu ist beispielsweise eine Tür ins Depot – nicht ins reale des BMM, vielmehr in ein realistisch inszeniertes. Depotdinge, wie sie typischerweise im Museum einlagern – medizinische Geräte, Modelle, Instrumente, Lehrtafeln – zeigen sich hier eng an eng. An einem größeren Monitor sehen die Besucher:innen virtuell weitere Depotobjekte, können sich ihnen und ihren zugehörigen Kontexten nähern und letztlich eintauchen in den faszinierenden Kosmos der Objektgeschichten. Sonderöffnungszeiten und freier Eintritt Anlässlich der Eröffnung erweitert das BMM die Öffnungszeiten und ist am 16. und 18. Juni von 10:00 bis 20:00 Uhr sowie im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 17. Juni von 10:00 bis 00:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist an allen drei Tagen kostenfrei.

Das Neuroblastom unter der Lupe

- 02-06-2023

Das Neuroblastom ist die dritthäufigste bösartige Krebserkrankung bei Kindern. Die Heilungschancen sind sehr unterschiedlich, insbesondere bei fortgeschrittenen Fällen wird der Tumor aber leider oft resistent gegen die Therapie und ist bereits bei Diagnosestellung metastasiert. Um die Behandlungsmöglichkeiten für diese Kinder zu verbessern, wollen Forschende unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin in dem Sonderforschungsbereich „Entschlüsselung evolutionärer Mechanismen beim Neuroblastom“ nun genauer untersuchen, wie ein solcher Tumor eigentlich entsteht und sich weiterentwickelt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben für zunächst knapp vier Jahre mit rund 13,5 Millionen Euro. Neuroblastome sind Tumore, die sich häufig im Bauchraum oder entlang der Wirbelsäule entwickeln. Sie entstehen dadurch, dass bestimmte Zellen des Nervensystems sehr früh in der Körperentwicklung entarten – möglicherweise bereits vor der Geburt. Deshalb sind vor allem Kleinkinder bis zu einem Alter von sechs Jahren und manchmal sogar Neugeborene betroffen. Charakteristisch ist, dass Neuroblastome stark unterschiedliche klinische Verläufe zeigen: Manche bilden sich spontan zurück, andere wachsen sehr aggressiv. Die aggressiven Formen lassen sich zwar oft zunächst erfolgreich behandeln, kehren aber in vielen Fällen wieder zurück und streuen auch in andere Organe. Das ist der Grund dafür, dass noch immer mehr als die Hälfte der Kinder mit einem Hochrisiko-Neuroblastom ihre Erkrankung nicht überleben. „Um die Heilungschance dieser Kinder zu erhöhen, müssen wir besser verstehen, was genau im Tumorgewebe im Verlauf der Therapie passiert“, sagt Prof. Dr. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité und Sprecherin des jetzt für drei Jahre und neun Monate bewilligten Sonderforschungsbereichs. „Sobald wir die Treiber der Neuroblastom-Evolution kennen, wollen wir darauf abzielend neue Therapien entwickeln. Unser Ziel ist, in Zukunft für jeden individuellen Fall abschätzen zu können, wie die Krankheit verlaufen wird, und dann mit passgenauen Therapien eine Rückkehr des Tumors zu verhindern.“ Die Forschenden gehen davon aus, dass verschiedene Zelltypen im Gewebe eines jeden Neuroblastoms ihre Eigenschaften auf unterschiedliche Art und Weise verändern, wenn sie Krebsmedikamenten ausgesetzt sind oder sich in andere Körperbereiche bewegen. „Anders als bisher angenommen deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass die Tumorzellen nicht nur auf genetischem Wege evolvieren, sich also nicht nur Fehler im Erbgut anhäufen“, erklärt Prof. Eggert, die auch Sprecherin des Standorts Berlin im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) und Co-Direktorin des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Berlin ist. „Stattdessen gibt es offenbar zusätzliche nichtgenetische Faktoren, die das Verhalten der Tumorzellen beeinflussen, wie zum Beispiel chemische Veränderungen an Proteinen.“ Um diesen ungewöhnlich komplexen Prozess der Tumorentwicklung im Detail zu untersuchen, plant der Forschungsverbund, Neuroblastom-Gewebe Zelle für Zelle umfassend zu analysieren. Mit neuesten Methoden wollen die Forschenden katalogisieren, was in den Tumorzellen auf Ebene der DNA, RNA, Epigenetik und Proteine passiert. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz soll anschließend helfen, neue Angriffspunkte für gezielte Kombinationstherapien zu identifizieren. Dazu bündelt der Forschungsverbund die einschlägige Expertise von Wissenschaftler:innen der Charité, des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), des Max Delbrück Centers, der Universität zu Köln, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Prof. Eggert ist überzeugt, dass eine interdisziplinäre und institutionsübergreifende Herangehensweise, die hohe klinische und wissenschaftliche Expertise, aber auch technologische und datenwissenschaftliche Innovation vereint, der vielversprechendste Ansatz ist, um neue Therapiestrategien zu entwickeln – für das Neuroblastom, aber auch andere komplexe Krankheitsbilder.

SOLOMIYA: Ein Jahr Unterstützung der psychosozialen Versorgung in der Ukraine

- 31-05-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin koordiniert das Netzwerk SOLOMIYA zur psychosozialen Unterstützung der Menschen in der Ukraine. Gestartet ist SOLOMIYA – ukrainisch für Frieden – im letzten Frühjahr und bringt Kliniken in Deutschland und der Ukraine partnerschaftlich zusammen. Ziel ist es weiterhin, die Bereiche psychische Gesundheit, Notfallversorgung und Traumatologie zu stärken sowie mit dringend benötigten Medikamenten zu unterstützen. Das Projekt wird mit 6,2 Millionen Euro vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert und von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) umgesetzt. Vor einem Jahr hat ein Team um Dr. Solveig Kemna, Dr. Valentyna Mazhbits und Prof. Dr. Malek Bajbouj entschieden, die Menschen in der Ukraine mit einem Netzwerk zu mentaler Gesundheit zu unterstützen. Für die Kolleg:innen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin war unverkennbar, dass der Krieg die medizinische Grundversorgung stark beeinträchtigen und psychologische Hilfe noch wichtiger wird. Durch Ungewissheit in Krisensituationen und Sorgen um die Familie nehmen psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Angststörungen, Depressionen und Psychosen, häufig weiter zu. Von dem geplanten dynamischen und bedarfsgerechten Netzwerk sollen sowohl Patient:innen als auch Gesundheitsfachkräfte profitieren. Zunächst kooperierte die Charité mit sechs Institutionen von Lviv über Kiew bis Charkiw. Die Zusammenarbeit erfolgt sowohl virtuell als auch in Präsenz. Das zwölfköpfige Charité-Team sorgt dafür, dass notwendige Medikamente und medizinische Hilfsmittel dorthin kommen, wo sie gebraucht werden. Darüber hinaus haben die deutsch-ukrainischen Klinikpartner die Behandlung von Patient:innen mit psychiatrischen Erkrankungen noch einmal auf notfallmedizinische und traumatologische Fälle ausgeweitet. Mittlerweile engagieren sich im Projekt SOLOMIYA 34 Institutionen in Deutschland und der Ukraine.  In rund einem Jahr konnten über das Netzwerk Medikamente und medizinische Hilfsgüter geliefert und damit seit Mai 2022 mehr als 20.000 Patient:innen versorgt werden. Über Online-Workshops und Apps wurde den Kolleg:innen Wissen zur psychologischen Ersthilfe, der Betreuung von Personal, zur Burnout-Prävention, zu Resilienztrainings von Gesundheitspersonal sowie der psychischen Gesundheit von Müttern weitergegeben. Zudem wurden eine Online-Sprechstunde etabliert und digitale Infrastruktur geschaffen; hierzu gehört u.a. der Chatbot „Friend“, der bisher mehr als 100.000 Nutzer:innen unterstützen konnte. Darüber hinaus entwickelt das Team spezifische Trainings für Führungskräfte im ukrainischen Gesundheitswesen und Apps für Patient:innen mit chronischen Stress- und Schlafstörungen. Prof. Bajbouj betont: „Menschen in Kriegsgebieten und auf der Flucht sind in einer psychischen Ausnahmesituation, sie sind äußerst gestresst und viele von ihnen sind traumatisiert. Wir helfen den Betroffenen, diese Situationen besser verarbeiten zu können und haben unter anderem eine telemedizinische Beratungsplattform gestartet, führen Trainings durch, haben Handbücher für Erste-Hilfe-Maßnahmen erstellt und entwickeln weitere digitale Unterstützungsangebote.“  

4,6 Millionen Euro für neuartige CAR-T-Zelltherapie

- 26-05-2023

Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Max Delbrück Center In der Behandlung bestimmter Blut- und Lymphdrüsenkrebsformen haben sich CAR-T-Zellen, im Labor gentechnisch aufbereitete Immunzellen der Patient:innen, bewährt. Doch die Krebsimmuntherapie kann noch effektiver werden. Eine gemeinsame klinische Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Center erhält dafür eine Förderung in Millionenhöhe vom Bundesforschungsministerium. CAR-T-Zelltherapien sind oft der letzte Ausweg für Patient:innen mit bestimmten Formen von Blut- oder Lymphdrüsenkrebs, die auf gängige Behandlungen nicht ansprechen. Dabei werden Immunzellen (T-Zellen) der Erkrankten im Labor mit einem sogenannten chimären Antigenrezeptor (CAR) ausgestattet – einem kleinen Fühler, der Körperzellen abtastet und nach spezifischen Eigenschaften von Krebszellen sucht. Zurück im Körper des Patienten oder der Patientin, spüren sie genau das Oberflächenmolekül auf, auf das sie ausgerichtet sind, und töten die Tumorzellen ab. Die Arbeitsgruppen von Privatdozentin Dr. Uta Höpken und Dr. Armin Rehm am Max Delbrück Center haben einen Ansatz für eine neuartige CAR-T-Zelltherapie gegen eine Form des Lymphdrüsenkrebses entwickelt, die von den B-Lymphozyten ausgeht: das B-Non-Hodgkin-Lymphom. Unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Keller und Prof. Dr. Lars Bullinger an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Campus Benjamin Franklin der Charité soll die neue Immuntherapie in einer Phase-I/IIa-Studie erstmals am Menschen getestet werden. Das gemeinsame Projekt der Charité und des Max Delbrück Center fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 4,6 Millionen Euro. Das Ministerium will Therapien gegen Erkrankungen auf den Weg bringen, die bisher nicht oder nur schwer behandelbar sind. Antigen CXCR5: Für einen CAR kaum zu verfehlen Die bislang zur Behandlung von Blut- und Lymphknotenkrebs zugelassenen CAR docken zumeist an das Antigen CD19 an, ein Oberflächenmolekül von B-Zellen, die sich bösartig verändern und zu Krebszellen werden können. Privatdozentin Dr. Höpken und Dr. Rehm haben ein Molekül identifiziert, das sich wahrscheinlich noch besser als Angriffspunkt für einen CAR zur Behandlung von Lymphdrüsenkrebs eignet: CXCR5. Anders als CD19, dessen Menge auf den Krebszellen von Patient:in zu Patient:in unterschiedlich hoch sein oder gar verloren gehen kann, kommt das Molekül CXCR5 gleichmäßig auf allen reifen Lymphdrüsenkrebszellen vor. Es befindet sich darüber hinaus nicht nur auf den Tumor-B-Zellen, sondern auch auf bestimmten T-Helferzellen, die das Tumorwachstum unterstützen. „Diese Eigenschaften machen CXCR5 zu einem einzigartigen Ziel für CAR-T-Zelltherapien“, sagt Privatdozentin Dr. Höpken. In Mausmodellen konnten die Forschenden zeigen, dass die entsprechenden CAR-T-Zellen das CXCR5 besonders zuverlässig finden und die Tumorzellen vernichten. Erste Anwendungen bei Patient:innen stehen bevor Ob die neue Immuntherapie sicher und auch bei Menschen wirksam ist, müssen klinische Studien zeigen. Charité-Klinikdirektor Prof. Keller bereitet mit seinem Team erste Untersuchungen mit wenigen ausgewählten Patient:innen vor: „Wir sind zuversichtlich, dass wir mit dieser Phase-I-Studie die Sicherheit der neuen CXCR5-CAR-T-Zelltherapie nachweisen und auch erste Hinweise auf deren Wirksamkeit finden werden. Sowohl die Tumorzelle als auch deren unterstützende Mikroumgebung therapeutisch zu adressieren, ist ein vielversprechender und hochinnovativer Ansatz.“ Sobald das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) die Herstellung des Zellprodukts und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel die klinische Studie genehmigt haben, beginnt die Rekrutierung von bis zu 24 Patient:innen. Die Wissenschaftler:innen rechnen damit, dass dies Anfang 2024 der Fall sein wird. Eingeschlossen werden zunächst nur Patient:innen, bei denen die Standardtherapie nicht angeschlagen hat.

Charité macht schlau: Medizinische Forschung zum Mitmachen

- 22-05-2023

Mehr als 5.200 Forschende und Ärzt:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin ergründen tagtäglich die Geheimnisse des menschlichen Körpers und entwickeln die Medizin der Zukunft. Zur Langen Nacht der Wissenschaften am 17. Juni teilen sie mit großen und kleinen Lernbegierigen ihr Wissen: Zwischen 17 und 24 Uhr machen sie per Science Slam, Führungen und vielen interaktiven Formaten am Campus Charité Mitte neueste Ergebnisse der medizinischen Forschung greifbar. Ein Highlight in diesem Jahr: Das Berliner Medizinhistorische Museum eröffnet nach umfangreicher Modernisierung mit einer Sonderausstellung zum Gehirn in Wissenschaft und Kunst. Was bedeutet der Klimawandel für Pollenallergiker? Wie kann Physik gegen das „Trockene Auge“ helfen? Und was tun, wenn das Herz aus dem Takt gerät? Über diese und weitere Themen rund um das Immunsystem, das Herz und den Kopf informieren Wissenschaftler:innen der Charité im Rahmen des zentralen Bühnenprogramms – Nachfragen erwünscht! Auch beim Science Slam ist das Publikum gefragt: Wer hält den unterhaltsamsten Kurzvortrag zu seiner oder ihrer Forschung? Besucher:innen erfahren von dem Team des Simulations- und Trainingszentrum der Charité (BeST), wie Tumor-OPs am Kopf sicherer gemacht werden, oder können den Roboter-Anzug „Myosuit“ des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) für Menschen mit Herzschwäche selbst testen. Außerdem: Was sollte man gegen Vergiftungen zu Hause haben? Was machen all diese piependen Geräte auf der Intensivstation? Und wie blickt eigentlich die Kunst auf die medizinische Forschung? Geschichtsinteressierte führt das Team des Projekts „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ zu ausgewählten Orten auf dem historischen Campus der Berliner Universitätsmedizin. Und kleine Nachwuchsforschende lernen spielerisch, warum Knochen hart und das Gehirn weich ist, werfen einen mikroskopischen Blick auf das Wunder Blut und dürfen sogar Leben retten. Diese und mehr spannende Veranstaltungen der Charité und weitere Details sind im Charité-Programmheft übersichtlich zusammengefasst. Servicehinweise Standort: Campus Charité Mitte im und am CharitéCrossOver-Gebäude, Eingang Schumannstraße 20/21, 10117 Berlin, Geländeadresse: Virchowweg 6 Tickets für die Lange Nacht der Wissenschaften kosten 14 Euro (ermäßigt 9 Euro), zusätzlich gibt es Angebote für Familien und Gruppen. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt. Tickets sind über Ticketmaster erhältlich.

Bilanz: Aufsichtsrat der Charité stellt Jahresabschluss 2022 fest

- 08-05-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat im Jahr 2022 dank der positiven Ergebnisse der Beteiligungsgesellschaften ein Konzernergebnis von 1,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Charité als Muttergesellschaft hat einen nur geringen Jahresfehlbetrag von knapp zwei Millionen Euro erzielt – bei gegenüber dem Vorjahr gesteigerten Gesamteinnahmen von rund 2,3 Milliarden Euro. In seiner heutigen Sitzung hat der Aufsichtsrat der Charité den Jahresabschluss festgestellt.  Im Berichtsjahr 2022 ist es den Charité-weit rund 18.200 und konzernweit rund 21.600 Beschäftigten gelungen, ein nahezu ausgeglichenes Jahresergebnis zu erwirtschaften. Dieses Ergebnis ist zudem der erneuten Unterstützung des Landes Berlin zu verdanken, das die coronabedingten Verluste in Höhe von rund 46,8 Millionen Euro fast vollständig ausgeglichen hat. Auch im dritten Jahr der Pandemie waren die Charité-Mitarbeiter:innen stark beansprucht, wobei insbesondere die Mitarbeitenden in den klinischen Bereichen weiterhin extrem gefordert waren. Wie auch schon in den Jahren zuvor hat die Charité eine führende Rolle bei der Versorgung von schweren COVID-Fällen eingenommen. Insgesamt wurden in den drei Jahren der Pandemie mehr als 9.600 Patient:innen mit  COVID-19 stationär versorgt, von denen fast 4.000 auf den Intensivstationen behandelt werden mussten.  Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité, erklärt: „Eine gut ausgestattete und damit leistungsstarke Hochschulmedizin ist unverzichtbar – das ist nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie deutlich geworden. In Berlin haben wir es der Expertise und dem in einer außergewöhnlichen Situation bemerkenswerten Engagement der Beschäftigten der Charité zu verdanken, dass wir diese Krise bewältigt haben. Dafür gilt ihnen damals wie heute große Anerkennung. Mit dem finanziellen Ausgleich der unvermeidbaren Corona-bedingten Verluste der Charité hat das Land Berlin in dieser Phase Verantwortung übernommen.“ Die Charité konnte 2022 mit rund 736.900 ambulanten sowie mehr als 126.000 voll- und teilstationären Fällen wieder mehr Patient:innen als im Vorjahr versorgen. Insgesamt konnten Umsatzerlöse in Höhe von 1,6 Milliarden Euro erzielt werden. Mit 1,1 Milliarden Euro wurde ein Großteil der Umsatzerlöse in den stationären Bereichen generiert. Astrid Lurati, Vorstandsmitglied für Finanzen und Infrastruktur der Charité, erklärt: „Wir haben erneut ein schwieriges Jahr hinter uns, in dem sich abermals alle Beschäftigten der Charité gemeinsam für ein Ganzes stark gemacht haben. Das ist großartig und verdient höchste Anerkennung! Ebenso ist die Charité dankbar für den fast vollständigen Ausgleich der coronabedingten Verluste durch unseren Eigentümer, das Land Berlin. Der verbleibende kleine Fehlbetrag der Charité ist angesichts der Rahmenbedingungen als positiv zu bewerten, genauso wie unser Konzernergebnis mit rund 1,3 Millionen Euro.“ Sie ergänzt: „Ein wichtiger Meilenstein war der im letzten Jahr abgeschlossene Tarifvertrag Gesundheitsfachberufe Charité, der eine fest definierte Mindestpersonalbemessung für bettenführende Stationen und Funktionsbereiche vorsieht sowie das CHEP-Punktesystem, das die Beschäftigten gezielt entlasten soll. Damit haben wir eine gute und sozialverträgliche Arbeitsgrundlage für unsere Beschäftigten, um auch die Herausforderungen im laufenden Jahr zu meistern.“  Die Medizinische Fakultät konnte im Berichtsjahr insgesamt rund 284 Millionen Euro an Drittmitteln einwerben und erreicht damit erneut einen Rekordwert. Dies dokumentiert die Exzellenz der Forschung und leistet einen erheblichen Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung Berlins. Die herausragende Forschungsstärke der Berliner Universitätsmedizin spiegelt sich beispielsweise auf nationaler Ebene in der Beteiligung an 31 DFG-Sonderforschungsbereichen und international in 50 EU-Projekten wider.  Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, erklärt: „Wir haben erhebliche Anstrengungen unternommen, die Charité entlang unserer strategischen Planung durch die schwierige Pandemiezeit zu führen. Und auch dieses Jahr kommen neue Aufgaben und Herausforderungen auf uns zu, die Vorstand und Mitarbeiterschaft der Charité partnerschaftlich angehen.“ Er fügt hinzu: „Ein wegweisender strategischer Schritt waren die Vorbereitungen zur Gründung des Deutschen Herzzentrums der Charité zum 1. Januar 2023. Diese Zusammenführung mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin ist ein einmaliges Projekt mit enormem Potenzial und der Prozess des Zusammenwachsens begleitet uns auch in diesem Jahr.“ Mit Blick auf weitere Themen im aktuellen Jahr beschäftigen Prof. Kroemer vor allem der Fachkräftemangel in der Pflege und die notwendige Digitalisierung, die prioritär bleiben: „Allerdings werden Lösungsnotwendigkeiten in beiden Bereichen immer drängender. Auch hier sind wir optimistisch, unsere Ziele zu erreichen.“

Vorreiter in Deutschland – Berliner Kliniken tauschen Patientendaten digital aus

- 05-05-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Vivantes Vor einem Jahr haben Charité – Universitätsmedizin Berlin und Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH eine gemeinsame Infrastruktur zum digitalen Austausch strukturierter Behandlungsdaten in Betrieb genommen. Dieses Konzept der digitalen Vernetzung wird jetzt mit weiteren Kliniken in Berlin ausgebaut. Zehn weitere Krankenhausträger mit zusammen 34 Klinikstandorten wollen sich an der Kooperation beteiligen. Mit Charité und Vivantes betreiben damit zwölf Klinikunternehmen plattformbasierten Datenaustausch. Sie repräsentieren mehr als drei Viertel der Klinikbetten in der Stadt – eine deutschlandweit einzigartige Zusammenarbeit.    Bereits seit dem vergangenen Jahr können Mitarbeitende von Charité und Vivantes gemeinsam auf medizinisch relevante Patientendaten wie etwa aktuelle Laborwerte, Vitalzeichen oder schon früher erfasste allgemeine Gesundheitsdaten zugreifen. Das erleichtert die Arbeit, verringert Fehler und verbessert die Behandlungsqualität. Diese Vernetzung soll nicht exklusiv bleiben, denn sie lebt von der Beteiligung möglichst vieler Kliniken.  Daher fand auf Initiative von Charité und Vivantes am 29. März dieses Jahres ein Symposium zur digitalen Vernetzung der Berliner Kliniken unter Schirmherrschaft der damaligen Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung (SenWGPG) und der Berliner Krankenhausgesellschaft e.V. (BKG) statt. Bei dem Symposium wurden konkrete Anwendungsfälle besprochen sowie technische und rechtliche Fragen geklärt. Im nächsten Schritt verpflichten sich zehn beteiligte Klinikträger mit zusammen 34 Klinikstandorten in einem Letter of Intent (LOI) den Datenaustausch nach gemeinsamen Standards in den Bereichen Notaufnahme, Fallkonferenzen und Geriatrie voranzutreiben. So entsteht schrittweise eine gemeinsame, digitale Infrastruktur in der Gesundheitsregion, die allen Kliniken offensteht und auch auf Brandenburg ausgedehnt werden kann.  Hierbei steht stets die optimale, standortübergreifende Versorgung der Patient:innen im Fokus: Relevante Informationen beispielsweise zu Vorerkrankungen, Vitaldaten und Medikation, die in einem anderen Krankenhaus zuvor erfasst wurden, können zur Fortsetzung der Behandlung sofort verwendet, also wertvolle Zeit gespart und Mehrfach-Untersuchungen sowie wiederholte Anamnesegespräche vermieden werden. Die Kooperationspartner zum Projektstart sind:   Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee Alexianer St. Hedwig Kliniken Berlin Berliner Kliniken der Johannesstift Diakonie BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin DRK Kliniken Berlin Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe Jüdisches Krankenhaus Berlin Park-Kliniken Berlin Sankt Gertrauden-Krankenhaus Vitanas Klinik für Geriatrie Berlin Dazu erklärt die Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Dr. Ina Czyborra: „Information ist ein Stoff, der sich vermehrt, wenn man ihn teilt. Das gilt für die Wissenschafts- und Gesundheitsstadt Berlin ganz besonders. Ich freue mich daher sehr, dass die Pionierarbeit von Charité und Vivantes nun von weiteren Krankenhausträgern genutzt wird. Der digitale Austausch von Patientendaten, der hier angestoßen wird, ist deutschlandweit wegweisend. Ich hoffe, dass sich in naher Zukunft noch mehr Kliniken anschließen und wir die digitale Vernetzung auch auf Brandenburg ausdehnen können.“ 

Wie sich Krebsgene selbständig machen

- 05-05-2023

Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Max Delbrück Centers Tumore verhalten sich manchmal eigenartig: Sie wachsen außergewöhnlich stark oder werden plötzlich gegen ein Krebsmedikament resistent. Dieses Verhalten lässt sich häufig darauf zurückführen, dass sich Krebsgene aus den Chromosomen der Zelle herauslösen und in Ringform „selbständig machen“. Wenig ist bisher darüber bekannt, wie genau diese DNA-Ringe entstehen und wie sie sich im Verlauf des Tumorwachstums weiterentwickeln. Mit einer neuen Methode hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Centers diesen Weg jetzt bei dem Neuroblastom nachgezeichnet. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Nature Genetics* veröffentlicht. Sie gelten als eine der größten Herausforderungen in der Krebsforschung: DNA-Ringe – also kleine Erbgut-Schlaufen, die zu Hunderten abseits der Chromosomen im Zellkern schwimmen. Bereits seit 1965 bekannt, stellen sie Forschende noch immer vor viele Fragen. Wo kommen all diese Ringe her? Welche Funktion haben sie? Wie wirken sie sich auf die Zelle und den Organismus aus? Klar ist: Nahezu ein Drittel aller Tumore bei Kindern und Erwachsenen tragen in ihren Zellen DNA-Ringe – und diese sind fast immer besonders aggressiv. Auch wenn ein Tumor gegen ein zuvor wirksames Medikament resistent wird, ist das oft auf ringförmige DNA zurückzuführen. Mit der Erforschung dieser speziellen Form der Erbinformation verbinden Wissenschaftler:innen weltweit deshalb die Hoffnung auf neue Therapieansätze gegen Krebs. Allerdings: Nicht immer wirkt sich die „extrachromosomale zirkuläre DNA“ negativ auf das Krebswachstum aus. Manche Ringe scheinen auch harmlos zu sein. „Um die gefährlichen von den harmlosen DNA-Ringen zu unterscheiden und ihre Evolution innerhalb des Tumors nachvollziehen zu können, muss man sich das Gewebe Zelle für Zelle anschauen“, erklärt der Leiter der Studie Prof. Dr. Anton Henssen. Der Mediziner ist an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité tätig und forscht am Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Centers. Zusammen mit seinem Team hat er jetzt eine Technologie entwickelt, die für jede einzelne Zelle den genetischen Code der vorhandenen DNA-Ringe auslesen kann. Sie gibt gleichzeitig Auskunft darüber, welche Gene darauf aktiv sind. „So können wir einfach auszählen, wie viele Zellen des Tumors einen spezifischen Ring beherbergen“, sagt Prof. Henssen. „Sind es wenige, ist der Ring nicht besonders relevant für das Krebswachstum. Sind es viele, verleiht er einer Tumorzelle offenbar einen Selektionsvorteil.“ Welche DNA-Ringe treiben das Tumorwachstum an? Die neue Methode nutzten die Wissenschaftler:innen zunächst, um eine Bestandsaufnahme aller DNA-Ringe bei kultivierten Neuroblastomzellen zu machen. Das Neuroblastom ist eine Krebserkrankung, die vor allem sehr junge Kinder betrifft und als besonders bösartig gilt. Das Ergebnis der Untersuchungen: Keine Krebszelle ist wie die andere – während in einer 100 DNA-Ringe schwimmen, können es in der nächsten 2.000 sein. Auch sind die Ringe sehr unterschiedlich groß: Die Winzlinge unter ihnen bestehen nur aus 30, die Riesen aus über einer Million genetischen Bausteinen. „Die großen DNA-Ringe sind beladen mit Krebsgenen, die ursprünglich aus den Chromosomen der Zelle stammen“, erklärt Rocío Chamorro González. Sie ist die Erstautorin der Studie und forscht ebenfalls an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité sowie am ECRC. „Durch die Ringform umgehen sie die klassischen Gesetze der Genetik – und werden ein Stück weit autonom. Diese Krebsgene haben sich sozusagen selbständig gemacht. Welche Konsequenzen das hat, beginnen wir gerade erst zu verstehen. In unserer Studie haben wir die großen DNA-Ringe in vielen Neuroblastomzellen gefunden, sie treiben das Zellwachstum also offenbar an. Die kleinen Ringe haben wir nur vereinzelt entdeckt, sie haben für die Krebszellen wohl keine große Relevanz.“ Die Evolution eines unabhängigen Krebsgens Um nachzuvollziehen, wie ein „autonomes Krebsgen“ eigentlich entsteht und sich innerhalb eines Tumors weiterentwickelt, analysierte die Forschungsgruppe im zweiten Schritt beispielhaft das Neuroblastom in jungen Patient:innen – und zwar Zelle für Zelle. Die Ergebnisse legen nahe, dass sich zu Beginn des Tumorwachstums in diesem Fall zunächst das bekannte Krebsgen MYCN aus seinem Heimat-Chromosom herauslöste und einen Ring bildete. Anschließend verschmolzen zwei dieser Ringe zu einem größeren, der wiederum einen kürzeren und dann einen längeren Abschnitt verlor. „Erst der letzte Ring scheint einen Wachstumsvorteil mit sich gebracht zu haben, weil nur er in vielen Zellen des Neuroblastoms zu finden ist“, sagt Prof. Henssen. „Das zeigt, dass sich das Krebsgen durch diese Vorgänge nicht nur selbständig gemacht, sondern auch immer weiter ‚verbessert‘ hat.“ Ein solcher Einblick in die Evolution von DNA-Ringen innerhalb eines Tumors wäre ohne die neu entwickelte Methode nicht möglich gewesen. Das Forschungsteam wird sie nun nutzen, um bei weiteren Krebsfällen die Entwicklungsschritte zu rekonstruieren. So wollen die Wissenschaftler:innen künftig noch besser in der Lage sein, die gefährlichen von den harmlosen DNA-Ringen zu unterscheiden. „Unsere Hoffnung ist, dass wir in Zukunft durch einen Blick auf die DNA-Ringe im individuellen Fall erkennen können, ob der Tumor besonders aggressiv ist oder nicht“, sagt Prof. Henssen. „Dann könnten wir die Therapie daran anpassen. Die Vorhersagekraft von spezifischen DNA-Ringen zu testen, ist deshalb unser nächstes Forschungsziel.“

Sonntagsvorlesung zur Leber: Was schützt sie und was schadet ihr?

- 04-05-2023

Die Leber spielt für den Stoffwechsel des Körpers eine zentrale Rolle: Sie entgiftet den Körper und steuert die Bereitstellung von Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten. Doch wie gefährlich sind Fett, Zucker und Alkohol für unser größtes inneres Organ? Und wie kann die Lebergesundheit gestärkt werden? Diese und weitere Fragen beantworten die Charité-Expert:innen in der kommenden Sonntagsvorlesung am 14. Mai.  Prof. Dr. Frank Tacke, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie, spricht über erhöhte Leberwerte und ihre Ursachen. Zudem informiert er über akute und chronische Erkrankungsformen sowie über neue Therapiekonzepte. Von der Regenerationsfähigkeit der Leber berichtet Privatdozentin Dr. Münevver Demir. Zudem gibt sie praktische Empfehlungen für die Gesunderhaltung unseres zentralen Entgiftungsorgans, insbesondere für die Ernährung und den Lebensstil. Darüber hinaus stellen beide ihre aktuellen Forschungsprojekte vor. Im Anschluss an den Vortragsteil beantworten Prof. Tacke und Privatdozentin Dr. Demir die Fragen des Publikums. Die Sonntagsvorlesung „Die Leber: Was sie schützt und was ihr schadet“ findet am 14. Mai um 14 Uhr im Hörsaal Innere Medizin am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in 10117 Berlin statt.  Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, barrierefreier Zugang: Virchowweg 9.  Der Eintritt ist frei.

Chronischen Entzündungen auf der Spur: Prof. Dr. Eicke Latz startet an Charité und Deutschem Rheuma-Forschungszentrum

- 02-05-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat Prof. Dr. Eicke Latz zum 1. Mai auf die Professur für Experimentelle Rheumatologie berufen. Zugleich ist er der neue Wissenschaftliche Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ), einem Leibniz-Institut. An der Schnittstelle beider Häuser wird Prof. Latz chronisch-entzündliche und rheumatische Erkrankungen erforschen. Durch neue Erkenntnisse zu molekularen Entzündungsmechanismen möchte er innovative Ansätze für Therapien und Prävention entwickeln. Prof. Dr. Eicke Latz erforscht seit vielen Jahren, wie das angeborene Immunsystem die Gesundheit erhält und unter welchen Umständen es Krankheiten fördert. Dabei untersucht er insbesondere die molekularen Mechanismen, die zu einer Aktivierung oder Hemmung des Immunsystems führen und wie diese die Entzündungsreaktionen bei verschiedenen Erkrankungen – wie etwa Rheuma, Arteriosklerose oder Alzheimer – beeinflussen. „Mir geht es aber nicht allein um den Erkenntnisgewinn, sondern auch darum, diesen erfolgreich in neue Behandlungsmethoden zu überführen sowie Maßnahmen der Prävention ableiten zu können“, erklärt Prof. Latz. Seine translationale Perspektive wurde durch mehr als eine Dekade akademischer Forschung in Boston, einem Zentrum der Pharma- und Biotechindustrie, geschärft. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland hat der Immunologe bereits mehrere Biotech-Unternehmen gegründet, die seine Forschungserkenntnisse erfolgreich in neue Therapie- und Präventionsansätze für verschiedene inflammatorische Erkrankungen überführen. Bis zu seinem Wechsel an die Charité war er am Institut für Angeborene Immunität am Universitätsklinikum Bonn tätig, das er 2010 gegründet hat. An der Charité und dem DRFZ möchte Prof. Latz vorhandene Synergien nutzen, um die molekularen Grundlagen von chronisch-entzündlichen und rheumatologischen Erkrankungen weiter zu entschlüsseln und auch den Einfluss von Umweltfaktoren und des Lebensstils auf diese zu untersuchen. Solche Arbeiten sollen sowohl zu einem besseren Verständnis der Erkrankungen beitragen als auch eine Grundlage für präventive Maßnahmen darstellen. Prof. Latz plant den Aufbau einer Plattform für Präzisions-Immundiagnostik. Mit diesen Verfahren soll das immunologische Geschehen in großen Gruppen von Patient:innen besonders genau charakterisiert werden. Die patientenorientierte Forschung soll ebenfalls das Wissen um die molekularen Mechanismen von entzündlichen Erkrankungen erweitern. Das Ziel: spezifischere Therapien ableiten zu können. „Die enge Verzahnung der Arbeitsgruppen von Charité und DRFZ und vor allem der Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie eröffnet viele Möglichkeiten für eine vielversprechende Zusammenarbeit sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der klinisch-translationalen Forschung. Ich freue mich auf diese Synergien und die neuen Aufgaben“, sagt Prof. Latz.

Bisher unbekannte Funktionen von Genen aufgedeckt

- 27-04-2023

Das Proteom beschreibt die Gesamtheit aller aktiven Eiweißmoleküle in einem Organismus, einem Gewebe oder einer Zelle unter festgelegten Bedingungen und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Wissenschaftler:innen der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Francis Crick Institute in London, der Universitäten Zürich und Edinburgh hat jetzt die umfassendste zelluläre Proteom-Landkarte auf der Basis von Hefen als Modellorganismen erstellt. Sie gibt Einblick in bislang unerforschte Gene und die Art und Weise, wie Proteine entsprechend ihrer Bauanleitung hergestellt und reguliert werden. Die Studie ist im aktuellen Fachjournal Cell* erschienen. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist die Funktion vieler Gene immer noch unbekannt. Das schränkt unser Verständnis bestimmter, mitunter seltener Krankheiten ein und erschwert die Entwicklung neuer Therapien. Auch im Fall von Hefe- und Bakterienzellen fehlt grundlegendes Wissen, um neue Antimykotika oder Antibiotika zu entwickeln, die wegen zunehmender Arzneimitteltoleranzen und -resistenzen dringend benötigt werden. Die aktuelle Studie zählt zu den weltweit umfassendsten Proteomstudien. Um die Aufgabe von Genen, denen bisher noch keine genaue Funktion zugeordnet werden konnte, genauer zu umreißen, hat das Forschungsteam Hefezellen eingehender untersucht. Ziel war es, entscheidende Informationen zu gewinnen, die Rückschlüsse auf Auswirkungen genetischer Mutationen zulassen und dazu beitragen, diagnostische Lücken zu schließen. Die Forschenden wollten offenlegen, wie bestimmte Eiweiße im Einzelnen hergestellt und reguliert werden, um nicht zuletzt einen Grundstein für die Entwicklung neuer Medikamente zu legen. Forschungsleiter Prof. Dr. Markus Ralser, Direktor des Instituts für Biochemie und Einstein-Professor für Biochemie an der Charité, erklärt: „Wir haben eine Sammlung von Hefestämmen genutzt, die von einem internationalen Konsortium generiert wurde und in der alle nicht essenziellen Gene in mindestens einem Stamm fehlten. Wir haben dazu die Massenspektrometrie genutzt, eine Technologie, die Tausende von Proteinen parallel bestimmen kann, um jeden dieser Stämme zu charakterisieren. Das hat schlussendlich zu dieser bisher größten Proteomstudie geführt." Dabei konnten die Forschenden allgemeine Prinzipien ausfindig machen, die der Produktion von Proteinen zugrunde liegen. So konnte die Studie für eine große Anzahl an Proteinen bestimmen, inwieweit deren Funktion oder auch deren biophysikalischen Eigenschaften für die Produktion von Bedeutung sind. Im Zuge der Untersuchungen entstanden umfangreiche Daten über zuvor wenig erforschte Eiweißmoleküle. Gleichzeitig konnte das Team neue Methoden zur Zuweisung von Genfunktionen entwickeln. Mittels Massenspektrometrie, insbesondere speziellen Proteomtechniken, die die Forschenden um Prof. Ralser in den vergangenen Jahren entwickelt haben, sind die Mengen der jeweiligen Eiweiße in den einzelnen Hefestämmen, in Abwesenheit aller nicht essenziellen Gene ermittelt worden. „Die dabei gewonnenen Erkenntnisse haben das Potenzial, das Verständnis der Zellbiologie grundlegend zu verbessern und neue Einblicke in die Genfunktion bei Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern besitzen, sogenannten Eukaryoten, zu geben", sagt Dr. Georg Kustatscher, der mit seiner Forschungsgruppe an der Universität Edinburgh die riesigen Datenmengen der Studie analysiert hat und resümiert: „Die Proteome, die wir in der Studie abbilden konnten, enthalten wichtige Informationen für Angriffspunkte potenzieller neuer Medikamente, die Hoffnung auf zukünftige Behandlungsoptionen geben.“ Eine Kooperation zwischen Forschungsteams an der Charité, dem Londoner Francis Crick Institute und der Universität Edinburgh hat die umfassende Studie erst möglich gemacht. Ebenso beigetragen haben Labore in Cambridge und an der Universität Toronto. Hier wurden neuartige Proteomtechnologien und Methoden der funktionellen Genomik entwickelt, die in der Studie zum Einsatz kamen. Prof. Dr. Christoph Messner, jetzt Gruppenleiter an der Universität Zürich, hat die Arbeiten am Francis-Crick-Institute in London verantwortet und betont: „Zu unserer Überraschung ergab die Studie, dass die Reaktion eines Proteins auf jede Mutation stärker von seinen biophysikalischen Eigenschaften abhängt als von seiner Funktion. Das eröffnet einen neuen Blick bei der Analyse von großen biologischen Daten, die mit modernen Sequenzier- oder massenspektrometrischen Techniken bereits häufig erhoben werden, aber oft noch schwer zu interpretieren sind." Aus diesem Grund vermuten die Forschenden, dass die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit weitreichende Auswirkungen auf dem Gebiet der Biowissenschaften haben werden. Die Untersuchung stellt wesentliche Informationen über die Funktion von Genen und das Zustandekommen von Proteinen bereit. Sie ebnet den Weg für zukünftige Durchbrüche im Bereich der Mikrobiologie. Derzeit bereitet das Team eine ähnliche Studie an menschlichen Zellen vor mit dem Ziel, weitere Informationen über noch unbekannte Gene zu generieren. Auch wollen die Forschenden die an Hefen erstellten Proteom-Landkarten mit anderen molekularen Daten verknüpfen, um dazu beizutragen, dass bessere Therapien für Pilzerkrankungen gefunden werden können.

Internationaler Tag des Versuchstiers: Charité veröffentlicht Zahlen für 2022

- 24-04-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin veröffentlicht anlässlich des heutigen Internationalen Tages des Versuchstiers ihre aktuellen Versuchstierzahlen. Diese werden von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Charité jährlich bis zum 31. März an die zuständige Behörde, das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo), übermittelt. Für das Jahr 2022 meldeten die Forschenden insgesamt 51.338 Tiere, die im Kontext biomedizinischer Forschungsfragen zum Einsatz kamen. Der weitaus größte Teil dieser Tiere waren Mäuse (92,8 Prozent) und Ratten (5,5 Prozent). „Tierversuche sind für die Weiterentwicklung der medizinischen Behandlungsmöglichkeiten derzeit noch unersetzbar. Deshalb ist es umso wichtiger, gezielt an Alternativen zu forschen, diese zu entwickeln und in Forschung, Diagnostik und Therapie zunehmend zu nutzen“, betont Prof. Dr. Stefan Hippenstiel, Professor für Infektiologie und Pneumologie an der Charité und Sprecher von Charité 3R. Er ergänzt: „Denn wer mit Tieren forscht, ist gleichzeitig verpflichtet, nach Alternativen zu suchen und alles dafür zu tun, die Belastung für Versuchstiere so weit wie möglich zu reduzieren.“  Um diese Entwicklung an der Charité voranzutreiben, wurde 2018 mit Charité 3R eine Einrichtung zur aktiven Förderung des 3R-Prinzips in der biomedizinischen Forschung gegründet. Ziel des 3R-Prinzips ist es, Tierversuche zu ersetzen (Replace), die Anzahl der Versuchstiere zu reduzieren (Reduce) und die Belastung für Versuchstiere zu mindern (Refine). Über Charité 3R werden innerhalb der Universitätsmedizin vielfältige Aktivitäten in jedem der drei Bereiche Replace, Reduce und Refine in Forschung und Lehre gezielt gefördert. Forschende und Tierschutzbeauftragte arbeiten gemeinsam an Wegen, die Zahl der Versuchstiere insgesamt zu reduzieren, die nicht ersetzbaren Versuche möglichst effektiv zu gestalten und die angewandten Methoden stets neu zu überdenken. Für das Jahr 2022 wurden mit insgesamt 51.338 Tieren rund 4.000 Versuchstiere weniger gemeldet als für das Jahr 2021. Die Zahlen liegen damit in der Größenordnung der vergangenen Jahre. Der Rückgang ist unter anderem auf übliche Schwankungen zurückzuführen, beispielsweise, wenn Arbeitsgruppen neu hinzukommen, größere Projekte starten oder beendet werden. Die sachliche und faktenbasierte Kommunikation zum Thema Tierversuche und Alternativmethoden ist ein zentrales Anliegen der Charité. Seit dem Jahr 2020 ist die Berliner Universitätsmedizin Teil der bundesweiten „Initiative Transparente Tierversuche“. Die Unterzeichnenden der Initiative informieren proaktiv über Tierversuche in der eigenen Einrichtung und bekennen sich dazu, den öffentlichen Dialog über tierexperimentelle Forschung mitzugestalten. Ausführlichere Informationen zur tierexperimentellen Forschung an der Charité mit allen Zahlen und Fakten zu den Versuchstieren sowie den verschiedenen Aktivitäten in Forschung und Lehre rund um das Thema 3R finden Sie auf der Webseite von Charité 3R.   

„Der gesunde Mensch“: Berlin Centre for the Biology of Health

- 21-04-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und FU Berlin Krankheiten zuvorkommen. Mechanismen der Gesundheit verstehen. Menschen lange gesund erhalten. So soll eine Medizin der Zukunft aussehen. Spitzenforschende von Charité – Universitätsmedizin Berlin und Freier Universität Berlin wollen schon bald disziplinübergreifend an diesen gesellschaftlich drängenden Fragen arbeiten. Der Ort für die Zukunftsvision der Gesundheitsforschung: ein denkmalgeschützter Bau im Südwesten Berlins. Saniert und erneuert soll das einstige Institut für Hygiene und Mikrobiologie das Berlin Centre for the Biology of Health (BC-BH) beherbergen. Der Wissenschaftsrat des Bundes und der Länder hat heute den Antrag zum gemeinsamen Forschungsbau in Höhe von rund 54 Millionen Euro zur Förderung empfohlen*. Es geht um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel. Das gegenwärtige Konzept von Medizin wurde Ende des 18. Jahrhunderts vom Gelehrten und Mediziner Rudolf Virchow (1821-1902) entscheidend geprägt. Es basiert auf der Vorstellung, der Ursprung von Krankheiten liege in Störungen der normalen Funktionen der Zelle. Seither stehen Mechanismen, die Krankheiten verursachen, im Mittelpunkt der Medizin. Das Unterbrechen solcher krankheitsfördernden Signalnetzwerke als therapeutischer Zugang hat sich weithin als erfolgreich erwiesen. „Dieser Konzeption von Medizin wohnt allerdings ein Paradoxon inne, nämlich, dass unser molekulares Verständnis von Gesundheit fast ausschließlich auf der Erforschung von Krankheiten beruht“, sagt der Grundlagenwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Diefenbach, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Charité. Gemeinsam mit der Klinikdirektorin für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité Prof. Dr. Britta Siegmund und Forschungskolleg:innen der Freien Universität Berlin hat er den Antrag für einen gemeinsamen Forschungsbau, einen Ort des Austauschs und der Innovation von überregionaler Bedeutung, finanziert durch Bund und Land gemäß Artikel 91b des Grundgesetzes, auf den Weg gebracht. Statt der Erforschung von Krankheitsmechanismen sollen die Mechanismen der Gesundheit und molekulare Strategien der Gesunderhaltung im Mittelpunkt stehen. Erforschen, was Menschen gesund erhält „Wir befinden uns mitten in einem grundlegenden gesellschaftlichen und ökologischen Wandel, der eine neue Konzeption von Medizin benötigt“, so Prof. Diefenbach, der auch eine Einstein-Professur der gleichnamigen Stiftung innehat. „Eine älter werdende Bevölkerung, veränderte Lebensgewohnheiten und sich rapide verändernde Umweltbedingungen führen zu einer Zunahme von Krankheiten, die schon jetzt einen großen Teil der Krankheitslast in Europa ausmachen. Dazu gehören vor allem chronisch-entzündliche, rheumatologische und neurodegenerative Erkrankungen, aber auch Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Ein Ausweg aus dieser Situation: neuartige Strategien in der Medizin, die molekulare Mechanismen der Gesunderhaltung nutzen und dem frühzeitigen Erkennen von Erkrankungen dienen. Ein solches Umdenken in den Lebenswissenschaften vollzieht sich derzeit weltweit. Gesundheit wird zunehmend als ein Prozess betrachtet, der auf stets aktiven molekularen und zellulären Mechanismen beruht, sogenannten Hallmarks of Health. Diese gesundheitswahrenden Netzwerke unterscheiden sich grundlegend von jenen, die Krankheiten fördern. Sie stellen eine Gruppe kommunizierender Mechanismen dar, die die Widerstandsfähigkeit und Toleranz des Organismus gegenüber Krankheiten stärken und damit den Zustand Gesundheit stabilisieren. „Genau diese gesundheitserhaltenden Mechanismen wollen wir für die Prävention und Therapie von Krankheiten zugänglich machen, damit Menschen eine möglichst lange gesunde Lebensspanne haben“, beschreibt Prof. Siegmund das Anliegen des BC-BH. Der gemeinsame und auf interdisziplinäres Arbeiten ausgerichtete Forschungsbau auf dem Charité Campus Benjamin Franklin soll dazu beitragen, solche Mechanismen ausfindig zu machen und deren Störung bei entzündlichen Systemerkrankungen langfristig zu erforschen. Hierzulande wie auch international ist dieses Herangehen bislang einzigartig. Hochinteraktiver gemeinsamer Forschungsraum Heute hat sich der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium, für eine Förderung des Vorhabens ausgesprochen. Auf Basis dieser Empfehlung entscheidet im Frühsommer die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder (GWK) über eine Finanzierung des Forschungsbaus, dessen Kosten zur Hälfte vom Bund und vom Land Berlin getragen werden. „In diesem wichtigen Forschungsbau werden Wissenschaftler:innen der Freien Universität und der Charité die molekularen Grundlagen und Mechanismen von Gesundheit erforschen. Es ist eine neue und visionäre Zielstellung, gesunde Körperfunktionen in den Mittelpunkt der Forschung zu stellen“, betont Ulrike Gote, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité. „Dieser innovative Ansatz der Berliner Forscher:innen zeigt, in welcher internationalen Liga die Berliner Gesundheitsforschung spielt. Auch für die Krankenversorgung und damit für die Gesundheitsstadt Berlin ist das ein wichtiger neuer Blickwinkel. Daher freue ich mich, dass der Wissenschaftsrat einen weiteren Forschungsbau für Berlin zur Förderung empfohlen hat, diesmal angesiedelt auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité und damit im Südwesten der Stadt. Besonders freue ich mich darüber, dass erstmalig im Forschungsbauförderprogramm auf einen Neubau verzichtet und ein denkmalgeschütztes Gebäude nachhaltig und klimaschutzgerecht saniert wird.“ Forschende von Charité und Freier Universität Berlin werden das BC-BH gemeinsam nutzen. Einziehen soll es in das Gebäude des einstigen Instituts für Hygiene und Mikrobiologie der Freien Universität, ein bedeutsamer und heute unter Denkmalschutz stehender Bau der Nachkriegsmoderne. Auf rund 3.170 Quadratmetern sollen nach Sanierung und Umbau Labor- und Denkflächen für etwa 150 Mitarbeitende und Wissenschaftler:innen, die 17 Arbeitsgruppen und acht Nachwuchsgruppen angehören, bereitstehen. Die bereits organisch angelegte Architektur und offene Laborstrukturen sollen dazu beitragen, die beteiligten Disziplinen zusammenzuführen und einen Austausch auf allen Ebenen zu ermöglichen. Wissenschaftliche Fächer wie Klinische Medizin, Mikrobiologie, Immunologie, Biologie, Biochemie oder Biophysik kommen mit modernsten Technologien wie der Einzelzellanalyse oder der Metabolomik und mit analytischen Disziplinen wie Systembiologie, Bioinformatik, Modellierung und Maschinelles Lernen in dem Gebäude zusammen. „Wir setzen auf diesen hoch interaktiven Forschungsraum, denn das Zusammentreffen an den Schnittstellen der Disziplinen wird Synergieeffekte erzeugen, die völlig neue Erkenntnisse möglich machen“, sagt Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin. „Wir freuen uns, dass der in den 70er Jahren konzipierte Forschungsbau erneut ein Ort modernster biomedizinischer Forschung werden kann.“ Internationale Spitzenforschung und Translation In vier Forschungsschwerpunkten wollen sich die Wissenschaftler:innen von Charité und Freier Universität Berlin ab 2028 in den neuen Räumen dem Zustand der Gesundheit annähern. Zunächst gilt es, Mechanismen zu analysieren, die zu einer gelungenen Anpassung des Organismus an Veränderungen in der Umwelt führen. Dies ist klinisch hoch relevant, da die im Mittelpunkt stehenden Krankheitsbilder im wesentlichen Fehlanpassungen an eine sich in den letzten 150 Jahren rasch verändernde Umwelt darstellen. Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich den Veränderungen in diesen Signalnetzwerken bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Aufbauend auf den Ergebnissen vorklinischer und klinischer Untersuchungen sollen erste innovative Präventions- und Therapieansätze erprobt werden, die auf der Stärkung gesundheitswahrender Mechanismen beruhen. Und schlussendlich werden Forschungsergebnisse nicht nur den Weg aus dem Labor zu den Menschen finden, sondern Daten aus der Anwendung, aus Therapieansprechen oder -versagen, wiederum Rückschlüsse auf Mechanismen der Gesundheit zulassen. Das BC-BH ist ein wesentliches Projekt der Berliner University Alliance (BUA), dem Verbund der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Charité, mit dem Ziel einer gemeinsamen Entwicklung der Wissenschaft in Berlin. Die unmittelbare Anbindung des BC-BH an die klinischen Einrichtungen am Campus Benjamin Franklin und an das biowissenschaftliche Umfeld im Berliner Süden sind ideal für die translationale Ausrichtung, also die Idee, Forschungsergebnisse zügig in die Krankenversorgung zu bringen und Beobachtungen von dort zurück ins Labor. „Die geplante bauliche Infrastruktur und Geräteausstattung wird den beteiligten Wissenschaftler:innen ein exzellentes Umfeld bieten, um wichtige gesundheitserhaltende Mechanismen zu identifizieren und diese Erkenntnisse für Patientinnen und Patienten nutzbar zu machen. Das BC-BH wird Schnittstellen und Synergien zwischen Charité und Freier Universität Berlin nochmals verbessern. Zusammen wollen wir das relevante Feld der Gesunderhaltung und Prävention sowie das Fachgebiet der Immunologie weiter ausbauen und entwickeln“, sagt Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité. Um die wissenschaftlichen Fragestellungen auf internationalem Niveau bearbeiten zu können, soll das BC-BH eine moderne Großgeräteausstattung erhalten. So sind unter anderem Technologie-Einheiten zur Einzelzellanalyse und Bildgebung vorgesehen, die wesentlich zum interdisziplinären Arbeiten beitragen werden.

Team Charité: Die Zukunft mitgestalten

- 17-04-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin startet heute eine stadtweite Kampagne zur Gewinnung von Fachkräften für die Krankenversorgung, Forschung und Lehre sowie die Verwaltung und den Servicebereich. Ziel ist es, die Menschen auf die zahlreichen Karrieremöglichkeiten in der Berliner Universitätsmedizin aufmerksam zu machen und sie für die multiprofessionelle Zusammenarbeit im Team zu begeistern. Besonders im Pflegebereich ist der Mangel an Fachkräften auch an der Charité spürbar. Allein hier werden mehr als 700 Pflegefachpersonen benötigt, deutschlandweit sind es mehr als 370.000. Um dem Anspruch der Spitzenmedizin kontinuierlich gerecht zu werden, braucht es zudem Mitarbeitende aus vielen anderen Bereichen, wie zum Beispiel Beschäftigte in der Verwaltung oder der IT. Sie alle tragen zur Besonderheit der Charité bei und stärken das Miteinander. Denn: Erst im Team werden herausragende Leistungen für die Gesundheit der Menschen möglich. „Wir sind seit Langem sehr bemüht, Fachkräfte zu gewinnen. Doch die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und der demographische Wandel stellen uns zunehmend vor die Herausforderung, das benötigte Personal zu finden”, sagt Carla Eysel, Vorstandsmitglied für Personal und Pflege der Charité. Sie ergänzt: „Darüber hinaus sind strukturelle Veränderungen notwendig, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. So hat sich beispielsweise deutlich gezeigt, dass sich die Arbeitsbedingungen für alle verbessern lassen, wenn wir uns multiprofessionell aufstellen und auch die Diversität in der großen Charité aufnehmen und fördern.“  Die Kampagne „Charité. Zukunft gestalten. Jede:r zählt.“ ist sowohl berlinweit auf großen Plakaten als auch digital sichtbar. Auf den ersten Motiven sind Mitarbeiter:innen aus den Gesundheitsfachberufen, der Forschung und der Klinik sowie der Verwaltung und der Lehre zu sehen. Diese sind in den jeweiligen Arbeitssituationen der Mitarbeitenden entstanden und das „Charité-C“ umrahmt ihre Köpfe. Prägnante Slogans sollen einen schnell erfassbaren Kontext ermöglichen und Interesse wecken. Im Laufe des Jahres werden weitere Motive folgen und die Kampagne zudem bundesweit auch in anderen deutschen Städten zu sehen sein.  „Wir wollten mit echten Kolleg:innen bebildern, dass alle, die an der Charité arbeiten, die Medizin der Zukunft mitgestalten. Ganz egal, ob auf den Stationen, am PC oder im Labor. Jede und jeder hat einen Job mit Sinn”, betont Susanne Nitzsche, Leiterin der Stabsstelle Personalmarketing und HR Digitalisierung.  Über die Fotokampagne hinaus gibt es einen virtuellen Rundgang, der exklusive Einblicke in den OP und weitere Bereiche gibt. Die virtuelle 360° Umgebung erlaubt interaktive Einblicke in die Charité. Dort können unter anderem 13 Schlüsselbereiche erkundet werden und so ist auch ein Blick in den OP-Saal während einer Operation möglich. Aber auch Behandlungen auf einer Intensivstation, eine Lehrsituation oder ein Labor können entdeckt werden. Weitere Informationen rund um das Arbeitsleben in der Charité – auch abseits der Krankenversorgung – vermitteln die aktuell mehr als 20 Videos. 

Impfung gegen RSV in der Schwangerschaft könnte Kinder künftig schützen

- 06-04-2023

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein weltweit verbreiteter Erreger, der schwere Atemwegserkrankungen hervorrufen kann. Insbesondere für Neugeborene und Säuglinge kann eine Infektion mit RSV gefährlich werden. In einer groß angelegten internationalen Impfstudie unter Beteiligung von Charité – Universitätsmedizin Berlin und London School of Hygiene and Tropical Medicine ist nun die Wirksamkeit eines ersten Impfstoffkandidaten untersucht worden. Teilnehmerinnen erhielten diesen während der Schwangerschaft. Wie die Forschenden im Fachmagazin The New England Journal of Medicine* beschreiben, waren bis zu 81 Prozent der Kinder in ihren ersten sechs Lebensmonaten zuverlässig vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt. In Deutschland stecken sich Schätzungen zufolge etwa 50 bis 70 Prozent der Kinder während ihres ersten Lebensjahres mit RSV an. Bis zum zweiten Geburtstag hat fast jedes Kind eine RSV-Infektion durchgemacht. Die Erkrankung beginnt meist mit einem leichten Schnupfen, greift dann auf die unteren Atemwege und die Lunge über und kann zu akuten Atembeschwerden und Atemnot führen. Weltweit starben im Jahr 2019 etwa 100.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen einer RSV-Infektion – rund 97 Prozent davon in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. „Eine RSV-Erkrankung kann bislang nur symptomatisch behandelt werden. Bei schweren Verläufen ist eine Sauerstoffgabe überlebenswichtig, was in ärmeren Ländern häufig nicht rechtzeitig oder in ausreichendem Maße realisiert werden kann“, sagt Prof. Dr. Beate Kampmann, Leiterin des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité und Einstein-Professorin für Global Health. „Wir benötigen daher dringend eine Impfung, um die vulnerabelste Gruppe, nämlich Kinder unter sechs Monaten, wirksam vor schweren Krankheitsverläufen nach einer RSV-Infektion schützen zu können.“ Eine effektive Möglichkeit stellt eine Impfung während der Schwangerschaft dar, wie sie etwa gegen Grippe, Keuchhusten oder COVID-19 bereits empfohlen wird. Die werdende Mutter bildet nach der Impfung Antikörper, die sie über die Plazenta an das ungeborene Kind weitergibt. Es verfügt dann über einen effektiven Immunschutz, der über die ersten Lebensmonate anhält. Umfangreiche Impfstudie in 18 Ländern Einen solchen Impfstoff, der während der Schwangerschaft verabreicht wird, hat ein Pharmaunternehmen nun gegen RSV entwickelt. In einer umfangreichen internationalen Studie, die zwischen 2020 und 2022 in 18 Ländern durchgeführt wurde, ist der Impfstoff namens RSV-preF jetzt auf Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft worden. Prof. Kampmann hat im Rahmen ihrer langjährigen Forschungsarbeit in der Abteilung für Impfstoff- und Immunitätsforschung des Medical Research Council (MRC) in Gambia, Teil der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM), maßgeblich an der Untersuchung mitgewirkt. In der nun vorliegenden Phase III-Studie wurde der Impfstoff 3.682 zufällig ausgewählten Studienteilnehmerinnen während des zweiten oder dritten Schwangerschaftsdrittels als Spritze in den Oberarm verabreicht. Eine ähnlich große Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo, also eine Spritze ohne Impfstoff. Weder die Studienteilnehmerinnen, noch die Leitenden der Studie wussten bis zum Abschluss des Studienzeitraums, wer den Impfstoff und wer das Placebo erhalten hat. Es handelt sich also um eine Placebo-kontrollierte, randomisierte Doppelblindstudie, die höchsten Qualitätsstandards entspricht. Nach der Geburt wurden die Kinder über ein bis zwei Jahre regelmäßig sowie bei Anzeichen von Atemwegserkrankungen untersucht. Dabei wurde auf das RS-Virus getestet und die Schwere der Erkrankung nach einem vorab festgelegten Studienprotokoll bewertet. Zulassung für RSV-Impfstoff beantragt „Die Ergebnisse der Impfstudie sind ausgesprochen positiv“, sagt Prof. Kampmann. „Bei über 80 Prozent der Kinder konnte durch die Impfung der Mutter während der Schwangerschaft ein schwerer Verlauf einer RSV-Erkrankung in den ersten drei Lebensmonaten verhindert werden, über zwei Drittel waren auch noch im Alter von sechs Monaten geschützt. Auch wurde die Impfung von den Frauen sehr gut vertragen.“ Die Zulassung des Impfstoffs ist bei den europäischen und US-amerikanischen Arzneimittelbehörden beantragt. Die Ergebnisse der Prüfung sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr vorliegen. Die Teilnehmerinnen der Studie kamen zu knapp der Hälfte aus den USA, 30 Prozent von ihnen sind in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen beheimatet. In Gambia beispielsweise hat das Team um Prof. Kampmann rund 200 Teilnehmerinnen rekrutiert. „Unsere Plattform für Impfstudien mit schwangeren Frauen, die wir in Gambia bereits etabliert hatten, konnten wir für die RSV-Impfstudie erfolgreich nutzen“, sagt Prof. Kampmann. Die ausgewiesene Expertin für Kinderinfektiologie ist seit über einem Jahrzehnt in dem westafrikanischen Land aktiv. Hier hat sie unter anderem für die Bekämpfung von Keuchhusten im Kindesalter ein Programm zur Immunisierung während der Schwangerschaft ins Leben gerufen. Erkrankungen wie diese sollen auf diese Weise verhindert und die Säuglingssterblichkeit gesenkt werden. „Es ist wichtig, Impfstudien in den Ländern durchzuführen, in denen die Impfstoffe später auch genutzt werden sollen“, sagt Prof. Kampmann. „Gerade in sozio-ökonomisch benachteiligten Ländern leiden die Menschen aufgrund schlechter Hygienebedingungen häufig an chronischen Darmentzündungen. Das kann – wie etwa im Fall der Rotavirus-Impfung – zu einer geringeren Effektivität der Impfung führen. Und es gibt Co-Erkrankungen wie Malaria oder HIV, die den Antikörper-Transport über die Plazenta beeinträchtigen. All das beeinflusst, wie gut ein Impfstoff letztlich wirkt.“ Für nationale Impfgremien ist es darüber hinaus wichtig, dass sich ein Impfstoff auch innerhalb der eigenen Region als wirksam erwiesen hat, um ihn später empfehlen zu können. „Die Verträglichkeit des RSV-Impfstoffs war bei den Studienteilnehmerinnen insgesamt ganz hervorragend und die Effektivität bei der Prävention von schweren RSV-Erkrankungen der Säuglinge überzeugend. Wir danken den Frauen für ihre Teilnahme und hoffen, dass der Impfstoff bald eingesetzt werden und viele junge Leben retten kann.“ Junge Leben in Gambia und in der ganzen Welt, denn gerade die zurückliegende Saison 2022/23 hat die Folgen von RSV-Infektionen deutlich vor Augen geführt: Allein in Deutschland waren die Aufnahmen von Säuglingen und Kleinkindern auf Intensivstationen laut Robert Koch-Institut auf bis zu 350 Prozent angestiegen. Eine Situation, in der die Gesundheitsversorgung zeitweise an ihr Limit gelangte.

Prof. Dr. Kai Kappert ist Charité-Professor für Laboratoriumsmedizin

- 04-04-2023

Prof. Dr. Kai Kappert hat zum 1. April die Professur für Laboratoriumsmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit geht die Leitung des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Pathobiochemie der Charité sowie die des Fachbereichs Laboratoriumsmedizin und Toxikologie der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH einher. Der Labormediziner und Pharmakologe war in diesen Funktionen bereits seit zwei Jahren kommissarisch tätig. Die Laboratoriumsmedizin – das medizinische Fachgebiet für Labordiagnostik – stellt ein interdisziplinäres Querschnittsfach dar. Klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte sind regelmäßig damit befasst, Patient:innen Proben zu entnehmen und diese labordiagnostisch untersuchen zu lassen. „Nur aufgrund einer genauen Diagnose können wirksame Therapien eingeleitet werden. Ebenso beruht die Verlaufs- und Therapiekontrolle oft auf Untersuchungen der Laboratoriumsmedizin. Deshalb kommt unserem Fachgebiet eine große Bedeutung zu“, erklärt Prof. Kappert. „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, auch Studierenden das Faszinierende der Laboratoriumsdiagnostik näher zu bringen, ihr Interesse zu wecken und ihre Weiterentwicklung in diesem spannenden Tätigkeitsfeld zu fördern. Im Zuge dessen möchte ich dafür sorgen, dass wir die praxisnahen Lehrveranstaltungen weiterentwickeln“, betont der gebürtige Marburger. Am Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Pathobiochemie der Charité stehen die Ausbildung von Studierenden der Human- und Zahnmedizin sowie die labordiagnostische Forschung im Mittelpunkt. Die Arbeitsgruppe von Prof. Kappert beschäftigt sich insbesondere mit Erkrankungen der Blutgefäße und des Stoffwechsels sowie mit der biochemischen Weiterleitung von Signalen. „Um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden, spielt Forschung, beispielsweise auch die Identifizierung neuer diagnostischer Biomarker, eine ganz wichtige Rolle“, sagt Prof. Kappert. Die Labordiagnostik für die Krankenversorgung von Charité, Vivantes und weiteren regionalen und überregionalen Krankenhäusern erbringt seit 2011 die Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH. Hier ist Prof. Kappert Direktor des Fachbereichs Laboratoriumsmedizin und Toxikologie. Dieser stellt labormedizinische Diagnostik rund um die Uhr sicher. In seiner neuen Funktion möchte Prof. Kappert an der Charité die Zusammenarbeit in den Bereichen klinische Versorgung und translationale Forschung intensivieren und die Einführung neuer Ansätze für die Präzisionsdiagnostik vorantreiben. Außerdem ist ihm wichtig, die Digitalisierung der Labordiagnostik unter anderem bei der Auswertung von Langzeit- und Querschnittsdaten weiterzuentwickeln. „Hierfür ist eine interdisziplinäre und durch Vertrauen geprägte Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen unserer Kliniken und Institute sowie denen des Berlin Institute of Health in der Charité essentiell. Auch, um an der Umsetzung der Strategie Charité 2030, etwa der digitalisierten Universitätsmedizin als zukunftsweisender Aufgabe, mitzuwirken“, erklärt Prof. Kappert.

Nasenimpfstoff gegen Corona erfolgreich getestet

- 03-04-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, Max Delbrück Center und FU Berlin Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten Forschende an Schleimhautimpfstoffen, die über die Nase verabreicht werden. Nun haben Berliner Wissenschaftler:innen, unter ihnen Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, eine abgeschwächte Lebendimpfung für die Nase entwickelt und erprobt. In der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Nature Microbiology* beschreibt das interdisziplinäre Team den besonderen Immunschutz, den sie auslöst. Coronaviren verbreiten sich vor allem durch die Luft. Wenn eine infizierte Person spricht, hustet, niest oder lacht, scheidet sie mit ihrer Atemluft Tröpfchen mit Viren aus. So können die Erreger in die Atemwege anderer Menschen gelangen und sie anstecken. Ein Berliner Forschungsteam will das Virus genau dort bekämpfen, wo es zuerst angreift: an den Schleimhäuten von Nase, Mund, Rachen und Lunge. Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftler:innen einen nasal zu verabreichenden, abgeschwächten Lebendimpfstoff gegen SARS-CoV-2 entwickelt und konnten zeigen, wie dieser im Vergleich zu herkömmlichen Impfstoffen eine noch bessere Immunität vermittelt. Bereits im Herbst vergangenen Jahres wurden zwei Präparate zur Impfung über die Nase in Indien und China zugelassen. Sie beruhen auf abgeschwächten Adenoviren, also Viren, die unter anderem Atemwegs- oder Magen-Darm-Erkrankungen auslösen, sich selbst aber nicht mehr oder nur noch schlecht vermehren und somit keine Krankheit verursachen. Weitere nasale Lebendimpfstoffe befinden sich weltweit in der Entwicklung und Erprobung. Schützt dort, wo der Infekt beginnt und darüber hinaus Die Vorteile eines Impfstoffs in Form eines Nasensprays gehen weit darüber hinaus, als dass Menschen mit Angst vor einer Spritze aufatmen können. Wird ein Impfstoff gespritzt, baut sich die Immunität vor allem im Blut und über den ganzen Körper verteilt auf. Das bedeutet aber, dass das Immunsystem Coronaviren im Ernstfall erst verhältnismäßig spät entdeckt und bekämpft – denn diese dringen über die Schleimhäute der oberen Atemwege in den Körper ein. „Genau dort benötigen wir eine lokale Immunität, wenn wir ein Atemwegsvirus frühzeitig abfangen wollen“, sagt Co-Letztautor der Studie Dr. Jakob Trimpert, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Virologie der Freien Universität Berlin. „Nasale Impfstoffe bekommen das wesentlich besser hin als Vakzine, die injiziert werden und die Schleimhäute nur schwer oder gar nicht erreichen“, sagt Dr. Emanuel Wyler, ebenfalls Co-Letztautor. Er erforscht das Coronavirus seit Ausbruch der Pandemie in der Arbeitsgruppe RNA-Biologie und Posttranskriptionale Regulation unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Landthaler am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center (BIMSB-MDC). Im Idealfall regt ein nasaler Lebendimpfstoff direkt vor Ort die Bildung von Antikörpern, Immunglobulinen A (IgA), an und lässt damit eine Infektion gar nicht erst zu. IgA ist das am häufigsten vorkommende Immunglobulin in den Schleimhäuten der Atemwege. Es besitzt die Fähigkeit, Krankheitserreger zu neutralisieren, indem es sich an sie bindet und sie so daran hindert, Atemwegszellen zu infizieren. Gleichzeitig stimuliert die Impfung auch systemische Immunreaktionen, was insgesamt zu einem wirksamen Schutz vor einer Infektion beiträgt. „Ähnlich wie Antikörper in der Schleimhaut, so sind auch im Lungengewebe ansässige T-Gedächtniszellen von Nutzen. Diese weißen Blutkörperchen können sich an Krankheitserreger erinnern und verbleiben nach einer Infektion im jeweiligen Gewebe. Ihre Positionierung in der Lunge ermöglicht es ihnen, schnell auf Krankheitserreger zu reagieren, die über die Atemwege eindringen“, sagt Dr. Geraldine Nouailles, Immunologin und Arbeitsgruppenleiterin an der Klinik für Pneumologie, Beatmungsmedizin und Intensivmedizin der Charité. Die Co-Erstautorin verweist auf eine Beobachtung, die das Team im Rahmen der Studie machen konnte: „Wir konnten nachweisen, dass es bei vorangegangener intranasaler Impfung auch zu einer verstärkten Reaktivierung dieser lokalen Gedächtniszellen im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion kommt. Darüber haben wir uns natürlich besonders gefreut.“ Lokale Immunität verhindert Virusbefall Die Wirkung des neu entwickelten nasalen COVID-19-Impfstoffs testeten die Wissenschaftler:innen an Hamstermodellen, die Dr. Trimpert und sein Team bereits zu Beginn der Pandemie an der Freien Universität Berlin etabliert haben. Die Tiere sind derzeit der wichtigste nichttransgene Modellorganismus für COVID-19, da sie sich mit denselben Virusvarianten wie Menschen infizieren und ähnliche Krankheitssymptome entwickeln. Nach einer zweimaligen Gabe des Impfstoffes konnte sich das Virus im Modellorganismus nicht mehr vermehren. „Das Immungedächtnis wurde sehr gut angeregt, und die Schleimhäute waren aufgrund der hohen Antikörperkonzentration sehr gut geschützt“, konstatiert Dr. Trimpert. Auch könnte die Übertragbarkeit des Virus auf diese Weise deutlich reduziert werden. Darüber hinaus verglichen die Wissenschaftler:innen die Wirksamkeit des abgeschwächten Lebendimpfstoffes mit der von intramuskulär injizierten Impfstoffen. Dafür impften sie die Hamster entweder zweimal mit dem Lebendimpfstoff, einmal mit einem mRNA- und danach mit dem Lebendimpfstoff, oder zweimal mit einem mRNA- oder Adenovirus-basiertem Impfstoff. An Gewebeproben der Nasenschleimhaut und Lunge überprüften sie, wie stark bei einer anschließenden Infektion mit SARS-CoV-2 die Viren die Schleimhautzellen noch angreifen konnten. Außerdem bestimmten sie das Ausmaß der Entzündungsreaktion mithilfe der Einzelzellsequenzierung. „Der abgeschwächte Lebendimpfstoff schnitt in allen Parametern besser ab als die Vergleichsimpfstoffe“, fasst Dr. Wyler zusammen. Ausschlaggebend dafür dürfte sein, dass der nasal verabreichte Impfstoff eine Immunität direkt an der Eintrittspforte des Virus aufbaut. Außerdem enthält der Lebendimpfstoff alle Virusbestandteile und nicht nur das Spike-Protein, wie es beim mRNA-Impfstoff der Fall ist. Spike ist zwar das wichtigste Antigen des Virus – doch das Immunsystem kann das Virus darüber hinaus an ungefähr 20 weiteren Proteinen erkennen. Schützt besser als herkömmliche Impfstoffe Den besten Schutz vor dem SARS-Coronavirus 2 konnte eine zweifache Impfung über die Nase erzielen, gefolgt von der Kombination aus einer Injektion des mRNA-Impfstoffes in den Muskel und dem anschließend nasal verabreichten Lebendimpfstoff. „Das könnte den Lebendimpfstoff besonders als Booster interessant machen“, sagt Co-Erstautorin der Studie Julia Adler, Tierärztin und Doktorandin am Institut für Virologie der Freien Universität Berlin. Das Prinzip der abgeschwächten Lebendimpfstoffe ist alt und kommt etwa bei der Masern- oder Röteln-Impfung zum Einsatz. Früher allerdings erzeugten Wissenschaftler:innen die Abschwächung zufällig, indem sie mitunter jahrelang auf Mutationen gewartet haben, die ein abgeschwächtes Virus hervorbrachten. Die Berliner Forschenden hingegen haben den genetischen Code der Coronaviren gezielt verändert. „So wollen wir verhindern, dass die abgeschwächten Viren zu einer aggressiveren Variante zurückmutieren“, erklärt Dr. Dusan Kunec, Wissenschaftler am Institut für Virologie der Freien Universität Berlin und ebenfalls Co-Letztautor. Der maßgebliche Mitentwickler des Impfstoffes betont: „Unser Lebendimpfstoff ist also sicher und kann auf neue Virusvarianten zugeschnitten werden.“ Als nächstes stehen Sicherheitsprüfungen an: Die Forschenden arbeiten dafür mit der RocketVax AG zusammen, einem Schweizer Start-up mit Sitz in Basel. Das Biotech-Unternehmen entwickelt den abgeschwächten Lebendimpfstoff gegen SARS-CoV-2 weiter und bereitet eine klinische Phase-1-Studie im Menschen vor. „Wir freuen uns sehr, dass wir eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und Herstellung des attenuierten SARS-CoV-2-Lebendimpfstoffs in Form eines Nasensprays haben. Unser Ziel ist es, die Produktion schnell zu skalieren und die klinische Prüfung für den Marktzugang voranzutreiben, um allen Menschen Schutz vor COVID-Symptomen zu bieten. Wir sehen auf dem Markt ein großes Potenzial für saisonale nasale Impfstoffe“, sagt Dr. Vladimir Cmiljanovic, CEO von RocketVax. Welche nasale Impfung am Ende am besten schützt, wird die Zukunft zeigen. Die Hersteller der in Indien und China entwickelten intranasalen Adenovirus-Impfstoffe haben in Europa bislang keine Zulassung beantragt. Fest steht nach Ansicht der Forschenden allerdings: Da sie als Nasenspray oder -tropfen verabreicht werden, sind nasale Impfstoffe grundsätzlich gut geeignet für einen Einsatz bei begrenztem Zugang zu geschultem medizinischem Personal. Auch sind sie kostengünstig in der Herstellung, einfach zu lagern und zu transportieren. Nicht zuletzt können Lebendimpfstoffe wie der hier eingesetzte nachweislich einen Kreuzschutz gegen verwandte Virenstämme bieten.

Neu an der Charité: Prof. Gerhard Krönke ist Direktor der Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie

- 03-04-2023

Prof. Dr. Gerhard Krönke hat zum 1. April die Professur für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit verbunden sind die Direktion der gleichnamigen Klinik am Campus Charité Mitte sowie die Leitung des Bereichs Autoimmundiagnostik der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH. Prof. Krönke wechselt aus Bayern an die Spree und folgt auf Prof. Dr. Gerd-Rüdiger Burmester, der die Professur seit 1993 innehatte und der Charité als Seniorprofessor verbunden bleibt. Prof. Krönke ist Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und war zuletzt Professor für Translationale Immunologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin 3, Rheumatologie und Klinische Immunologie, am Universitätsklinikum Erlangen. Der 45-Jährige freut sich auf den Wechsel an die Berliner Universitätsmedizin: „Die Charité ist eine der renommiertesten Kliniken Deutschlands und bietet ein großartiges wissenschaftliches Umfeld. Darüber hinaus ist natürlich Berlin auch eine sehr spannende Stadt.“ Der gebürtige Österreicher ergänzt: „Meine klinischen Schwerpunkte sind vor allem die systemischen Autoimmunerkrankungen, wie beispielsweise die Rheumatoide Arthritis oder der Systemische Lupus Erythematodes. In der wissenschaftlichen Arbeit beschäftige ich mich insbesondere mit den molekularen Grundlagen der Entzündungs- und Immunantwort sowie den kurativen Therapieansätzen bei Autoimmunerkrankungen. Dazu gehört unter anderem die Wiederherstellung der immunologischen Toleranz, beispielsweise durch CAR-T-Zell-Therapien.“  Ein besonderes Anliegen ist Prof. Krönke zudem die Lehre und Förderung junger Mediziner:innen: „Ich möchte die Studierenden und medizinischen Nachwuchstalente für die Fächer Immunologie und Rheumatologie begeistern und ihnen auch die Wichtigkeit der Verknüpfung von klinischer Arbeit und der Forschung vermitteln.“

Charité Campus Virchow-Klinikum wird G-BA-Traumazentrum

- 30-03-2023

Auf Antrag der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat das Land Berlin den Campus Virchow-Klinikum als erstes Traumazentrum ausgewiesen. Dazu gehört auch die Versorgung schwerverletzter junger Patient:innen in einem kindertraumatologischen Referenzzentrum. Grundlage sind die Zentrums-Regelungen des Gemeinsamen Bundessausschusses (G-BA). Mit dem Traumazentrum verfügt die Charité nun mit dem Berliner Centrum für Seltene Erkrankungen (BCSE), dem Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) sowie dem Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) über insgesamt vier G-BA-Zentren.  Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstandsmitglied Krankenversorgung, ordnet den Schritt ein: „Die Traumatologie am Campus Virchow-Klinikum hat bereits jetzt eine herausragende Bedeutung für die Gesundheitsregion. Mit der Ernennung zum G-BA Zentrum wird diese besondere Stellung anerkannt und sichtbar gemacht. Zukünftig werden somit noch mehr Patientinnen und Patienten von der Expertise und der Vorhaltung bestimmter Leistungen der Charité profitieren. Daneben wird auch der Austausch und die Vernetzung zu anderen Leistungserbringern gefördert. Dies birgt viele Vorteile, wie beispielsweise eine verbesserte und bedarfsgerechte Krankenversorgung sowie den Forschungs- und Wissenstransfer.“ Die Ausweisung als G-BA-Traumazentrum ermöglicht es, die digitalen Strukturen auf Landesebene auszubauen, telemedizinische Leistungen für externe Kliniken zu erbringen sowie interdisziplinäre Fallkonferenzen mit anderen Häusern durchzuführen. Zudem tragen zentrumsbezogene Fortbildungsangebote und übergreifende qualitätssichernde Maßnahmen dazu bei, eine hochqualitative Versorgung von Patient:innen mit Verletzungen aller Schweregrade zu sichern und auszubauen. Darüber hinaus werden bestimmte technische Angebote permanent am Campus Virchow-Klinikum vorgehalten, die eine besonders hohe Qualität bei der Versorgung von traumatologischen Einzelfällen sowie bei Großschadensereignissen ermöglichen. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, betont: „Die G-BA-Zentren sind im deutschen Gesundheitswesen bemerkenswerte Strukturen, die im Grunde vieles von dem, was in den Reformvorschlägen der Regierungskommission zur Krankenhausfinanzierung speziell der Universitätsmedizin zugedacht wird, bereits heute realisieren. Ganz konkret ist das die Unterstützung anderer Krankenhäuser über die Zentren selbst oder via telemedizinische Infrastruktur sowie die Koordination der regionalen Versorgung. Insofern ist die Zuweisung dieser neuen Aufgaben für die Charité sehr erfreulich und auch eine gute, zukunftsgerichtete Entwicklung für die Versorgung in Berlin.“

SUDEP-Präventionsprogramm für Kinder mit Epilepsie

- 03-03-2023

Das Deutsche Epilepsiezentrum für Kinder- und Jugendliche der Charité – Universitätsmedizin Berlin startet jetzt das SUDEP-Präventionsprogramm. Das Programm ist bundesweit einzigartig und zielt darauf ab, den sogenannten plötzlichen Epilepsietod zu vermeiden. Derzeit sterben jährlich weltweit rund 50.000 Menschen an SUDEP, allein in Deutschland sind es etwa 700 Menschen. Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, die im Laufe des Lebens etwa 3 von 100 Menschen betrifft. Die Ursachen für SUDEP, den anfallsbedingten Herz-Kreislauf-Stillstand, sind im Einzelnen noch nicht hinreichend erforscht. Dabei können plötzliche Todesfälle bei Epilepsie auch bei einem weitgehend stabilen Gesundheitszustand auftreten. Ziel des Präventionsprogramms ist es daher, die Eltern ab der Diagnose Epilepsie bei ihrem Kind ausführlich über die Möglichkeiten der Behandlung zu informieren. Dazu gehören Medikamente, Diäten und chirurgische Möglichkeiten ebenso wie bestimmte Verfahren zur Stimulation und der automatisierten Erkennung von Anfällen. Zudem werden potenzielle Risiken und ihre Vermeidung sowie konkrete Möglichkeiten der Ersten Hilfe und der Reanimation besprochen. So können Gefahren im Alltag reduziert und das Auftreten eines plötzlichen Epilepsietodes verringert werden.  „Insbesondere Kinder und Jugendliche mit therapieschweren Epilepsien haben ein hohes Risiko, Komplikationen zu erfahren,“ betont Prof. Dr. Angela M. Kaindl, Initiatorin des Projekts und Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie sowie Ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ). Sie ergänzt: „Dabei möchten wir unsere Patient:innen nicht in Panik versetzen, vielmehr soll die Aufklärung über die Risiken den betroffenen Familien wieder ein selbstbestimmtes und geschütztes Leben ermöglichen.“   Prävention in der Praxis verankern „Das SUDEP-Präventionsprogramm wird dringend gebraucht“, sagt Dr. Iris-Maria Killinger, die ihren vierzehnjährigen Sohn Oskar 2019 an SUDEP verloren hat. Gemeinsam mit Oskars Vater hat sie die stopSUDEP-Initiative der Oskar Killinger Stiftung ins Leben gerufen: „Zu viele Eltern wissen nichts über das SUDEP-Risiko und was man dagegen tun kann. Das muss sich ändern.“ Die Mehrheit der SUDEP-Todesfälle tritt nachts bei allein schlafenden Personen auf. Dementsprechend müssen Patient:innen auch über die Möglichkeit der automatisierten Erkennung von Anfällen und das Erlernen von Basiskenntnissen in der Reanimation von Kindern und Jugendlichen informiert werden. „Mit diesem Programm schaffen wir erstmalig einen geschützten Raum, der es uns ermöglicht, alle Präventionsfaktoren umfassend zu behandeln und jede Familie dort abzuholen, wo sie steht“, schließt Prof. Kaindl. Kontakt für betroffene Familien Weitere Informationen finden Sie unter https://epilepsie.charite.de. Einen Termin können Sie per E-Mail an kinderepilepsie(at)charite.de oder telefonisch unter +49 30 450 616 304 bzw. per Fax +49 30 450 566 953 vereinbaren.

Europäische Gesundheitssysteme neu denken

- 02-03-2023

2030 werden in Deutschland voraussichtlich sechs Millionen Menschen über 80 Jahre alt sein. 2050 werden es Schätzungen zufolge fast zehn Millionen sein. Gleichzeitig fehlen dann voraussichtlich bis zu 7.000 Ärzt:innen und etwa 500.000 Pflegende. So wie Deutschland blicken nahezu alle europäischen Länder auf eine große Herausforderung: eine alternde Bevölkerung, die mehr medizinischer Betreuung bedarf, bei gleichzeitigem Fachkräftemangel und steigenden Kosten durch medizinischen Fortschritt. An der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben heute führende europäische Universitätsklinika, zusammengeschlossen in der EUHA, und Vertreter:innen internationaler Institutionen einen Prozess angestoßen, der Lösungen für die Zukunft der Gesundheitssysteme finden soll. „Rethinking European Healthcare Systems“ – europäische Gesundheitssysteme neu denken – lautet die Überschrift eines Expertenworkshops an der Charité. Mit nicht weniger als diesem Ziel sind führende Köpfe von zehn europäischen Universitätsklinika, seit 2017 verbunden in der European University Hospital Alliance (EUHA), mit internationalen Akteuren des Gesundheitssektors zusammengekommen – unter ihnen Verantwortliche der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OECD) und Gesundheitsexpert:innen der Europäischen Kommission. Gemeinsam wollen sie nachhaltige Lösungen für die stetig steigenden Anforderungen in der Gesundheitsversorgung finden und erörtern, welche Rolle die Universitätsmedizin im Zuge des gesellschaftlichen Wandels dabei einnehmen kann. Zwar unterscheiden sich die europäischen Gesundheitssysteme im Einzelnen, dennoch stehen die Mitglieder der EUHA beim Blick in die Zukunft vor ähnlichen Herausforderungen. Darunter sind der Umgang mit einem erheblichen Mangel an Fachpersonal und die Frage, wie künftig Mediziner:innen und Personal in Gesundheitsberufen bestmöglich ausgebildet werden. Innovation und neue Arbeitsweisen Alternde Gesellschaften, kulturelle Veränderungen und komplexe, wenig flexible Finanzierungsmodelle gelten als wesentliche Ursachen des derzeitigen Arbeitskräftemangels im Gesundheitssektor. Die Pandemie und die darauffolgende Energie- und Finanzkrise haben die Situation für Fachkräfte zusätzlich verschlechtert. Wie sich europäische Gesundheitssysteme neu aufstellen können, welche Instrumente bereits gut funktionieren und welche Rolle Universitätsklinika bei der Bewältigung des Arbeitskräftemangels übernehmen können, dazu kamen die Fachexpert:innen der EUHA und weiterer internationaler Organisationen heute erstmalig zusammen. Ihr Fazit: Die bisherigen Strategien genügen nicht, ein grundlegendes Umdenken ist notwendig. „Steigende Anforderungen an die Gesundheitsversorgung, verschärft durch einen zunehmenden Fachkräftemangel, können nicht allein durch Anwerbungs- und Bindungsstrategien bewältigt werden“, sagt Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. In seinen Augen bedarf es eines strukturelleren Ansatzes, der darauf ausgerichtet ist, das europäische Gesundheitsmodell neu zu denken. „Ganz essenziell wird dabei das Vermeiden von Krankheiten sein, mit einem neuen gesamtgesellschaftlichen Fokus auf Prävention und Gesunderhaltung der Menschen in allen Bereichen. Gleichzeitig müssen wir technologische und digitale Innovationen gezielt zur Entwicklung neuer Arbeitsweisen im Gesundheitswesen und innovativer Ausbildungsprogramme für zukünftige Gesundheitsfachkräfte nutzen. Auch angepasste Vergütungssysteme, neue Versorgungsnetze für Stadt und Land, telemedizinische Ansätze und der Zugang und Austausch von medizinischen Daten im europäischen Gesundheitsraum sind wichtige Instrumente, die wir gemeinsam mit unseren europäischen Partnern voranbringen müssen.“ Gemeinsame Ansätze für Prävention und Ausbildung Die Gesundheitssysteme in Europa müssen sich auf lange Sicht anpassen, um zu bestehen. Schon jetzt stellen Universitätsklinika die Weichen dafür. In gemeinsamen Forschungsprojekten und Arbeitsgruppen entwickeln die EUHA-Partner beispielsweise neue Ansätze für Zell- und Gentherapien (Advanced Therapy Medicinal Products, ATMPs) zur Behandlung von Krebspatient:innen. Auch erarbeiten sie gemeinsame Strategien und Programme für die Ausbildung von Gesundheitsfachkräften und sind aktiv an der Entwicklung des European Health Data Spaces beteiligt. „Die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit in Gesundheitsthemen hat sich in der Hochphase der Pandemie besonders deutlich gezeigt. Der direkte, unkomplizierte und vertrauensvolle Austausch mit unseren europäischen Kolleginnen und Kollegen war essenziell zur Bewältigung der Krise. Diese Erfahrung müssen wir nutzen und die Zusammenarbeit weiter ausbauen, denn der Fachkräftemangel, die Auswirkungen des Klimawandels oder Arzneimittelresistenzen sind Herausforderungen, die wir nur gemeinsam meistern können“, fasst Dr. Claire Mallinson, Bildungsdirektorin von King's Health Partners, die Relevanz des Expertenworkshops in Berlin zusammen, wo sie die Londoner Universitätsmedizin vertritt. Auf die heutige Zusammenkunft werden weitere Treffen folgen. Während der diesjährigen EUHA-Präsidentschaft der Charité von Juni bis November werden Themen wie die Entwicklung gemeinsamer Präventions- und Innovationsansätze sowie die Ausgestaltung neuer Berufsbilder im Gesundheitswesen und die Weiterentwicklung der medizinischen Ausbildung in Europa weiter im Fokus stehen.

Die weitreichenden Folgen von Kindesmissbrauch

- 24-02-2023

Belastende Kindheitserfahrungen einer Mutter können Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit ihrer Kinder haben. Das berichten Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt in der Fachzeitschrift The Lancet Public Health*. Misshandlungen in der Kindheit der Mütter gehen demnach mit einem höheren Risiko für Krankheiten wie etwa Asthma, Autismus oder Depressionen für die nachfolgende Generation einher. Eine frühzeitige Unterstützung der betroffenen Mütter könnte helfen, dem entgegenzuwirken. Misshandlungen in der Kindheit sind ein besonders gravierender Risikofaktor für Gesundheitsprobleme, da sie eine Vielzahl von Folgen für das gesamte Leben eines Menschen mit sich bringen. Dazu zählen körperliche, psychische, verhaltensbezogene und auch soziale Auswirkungen, die sich bis in die Zeit der Schwangerschaft und Elternschaft fortsetzen können. So können kritische Erfahrungen in der Kindheit der Eltern die Entwicklung und Gesundheit ihrer Kinder beeinflussen. Höheres Risiko für Asthma, ADHS, Autismus und Depressionen In der jetzt veröffentlichten Studie belegt ein Forschungsteam um Prof. Dr. Claudia Buß vom Institut für Medizinische Psychologie der Charité, dass bei Kindern von Müttern, die als Kind Misshandlung erfahren haben, häufiger Gesundheitsprobleme auftreten. Als Misshandlung verstehen die Wissenschaftler:innen körperliche, emotionale und sexuelle Misshandlungen oder Vernachlässigung durch einen Elternteil oder eine Betreuungsperson, die zu einer körperlichen oder emotionalen Schädigung beziehungsweise einer drohenden Schädigung eines Kindes führen. Sie haben Daten von über 4.300 amerikanischen Müttern und ihren Kindern aus 21 Langzeitkohorten ausgewertet. Mütter berichteten darin über die Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit gemacht haben. Zudem wurden Diagnosen ihrer biologischen Kinder bis zum Alter von 18 Jahren angegeben oder bei Studienterminen festgestellt. Diese wertvolle Datengrundlage von zwei miteinander verbundenen Generationen ermöglichte es den Forschenden, aussagekräftige Zusammenhänge aufzuzeigen. Demnach haben Kinder von Müttern, die negative Erlebnisse berichteten, ein höheres Risiko, an Asthma, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus zu erkranken. Diese Kinder weisen auch häufiger Symptome und Verhaltensweisen auf, die mit Depressionen und Angststörungen in Verbindung stehen, sogenannte internalisierende Störungen. Zudem haben Töchter dieser Mütter ein höheres Risiko, an Fettleibigkeit zu erkranken, als deren Söhne. „All diese Zusammenhänge sind unabhängig davon, ob die Mutter dieselbe jeweilige Diagnose erhalten hat“, erklärt Prof. Buß, leitende Autorin der Studie. „Das spricht gegen eine genetische Übertragung des jeweiligen Krankheitsrisikos.“ Erste Studie, die mehrere Krankheiten untersucht Die Mechanismen, wie genau das Risiko auf die nachfolgende Generation übertragen wird, sind noch nicht hinreichend entschlüsselt. Es gibt Hinweise darauf, dass negative Erfahrungen in der Kindheit die mütterliche Biologie während der Schwangerschaft beeinflussen können, zum Beispiel durch Stresshormone. Das kann sich auf die Entwicklung des Fötus auswirken. Solche biologischen Veränderungen sind stärker ausgeprägt, wenn die Mutter in Folge der traumatischen Erfahrungen eine psychische Erkrankung entwickelt hat, beispielsweise eine Depression. Eine beeinträchtigte psychische Gesundheit der Mutter kann sich auch nach der Geburt auf den Umgang mit ihrem Kind auswirken, was wahrscheinlich ebenso für die generationsübergreifenden Effekte von Bedeutung ist. „Unseres Wissens nach ist dies die erste Studie, bei der mehrere Krankheiten gleichzeitig in Bezug auf frühe Traumata der Mutter in einer großen soziodemografischen und ethnisch vielfältigen Stichprobe untersucht wurden. Bislang ist das vor allem für einzelne Erkrankungen geschehen“, erläutert Dr. Nora Moog, ebenfalls vom Institut für Medizinische Psychologie der Charité und Erstautorin der Publikation. Entsprechend konnten die Forschenden zeigen, dass betroffene Kinder mit einer größeren Wahrscheinlichkeit mehrere körperliche und psychische Leiden entwickelten. Auch ist das Risiko umso höher, je schwerwiegender die mütterlichen Erfahrungen in der Kindheit waren. „Gleichzeitig möchte ich betonen, dass unsere Ergebnisse nicht bedeuten, dass alle Kinder von Müttern mit negativen Kindheitserfahrungen automatisch gesundheitliche Probleme bekommen“, ordnet Prof. Buß die Befunde ein. „Das Risiko ist zwar erhöht, es muss aber nicht zwangsläufig in einer Erkrankung münden.“ Betroffene frühzeitig identifizieren und unterstützen „Ich gehe davon aus, dass eine angemessene Unterstützung der belasteten Mütter ihre Gesundheit sowie die ihrer Kinder positiv beeinflussen kann. Dafür ist es sehr wichtig, dass wir betroffene Mütter und Kinder frühzeitig identifizieren“, sagt Prof. Buß. So könnten etwa Ärztinnen und Ärzte im Rahmen von pränatalen oder kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen auch die Kindheitserfahrungen der Eltern thematisieren und Kontakt zu verschiedenen Unterstützungsprogrammen oder Beratungsstellen herstellen. Von einer frühen Hilfe würden dann gegebenenfalls zwei Generationen profitieren: der Elternteil, der Misshandlung erfahren hat und möglicherweise an gesundheitlichen Folgen leidet, und das Kind, bei dem Krankheiten verhindert werden könnten. Um neue, zielgerichtete therapeutische Maßnahmen zu entwickeln, ist ein besseres Verständnis darüber nötig, wie genau das höhere Krankheitsrisiko auf die nachfolgende Generation übertragen wird. Daran arbeitet das Forschungsteam aktuell. Zudem möchte es durch Folgestudien ergründen, welche Kinder widerstandsfähig bleiben, also keine Folgen über eine Generation hinweg erleiden: Was zeichnet sie und ihre Mütter sowie ihr soziales Umfeld aus? Darüber hinaus finden bislang die Kindheitserfahrungen des Vaters verhältnismäßig wenig Beachtung. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass diese ebenfalls an die nächste Generation weitergegeben werden können, wobei sich die Übertragungsmechanismen teilweise von denen der Mütter unterscheiden. Auch diesen Forschungsfragen möchten die Wissenschaftler:innen künftig detaillierter nachgehen.

Warum Migräne häufig während der Menstruation auftritt

- 23-02-2023

Werden Frauen von Migräneattacken heimgesucht, passiert das häufig kurz vor oder während der Monatsblutung. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat jetzt eine mögliche Erklärung dafür gefunden. Der im Fachmagazin Neurology* veröffentlichten Studie zufolge bilden betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP. Der Botenstoff trägt bekanntermaßen entscheidend zur Entstehung einer Migräne bei. Frauen sind dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer. Besonders zahlreiche und heftige Attacken erleben sie rund um die Regelblutung, aber auch bei Eintritt in die Wechseljahre. Dagegen verbessern sich die Symptome in vielen Fällen während der Schwangerschaft, und auch mit Abschluss der Menopause werden die Migräneattacken seltener. Dass Hormonschwankungen mit Migräne in Zusammenhang stehen, ist also seit Langem bekannt. Wie genau sie das tun, ist dagegen noch immer größtenteils unklar. „Aus dem Tiermodell haben wir Hinweise, dass Schwankungen von weiblichen Hormonen – insbesondere von Östrogen – zu einer verstärkten Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn führen“, erklärt Dr. Bianca Raffaelli vom Kopfschmerzzentrum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte, die die Studie geleitet hat. „CGRP steht für ‚Calcitonin Gene-Related Peptide‘ und ist eine körpereigene Substanz, die bei Migräne vermehrt ausgeschüttet wird und die Blutgefäße im Gehirn stark erweitert. Dadurch entsteht eine Entzündungsreaktion, die einer der Gründe für die starken Kopfschmerzen bei Migräne sein könnte.“ Erhöhter CGRP-Spiegel während der Menstruation Anhand von insgesamt 180 Frauen prüfte die Charité-Forschungsgruppe nun, ob der Zusammenhang zwischen weiblichen Hormonen und der Ausschüttung von CGRP auch beim Menschen besteht. Dazu bestimmten die Forschenden bei Migränepatientinnen zweimal im Verlauf des Zyklus den CGRP-Spiegel, und zwar während der Monatsblutung und zum Zeitpunkt des Eisprungs. Ein Vergleich mit Frauen ohne Migräne belegte: Während der Menstruation ist die Konzentration an CGRP bei Migräne-Betroffenen deutlich höher als bei den gesunden Probandinnen. „Wenn also der Östrogenspiegel zur Einleitung der Periode sinkt, schütten die Migränepatientinnen vermehrt CGRP aus“, sagt Dr. Raffaelli, die auch Fellow des Clinician Scientist Programms ist, das die Charité zusammen mit dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) unterhält. „Das könnte erklären, warum die betroffenen Frauen kurz vor und während der Monatsblutung häufiger Migräneattacken erleben.“ Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Wie die Forschenden in der aktuellen Studie nachwiesen, verändert sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des „künstlichen Zyklus“ nicht und ist bei Migränepatientinnen vergleichbar mit der gesunder Frauen. Ähnliches beobachteten die Wissenschaftler:innen bei Frauen, die die Wechseljahre abgeschlossen hatten. „Auch wenn diese Daten noch durch größere Studien bestätigt werden müssen: Sie deuten darauf hin, dass beim Menschen die Freisetzung von CGRP abhängig vom hormonellen Zustand ist“, resümiert Dr. Raffaelli. „Tatsächlich kann die Einnahme der Pille und das Ende der Wechseljahre manchen Migränepatientinnen Linderung verschaffen. Wie aber aus unserer Studie ersichtlich wird, gibt es Frauen, die auch ohne Hormonschwankungen Migräne bekommen. Wir vermuten, dass bei ihnen andere Prozesse im Körper eine Rolle bei der Entstehung einer Attacke spielen. Denn CGRP ist nicht das einzige entzündliche Peptid, das Migräne auslösen kann.“ Mögliche Relevanz für Migräne-Medikamente Aufgrund der zentralen Funktion von CGRP in der Migräneentstehung sind in den letzten Jahren neue Medikamente entwickelt worden, die sich gegen den Botenstoff richten – sogenannte CGRP-Inhibitoren. Dr. Raffaelli: „Auf Basis unserer Studie stellt sich nun die Frage: Haben CGRP-Inhibitoren bei verschiedenen hormonellen Zuständen eine unterschiedliche Wirkung? Wäre es also zum Beispiel sinnvoll, diese Medikamente zyklusabhängig zu verabreichen? Das müssen jetzt weitere Studien zeigen.“ Künftig wird das Forschungsteam untersuchen, welche weiteren körperlichen Prozesse durch den Menstruationszyklus beeinflusst werden und zur Entstehung von Migräneattacken beitragen könnten – zum Beispiel die Funktion der Blutgefäße oder die Erregbarkeit des Gehirns. Außerdem planen die Forschenden, auch den CGRP-Spiegel bei Männern unterschiedlicher Altersgruppen genauer in den Blick zu nehmen.

1,3 Millionen Euro für zehn neue Forschungsvorhaben im 3R-Bereich

- 21-02-2023

Krankheiten werden oft mithilfe von Tierversuchen erforscht. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin fördert jetzt zehn neue Projekte, die mittels menschlichem Gewebe alternative Modelle entwickeln, die Zahl der Versuchstiere reduzieren oder die Tierhaltung verbessern. Angewendet wird dabei das sogenannte 3R-Prinzip, dessen Ziel es ist, Tierversuche zu ersetzen (Replace), die Anzahl der Versuchstiere zu reduzieren (Reduce) oder die Belastung für Versuchstiere zu mindern (Refine). Die Vorhaben werden mit insgesamt 1,3 Millionen Euro über einen Zeitraum von in der Regel zwei Jahren unterstützt. „Tierversuche sind weiterhin ein wichtiger Baustein im Methodenmix der biomedizinischen Forschung an der Charité“, sagt Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité. „Aus diesem Grund, aber auch aus ganz grundsätzlichen Erwägungen im Hinblick auf die mangelnde Reproduzierbarkeit mancher tierexperimenteller Studien im Menschen, sehen wir an der Charité eine besondere Verpflichtung, die Suche nach neuen experimentellen Methoden und Modellen stetig voranzutreiben und alles dafür zu tun, notwendige Tierversuche zu verbessern, ihre Zahl zu verringern und sie wo immer möglich zu ersetzen. Die jetzt gestarteten Forschungsprojekte bilden sehr anschaulich einen Querschnitt durch die heterogene Forschungslandschaft der Berliner Universitätsmedizin und zeigen die vielfältigen Möglichkeiten und Bedarfe für eine Weiterentwicklung der 3R-Prinzipien an der Charité.“ „Für die Entwicklung von neuen Forschungsmethoden, die einerseits zu besseren Therapien für den Menschen führen sollen und die gleichzeitig potenziell die Zahl der Tierversuche reduzieren, braucht es sehr breit angelegte Förderinitiativen und einen langen Atem“, sagt Prof. Dr. Stefan Hippenstiel, Sprecher von Charité 3R. „Daher freut es uns sehr, dass wir einige der vielen Forschungsprojekte nun nachhaltig unterstützen und diese Entwicklung weiter verstärken können.“ Die zehn geförderten Vorhaben wurden aus vielen Bewerbungen in einem unabhängigen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess ausgewählt. Koordiniert wurden die Förderausschreibungen und der Begutachtungsprozess von Charité 3R. Charité 3R ist eine Einrichtung, die die Umsetzung des 3R-Prinzips an der Charité über das gesetzlich geforderte Maß hinaus intensiv unterstützt. Die 3R-Forschung an der Charité widmet sich nicht allein der Stärkung des Tierwohls, sondern gleichzeitig einer Verbesserung der Translation – also der Übertragung von Ergebnissen aus der biomedizinischen Forschung auf den Menschen –, verbunden mit einem Maximum an Tierwohl. Drei Projekte im Detail Eines der neuen Forschungsprojekte im Bereich „Reduction“ forscht beispielsweise mit sogenannten Wildling-Mäusen. Denn herkömmliche Labormäuse werden zumeist unter keimarmen Bedingungen gehalten, während Menschen und Tiere „in freier Wildbahn“ von einer wesentlich komplexeren Gruppe von Mikroorganismen besiedelt sind. Dieses sogenannte Mikrobiom spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit und die Entstehung von Krankheiten. Im Wildling-Projekt wollen die Forschenden deshalb untersuchen, ob Labormäuse mit einem natürlichen Mikrobiom im Vergleich zu herkömmlichen Labormäusen besser für die Untersuchung von Krankheitsmechanismen und die Entwicklung neuer Therapien geeignet sind. Dazu wird eine große Bandbreite von relevanten Krankheiten wie Virusinfektionen, Alzheimer, Krebs und Schlaganfall untersucht. Die Wissenschaftler:innen erwarten, dass Forschung mit Wildling-Mäusen effektiv zu neuen Therapien und daher langfristig zu einer Reduzierung von Tierversuchen führen wird. Im Bereich „Replacement“ wollen Forschende in einem neuen Projekt ein auf menschlichen Zellen basierendes Modell etablieren, das die Entwicklung von Medikamenten für das sogenannte SynGAP-Syndrom unterstützt. Bei diesem Syndrom handelt es sich um eine seltene genetische Erkrankung, der eine Mutation auf einem speziellen Gen, dem SynGAP1-Gen, zugrunde liegt. Diese Mutation führt zu einer schweren neurologischen Entwicklungsstörung mit geistiger Behinderung, autistischen Zügen und Krampfanfällen. Das Forschungsteam will Mini-Gehirn-Organoide aus menschlichen Stammzellen entwickeln und an ihnen die Effekte der durch die Mutation gestörten Signalübertragung zwischen Nervenzellen untersuchen. Ziel ist es, ein System für die Erprobung möglicher Medikamente für das SynGAP-Syndrom bereitzustellen und gleichzeitig die Anzahl der für das Verständnis der Krankheitsmechanismen erforderlichen Tiere zu reduzieren. Ein Projekt im Bereich des „Refinement“ startet mit dem Ziel, neue Konzepte für die Haltung von Ratten zu entwickeln. Die Bedingungen in der Tierhaltung haben einen großen Einfluss auf das Wohlergehen von Versuchstieren. Ratten stellen nicht nur aufgrund ihrer Körpergröße besondere Anforderungen an Haltungssysteme. Sie besitzen zudem ein ausgeprägtes Spiel- und Erkundungsverhalten und interagieren intensiv mit ihren Sozialpartnern und mit Menschen. Gleichzeitig besteht in der Forschung der Bedarf an Tieren, die über einen längeren Zeitraum gehalten werden, da mit der demografischen Alterung der Gesellschaft auch die altersbedingten Erkrankungen zunehmen. Um diesem besser begegnen zu können, braucht es ausgewachsene und ältere Versuchstiere. Die Antragstellenden wollen verschiedene Konzepte für Käfigumbauten erproben, um den Tieren abwechslungsreiche und individuelle Optionen für Aktivität und Ruhe zu ermöglichen. Weitere Informationen zu allen geförderten Forschungsprojekten und Förderlinien finden sich auf der Charité 3R-Webseite.

Nature-Studie entdeckt Entstehungsmechanismus für seltene Erbkrankheiten

- 08-02-2023

Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik (MPIMG) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) haben im Detail aufgeklärt, wie das äußerst seltene erbliche BPTA-Syndrom entsteht: Die Ladungsänderung eines Proteins bringt die zelluläre Selbstorganisation durcheinander, eine Entwicklungsstörung ist die Folge. Das Team identifizierte außerdem hunderte vergleichbare genetische Veränderungen, die unter anderem mit Störungen der Hirnentwicklung oder einer Krebs-Veranlagung in Zusammenhang stehen. Der jetzt im Fachmagazin Nature* beschriebene Mechanismus könnte damit die Ursache für zahlreiche unaufgeklärte Erkrankungen sein. Tausende genetische Veränderungen stehen in Verbindung mit verschiedenen Erkrankungen. Wie genau diese Mutationen zu Krankheiten führen, ist meistens jedoch unklar. Das liegt daran, dass sie Abschnitte von Proteinen betreffen, deren dreidimensionale Struktur ungeordnet ist und über deren Funktion in der Zelle man bisher wenig weiß. „Die Aufgaben solcher Proteinabschnitte sind schwer zu erforschen, weil sie häufig erst zusammen mit anderen Molekülen ihre Wirkung entfalten“, sagt Dr. Martin Mensah vom Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik der Charité. Er ist einer der beiden Erstautoren der Studie und Fellow des Digital Clinician Scientist Programms, das die Charité zusammen mit dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) betreibt. „Am Beispiel des BPTA-Syndroms haben wir nun im Detail beschrieben, wie Veränderungen in ungeordneten Proteinbereichen eine genetisch bedingte Krankheit verursachen können.“ Damit hat das Forschungsteam einen neuen Entstehungsmechanismus von Erbkrankheiten entdeckt – der der Studie zufolge überraschenderweise gar nicht so selten ist. BPTA steht für „Brachyphalangie-Polydaktylie und tibiale Aplasie/Hypoplasie“. Die Betroffenen haben schwerwiegende Fehlbildungen an den Gliedmaßen, dem Gesicht, dem Nerven- und Knochensystem und anderen Organen. Mit weniger als zehn dokumentierten Fällen weltweit ist die Krankheit extrem selten. Um der Ursache für das BPTA-Syndrom auf die Spur zu kommen, entschlüsselten die Forschenden die Erbinformation von fünf Betroffenen und stellten fest, dass bei allen das Protein HMGB1 verändert ist: Das letzte Drittel seiner Struktur ist durch eine sogenannte Rasterschub-Mutation nicht länger negativ, sondern positiv geladen.  Das Kernkörperchen verfestigt sich Durch die Ladungsänderung ähnelt HMGB1 nun Proteinen, die sich vorzugsweise im sogenannten Kernkörperchen aufhalten. Das Kernkörperchen ist ein kleiner Bereich im Zellkern, in dem Teile der Proteinfabriken zusammengebaut werden. Es ist daher fundamental wichtig für die Lebensfähigkeit einer Zelle. Wie das Forschungsteam anhand von Versuchen mit isolierten Proteinen und Zellkulturen belegte, wird das mutierte HMGB1-Protein mit seinem nun positiv geladenen Endstück fälschlicherweise zum Kernkörperchen hingezogen. Weil der Proteinfortsatz zum Teil auch zäher geworden ist, verklumpt das HMGB1-Protein außerdem. „Im Mikroskop konnten wir nachvollziehen, dass das Kernkörperchen dadurch seine eigentlich flüssigkeitsähnlichen Eigenschaften verliert und zunehmend erstarrt“, erklärt Dr. Henri Niskanen, Wissenschaftler am MPIMG und ebenfalls Erstautor der Studie. Die Verfestigung des Kernkörperchens beeinträchtigt die Lebensfunktion der Zellen: Mit dem mutierten Protein starben mehr Zellen in der Kultur als ohne die Mutation. Prof. Dr. Malte Spielmann, Direktor des Instituts für Humangenetik des UKSH und einer der drei leitenden Autoren der Studie, resümiert: „Wir haben also gezeigt, wie Mutationen in ungeordneten Proteinabschnitten eine Krankheit verursachen können: Durch eine Ladungsänderung sammelt sich das Protein fälschlicherweise im Kernkörperchen an und beeinträchtigt so dessen lebenswichtige Funktion. In der Folge ist die Entwicklung des Organismus gestört.“ Existierende Krankheiten neu erklärt Anschließend durchsuchte das Forschungsteam in Datenbanken die DNA-Sequenzen von tausenden Personen auf der Suche nach ähnlichen Fällen. Tatsächlich konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr als 600 Mutationen in 66 Proteinen identifizieren, die dem Protein-Endstück sowohl eine positive Ladung als auch zähere Eigenschaften verliehen. 101 davon waren bereits zuvor mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht worden, darunter neuronale Entwicklungsstörungen und eine erhöhte Anfälligkeit für Krebs. Für 13 ausgewählte Proteine prüfte das Team in der Zellkultur, ob sie durch die Mutationen eine Affinität für das Kernkörperchen erhielten. Das traf in zwölf Fällen zu. Etwa die Hälfte der getesteten Proteine beeinträchtigten die Funktion des Kernkörperchens und ähnelten damit dem Krankheitsmechanismus des BPTA-Syndroms.  „Der Entstehungsmechanismus, den wir beim BPTA-Syndrom entdeckt haben, könnte also bei vielen weiteren Krankheiten zum Tragen kommen“, sagt Prof. Dr. Denise Horn, leitende Studienautorin vom Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik der Charité. „Wir stoßen damit eine Tür auf, die zur Aufklärung zahlreicher weiterer Erkrankungen führen könnte. Die eigentliche Arbeit beginnt deshalb erst jetzt.“ Zumindest für einige Erkrankungen könnte der jetzt bekannte Mechanismus außerdem einen neuen Therapieansatz liefern. „Tumorleiden sind auf genetische Veränderungen in den betroffenen Zellen zurückzuführen“, erklärt Dr. Denes Hnisz, Forschungsgruppenleiter am MPIMG und dritter leitender Autor der Studie. „Möglicherweise können wir in Zukunft also die Krebsentwicklung unterbinden, indem wir in die Selbstorganisation der Zelle eingreifen, die über ungeordnete Proteinabschnitte vermittelt wird.“

Mit vereinten Kräften gegen Krebs

- 02-02-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité, BIH und Max Delbrück Center Insgesamt sechs Standorte kooperieren von nun an im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Am Berliner Standort ist ein zentraler Partner die Charité – Universitätsmedizin Berlin in enger Zusammenarbeit mit Forschenden des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und des Max Delbrück Center. Das gemeinsame Ziel: modernste klinische Krebsforschung in Deutschland nachhaltig voranbringen und damit die Behandlung und Lebensqualität von Krebspatient:innen immer weiter verbessern. Das NCT ist eine langfristig angelegte Kooperation zwischen dem DKFZ in Heidelberg und exzellenten Partnern in der Universitätsmedizin sowie weiteren herausragenden Forschungseinrichtungen an verschiedenen Standorten in Deutschland. Seit 2019 unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit der Nationalen Dekade gegen Krebs das Ziel, Ergebnisse aus der Krebsforschung schneller für Erkrankte zugänglich zu machen. Jetzt hat das Ministerium die Erweiterung des NCT um vier neue Standorte bestätigt, somit umfasst das translationale Konsortium nun sechs Standorte bundesweit. Im NCT arbeiten Ärzt:innen eng mit Forschenden zusammen, um Patient:innen eine auf die eigene Erkrankung zugeschnittene Krebstherapie zu ermöglichen. Mit der weiteren Förderung können die neuen Standorte ausgebaut werden. Neben Berlin gingen die Standorte Köln/Essen, Tübingen/Ulm/Stuttgart und Würzburg/Erlangen/Regensburg erfolgreich aus dem kompetitiven Bewerbungsverfahren hervor. Diese vier neuen NCT-Standorte sollen zukünftig noch mehr onkologischen Patient:innen frühzeitig Zugang zu Innovationen der personalisierten Medizin ermöglichen. Drei leistungsfähige Kooperationspartner haben den NCT-Standort Berlin entwickelt: die Charité, das BIH und das Max Delbrück Center. Prof. Dr. Ulrich Keilholz, Leiter des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) und Koordinator des Berliner NCT-Antrags, freut sich über diesen Schritt: „Die Charité gewährleistet bereits heute mit seinem CCCC die umfassende Versorgung von Patientinnen und Patienten und führt klinische und translationale Krebsforschung durch. Jeder Patient und jede Patientin erhält einen individuellen Behandlungsplan, der in einem interdisziplinären Team optimiert entwickelt wird. Zusätzlich ermöglichen wir die Teilnahme an klinischen Studien. Als künftiger NCT-Standort Berlin werden wir noch erfolgreicher forschen und behandeln können und unsere Expertise weiter ausbauen.“ Mitkoordinatorin Prof. Dr. Angelika Eggert leitet die Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité und ist Berliner Standortsprecherin im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Sie erforscht mit ihrem Team neue molekular gezielte Therapien und Immuntherapien speziell für krebskranke Kinder. „Das körpereigene Immunsystem spielt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Krebs. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort in Berlin konnten wir entscheidende Fortschritte erzielen. Gerade bei den doch eher seltenen Krebsfällen im Kindesalter werden wir sehr von der deutschlandweiten Zusammenarbeit mit den anderen NCT-Standorten profitieren." Ebenfalls federführend beteiligt ist Prof. Dr. Lars Bullinger, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Campus Virchow-Klinikum. „Wir freuen uns über die Möglichkeit, zukünftig in einem neuen NCT-Gebäude Spitzenforschung, modernste Patientenversorgung und direkte Kontakte mit Patientenvertretern unter ein Dach zu bringen.“ BIH-Chair für Klinisch Translationale Medizin Prof. Dr. Christof von Kalle leitet das Klinische Studienzentrum von BIH und Charité. Bevor er nach Berlin wechselte, hatte er in Heidelberg das dortige NCT mitgegründet und über zehn Jahre geleitet. Auch er hat das Konzept für den NCT-Standort Berlin mitentwickelt. „Aus meiner langjährigen NCT-Erfahrung in Heidelberg weiß ich, wie entscheidend die enge Verzahnung von Forschung und Klinik, aber auch die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen im Kampf gegen den Krebs sind. Gleichzeitig müssen wir auch die Digitalisierung noch weiter vorantreiben, damit die vielen Daten, die in der Forschung und bei der Behandlung von tausenden Krebspatienten anfallen, den größtmöglichen Nutzen entfalten können. Als NCT-Standort Berlin können wir diese Herausforderungen meistern.“ Das Max Delbrück Center gehört zu den international führenden biomedizinischen Forschungszentren. Seine Wissenschaftler:innen untersuchen mit neuesten Technologien die molekularen Grundlagen von Krankheit und Gesundheit, um so der Medizin der Zukunft den Weg zu bereiten. In der Krebsmedizin entwickeln sie unter anderem neue Immuntherapien: Die CAR-T-Zelltherapien von PD Dr. Uta Höpken und ihren Kolleg:innen werden bereits an der Charité klinisch erprobt, hinzu kommt umfassende Expertise zu T-Zell-Therapien gegen solide Tumoren. Zudem werden innovative Schlüsseltechnologien wie die 3D-Einzelzell-Analyse, Proteomik und Metabolomik mit Hilfe künstlicher Intelligenz in neue medizinische Konzepte umgesetzt. Prof. Dr. Maike Sander, Wissenschaftliche Vorständin des Max Delbrück Center, freut sich ebenfalls sehr über die Förderung. „Berlin wird ein exzellenter Standort für das erweiterte Nationale Centrum für Tumorerkrankungen: Hier kommt alles perfekt zusammen. Für uns am Max Delbrück Center bedeutet das, dass wir unsere Forschung und Expertise auf dem Gebiet der Immuntherapie, der Krebsentstehung und der zellbasierten Krebsmedizin weiter vorantreiben können. Und durch die enge Zusammenarbeit mit der Charité und dem BIH möchten wir unsere Erkenntnisse möglichst schnell zu den Patientinnen und Patienten bringen. Es geht um die personalisierte Onkologie der Zukunft.“ Die einzigartige Expertise der drei Kooperationspartner macht Berlin vor allem zu einem international herausragenden Standort für Systemmedizin und klinisch angewandte Einzelzell-Technologien. Auf der Basis dieser Erfolge hat Prof. Dr. Nikolaus Rajewsky, Direktor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center (MDC-BIMSB), gemeinsam mit dem klinischen NCT-Team ein wegweisendes zukünftiges Konzept zellbasierter Krebsmedizin entwickelt. Die Innovationen am NCT umfassen dabei neben den klinischen Programmen drei wesentliche Themen: Präzisionsonkologie, zelluläre Immuntherapie und digitale Medizin. Das CCCC koordiniert den Aufbau des NCT-Partnerstandortes Berlin. Alle relevanten Fachgebiete der Krebsmedizin und Patientensprecher:innen sind dabei im Lenkungsausschuss des NCT Berlin vertreten. Ein eigenes Gebäude ist auf dem zukünftigen klinischen Forschungscampus am Charité Campus Virchow-Klinikum geplant. Hier sollen modernste Forschungslabore, eine Ambulanz sowie ein Informationszentrum für Krebspatientinnen und -patienten entstehen. Das BIH Charité Clinician Scientist Programm sowie zahlreiche andere Weiterbildungsmöglichkeiten machen Berlin zu einem attraktiven Standort für die Rekrutierung junger Talente in der Krebsforschung. Neben der Hauptstadt wird sich der Einzugsbereich des NCT Berlin mit der Bevölkerung Berlins, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts von insgesamt 8,6 Millionen Einwohnern auf etwa ein Zehntel Deutschlands erstrecken, mit erwartet mehr als 55.000 neu diagnostizierten Krebsfällen pro Jahr. Das nun erweiterte NCT wird nachhaltige gemeinsame Forschungs- und Kooperationsstrukturen aufbauen. Es bündelt die vorhandenen nationalen Potenziale und schafft dadurch Synergien, die die Übertragung von Innovationen in die Patientenversorgung, das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und die Gesellschaft vorantreiben. Nur durch die bedeutende Investition des BMBF ist es möglich, dieses „one NCT“-Vorhaben zu realisieren. Im Endausbau wird das erweiterte NCT mit insgesamt rund 100 Millionen Euro pro Jahr vom BMBF und vom jeweiligen Bundesland im Verhältnis 90 zu 10 finanziert. Darüber hinaus ermöglichen es die Sitzländer durch ihre Finanzierung, an jedem der vier neuen Standorte ein patientenorientiertes NCT-Gebäude zu errichten.

Wie treffen wir lebensnotwendige Entscheidungen?

- 31-01-2023

Sind wir hungrig, sollten wir wach bleiben und essen. Sind wir müde, sollten wir schlafen und keine Nahrung zu uns nehmen. Es ist offenkundig: Die Verhaltensprogramme für Essen und Schlafen schließen sich gegenseitig aus. Nur wie legt das Gehirn fest, welches Programm im jeweiligen Augenblick das richtige ist? An der Charité – Universitätsmedizin Berlin geht der Neurophysiologe und Verhaltensforscher Prof. Dr. David Owald dieser Frage jetzt eingehend nach, beispielhaft am winzigen Gehirn der Fruchtfliege. Das Projekt „Simple Minds“ wird in den kommenden fünf Jahren mit rund zweieinhalb Millionen Euro durch einen ERC Consolidator Grant gefördert. Was lässt uns Entscheidungen treffen? Wie werden wir gesteuert? Und wie entscheiden wir, welches Verhalten zu einem bestimmten Moment das sinnvollste ist? Jahrhunderte alte Fragen, die Forschende immer wieder aufs Neue zu beantworten suchen. „Noch immer ist wenig darüber bekannt, wie genau Netzwerke von Nervenzellen und Filtermechanismen im Gehirn zu gewissen Verhaltensmustern beitragen“, sagt Prof. Owald. „Uns interessieren vor allem die Zusammenhänge von Aktivitätsmustern, Gedächtnisspuren und neuronalen Filtern, wie sie beispielsweise den lebensnotwendigen Bedürfnissen zugrunde liegen. Ziel ist es, die physiologischen Grundlagen dieser Vorgänge besser zu verstehen, denn sie könnten einen Zugang zu unseren Entscheidungsgrundlagen, aber auch zu Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen ermöglichen.“ Prof. Dr. David Owald arbeitet mit einem internationalen interdisziplinären Team am Institut für Neurophysiologie der Charité und ist Mitglied des Exzellenzclusters NeuroCure. Schon während der Promotion galt sein Interesse molekularen Einflüssen, die die Stärke der Verbindungen zwischen Nervenzellen ändern können. Später erforschte er unter anderem in Oxford, wie Belohnungsgedächtnisse im Gehirn von Fruchtfliegen gespeichert werden. Heute gehören zu den Forschungsschwerpunkten des Neurobiologen Grundlagen für Lernprozesse, Suchtverhalten und Gedächtnisveränderungen wie auch die neuronale Steuerung von Motivation. Der nun gewährte ERC Consolidator Grant folgt im Anschluss an eine Emmy Noether-Nachwuchsgruppe, finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Simple Minds: Die Taufliege als Modell Die Taufliege Drosophila melanogaster, weithin als Fruchtfliege bekannt, hat sehr grundlegende Bedürfnisse. Und sie besitzt mit etwa 200.000 Nervenzellen ein recht übersichtliches Gehirn. Einige Verhaltensweisen, die sich in dieser kleinen Fliege beobachten lassen, und die dazugehörigen Prozesse im Gehirn sind in leicht veränderter Form auf den Menschen übertragbar. Mit genetischen Techniken, die in jüngster Zeit weltweit stark entwickelt wurden, lassen sich gezielt die Aktivität einzelner Nervenzellen oder auch die Aktivität von Nervenzellverbünden beobachten und verschiedene Formen der Steuerung messen – von Molekülen bis hin zu ganzen Netzwerkensembles. „Basierend auf unseren Vorarbeiten gehen wir im Projekt ‚Simple Minds‘ der Hypothese nach, dass sensorische Informationen gezielt gefiltert werden, um ein Verhalten wie beispielsweise Schlaf oder auch Ein- und Durchschlafen zu ermöglichen. Grundlage dessen sind rhythmische Netzwerkaktivität und Veränderungen in der Verbindungsstärke von Nervenzellen. Wie das genau geschieht, wollen wir im Gehirn der Taufliege beobachten“, erklärt Prof. Owald. Und was passiert, wenn das Tier nicht erreichen kann, was das Gehirn ihm nahelegt? Wenn es wie Sisyphos trotz aufgebrachter Mühe nicht zum Ziel gelangt? Der Neurowissenschaftler vermutet, dass ein solcher Zustand zu einem Gefühl der Hilflosigkeit führen kann, ähnlich wie es Patientinnen und Patienten mit Depressionen mitunter erleben.

Charité startet Podcast zur Gesundheitsforschung

- 26-01-2023

Wie findet man heraus, wie viel Schlaf man wirklich benötigt? Hilft warme Milch beim Einschlafen? Und ist Mittagsschlaf gesund? Fragen wie diesen geht die Charité – Universitätsmedizin Berlin ab heute mit „Better Ask Charité“ nach und startet ihren gleichnamigen Unternehmenspodcast. Mediziner:innen und Wissenschaftler:innen beantworten Fragen zu ihrem Fachthema in der Gesundheitsforschung sowie zu ihrem Arbeitsalltag, die Fragen stellt die Social-Media-Community. Der Gast der jeweiligen Folge wird auf dem Instagram-Kanal der Charité angekündigt, wo Follower ihre Fragen einreichen können. Aus einer Vielzahl von Fragen werden dann die spannendsten ausgewählt. „Better Ask Charité“ wird nicht nur als Podcast, sondern auch als Video auf YouTube veröffentlicht. Podcasts sind fester Bestandteil des alltäglichen Medienkonsums. Insbesondere die Themen Gesundheit und Medizin stoßen auf ein großes Interesse. Vor diesem Hintergrund hat die Charité den Podcast „Better Ask Charité“ konzipiert, dessen erste Episode heute veröffentlicht wurde. Zu Gast ist Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité. Der Podcast ist auf allen gängigen Audio-Plattformen abrufbar. Einen Überblick hierzu findet sich auf der Webseite der Charité. „Better Ask Charité“ erscheint alle vier Wochen. „Podcasts sind ein wertvolles Instrument in der Gesundheitskommunikation, da sie die Möglichkeit bieten, komplexe medizinische Themen auf eine einfache und zugängliche Art zu präsentieren. Gerade in Zeiten, in denen schnelle und präzise Gesundheitsinformationen von entscheidender Bedeutung sind, ermöglicht unser neues Format eine unkomplizierte Verbreitung und erreicht dadurch eine breite Zielgruppe, die immer wieder Antworten auf konkrete, individuelle Fragen sucht", sagt die Leiterin des Geschäftsbereichs Unternehmenskommunikation Manuela Zingl.

Neue Versorgungsform: Anfallsleiden ambulant diagnostizieren

- 26-01-2023

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat bundesweit 16 weitere Vorhaben zur Entwicklung neuer Versorgungsansätze auf den Weg gebracht. Das Ziel: die Regelversorgung von Patientinnen und Patienten in Deutschland innovativ weiterzuentwickeln. Eines der neuen Projekte leiten Medizinerinnen und Mediziner der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Menschen mit unklaren Anfallsleiden soll künftig eine Diagnostik zu Hause ermöglicht werden, anstelle eines mehrtägigen Krankenhausaufenthaltes. An zwei weiteren neuen Vorhaben sind Teams der Charité als Partner beteiligt. Der G-BA fördert Forschungsprojekte zur Erprobung von Ansätzen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen und neue Wege in der Versorgung erschließen. Nach erfolgreicher Evaluation und Empfehlung durch den Innovationsausschuss können diese in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden. „Die Themen der aktuellen Förderwelle zeigen einmal mehr, dass Projekte, die zur Digitalisierung der Gesundheitsversorgung beitragen und der Verlagerung von bisher stationären Leistungen in den ambulanten Sektor – in interdisziplinären und sektorenübergreifenden Versorgungsnetzwerken – dienen, weiterhin an Bedeutung gewinnen“, sagt Prof. Dr. Elke Schäffner, Sprecherin der Plattform – Charité Versorgungsforschung. Eines der neu geförderten Projekte nutzt computationale Ansätze in der Neurologie und wird an der Charité koordiniert: Ambulantes Langzeit-Video-EEG-EKG für Menschen mit Anfallserkrankungen (ALVEEG) Rund 5,5 Millionen Menschen deutschlandweit leiden unter Anfällen unbekannter Ursache, es kann sich dabei beispielsweise um Epilepsien, Synkopen oder Krämpfe handeln. Innovative, tragbare Video-EEG-Monitoring-Systeme, sogenannte Wearables, und eine Datenauswertung mittels Künstlicher Intelligenz soll Betroffenen, insbesondere in ländlichen Regionen, zukünftig einen schnellen, effizienten und sektorenübergreifenden Zugang zu der bisher stationär durchgeführten Diagnostik im häuslichen Umfeld ermöglichen – bei bestbewährten Standards. Ausgestattet mit einem mobilen EEG-Gerät und einer Kamera wird ein mehrtägiges Video-EEG erstellt, während Patient:innen ihrem Tagesablauf weiter folgen, im Homeoffice arbeiten oder Kinder betreuen können. Das Team an der Charité plant eine prospektive, multizentrische, randomisiert kontrollierte Interventionsstudie an fünf Epilepsiezentren, die die niedergelassenen mitbehandelnden Ärztinnen und Ärzte einbezieht. Projektleitung: Privatdozent Dr. Christian Meisel, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, Campus Charité Mitte und Berliner Institut für Gesundheitsforschung in der Charité (BIH) An zwei weiteren Projekten ist die Charité als Konsortialpartnerin beteiligt: EVA-RADIUS Evaluation eines interaktiven sektorenübergreifenden „Blended-Treatment“-Ansatzes bei Alkoholkonsumstörungen nach Entzug – ein kombinierter Ansatz von klassischer Psychotherapie und Online-Tools. Konsortialführung: Evangelisches Klinikum Bethel gGmbH Projektleitung an der Charité: Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz und Privatdozent Dr. Christian Müller, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Campus Mitte PeriOP-CARE HF Patientinnen und Patienten mit Herzschwäche haben vor, während und nach Operationen ein erhöhtes Komplikationsrisiko. Das Projekt erprobt daher eine perioperative interdisziplinäre, intersektorale Prozess-Optimierung bei Herzinsuffizienz. Konsortialführung: Justus-Liebig-Universität Gießen Projektleitung an der Charité: Prof. Dr. Sascha Treskatsch, Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin, Campus Benjamin Franklin

Mit Diamant-Sensoren neurale Exoskelette präziser steuern

- 25-01-2023

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und Fraunhofer IAF Gehirn-Computer-Schnittstellen können gelähmten Menschen durch die Steuerung von Exoskeletten einen Teil ihrer Bewegungsfähigkeit zurückgeben. Von der Kopfoberfläche lassen sich komplexere Steuersignale bislang jedoch nicht auslesen, da herkömmliche Sensoren hierfür nicht sensitiv genug sind. Dieser Herausforderung hat sich ein Verbund aus Fraunhofer IAF, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Universität Stuttgart und Industriepartnern angenommen: Im kürzlich gestarteten BMBF-Leuchtturmprojekt »NeuroQ« entwickeln die Partner hochsensitive diamantbasierte Quantensensoren, die es Gelähmten ermöglichen sollen, neurale Exoskelette präziser zu steuern. Für Menschen, die beispielsweise aufgrund einer Rückenmarksverletzung, eines Schlaganfalls oder einer anderen Krankheit ihre Hände oder Beine nicht bewegen können, stellen sogenannte Brain-Computer-Interfaces (BCIs) eine große Hoffnung dar: Diese Gehirn-Computer-Schnittstellen ermöglichen die Steuerung eines Gerätes allein mittels Hirnaktivität – so kann etwa ein Exoskelett nur durch die Vorstellung von einer Bewegung gesteuert werden. Damit bieten BCIs gelähmten Menschen die Chance, die Kontrolle über einen Teil ihrer Bewegungsfähigkeit wiederzuerlangen. BCIs, die Hirnaktivität von der Kopfoberfläche messen, haben den Vorteil, dass sie Patientinnen und Patienten einen aufwendigen und risikobehafteten chirurgischen Eingriff am Gehirn ersparen. »Wir haben bereits ein nicht-invasives BCI-System entwickelt, das es Menschen mit hoher Querschnittslähmung ermöglicht, mittels willkürlicher Veränderung ihrer Hirnströme, Alltagsgegenstände zu greifen«, berichtet Prof. Dr. Surjo R. Soekadar, Einstein-Professor für Klinische Neurotechnologie an der Charité, und fügt hinzu: »Trotz der beachtlichen Fortschritte ist es bislang jedoch nicht gelungen, komplexe Handbewegungen mit einem solchen nicht-invasiven System zu steuern.« So lässt sich zwar die Bewegungsabsicht erkennen, aber nicht, welche Bewegung genau ausgeführt werden soll. Um dies zu erreichen, müsste die Sensitivität der Sensoren erheblich gesteigert werden. Quantensensoren messen Hirnströme Dieser Aufgabe haben sich nun neun Partner angenommen und das Projekt »Laserschwellen-Magnetometer für neuronale Kommunikationsschnittstellen«, kurz »NeuroQ«, gestartet. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Vorhaben entwickeln die Projektpartner Quantensensoren, die so sensitiv sind, dass sie kleinste Magnetfelder, die durch Hirnströme entstehen, messen können. Diese Quantenmagnetometer sollen in ein BCI-System integriert werden und es damit Gelähmten ermöglichen, ein Hand-Exoskelett deutlich präziser zu steuern als es bislang der Fall ist. Magnetfelder liefern deutlichere Signale Bei nicht-invasiven BCIs erfolgt die Messung der neuronalen Aktivität bislang hauptsächlich über elektrische Felder. Dabei bringt die Messung von Magnetfeldern erhebliche Vorteile mit sich: »Magnetfelder durchdringen Haut und Schädel unverzerrt und liefern damit wesentlich deutlichere Signale als elektrische Felder, da diese auf dem Weg von der Quelle zum Sensor stark abgeschwächt werden. So hat die Magneto-Enzephalographie (MEG) signifikante Vorteile gegenüber der Elektro-Enzephalographie (EEG), wird jedoch aufgrund technischer Hürden nur selten angewendet«, erklärt Dr. Jan Jeske, Projektleiter von »NeuroQ« und Forscher am Fraunhofer IAF. Die technischen Hürden von MEGs liegen an den eingesetzten Sensortechnologien: SQUID-Sensoren (Superconducting Quantum Interference Devices) sind hochpräzise, benötigen allerdings eine Tieftemperaturkühlung, was ihren Einsatz extrem teuer und aufwendig macht. Optisch gepumpte Magnetometer (OPMs) auf der Basis von Dampfzellen übertreffen sogar die Sensitivität von SQUIDs, funktionieren jedoch nur im absoluten Nullfeld – das bedeutet, dass für ihren Betrieb jedes Hintergrundmagnetfeld (inklusive Erdmagnetfeld) vollständig abgeschirmt werden muss, was ebenfalls einen enormen bautechnischen Aufwand mit sich bringt. »Bislang sind keine Magnetometer realisiert worden, die unter Umgebungsbedingungen – also in nicht abgeschirmten Umgebungen – eine Empfindlichkeit erreichen, die für den Nachweis neuromagnetischer Felder geeignet wäre. Das Vorhaben von ›NeuroQ‹ übertrifft den Stand der Technik erheblich«, fasst Prof. Dr. Jörg Wrachtrup, Leiter des 3. Physikalischen Instituts an der Universität Stuttgart, zusammen. Diamantbasierter Sensor erlaubt Einsatz in Alltagsumgebung Das Besondere an den im Projekt »NeuroQ« zu entwickelnden Quantenmagnetometer ist ihr Ausgangsmaterial: Sie basieren auf NV-Zentren (nitrogen-vacancy center) in Diamant und verfügen damit über einzigartige Eigenschaften: Diamant-Quantenmagnetometer sind die einzigen hochsensitiven Magnetometer, die bei Raum- bzw. Körpertemperatur funktionieren. Sie messen auch in Anwesenheit eines Hintergrundmagnetfelds und können die genaue Richtung eines Magnetfeldes (d. h. alle drei Komponenten des Vektors) bestimmen. Zudem sind sie biokompatibel und können nah an die Quelle herangebracht werden, was wiederum stärkere Signale ermöglicht. Das alles führt dazu, dass Diamant-Quantenmagnetometer perspektivisch in Kliniken, Praxen, einer Reha-Umgebung, aber auch zu Hause und im Alltag eingesetzt werden könnten, um die Lebensqualität gelähmter Menschen wesentlich zu verbessern und einen wichtigen Beitrag zu ihrer gesellschaftlichen Inklusion zu leisten. Multidisziplinäres Verbundprojekt Da die bislang entwickelten Diamant-Magnetometer die geforderte Empfindlichkeit noch nicht erreichen, sollen im Rahmen von »NeuroQ« zunächst neue hochsensitive Quantenmagnetometer auf Basis eines neuartigen NV-Diamant-Lasers realisiert werden. Das Messystem wird anschließend mit der benötigten Kommunikationsschnittstelle zu einem BCI-System entwickelt und zur Demonstration, Auswertung und Weiterentwicklung im klinischen Umfeld an der Charité in Berlin eingesetzt. Die beteiligten Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen (KMU) leisten nicht nur einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung, sondern auch zur anschließenden Verwertung der Technologie und fördern damit den Transfer der Ergebnisse in marktfähige Produkte und Anwendungen. Das BMBF fördert das fünfjährige Verbundvorhaben im Rahmen der Maßnahme »Leuchtturmprojekte der quantenbasierten Messtechnik zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderung« mit insgesamt knapp 9 Millionen Euro.

Angeborene Immunschwäche entdeckt – und aufgeklärt

- 23-01-2023

Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und des Max Delbrück Centers Wie der Austausch eines einzelnen Bausteins im Erbgut einen bisher unbekannten Immundefekt beim Menschen auslöst, berichtet jetzt ein internationales Forschungsteam im Fachmagazin Science Immunology*. Maßgeblich beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Centers. Sie haben eine spezifische Mutation im Genregulator IRF4 entdeckt. Bei sieben Kindern mit ausgeprägter Immunschwäche entdeckte ein internationales Konsortium von Forschenden eine übereinstimmende Mutation im Gen für den Interferon-Regulations-Faktor 4 (IRF4). IRF4 ist ein sogenannter Transkriptionsfaktor, er reguliert also die Aktivität bestimmter Gene. Er ist aber auch wichtig während der Entwicklung und Aktivierung von Immunzellen. Die Patient:innen stammen aus sechs nicht verwandten Familien, die auf vier unterschiedlichen Kontinenten leben. Wie das Team, zu dem die Gruppe von Prof. Dr. Stephan Mathas und Privatdozent Dr. Martin Janz vom ECRC gehört, belegen konnte, ist bei den Betroffenen im IRF4-Gen ein einzelner Baustein ausgetauscht. Bezeichnet wird diese spezifische genetische Veränderung als T95R-Mutation. Die Forschenden konnten außerdem aufklären, wie sich die Mutation auf das Immunsystem auswirkt: Ein bisher unbeschriebener Mechanismus führt zu einem angeborenen Immundefekt. Angeborene Immundefekte sind selten und oft unterschiedlich stark ausgeprägt. „Immundefiziente Kinder leiden immer wieder an Infekten der oberen Atemwege“, erklärt Prof. Mathas. Es sind häufig Infektionen mit dem Epstein-Barr- oder Zytomegalie-Virus oder mit Pneumocystis jirovecii, einem Erreger, der Lungenentzündungen auslöst; allesamt Infektionen, die Mediziner:innen gut von Menschen mit Immunschwäche kennen. Auch die sieben Patient:innen leiden unter diesen Infektionen. Bei genauer Untersuchung hat darüber hinaus ihr Immunsystem Gemeinsamkeiten: „Es fiel auf, dass alle Kinder zu wenig Antikörper im Blut haben und sehr wenig B-Zellen, die normalerweise diese Antikörper produzieren. Zudem ist die Zahl ihrer T-Zellen und deren Funktion im Vergleich zu Gesunden reduziert“, sagt Prof. Mathas. T-Zellen sind neben den B-Zellen und Antikörpern ein wichtiger Arm des Immunsystems. Bei vielen Kindern mit angeborener Immunschwäche ist die Ursache des Defekts unbekannt, kann aber heutzutage durch Entschlüsselung der Erbinformation ermittelt werden. Auf diese Weise kam auch die IRF4-Mutation T95R zutage. Durch engen Austausch unter Kollegen in internationalen Netzwerken wurde klar, dass es sich bei der genetischen Ursache der Erkrankung dieser Kinder, deren Familien nicht verwandt sind, um die gleiche Mutation handelt. Sie sind die Indexpatient:innen, bei denen der Defekt nun erstmals beschrieben wird. Dem internationalen Konsortium ist es zudem gelungen, das gleiche Krankheitsbild auch durch gezielte Mutation von IRF4 bei der Maus zu erzeugen, wodurch es gelang, die durch IRF4 ausgelösten Fehlfunktionen im Immunsystem im Detail besser zu verstehen. Die Mutation T95R liegt immer nur auf einer der beiden Kopien des Erbguts. Und obwohl die Patient:innen auch immer die gesunde Form von IRF4 bilden, entwickeln alle Betroffenen diese Immunschwäche. „Die Biologie der Mutation schlägt quasi die der gesunden Form“, sagt Prof. Mathas. Wie Erbgutanalysen der Familien ergaben, erbten die Indexpatient:innen die Genveränderung nicht von ihren Eltern, sondern sie trat spontan in der Keimbahn oder der frühen embryonalen Entwicklung auf. Die Mutation liegt genau an der Stelle von IRF4, mit der der Genregulator an die DNA bindet. „Durch die Mutation verändert sich im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren die Affinität von IRF4 für die DNA“, erklärt Prof. Mathas. Das mutierte IRF4-Protein bindet deshalb nicht nur an bekannte DNA-Bindungsstellen je nach Kontext stärker oder schwächer, sondern zudem auch an Stellen des Erbguts, wo es gar nicht binden sollte; also Stellen, an denen die normale Variante des Proteins nie haften würde. Durch bioinformatische Analysen gelang es den Forschenden, diese neuen Bindungsstellen zu identifizieren. Die Forschenden beschreiben die Mutation in ihrer Publikation deshalb als „multimorph“, weil nicht nur bestimmte Gene blockiert, sondern andere und sogar neue aktiviert werden. Je nach Art und Ausprägung einer angeborenen Immunschwäche erhalten Betroffene beispielsweise Stammzelltransplantationen oder lebenslange, regelmäßige Injektionen mit Antikörpern. „Die nun publizierte Arbeit lässt vermuten, dass man die Bindungsstellen von mutierten Transkriptionsfaktoren verändern könnte, ohne dabei die gesunde Variante zu beeinflussen“, sagt Prof. Mathas. Die IRF4-Mutation T95R wird nun jedenfalls in den Katalog der Gene kommen, die zur Diagnostik der angeborenen Immunschwäche gehören. Interessanterweise spielt IRF4 auch bei der Entstehung von bestimmten Blutkrebsarten, an denen Prof. Mathas mit seinem Team forscht, eine wichtige Rolle.

Einweihung der modernisierten Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

- 18-01-2023

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat heute die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte nach aufwändiger Sanierung eingeweiht. Zu den Baumaßnahmen gehörten die Rekonstruktion des kompletten Daches sowie die vollständige Erneuerung der technischen Infrastruktur. Ein besonderer Fokus lag zudem auf den Stationen und Patientenzimmern, die modern, komfortabel und im Sinne einer heilenden Architektur gestaltet wurden. Für die Landesbaumaßnahme wurde eine Gesamtsumme von über 25 Millionen Euro investiert. Der Ensembleteil der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie von 1905 benötigte dringend eine Erneuerung, um den Ansprüchen einer zeitgemäßen Patientenversorgung sowie den gebäudetechnischen Anforderungen zu genügen. Im Rahmen des Bauprojekts wurde der Gebäudeteil in mehreren Abschnitten umfassend und gemäß den denkmalpflegerischen Vorgaben modernisiert. Ebenso wurden die heilungsfördernden Qualitäten des historischen Klinikgebäudes architektonisch und durch die Gestaltung hoher, lichter Räume sowie mit einem durchgängigen Bezug zu den umgebenden Gartenanlagen unterstrichen. Ziel war es, die Aufenthaltsqualität und die Funktionalität gleichermaßen zu verbessern. Ulrike Gote, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité, erklärte dazu: „Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – ein Ort mit langer Geschichte – steht für medizinischen und gesundheitspolitischen Fortschritt, damals wie heute. Dass dieses bedeutende Haus im Herzen von Berlin heute saniert ist, ist vor allem Klinikdirektor Professor Andreas Heinz zu verdanken, der den Bedürfnissen der Patient:innen eine Stimme gegeben und auf die seinerzeit unhaltbaren baulichen Zustände aufmerksam gemacht hat. Die Modernisierung war ein Kraftakt, der nur durch eine Baudienststelle zu stemmen war, die trotz vieler Widrigkeiten an dem Ziel festhielt, einen Ort zu schaffen, an dem sich Patient:innen wohlfühlen können. Nicht zuletzt gilt den Mitarbeiter:innen der Klinik großer Dank. Denn sie sorgten dafür, dass Klinikbetrieb, Forschung und Lehre auch während der Sanierung aufrechterhalten werden konnten.“ Astrid Lurati, Vorstandsmitglied Finanzen und Infrastruktur der Charité, skizzierte die vielfältigen Anforderungen und baulichen Gegebenheiten: „Sanieren im denkmalgeschützten Bestand ist immer eine besondere Herausforderung, insbesondere, wenn zugleich die Anforderungen an eine moderne klinische Infrastruktur erfüllt werden sollen. Hierzu gehört in der Charité selbstverständlich auch die gesundheitsfördernde Gestaltung von Klinikräumen durch Farb- und Lichtkonzepte sowie die Verwendung von nachhaltigen Materialien im Sinne der ‚Healing Architecture‘.“ Die ganzheitliche Gestaltung der Stationen und Patientenzimmer orientiert sich an dem Gedanken, dass sich die Patient:innen dort wohlfühlen und die Gestaltung der Umgebung den Genesungsprozess unterstützen kann. Eine angenehme Atmosphäre und die leitliniengerechte medizinische Versorgung gehören im Konzept der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie zusammen.  Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte, sagte: „Wir bedanken uns ganz besonders bei unserem Klinikrat aus Angehörigen und Betroffenen, die sich für die Modernisierung der Klinik und der Gärten eingesetzt haben. Gerade der vielfältige Zugang zu den großen Gärten mit einem sehr alten Baumbestand ist für das Wohlbefinden der Patienten und Patienten besonders wichtig.“ *© Charité | Sabine Gudath

Erkrankungen des Alters besser verstehen – Stoffwechselexperte kommt an die Charité

- 11-01-2023

Prof. Dr. Michael Ristow hat zum Jahresbeginn die Professur auf Lebenszeit für Experimentelle Endokrinologie und Diabetologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin angetreten. Sein Forschungsschwerpunkt: das Entstehen altersbedingter Erkrankungen. Welche Rolle spielen dabei die molekularen Mechanismen unseres Stoffwechsels? Und wie beeinflussen sie die Lebenserwartung des Menschen? Diesen Fragen wird Prof. Ristow an der Charité weiter auf den Grund gehen. Das Ziel: die Gesundheit von Menschen möglichst lange zu erhalten. Verbunden mit der Professur ist die Leitung des Instituts für Experimentelle Endokrinologie der Charité. Prof. Ristow wechselt von Zürich nach Berlin und folgt auf Prof. Dr. Josef Köhrle, der im Ruhestand ist. Prof. Ristow war in den vergangenen zehn Jahren als Professor für Energiestoffwechsel am Department Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH Zürich in der Schweiz tätig. Sein Forschungsschwerpunkt, den er nun mit an die Charité bringt, liegt im Bereich der Stoffwechselregulation, insbesondere im Hinblick auf das Entstehen altersbedingter Erkrankungen und die Lebenserwartung des Menschen. „Fettleibigkeit, Diabetes, Neurodegeneration und viele Krebsarten beruhen auf einem gestörten Stoffwechsel“, sagt Prof. Ristow. „Mein Ziel ist es, die dahinterstehenden molekularen Mechanismen besser zu verstehen. Neu entwickelte Therapieansätze und Maßnahmen zur Gesundheitsprävention könnten dann ganz gezielt an den entsprechenden Stoffwechselstellschrauben drehen und so der Entstehung von Krankheiten entgegenwirken.“ Um den hochkomplexen Stoffwechselwegen auf den Grund gehen zu können, wird Prof. Ristow neben Zellkulturen mit Versuchsmodellen des in der Forschung häufig genutzten Fadenwurms Caenorhabditis elegans arbeiten. Darüber hinaus wird er mit seinem Forschungsteam klinisches Probenmaterial untersuchen und anonymisierte Patientendaten mithilfe moderner computergestützter Methoden auswerten, um etwa herauszufinden, ob die Einnahme bestimmter Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel dazu führt, dass Patient:innen länger gesund bleiben als diejenigen, die andere oder gar keine Medikamente einnehmen. „Ich freue mich, dass ich nach vielen Jahren forschender Tätigkeit nun zusätzlich wieder klinisch tätig sein werde“, sagt der gebürtige Lübecker. „Viele spannende Forschungsfragen, die mir schon lange unter den Nägeln brennen, werde ich nun im klinischen Umfeld der Berliner Universitätsmedizin angehen und translational umsetzen können.“ Seine Motivation verbindet er insbesondere mit den Veränderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt: „Wir haben heute eine enorm hohe Lebenserwartung. Doch häufig beginnt schon mit etwa 60 Jahren eine lange Lebensphase, die bei vielen Menschen von Krankheit geprägt ist. Wichtig wäre aus meiner Sicht – für den Einzelnen und das Gesundheitssystem –, die gesunde Lebenszeit zu verlängern. Dazu möchte ich mit meiner Forschung und im Rahmen der Professur gerne beitragen.“

Prof. Dr. Joachim Spranger ist neuer Dekan der Charité

- 10-01-2023

Zum 1. Januar 2023 hat Prof. Dr. Joachim Spranger das Amt des Dekans an der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Damit ist er als Mitglied des Vorstandes für Wissenschaft an der Charité zuständig. Er folgt auf Prof. Dr. Axel Radlach Pries, der die Geschicke der Fakultät acht Jahre lang geleitet hat. Heute fand die feierliche Amtsübergabe statt. Prof. Spranger wurde 2008 als Heisenberg-Professor an die Charité berufen und leitet seit 2011 die Medizinische Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin der Charité und den Fachbereich Endokrinologie und Stoffwechsel der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH. Der Fakultätsrat wählte ihn am 4. Juli 2022 als neuen Dekan der Medizinischen Fakultät für eine Amtszeit von fünf Jahren. Damit löst er Prof. Pries ab, der das Amt von Januar 2015 bis Dezember 2022 ausgeübt und zum Jahresende aus persönlichen Gründen niedergelegt hatte. Der Dekan der Charité ist verantwortlich für alle Angelegenheiten in Forschung und Lehre. Er ist Mitglied des Vorstandes, leitet den Fakultätsrat und steht zugleich an der Spitze der Fakultätsleitung. Diese vertritt die Medizinische Fakultät der Charité in akademischen Fragen nach innen und außen. Sie prägt Ausrichtung und Schwerpunkte von Forschung und Lehre und sichert ihre Qualität. Prof. Spranger war bereits von 2017 bis 2022 als Prodekan für Studium und Lehre in der Fakultätsleitung tätig. Ulrike Gote, Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité: „Prof. Dr. Axel Radlach Pries hat in den vergangenen acht Jahren als Dekan der Charité einzigartig gewirkt und vieles erreicht. Er hat Menschen zusammengeführt, Partner:innen für die Charité gewonnen und Strategien entwickelt und umgesetzt. Für seine Erfolge für die Wissenschaft ist ihm Berlin dankbar. Ich wünsche Herrn Pries alles Gute für seine weiteren Aufgaben, zum Beispiel als Präsident des World Health Summit. Genauso viel Erfolg und gutes Gelingen wünsche ich nun Prof. Dr. Joachim Spranger im neuen Amt. Ich bin voll und ganz überzeugt, dass er ein würdiger Nachfolger sein wird. Seine Wahl im Fakultätsrat mit überwältigender Mehrheit ist Ausdruck des Vertrauens, das die Vertreterinnen und Vertreter von Forschung und Lehre der Charité in ihn setzen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.“ Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, würdigt die Verdienste von Prof. Pries als Dekan: „Prof. Pries hat in den zurückliegenden Jahren die wissenschaftliche Stärke der Berliner Universitätsmedizin konsequent ausgebaut. Im Namen des gesamten Vorstandes danke ich Prof. Pries für seine beeindruckenden Leistungen und sein langjähriges Engagement für unsere Fakultät, das Berlin Institute of Health und die Charité als Ganzes.“ Prof. Kroemer erklärt weiter: „Mit Prof. Spranger beginnt jetzt ein profilierter Klinikdirektor und exzellenter Wissenschaftler als neuer Dekan der Charité. Ich bin mir sicher, dass er die herausragende Forschung, den Bereich Studium und Lehre sowie die Kooperationen der Charité weiter vorantreiben wird. Der Vorstand wünscht ihm einen guten Start und viel Erfolg bei den anstehenden Aufgaben!“ Prof. Spranger sagt: „Die Charité ist eine beeindruckende Institution mit einer Vielzahl großartiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ich freue mich auf die anstehende Tätigkeit als Dekan und werde mich neben vielen anderen Themen schwerpunktmäßig der Weiterentwicklung unserer Studiengänge, der Nachwuchsarbeit und der Verbesserung der Forschungsinfrastruktur widmen. Zudem ist mir wichtig, die Zusammenarbeit mit universitären sowie außeruniversitären Partnern in Berlin, aber auch auf nationaler und internationaler Ebene, weiter auszubauen.“

Prof. Dr. Il-Kang Na wird neue Direktorin des BIH Charité Clinician Scientist Programms

- 09-01-2023

Prof. Dr. Il-Kang Na wird zum 1. Januar 2023 neue Direktorin des BIH Charité Clinician Scientist Programms (CSP). Die BIH Johanna-Quandt-Professorin folgt auf Prof. Dr. Duška Dragun, die das Programm bis zu ihrem viel zu frühen Tod Ende 2020 als Programmdirektorin geleitet hatte. 2021 und 2022 hatten Prof. Dr. Britta Siegmund und Prof. Dr. Dominik N. Müller das Programmdirektorat übergangsweise ehrenamtlich übernommen. Das Clinician Scientist Programm des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin bietet Ärzt:innen in der Weiterbildung während verschiedener Phasen ihrer Karriere die Möglichkeit, neben ihrer klinischen Tätigkeit zu forschen. Im Laufe der letzten elf Jahre hat sich das BIH Charité Clinician Scientist Programm (CSP) stetig weiterentwickelt: So gibt es heute neben dem etablierten CSP auch das Junior, Digital und Advanced CSP und somit für jede Karrierestufe während und nach der Facharztweiterbildung ein maßgeschneidertes strukturiertes Förderprogramm. Aktuell sind die Berliner Programme mit rund 150 aktiven Fellows und rund 200 Alumni nicht nur der mit Abstand größte Clinician-Scientist-Standort in Deutschland, sondern sie setzen laut Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) auch bundesweit „best practice“-Standards – insbesondere auch durch Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Die neue Programmdirektorin ist Inhaberin einer BIH Johanna Quandt Professur und Leiterin der Forschungsgruppe „Defekte und Dysfunktionen des Immunsystems in Tumorpatienten“ am BIH. Gleichzeitig ist sie Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Charité Campus Virchow-Klinikum und hat zudem als langjähriges Mitglied des BIH Charité Clinician Scientist Boards und als Sprecherin der Berlin School of Integrative Oncology (BSIO) vielfältige Erfahrungen im Bereich der Nachwuchsförderung gesammelt. Sie möchte das CSP längerfristig weiterentwickeln und die Nachwuchsförderung von Mediziner:innen in der Universitätsmedizin der aktuellen Situation anpassen. „Die digitale Transformation und der medizinische Fortschritt einerseits, der akute Fachkräftemangel und die Pandemie andererseits, stellen die jungen Ärztinnen und Ärzte in der Universitätsmedizin heute vor besondere Herausforderungen“, sagt Prof. Na. „Wer neben der klinischen Tätigkeit ernsthaft Forschung betreiben möchte, braucht Unterstützung, insbesondere in dieser Situation. Die wollen wir bieten.“ Prof. Dr. Christopher Baum, Vorstand des Translationsforschungsbereichs der Charité und Vorsitzender des BIH Direktoriums, gratuliert der neuen Programmdirektorin. „Prof. Il-Kang Na erfüllt das Profil der CSP Programmdirektorin wie maßgeschneidert: Als Ärztin und Wissenschaftlerin ist sie selbst das Role Model für Clinician Scientists. In der medizinischen Translation geht es darum, medizinische Probleme zu erkennen, in einen Forschungsansatz zu überführen und die Ergebnisse wieder aus dem Labor in die Klinik zu übertragen. Aus diesem Grund sind die Clinician Scientists so wichtig für uns: Sie wissen, was den Patienten fehlt, und verstehen gleichzeitig, wie man das Problem erforschen kann. Und machen so aus Forschung Gesundheit.“ Prof. Dr. Joachim Spranger, Dekan der Charité, sprach zunächst Prof. Siegmund und Prof. Müller seinen großen Dank aus. „Die beiden haben das Programm zwei Jahre lang mit großem Engagement und hohem zusätzlichen Zeitaufwand neben ihren vielfältigen anderen Aufgaben ehrenamtlich geleitet. Damit war es uns ohne Unterbrechung möglich, unseren angehenden Ärztinnen und Ärzten in den verschiedenen Fachdisziplinen zu ermöglichen, Forschung auf höchstem Niveau zu betreiben und gleichzeitig die Weiterbildung zum Facharzt zu verfolgen. Mit Prof. Na übernimmt nun eine exzellent qualifizierte Kollegin die Leitung dieses wichtigen und gemeinsamen BIH-Charité-Programms. Ich gratuliere Prof. Na ganz herzlich zu ihrer neuen Aufgabe und wünsche ihr viel Erfolg bei der kommenden Tätigkeit. Ich bin überzeugt, dass sie einen wichtigen Beitrag leisten wird, um die klinisch tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Charité weiterhin mit geschützter Forschungszeit in ihren wissenschaftlichen Aktivitäten zu unterstützen.“ Anders als unter Prof. Dragun, die auch als Direktorin der BIH Biomedical Innovation Academy (BIA) fungierte, sind das CSP Programmdirektorat und die Leitung der BIA nun voneinander getrennt. Dr. Nathalie Huber und Dr. Iwan Meij leiten gemeinsam die BIA und setzen die Arbeit von Prof. Dragun rund um die akademische Personalentwicklung fort. Auch die Clinician Scientist Geschäftsstelle mit deren Leiterin Dr. Huber bleibt an der BIA verortet. Prof. Dr. Igor M. Sauer, stellvertretender Direktor der Chirurgischen Klinik und Leiter der Experimentellen Chirurgie an der Charité, sowie sein Stellvertreter Prof. Dr. Robert Gütig, Leiter der BIH Arbeitsgruppe Mathematische Modellierung des Neuronalen Lernens, leiten das Digital Clinician Scientist Programm. Gemeinsam mit Prof. Na, ihrer noch zu bestimmenden Stellvertretung sowie der BIA-Leitung bilden sie das Führungsteam, das die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen CS Programmen und der BIA sicherstellt.

Win-win-Situation im Zellverbund: Kooperierende Zellen leben länger

- 06-01-2023

Tauschen Zellen Stoffwechselprodukte miteinander aus, beschert ihnen dies ein längeres Leben. Das konnte ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin nun erstmals in einer Studie am Beispiel von Hefezellen zeigen. Dass der Stoffaustausch einen direkten Einfluss auf die Lebensdauer von Zellen hat, könnte für die Erforschung von Alterungsprozessen und altersbedingten Erkrankungen von Menschen künftig eine wichtige Rolle spielen. Die Studie ist im aktuellen Fachmagazin Cell* erschienen. Stoffwechsel und Altern gehören untrennbar zusammen: Stoffwechselprozesse tragen zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen bei, sorgen für Wachstum oder stoßen Reparaturmaßnahmen in Zellen an. Doch es werden auch Stoffe produziert, die schädlich für die Zelle sind und den Alterungsprozess vorantreiben. „Die Stoffwechselprozesse, die innerhalb von Zellen ablaufen, sind hochkomplex“, sagt Prof. Dr. Markus Ralser, Direktor des Instituts für Biochemie an der Charité und Einstein-Professor für Biochemie. „Eine zentrale Rolle spielt dabei unter anderem der Stoffaustausch zwischen Zellen einer Zellgemeinschaft, denn er beeinflusst den internen Zellstoffwechsel maßgeblich mit.“ Zellen stehen mit benachbarten Zellen – etwa in Körpergeweben – in stetigem Austausch: Sie schleusen nicht benötigte Stoffe aus ihrem Zellinneren aus und nehmen Substanzen aus ihrer Umgebung auf. In einer aktuellen Studie ging das Team um den Stoffwechselexperten Prof. Ralser der Frage nach, ob der Austausch von Stoffwechselprodukten, sogenannten Metaboliten, einen Einfluss auf die Lebensdauer von Zellen hat. Für ihre Untersuchungen arbeiteten die Forschenden mit Hefezellen und führten Experimente zur Bestimmung der Lebensdauer durch. Hefezellen sind ein wichtiges Modell der Grundlagenforschung, ein dominierender Mikroorganismus in der Biotechnologie und auch in der Medizin wichtig, da sie Pilzinfektionen auslösen können. „Wir konnten zeigen, dass sich die Lebensspanne der Zellen um rund 25 Prozent verlängerte, wenn sie Metaboliten miteinander austauschen konnten“, sagt Dr. Clara Correia-Melo, ebenfalls vom Institut für Biochemie der Charité und Erstautorin der Studie. „Nun wollten wir natürlich wissen, welche Stoffe und Austauschprozesse hinter dieser lebensverlängernden Wirkung stehen.“ Um das herauszufinden, nutzten die Forschenden ein spezielles, durch Massenspektrometrie gestütztes Untersuchungssystem, mit dem sich der Stoffaustausch zwischen den Zellen genau nachverfolgen lässt. Sie stellten fest, dass junge Zellen, die sich noch gut und oft teilten, Aminosäuren ausschieden, und dass diese von den älteren Zellen aufgenommen wurden. Aminosäuren sind die Bausteine, aus denen Proteine zusammengesetzt sind. Das Forschungsteam fand heraus, dass der Austausch der Aminosäure Methionin das Leben der beteiligten Zellen verlängert. Die Aminosäure kommt in allen Organismen vor und spielt für die Proteinherstellung und auch in vielen zellulären Prozessen eine wichtige Rolle. „Das Interessante ist, dass für die Lebensverlängerung der alten Zellen der Stoffwechsel der jungen Zellen verantwortlich war“, sagt Prof. Ralser. Einige junge Zellen gaben Methionin ab, das andere junge Zellen aufnahmen. Dadurch wurde deren Zellstoffwechsel so verändert, dass sie Stoffwechselprodukte ausschieden, von denen die Methionin produzierenden Zellen profitierten. Dabei handelt es sich etwa um Glycerol, das für den Aufbau von Zellmembranen benötigt wird und zellschützende Eigenschaften hat. „Geben langlebige, Methionin aufnehmende Zellen Glycerol ab, verlängern sie dadurch auch das Leben der Methionin produzierenden Zellen – eine Win-win-Situation“, erklärt Dr. Correia-Melo. „Und durch diesen kooperativen Stoffaustausch zwischen den Zellen verlängert sich die Lebensdauer der gesamten Zellgemeinschaft.“ Mit ihrer Studie konnten die Forschenden anhand von Hefezellgemeinschaften erstmalig zeigen, dass der Stoffaustausch einen direkten Einfluss auf die Lebensdauer und den Alterungsprozess von Zellen hat. Sie vermuten, dass dies auch für andere Zelltypen, etwa menschliche Körperzellen, zutrifft und wollen dies in weiterführenden Studien prüfen. „Um die Entstehung altersbedingter Erkrankungen wie etwa Diabetes, Krebs oder neurodegenerative Erkrankungen zu erforschen, müssen die komplexen Stoffwechselwege innerhalb, aber eben auch zwischen den Zellen besser verstanden werden“, sagt Prof. Ralser. „Der Stoffaustausch zwischen Zellen ist ein bislang übersehener, aber ganz offensichtlich maßgeblicher Faktor für den zellulären Alterungsprozess. Wir hoffen, dass wir mit unserer Studie dazu beitragen können, dass künftig der Austausch von Stoffwechselprodukten zwischen Zellen verstärkt in den Blick genommen wird.“ In folgenden Forschungsprojekten möchte Prof. Ralser die genauen Mechanismen der zellschützenden und lebensverlängernden Wirkung von Glycerol genauer untersuchen.

Gesundheit und Chancen auf Gesundheit weltweit voranbringen

- 03-01-2023

Gemeinsame Pressemitteilung der Charité und der Einstein Stiftung Berlin An der Berliner Universitätsmedizin entsteht mit dem Charité Centrum Global Health (CCGH) eine neue Plattform für Globale Gesundheit. Im Zentrum: Das Institut für Internationale Gesundheit der Charité – Universitätsmedizin Berlin, zuvor Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit, geleitet mit Jahresbeginn von der Einstein-Professorin für Global Health Prof. Dr. Beate Kampmann. Die ausgewiesene Expertin für internationale Kindergesundheit wird zusammen mit Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, das CCGH leiten, seine wissenschaftliche Ausrichtung schärfen und Potenziale in Berlin und darüber hinaus zusammenführen. Unterstützt wird dies durch den Bereich Global Engagement im CCGH, der ein Kristallisationspunkt für Global-Health-Aktivitäten an der Charité sein wird und in Kooperation mit dem World Health Summit (WHS) sowie nationalen und internationalen Partnern strategische Initiativen für die globale Gesundheit bahnen und vorantreiben soll. Das Programm der Einstein-Profil-Professur erlaubt es den Berliner Universitäten, international führende Wissenschaftler:innen zu berufen. Es wird ermöglicht durch die Einstein Stiftung Berlin mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Damp Stiftung. Gesundheit muss zunehmend global verstanden werden. Infektionserreger machen vor Landesgrenzen nicht halt. Pandemie, Epidemie, Krieg oder Klimafolgen – aktuellen wie auch neuen Herausforderungen für die Gesundheit einer Vielzahl von Menschen lässt sich nur durch internationale Kooperation, mit neuen Ideen und weltweiter Gesundheitsforschung begegnen. Schon vor der COVID-19-Pandemie haben viele Akteure in Deutschland begonnen, sich stärker für Fragen der globalen Gesundheit zu engagieren. Der Berliner Universitätsverbund, die Berlin University Alliance (BUA), hat Global Health als eine besondere globale Herausforderung und somit als eine seiner Grand Challenges definiert. An den über einhundert Kliniken und Instituten der Charité bestehen vielfältige Erfahrungen auf dem Gebiet globaler Gesundheitsforschung und -praxis. Internationale Foren für Vernetzung und Austausch sind auf Anregung oder im Umfeld der Charité entstanden, darunter der World Health Summit (WHS), die German Alliance for Global Health Research (GLOHRA) und der WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence. „Es ist an der Zeit, das Puzzle der zahlreichen Initiativen und die einzelnen Disziplinen in Berlin zusammenzubringen“, findet Prof. Kampmann, die in den vergangenen viereinhalb Jahren an der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) als Professorin für pädiatrische Infektionen und Immunität gelehrt und geforscht hat. Auch war die Expertin für internationale Gesundheit Direktorin des dortigen Zentrums für Vakzineforschung, das sich mit Impfschutz und der Evaluation von Impfstoffen befasst. Nun kehrt die Medizinerin nach Deutschland zurück, um das Institut für Internationale Gesundheit an der Charité (vormalig Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit) wie auch das Fachgebiet Global Health in Berlin neu aufzustellen und die globale Vernetzung von dieser Basis aus voranzubringen. „Es gibt hier bereits eine starke Forschung, internationale Klinikpartnerschaften und viele gute Ansätze, die wir versammeln und intensivieren wollen. An der Charité werden wir künftig ein Dach für alle bieten, die mit Global-Health-Themen befasst sind. Auch affiliierte Forschende und assoziierte Institutionen, Mitglieder der Berlin University Alliance oder außeruniversitäre Einrichtungen können sich beteiligen“, sagt Prof. Kampmann. „Vorrangig beschäftigen werden uns neben Vernetzung und strukturellem Aufbau unter anderem das Bewältigen und Beobachten von Infektionskrankheiten weltweit, auch der Beitrag von Impfstoffen hierzu, und das Feld der Pandemic Preparedness – Themen, die wir multidisziplinär und jenseits von Institutsgrenzen angehen werden.“ Neben ihrer Tätigkeit an der Charité wird Prof. Kampmann auch der LSHTM anteilig verbunden bleiben. Sie wird Forschungsprojekte in Afrika und Großbritannien weiterführen und eine Partnerschaft zwischen Charité und London School, einer der einflussreichsten Institutionen auf dem Gebiet Public Health und Infektionskrankheiten, auf den Weg bringen. Klinische Leistungen des Instituts für Internationale Gesundheit der Charité wie die Reisemedizin und die Ambulanz für Reiserückkehrer:innen bleiben unter der neuen Leitung und mit dem bewährten Team bestehen. Prof. Kampmann gehört zu den international führenden Expert:innen für die Erforschung von Tuberkulose im Kindesalter und von Impfstoffen zur Verbesserung der globalen Gesundheit. Sie konnte nachweisen, dass der Tuberkuloseimpfstoff Bacille Calmette-Guérin (BCG), ein Lebendimpfstoff, nicht nur vor Erkrankung, sondern auch vor Infektionen schützt. Seit mehr als zwölf Jahren leitet sie in Gambia die Impfstoff- und Immunitätsforschung einer Einheit des Medical Research Council (MRC-Unit The Gambia, ab 2018 integriert in die LSHTM) und ist zuständig für alle Forschungsaktivitäten zur Immunologie von Kleinkindern, Tuberkulose im Kindesalter sowie molekulare Diagnostik. Neben Grundlagenforschung zu Immunreaktionen auf Infektionen und Impfungen bei Schwangeren und Säuglingen brachte die Ärztin in den vergangenen Jahren zahlreiche klinische Studien zu neuartigen Impfstoffen, Wirkverstärkern und Verabreichungsmodalitäten auf den Weg. Die Resultate ihrer Forschung und ihres internationalen Engagements sind weitreichend. So haben sie unter anderem dazu geführt, dass in Gambia rund 50 Prozent mehr Tuberkulosefälle im Kindesalter entdeckt werden konnten. Auch hat die Impfexpertin in dem westafrikanischen Land ein Programm zur Immunisierung während der Schwangerschaft ins Leben gerufen, um Erkrankungen zu verhindern und die Säuglingssterblichkeit zu senken. Nur ein Beispiel, das zeigt, wie Impfungen als eines der wirksamsten medizinischen Instrumente zu einer besseren globalen Gesundheit beitragen können. „Die Charité gewinnt mit Prof. Kampmann eine herausragende Expertin für internationale Gesundheit mit weitreichender Erfahrung in translationaler Forschung, in Ausbildung und Lehre, in Interdisziplinarität und interkulturellem Austausch“, sagt Prof. Dr. Axel Radlach Pries, Präsident des WHS und Dekan der Charité bis zum 31. Dezember 2022. „Das neu geschaffene Charité Centrum Global Health wird die Rolle der Charité in diesem bedeutenden Handlungsfeld stärken und sichtbar machen. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Kampmann und Prof. Drosten wird die Charité gemeinsam mit Partnereinrichtungen weltweit neue Initiativen starten und Akzente setzen. Ziel ist es, zunehmend Verantwortung zu übernehmen, starke Partnerschaften im Bereich Global Health zu entwickeln und die Zusammenarbeit der Wissenschaft mit Politik und allen Stakeholdern voranzutreiben.“ Partnerschaften auf Augenhöhe, ergänzt Prof. Kampmann, besonders im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen des Globalen Südens. Auch in Zukunft wird Prof. Kampmann ihre Forschung an der MRC-Einheit Gambia fortführen. Sie plant, die Kooperation mit dem Partnerstandort in die Arbeiten an der Charité einzubringen und neue Studienpartnerschaften zu ermöglichen. Mehr als 80 Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Hilfskräfte sind derzeit Teil ihres globalen Forschungsprogramms, das sich mit Fragen des Impfschutzes befasst, unter anderem in klinischen Studien oder mittels modernster systemvakzinologischer Ansätze. Welche Immunisierung zu welchem Zeitpunkt ist sinnvoll? Wie ist die Akzeptanz in der Bevölkerung? Was können wir aus Impfstudien über das sich entwickelnde Immunsystem lernen? Welche Einflüsse haben Impfungen in der Schwangerschaft? Diese Fragen sind der Forscherin wichtig, um Kindern in aller Welt eine evidenzbasierte Versorgung zu ermöglichen. Daneben bildet die international tätige Expertin regelmäßig junge, vor allem afrikanische Kliniker:innen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus und betreut sie auf ihrer klinisch-wissenschaftlichen Laufbahn. Um den internationalen Austausch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von Doktorand:innen und Forschungsideen zu erleichtern, hat sie in Gambia einen „Open lab“-Ansatz eingeführt, der auch an der Charité in Lehre und Forschung weitergeführt werden soll. Das Ermöglichen von bilateralem Austausch und internationaler Kooperation liegt Prof. Kampmann am Herzen: „In Deutschland basieren die verfügbaren Programme zum Aufbau von Partnerschaften meist auf kleinteiliger Projektförderung, bis heute gibt es nur wenige Partnerstandorte außerhalb des Landes – eine strukturelle Schwäche, die wir Stück für Stück angehen wollen, um in der Global-Health-Forschung international wettbewerbsfähiger zu werden.“ Mit der Berufung von Prof. Kampmann eröffnet sich an der Charité und berlinweit eine besondere Chance: die Chance, Global Health als akademisches Fachgebiet an diesem Wissenschaftsstandort neu zu etablieren. Ein Fachgebiet, das in Zeiten internationaler Mobilität notwendiger ist denn je, sich historisch bedingt in Deutschland aber kaum entwickelt hat. Das Institut für Internationale Gesundheit im neuen Charité Centrum Global Health möchte nun ein offenes Haus sein, das es einzurichten gilt, sagt Prof. Kampmann: „Ich habe das Gefühl, dass die Dynamik stimmt. Hierzulande und auch innerhalb Europas wird derzeit ein neuer Schwerpunkt gesetzt, wie an den bereits veröffentlichten Global-Health-Strategien Deutschlands und der Europäischen Union zu erkennen ist. Gleichberechtigte Partnerschaften und Nachwuchsförderung im internationalen Gesundheitswesen sind dabei deutlich ins Zentrum gerückt.“ Prof. Martin Rennert, Vorstandsvorsitzender der Einstein Stiftung Berlin, fügt hinzu: „Wir freuen uns, dass es der Charité mit Unterstützung der Einstein Stiftung gelungen ist, eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet Global Health für Berlin zu gewinnen, um dieses wichtige Feld in Deutschland und in Berlin weiter zu etablieren und noch stärker zu verankern.“ Gemeinsam mit nationalen und internationalen Akteur:innen, mit Einrichtungen wie dem Robert Koch-Institut (RKI), der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), mit verschiedenen Ministerien, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem WHS, der Bill & Melinda Gates Foundation, der Nachwuchsschmiede GLOHRA oder auch dem europäischen Zusammenschluss von Forschungsförderorganisationen GloPID-R, soll ein neuer Anlauf im Sinne der globalen Gesundheit gelingen. Nachhaltige Kooperationen für eine weltweite Gesundheitsforschung, beispielsweise zwischen klinischer Forschung, Grundlagenforschung und Systembiologie, aber auch mit nichtmedizinischen Disziplinen wie den Berliner Sozialwissenschaften, werden dazu beitragen.

DHZC: Start für eines der größten Herzzentren Deutschlands 

- 29-12-2022

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und DHZB  Am 1. Januar 2023 schließen die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Deutsche Herzzentrum Berlin – Stiftung des bürgerlichen Rechts (DHZB) ihre herzmedizinischen Einrichtungen zum Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) zusammen. Das DHZC ist an den drei klinischen Campi der Charité am Campus Virchow-Klinikum, am Campus Charité Mitte sowie am Campus Benjamin Franklin verortet. Es umfasst insgesamt acht Kliniken und Institute mit rund 2.500 Mitarbeiter:innen und verfügt über rund 470 Betten. Damit entsteht eines der größten Herzzentren Deutschlands zur Behandlung sämtlicher kardiovaskulärer Erkrankungen bei Patient:innen jeden Alters.  Strategische und operative Eigenständigkeit   Als Gemeinsames Zentrum der Charité und der Stiftung DHZB entsteht das DHZC als eine Organisationseinheit der Charité, die in Bezug auf die Krankenversorgung weitgehende strategische und operative Eigenständigkeit besitzt und im Bereich Forschung und Lehre integraler Bestandteil der Fakultät der Charité ist. Das DHZC erhält einen DHZC-Bereichsvorstand und einen DHZC-Verwaltungsrat. Der Bereichsvorstand leitet das DHZC. Mitglieder sind der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Volkmar Falk (Vorsitz), der Stellvertretende Ärztliche Direktor Prof. Dr. Ulf Landmesser, der Kaufmännische Direktor Dr. Rolf Zettl und der Pflegedirektor Sebastian Dienst. Der paritätisch besetzte Verwaltungsrat überwacht die Geschäftsführung des Bereichsvorstands. Ihm gehören der Vorstandsvorsitzende der Charité Prof. Dr. Heyo K. Kroemer (Vorsitz) und der Vorstandsvorsitzende der DHZB-Stiftung Prof. Dr. Hans Maier sowie je zwei weitere Vertreter beider Institutionen an. Neubau auf dem Campus Virchow-Klinikum      Bis 2028 soll der Neubau für das DHZC auf dem Campus Virchow-Klinikum entstehen. Er wird auf rund 30.000 Quadratmetern Nutzfläche über 20 Operationssäle, Herzkatheter-Labore und Hybrid-Operationssäle sowie rund 320 Betten verfügen. Darüber hinaus werden in dem Neubau auch die Notaufnahme und die Sterilgutversorgung für den gesamten Campus zu finden sein. Die übrigen Kliniken werden auch nach der Fertigstellung des Neubaus als große kardiologische Kliniken des DHZC am Campus Benjamin Franklin und am Campus Charité Mitte weiter betrieben werden. Perspektiven für die medizinische Versorgung, Forschung und Wissenschaft  Mit dem DHZC wird ein international führendes Herzzentrum etabliert, das neue Maßstäbe in der Versorgung der Patient:innen, Forschung und Lehre, Infrastruktur sowie Logistik setzen, ein attraktives Arbeitsumfeld schaffen und moderne Entwicklungsperspektiven bieten wird. Schwerpunkte der Forschung werden in der Prävention, der bildgestützten Therapie, der Präzisionsmedizin und dem Einsatz von maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz liegen. Die Weiterentwicklung innovativer und minimalinvasiver Therapieansätze in der operativen und interventionellen Therapie unterstreichen den stark translationalen Ansatz der klinischen Forschung am DHZC. Stiftung DHZB besteht weiter  Die Stiftung Deutsches Herzzentrum Berlin überträgt den Krankenhausbetrieb des bisherigen DHZB auf die Charité, besteht als Stiftung aber fort und wird das DHZC über die Mitbestimmung im DHZC-Verwaltungsrat strategisch und operativ weiter mitgestalten. Die Stiftung wird ihren Fokus darüber hinaus auf die Aus- und Weiterbildung und die Förderung von Forschung und Entwicklung im Gebiet der Herzerkrankungen legen. Zu diesem Zwecke werden sämtliche kardiovaskuläre Bildungsangebote unter dem Dach der künftigen DHZB Akademie gebündelt. Im Bereich der Innovationsförderung wird sich die Stiftung insbesondere in der Förderung und Begleitung von Spin-offs und Start-ups im Umfeld des DHZC engagieren.

Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga erhält Bundesverdienstkreuz

- 21-12-2022

Prof. Dr. Hanns-Christian Gunga, Sprecher des Zentrums für Weltraummedizin und Extreme Umwelten Berlin (ZWMB) und früherer stellvertretender Direktor des Instituts für Physiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, hat heute das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Mit der Auszeichnung wird der Mediziner und Geologe für seine Forschungsleistung zu Auswirkungen von extremen Umweltbedingungen auf den Menschen geehrt, mit der er sich herausragend um die Wissenschaft und den Wissenschaftsstandort Berlin verdient gemacht hat. Überreicht wurde der Verdienstorden von der Berliner Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote. Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, gratuliert zu dieser herausragenden Auszeichnung: „Prof. Gunga hat in den mehr als drei Jahrzehnten, die er der Freien Universität Berlin und der Charité verbunden ist, das Wissen um die Physiologie des Menschen entscheidend vorangebracht. Er ist einer der wenigen integrativen Humanphysiologen, der Menschen in ihrer Gesamtheit und Interaktion mit der Umwelt betrachtet. Sein langjähriges Schaffen hat maßgeblich zur internationalen Sichtbarkeit der Charité im Bereich Weltraummedizin beigetragen. Es freut mich sehr, dass dieses besondere Engagement nun gewürdigt wird.“ Prof. Gunga hat das Zentrum für Weltraummedizin und Extreme Umwelten Berlin an der Charité in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) seit dem Jahr 2000 auf- und ausgebaut. Dort erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sich der menschliche Körper an außergewöhnliche Umweltbedingungen wie die Schwerelosigkeit, starke Hitze oder Kälte, große Höhen oder lange Isolation anpasst. Sie konzipieren Messgeräte zur Untersuchung der bemannten Raumfahrt, die beispielsweise während der Weltraummission des deutschen Astronauten Matthias Maurer auf der Internationalen Raumstation ISS zum Einsatz gekommen sind.  Prof. Gunga selbst beschäftigt sich in seiner Arbeit insbesondere mit der Inneren Uhr und der Regulierung der Körpertemperatur, sowohl in der Schwerelosigkeit als auch – im Rahmen der Initiative „Heat & Health“ – in Anpassung an den Klimawandel. Er ist Vorsitzender der Programmkommission Raumfahrt des DLR und Mitglied verschiedener Beratungsgremien für die Europäischen Weltraumbehörde ESA. Er berät darüber hinaus das Verteidigungsministerium sowie die NATO und ist Autor mehrerer Fach- und populärwissenschaftlicher Bücher. Hanns-Christian Gunga studierte Geologie, Paläontologie und Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Freien Universität Berlin. Der Facharzt für Physiologie spezialisierte sich früh auf die Bereiche Weltraummedizin und Extreme Umwelten und wurde 2004 als Professor an das Institut für Physiologie der Charité berufen. Er war bis September stellvertretender Direktor des Instituts und bleibt der Charité nun als Seniorprofessor verbunden.

Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson: Neue Software zur Einstellung entwickelt

- 21-12-2022

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein Therapieverfahren, das zur Behandlung von Parkinson-Erkrankten eingesetzt wird. Zwei im Gehirn implantierte Elektroden stimulieren dabei dauerhaft bestimmte Hirnregionen. Die Einstellung der Stimulationsparameter ist allerdings ein aufwendiger Prozess. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat nun eine Software entwickelt, die die Einstellung effizienter machen könnte. In ihrer im Fachmagazin The Lancet Digital Health* erschienenen Studie konnten die Forschenden zeigen, dass die softwarebasierte Einstellung im Vergleich zur Stimulationseinstellung des herkömmlichen Verfahrens zu gleichwertigen Ergebnissen in der Verbesserung der motorischen Symptome führt. Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. In Deutschland sind etwa 400.000 Menschen betroffen – aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft mit steigender Tendenz. Neben dem als Tremor bezeichneten unwillkürlichen Zittern der Gliedmaßen leiden die Betroffenen insbesondere an Unterbeweglichkeit. „Sie fühlen sich steif, können Bewegungen schlechter starten und beenden, bewegen sich langsamer und haben einen unsicheren Gang, was zu Stürzen führen kann“, sagt Prof. Dr. Andrea Kühn, Leiterin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité. „Parkinson ist bislang noch nicht heilbar, doch viele Symptome, insbesondere die schlechte Beweglichkeit, können mit Hilfe der Tiefen Hirnstimulation deutlich verbessert werden.“ Für die Therapieform der Tiefen Hirnstimulation (THS) werden den Patient:innen während eines operativen Eingriffs zwei feine Elektroden ins Gehirn implantiert. Sie geben schwache, kurze elektrische Impulse ab und stimulieren so gezielt und stetig die jeweiligen Hirnregionen. Dafür sind sie über Kabel, die unter der Haut verlaufen, an einen Schrittmacher im Brustraum angeschlossen, über den eine Vielzahl unterschiedlicher Stimulationsparameter eingestellt und individuell an die Symptomatik der Parkinson-Erkrankten angepasst werden können. Drei Monate nach der Operation wird bei den Patient:innen während eines mehrtägigen Klinikaufenthaltes in einem THS-Zentrum die für sie bestmögliche Einstellung ausgetestet. „Die Anpassung der Stimulation erfolgt auf unserer Spezialstation für Bewegungsstörungen durch systematische Testung der Effekte und Nebenwirkungen bei Stimulation der verschiedenen Elektrodenkontakte“, sagt Prof. Kühn. „Um diesen Prozess künftig effizienter und letztlich auch für die Patientinnen und Patienten angenehmer gestalten zu können, haben wir die Software StimFit entwickelt“, sagt Jan Roediger, ebenfalls von der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie und Erstautor der Studie. Die Software berechnet auf Basis radiologischer Bilddaten des Gehirns der Patient:innen Vorschläge für eine individuelle Stimulationseinstellung, die zu einer Verbesserung der Symptome führen soll. Zu den wichtigsten Parametern, die dabei berücksichtigt werden, gehört die Stromstärke sowie die genaue Positionierung der stimuliabgebenden Bereiche der Elektroden. „Um die genaue Lage der Elektroden im Gehirn anhand von Bilddaten bestimmen und in den Algorithmus einbeziehen zu können, haben wir die Open-Source-Software Lead-DBS genutzt, die ebenfalls an der Charité entwickelt wurde“, sagt Jan Roediger. „Unser Algorithmus wurde dann mit einem Datensatz aus über 600 Stimulationseinstellungen, den dazugehörigen Bilddaten und Wirkungen auf die Symptomatik trainiert.“ Um zu prüfen, ob die softwarebasierten Einstellungen von StimFit mit denen durch klinisches Austesten gefundenen Einstellungen qualitativ mithalten können, hat das Forschungsteam eine Studie mit 35 Parkinson-Patient:innen durchgeführt. Beide Stimulationseinstellungen – die jeweils individuelle, die durch die herkömmliche klinische Testung erstellt wurde, sowie die softwarebasierte Einstellung – wurden nacheinander getestet. Dabei wussten weder die Studienteilnehmenden noch das Fachpersonal, in welcher Reihenfolge die jeweilige Stimulationseinstellung erfolgte. Im Anschluss wurden die motorischen Symptome nach den beiden Einstellungen beurteilt und miteinander verglichen. „Die allgemeine Beweglichkeit und insbesondere auch das Laufen der Patient:innen verbesserte sich bei beiden Stimulationseinstellungen gleich gut“, sagt Prof. Kühn. „Das ist ein wirklich vielversprechendes Ergebnis. Bildgebungsbasierte Algorithmen könnten die klinische Praxis der THS bei Parkinson und anderen Bewegungsstörungen künftig deutlich vereinfachen und es so ermöglichen, die neuesten technischen Fortschritte – wie etwa Mehrkontaktelektroden zur direktionalen Stimulation – besser zu nutzen.“ Da die Ausprägung der Parkinson-Symptome wie Unterbeweglichkeit, Gangstörungen oder unwillkürliches Zittern (Tremor) bei den Erkrankten individuell unterschiedlich ist und bei der Einstellung der Hirnstimulatoren berücksichtigt werden muss, möchten die Forschenden dies in weiteren Schritten der technischen Optimierung der Software einbeziehen. Sie arbeiten zudem an der Entwicklung von Modellen, die die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen genauer vorhersagen können – um die softwarebasierte Stimulationseinstellung und damit den gewünschten künftigen Therapieerfolg zu verbessern und den Weg für weitere klinische Studien zu ebnen.

Studie zum Omikron-Ursprung zurückgezogen

- 20-12-2022

Am 1. Dezember hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin über neue Erkenntnisse zur Entstehung der SARS-CoV-2-Variante Omikron informiert. Das Team um Studienleiter Prof. Dr. Jan Felix Drexler hat die im Fachmagazin Science* publizierte Publikation nun zurückgezogen. Nach neuesten Erkenntnissen sind Teile der in der Studie gemachten Aussagen wegen Verunreinigungen in Untersuchungsproben nicht mehr ohne begründete Zweifel belegbar. Die Forschenden kommen damit ihrer Verantwortung für die gute wissenschaftliche Praxis nach, der sich die Charité und das internationale Autorenteam verpflichtet fühlen.  In der Publikation Gradual emergence followed by exponential spread of the SARS-CoV-2 Omicron variant in Africa* wurde das Aufkommen der Omikron-Variante von SARS-CoV-2 in Westafrika, einige Monate vor der späteren Entdeckung in Südafrika, nachgewiesen. Kurz nach der Veröffentlichung wurde durch andere Wissenschaftler:innen die Plausibilität der analysierten Genomsequenzen in Frage gestellt. In einer daraufhin durchgeführten Nachanalyse von Restproben wurden Verunreinigungen festgestellt, deren Ursprung und Auswirkungen auf einen Teil der durchgeführten Analysen nicht mehr zu klären sind.  Die weiter bestehende Aussage der Publikation, dass Viren mit Omikron-Sequenzmerkmalen bereits vor dem offiziellen Nachweis in Südafrika existierten, beruht auf übereinstimmenden PCR-Nachweisen aus Laboren aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Allerdings ist die detaillierte Rekonstruktion der einzelnen Evolutionsstufen des Virus durch die aufgetretenen Verunreinigungen in Zweifel gezogen oder zumindest nicht mehr eindeutig darstellbar.  Die vorliegenden Verunreinigungen machen auch eine zeitnahe Korrektur unmöglich, denn hierzu müssten mehrere Tausend Rückstellproben aus ganz Afrika nachanalysiert werden. Aus diesem Grund wurde die gesamte Publikation jetzt im Einvernehmen mit allen Koautor:innen zurückgezogen. Die mit dem Projekt befasste Arbeitsgruppe hat die Aufarbeitung und Überprüfung aufgenommen. Andere Arbeitsgruppen und Projekte in der Charité oder im Autorenkonsortium sind nicht betroffen.  Das Team um Prof. Drexler bedauert den Vorfall und dankt den internationalen Kolleginnen und Kollegen, die im Anschluss an die Veröffentlichung auf die möglichen Mängel aufmerksam gemacht haben.  

Mukoviszidose-Medikament könnte bei Lungenentzündungen helfen

- 16-12-2022

Erreger wie SARS-CoV-2 oder Pneumokokken können schwere Lungenentzündungen auslösen. Füllen sich in der Folge die Atemwege mit Flüssigkeit, besteht die Gefahr eines akuten Lungenversagens. Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben nun die molekularen Zusammenhänge aufgeklärt, die zu den Wasseransammlungen in der Lunge führen. Dabei haben sie einen neuen möglichen Therapieansatz entdeckt, mit dem Lungenentzündungen künftig erregerunabhängig behandelt werden könnten. Ein Wirkstoff, der bei Mukoviszidose eingesetzt wird, zeigte sich in Laborversuchen als wirksam. Die Studie ist im Fachmagazin Science Translational Medicine* erschienen. Lungenentzündungen sind die häufigste Ursache für „Wasser in der Lunge“. Fachleute sprechen von einem Lungenödem. Dabei sind Teile der Atemwege nicht mehr mit Luft, sondern mit Flüssigkeit gefüllt und können ihrer eigentlichen Aufgabe – dem Gasaustausch – nicht mehr nachkommen. Die Betroffenen haben Luftnot und ihr Körper wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Diagnose lautet dann: akutes Lungenversagen. „Trotz modernster medizinischer Methoden versterben auf den Intensivstationen leider mehr als 40 Prozent der Patientinnen und Patienten mit akutem Lungenversagen. Das Problem ist, dass antibiotische, antivirale oder auch immunmodulatorische Therapien häufig nicht hinreichend anschlagen“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Wolfgang Kübler, Direktor des Instituts für Physiologie an der Charité. „Unsere Studie verfolgt daher einen gänzlich anderen, erregerunabhängigen Ansatz: Die Barrierefunktion der Blutgefäße in der Lunge stärken.“ Denn von dort kommt ursächlich die Flüssigkeit eines Lungenödems. Die Lungengefäße werden durchlässig, flüssige Anteile des Blutes strömen in das umliegende Gewebe hinein – und fluten so die Atemwege.  Doch wie kommt es überhaupt dazu? Welche molekularen Mechanismen stehen dahinter? Diesen Fragen ist das Charité-Forschungsteam um Prof. Kübler nachgegangen. Dafür haben die Wissenschaftler:innen Versuche mit Zellen, Lungengewebe und isolierten Lungen durchgeführt. Im Zentrum der Untersuchungen stand der Chloridkanal CFTR. Bekannt ist, dass dieser Zellkanal vor allem in den Schleimhautzellen unserer Atemwege vorkommt. Dort ist er maßgeblich daran beteiligt, den Schleim flüssig zu halten, damit er gut abfließen kann. Die Forschenden konnten nun aber erstmals zeigen, dass auch die Zellen der Blutgefäße der Lunge mit CFTR ausgestattet sind und dass sich bei Lungenentzündungen sein Vorkommen drastisch reduziert.  Um herauszufinden, welche Rolle CFTR in den Lungengefäßen spielt und was auf molekularer Ebene passiert, wenn es zum Verlust des Chloridkanals kommt, blockierten die Forschenden ihn mit einem Hemmstoff und bestimmten die Menge an Chlorid-Ionen innerhalb der Zelle. Dazu nutzten sie unter anderem ein spezielles bildgebendes Verfahren, das Immunfluoreszenz-Imaging. „Wir konnten beobachten, dass durch die Hemmung von CFTR eine molekulare Kaskade in Gang gesetzt wird, die letztlich dazu führt, dass die Blutgefäße der Lunge undicht werden“, sagt Dr. Lasti Erfinanda, ebenfalls vom Institut für Physiologie und Erstautorin der Studie. „CFTR spielt bei der Entstehung von Lungenödemen also tatsächlich eine ganz zentrale Rolle.“  Den Studienergebnissen zufolge sammelt sich durch den Verlust von CFTR in den Zellen Chlorid an, da es nicht mehr hinaustransportiert wird. Durch das Zuviel an Chlorid wird eine Signalabfolge angestoßen, an deren Ende durch einen Kalziumkanal unkontrolliert Kalzium in die Zellen einströmt. „Die erhöhte Kalziumkonzentration führt dann wiederum dazu, dass sich die Gefäßzellen zusammenziehen – ganz ähnlich wie auch Muskelzellen dies unter Kalziumeinwirkung tun“, erklärt Prof. Kübler. „Dadurch entstehen zwischen den Zellen aber Lücken – die Blutgefäße werden undicht und es strömt Flüssigkeit aus. Die Chloridkanäle sind also für die Aufrechterhaltung der Barrierefunktion der Lungengefäße ganz entscheidend.“    Das Forschungsteam ging anschließend einer weiteren Frage nach: Wie könnte der durch Lungenentzündungen ausgelöste Verlust der Chloridkanäle in den Lungengefäßen abgeschwächt oder verhindert werden? Für ihren Untersuchungsansatz haben die Forschenden einen Wirkstoff genutzt, der zu den sogenannten CFTR-Modulatoren gehört und aus der Mukoviszidose-Behandlung bekannt ist. Bei Mukoviszidose-Patient:innen funktioniert der Chloridkanal CFTR in den Schleimhautzellen der Atemwege aufgrund einer Genmutation nicht ausreichend. Das führt dazu, dass der Schleim sehr zäh ist. „Der Wirkstoff Ivacaftor erhöht die Öffnungswahrscheinlichkeit des Chloridkanals und fördert so den Sekretfluss in den Atemwegen“, erklärt Dr. Erfinanda. „Wir wollten schauen, ob wir damit vielleicht auch in den Zellen der Blutgefäße der Lunge eine positive Wirkung erzielen können.“  Tatsächlich nahm durch den Wirkstoff die Stabilität der Chloridkanäle in den Gefäßzellen zu, sie wurden durch die Entzündungsprozesse in der Lunge nicht mehr so stark abgebaut. Und das zeigte sich auch in Untersuchungen im Tiermodell: Die Behandlung mit Ivacaftor erhöhte die Überlebenswahrscheinlichkeit bei schweren Lungenentzündungen, es gab weniger Lungenschäden und die Symptome sowie der Allgemeinzustand waren deutlich besser als ohne Medikation. „Dass es so gut funktioniert, damit haben wir tatsächlich nicht gerechnet!“, sagt Prof. Kübler. „Wir hoffen, dass wir mit unseren Forschungsergebnissen den Weg für nachfolgende klinische Studien bereiten, in denen die Wirksamkeit von CFTR-Modulatoren bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Lungenentzündung geprüft wird. Sollte dieser vielversprechende und erregerunabhängige Therapieansatz den Weg in die klinische Praxis finden, könnte er einer großen Patientenzahl zugutekommen und schwere Krankheitsverläufe bei Lungenentzündungen verhindern – auch bei unbekannten Erregern.“ In folgenden Forschungsprojekten möchten Prof. Kübler und sein Team auf Basis des nun bekannten CFTR-Signalwegs weitere mögliche therapeutische Ansätze entwickeln. Sie werden außerdem erforschen, welche Patientinnen und Patienten ein erhöhtes Risiko haben, ein akutes Lungenversagen zu entwickeln, um sie präventiv und personalisiert therapieren zu können.

Anke Jentzsch wird neue Pflegedirektorin der Charité 

- 16-12-2022

Der Aufsichtsrat der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat in seiner heutigen Sitzung Anke Jentzsch als Pflegedirektorin bestellt. Sie wird damit zugleich Mitglied der Klinikumsleitung. Anke Jentzsch folgt auf Nagi Salaz, der die Aufgaben kommissarisch übernommen hatte. Insbesondere die Pflegefachberufe stehen durch die bereits spürbaren Auswirkungen des demografischen Wandels vor besonderen Herausforderungen. Die 38-jährige Anke Jentzsch ist bislang Pflegedirektorin und Mitglied des Krankenhausdirektoriums der zur Agaplesion Gruppe gehörenden Zeisigwaldkliniken Bethanien Chemnitz. Sie ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat zudem ein Studium in Pflegepädagogik sowie in Management im Sozial- und Gesundheitswesen (MBA) abgeschlossen. Aktuell schließt die gebürtige Sächsin ihr Promotionsstudium an der Technischen Universität Dresden zum Thema patientenorientierter Versorgungsprozess ab.  „Mit Anke Jentzsch konnten wir für die Charité eine Expertin aus der Pflege gewinnen, die mit ihrem kooperativen Führungsstil und ihrem Anspruch nachhaltig zur Qualität der Patientenversorgung beiträgt und unser Leitungsteam bereichert. Sie zeichnet sich durch langjährige Branchenkenntnisse und Führungserfahrung aus und bringt sowohl internationale Erfahrung aus einem Stipendiumsaufenthalt in Kanada als auch Erfahrungen aus Consulting und Lehrtätigkeit in der Pflege mit“, sagt Carla Eysel, Vorstandsmitglied für Personal und Pflege.  Anke Jentzsch betont: „Die Charité hat einen sehr guten Ruf, zu dem die Mitarbeitenden der Pflege wesentlich beitragen. Als Pflegedirektorin bin ich hochmotiviert, die Pflege an den Herausforderungen Fachkräftemangel, Akademisierung und technische Weiterentwicklung – um nur die drängendsten zu nennen – auszurichten und uns in die interprofessionellen Teams einzubringen. Für die Mitarbeitenden möchten wir Karriere- und Kompetenzmodelle und lebensphasenorientiertes Arbeiten ermöglichen und gute Arbeitsbedingungen schaffen, um die Qualität der Patient:innenversorgung auch in Zukunft sicher stellen und uns an Marktbedingungen adaptieren zu können.“  Die Aufgaben der Stellvertretenden Pflegedirektorin wird weiterhin Franziska Landgraf übernehmen, die die Position bislang kommissarisch innehatte. Sie ist seit 1993 an der Charité und war zuletzt Pflegerische Centrumsleitung der Zentralen Notaufnahmen und Ambulanzkoordination. Carla Eysel heißt die zukünftige Pflegedirektorin der Charité willkommen: „Wir begrüßen Anke Jentzsch herzlich in unserem Team, wünschen ihr einen guten Start und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Sie wird dazu beitragen, die Charité als attraktiven und innovativen Ort für den Pflegeberuf weiter zu profilieren und im Sinne unserer Strategie 2030 Maßstäbe für die Gesundheitsfachberufe setzen.“

Hirnschrittmacher könnte Alzheimer-Erkrankung besser behandelbar machen

- 14-12-2022

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache von Demenzerkrankungen, bislang aber nicht gut behandelbar. Eine mögliche zukünftige Therapieform könnte die sogenannte Tiefe Hirnstimulation sein, die auch als Hirnschrittmacher bekannt ist. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat in einer im Fachmagazin Nature Communications* veröffentlichten Studie ein spezifisches Netzwerk im Gehirn von Alzheimer-Patient:innen ausgemacht, dessen Stimulation mit einer Linderung der Symptome einherging. Die Forschenden hoffen, dass die Studie den Weg für weiterführende Untersuchungen ebnet. Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein therapeutisches Verfahren, das in Deutschland bereits zur Behandlung von neurologischen Bewegungsstörungen wie der Parkinson-Erkrankung und der Dystonie sowie für neuropsychiatrische Erkrankungen wie etwa die Zwangsstörung zugelassen ist. Im Gehirn der Betroffenen werden dafür feinste Elektroden implantiert, die fortwährend schwache, kurze elektrische Impulse an die jeweiligen Hirnregionen abgeben. Die Elektroden verbleiben dauerhaft im Gehirn und sind über Kabel, die unter der Haut verlaufen, an einen Schrittmacher im Brustraum angeschlossen. Über ihn können Stromstärke und Frequenz angepasst werden.  „Obgleich die THS schon seit gut 20 Jahren für die Behandlung von Parkinson etabliert ist und die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, ist diese Therapieform allgemein doch noch relativ unbekannt“, sagt Prof. Dr. Andreas Horn, Leiter einer Forschungsgruppe zu netzwerkbasierter Hirnstimulation, die sowohl an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte als auch am Brigham & Women’s Hospital und Massachusetts General Hospital innerhalb der Harvard Medical School in Boston, USA, angesiedelt ist. „Die THS wirkt bei Parkinson sehr gut, und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessert sich signifikant.“ Alzheimer gehört wie Parkinson zu den neurodegenerativen Erkrankungen, eine mögliche therapeutische Anwendung der THS wäre daher naheliegend. Doch für eine sichere und wirksame Behandlung müssen die zu stimulierenden Zielregionen im Gehirn ganz genau bekannt sein. Ausgangspunkt der aktuellen Studie, die neben anderen Kooperationspartnern in enger Zusammenarbeit mit der Universität Toronto, Kanada, entstand, war eine Zufallsbeobachtung im Rahmen einer kanadischen Untersuchung. „Die Tiefe Hirnstimulation löste bei einem Patienten, der aufgrund einer Adipositas behandelt wurde, Flashbacks – also plötzliche Erinnerungen aus Kindheit und Jugend – aus“, sagt Dr. Ana Sofía Ríos von der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte und Erstautorin der Studie. „Da lag die Vermutung nahe, dass sich die stimulierte Hirnregion, die sich im Bereich des sogenannten Fornix befand, womöglich auch für eine Behandlung von Alzheimer eignen könnte.“  Um dem nachzugehen, implantierten Forschende an sieben internationalen Zentren im Rahmen einer weiteren multizentrischen Studie bei an leichtem Alzheimer erkrankten Teilnehmenden Elektroden in diesem Bereich des Fornix. „Bei den meisten Patientinnen und Patienten zeigte sich leider keine Verbesserung der Alzheimer-Symptomatik. Doch einige wenige Studienteilnehmende profitierten deutlich von der Behandlung“, sagt Dr. Ríos. „Wir wollten herausfinden, wie dieser Unterschied zustande kam und verglichen dafür die genaue Position der Elektroden zwischen den Studienteilnehmenden.“  Die Forschungsgruppe um Prof. Horn hat sich darauf spezialisiert, hochaufgelöste Bilder des Gehirns, die mithilfe der Kernspintomographie aufgenommen werden, zu analysieren und in Kombination mit Computermodellen die optimalen Stimulationspunkte für eine THS im Gehirn hochpräzise aufzuspüren. „Eine besondere Herausforderung dabei ist: Jedes Gehirn ist anders. Und das spielt bei der Implantierung der Elektroden eine große Rolle“, sagt Prof. Horn. „Liegt man nur wenige Millimeter daneben, bleibt der erwartete Effekt unter Umständen aus.“ Auch bei dem Großteil der Studienteilnehmenden war das der Fall. Das Forschungsteam um Prof. Horn konnte aber bei denjenigen Alzheimer-Patient:innen, bei denen die THS anschlug, die genaue Position der Elektroden anhand der Bilddaten im Nachgang exakt bestimmen. „Sie liegt an einer Zweigstelle zwischen zwei Nervenfaserbündeln – dem Fornix und der Stria terminalis –, die tiefgelegene Hirnregionen miteinander verbinden. Beide Strukturen werden mit der Gedächtnisfunktion in Verbindung gebracht“, erklärt der Neurowissenschaftler.  Bis die THS für die Behandlung von Alzheimer zugelassen und eingesetzt werden kann, sind noch weiterführende klinische Studien nötig. Die Ergebnisse des Forschungsteams um Prof. Horn stellen dafür eine wichtige Grundlage dar. „Wenn unsere Daten dabei helfen, dass die Elektroden im Rahmen neurochirurgischer Studien zur Erprobung der THS bei Alzheimer zielgenauer platziert werden können, wäre das großartig“, sagt Prof. Horn. „Denn für Alzheimer benötigen wir dringend eine wirksame und symptomlindernde Therapie, um den Patientinnen und Patienten helfen zu können – die THS ist dafür ein vielversprechender Ansatz.“  In künftigen Forschungsarbeiten wird das Team um Prof. Horn weitere Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn untersuchen und präzisieren, die für mögliche Therapien von Demenzerkrankungen relevant sein könnten. Dabei werden sich die Forschenden unter anderem Bereiche mit Hirnschädigungen genauer anschauen und neben Zielorten für die THS auch solche für andere Verfahren der Neurostimulation in ihre Untersuchungen einbeziehen.